...Unerwartet ruhig sitze ich im Flugzeug , lasse mir eine Viertelstunde vor der Landung noch einmal alles durch den Kopf gehen... In wenigen Minuten werde ich in Lyon aus dem Flieger steigen; meine französische Gastfamilie wird schon auf mich warten - knapp fünf Monate werde ich jetzt ein anderes Leben führen, zwischen all den Franzosen, in einem fremden Land...
Das war er, der 15. Februar, der schon seit langem fett und rot in meinem Kalender markiert war...
Jetzt bin ich wieder zu Hause in Deutschland und aus „meiner französischen Gastfamilie“ ist eine echte Familie, aus „all den Franzosen“ sind Freunde und aus dem „fremden Land“ ist eine zweite Heimat geworden.
Als ich vor über einen Jahr von unseren französischen Freunden mit dieser verrückten Idee überrumpelt worden war, hielt ich das ganze für unmöglich, für unschaffbar.
Doch recht schnell ließ ich mich von diesem Abenteuer überzeugen.
Meine Austauschspartnerin L. kam fünf Monate nach Deutschland, wir hatten jede Menge Spaß zusammen, verbrachten schöne Zeiten zusammen wie auch schwierige. Hinterher kannten wir uns besser und zumindest ich fühlte mich besser vorbereitet für den zweiten Teil des Austauschs.
L.’s Familie kannte ich vorher schon ein wenig, deswegen fiel es mir nicht sehr schwer, mich ihnen gegenüber gleich ganz ungezwungen zu verhalten. Sie haben auch sehr dazu beigetragen, dass ich mich von Anfang an wohl fühlte; sie haben mich sofort als weiteres Familienmitglied angenommen und mit einbezogen.
Außer L. hatte ich noch eine andere Gastschwester, die ich aber nur am Wochenende und in den Ferien gesehen habe, da sie in einer anderen Stadt studiert hat, und einen Gastbruder, mit dem ich allerdings nicht sehr viel zu tun hatte.
Ich wohnte in einem Dorf in den Alpen, etwas abgeschieden von großen Städten, aber mit einer sehr schönen Umgebung; 300 Meter vor der Haustür einen Fluss, rundum Berge, im Winter kann man Ski fahren, im Sommer sind es nur 3-4 km bis zu einem See. Von der Landschaft her gesehen ein Paradies und mit 300 Sonnentagen pro Jahr einer der sonnigsten Orte ganz Frankreichs.
Da in der ersten Woche noch Ferien waren, konnte ich mich erst mal langsam an das Französischsprechen und alle anderen Umstellungen gewöhnen, bevor es in die Schule ging.
Ich hatte mit einer längeren Eingewöhnungszeit gerechnet, aber schon nach drei-vier Tagen dachte ich auf Französisch, bei den meisten Gesprächen konnte ich folgen oder verstand wenigstens ungefähr, worum es ging.
Auch der erste Schultag war eher ein Erfolg für mich. In erstaunlich vielen Fächern kam ich mit, oft hatte ich die Themen schon behandelt und konnte mich voll und ganz auf die Sprache konzentrieren. Vieles war für mich neu, ganz anders als in meiner Schule in Deutschland; es gibt Aufseher – die Pions - , man hat keinen Klassenraum, die Beziehungen der Schüler zu den Lehrern sind ganz anders, man hat nachmittags Unterricht...
Anfangs hatte ich Schwierigkeiten, mit diesem Tagesablauf klarzukommen; nach der französischen Schule musste ich noch Aufgaben für Deutschland erledigen, außerdem ermüdet es mehr als man denkt, immerzu in einer fremden Sprache zu denken, ständig aufmerksam zu sein. Ich konnte nicht einfach abschalten, nur mit einem Ohr zuhören.
Doch recht bald gewöhnte ich mich daran, ich merkte auch, dass im Unterricht alles etwas langsamer voran ging; in vielen Fächern gehörte ich am Ende zu den Klassenbesten. Die meisten Lehrer behandelten mich wie die anderen Schüler, ein paar waren nachsichtiger mit mir und benoteten mich weniger streng.
Mir fiel auf, dass die Klassen keine große Bedeutung haben, was vielleicht daran liegt, dass man jedes Jahr die Klasse wechselt. Es gibt auch keine gemeinsamen Ausflüge und Fahrten, außerhalb des Unterrichts spielen sie keine Rollen, die Cliquen und Freundeskreise setzen sich aus den verschiedensten Klassen zusammen..
Von den Freunden meiner Austauschspartnerin wurde ich problemlos aufgenommen, verbrachte jede Menge Zeit mit ihnen und konnte problemlos mit ihnen kommunizieren.
Neben der Schule machte ich „Gymnastique“ , so was wie Geräteturnen, spielte Volleyball und Klavier. Es war, als würde ich in Frankreich ein zweites Leben führen, unabhängig von dem in Deutschland, ich hatte auf mich selbst zu achten und mich durchzuschlagen. Ich hatte jede Menge Hilfe dabei und muss im Nachhinein zugeben, dass es mir gut gelungen ist.
Es war eine Gelegenheit, viel entspannter und lockerer zu leben, als hätte ich ein halbes Jahr Ferien. Es war alles nicht so wichtig wie sonst, wenn ich im Unterricht mal nichts verstand, dann machte das nichts, keiner scherte sich um meine Noten.
Ich bin nach Paris gefahren und zu vielen anderen Orten in Frankreich, hab mir Ausstellungen angeguckt, Konzerte meines „Vaters“ angehört, bin am Meer gewesen und hab die französische Küche kennengelernt...
Dieses „Ferienfeeling“ lag einerseits daran, dass es nicht mein richtiges Leben war; ich konnte alles ein bisschen auf die leichte Schulter nehmen, andererseits lag es auch an der entspannten Lebenseinstellung der Franzosen, die sich wegen nichts einen Kopf machen und alles andere als pingelig sind. Diesen Lebensstil habe ich wirklich lieb gewonnen und vermisse ihn ein bisschen, jetzt, wo ich wieder in Deutschland bin.
In diesem halben Jahr habe ich riesige Fortschritte in Französisch gemacht, kann jetzt zwar nicht perfekt, aber doch sehr gut sprechen. Dass ich im Unterricht mitmachen musste wie jeder andere, Filmkritiken, Gedichte und Erörterungen auf Französisch schreiben musste, hat mir geholfen, auch im Schriftlichen viel besser zu werden. Am Ende des Jahres habe ich die Prüfung für den Abschluss des Collège (entspricht ungefähr dem Hauptschulabschluss) mitgeschrieben und mit der Auszeichnung „gut“ bestanden. Das zeigt mir, dass ich sprachlich gesehen wirklich viel weiter gekommen bin.
Doch nicht nur wegen des Französischen waren diese Monate ein voller Erfolg; nach einem knappen halben Jahr, in dem ich all die Menschen und das Leben dort schätzen und lieben gelernt habe, fiel mir der Abschied doch nicht ganz leicht. Aber das Wiedersehen hat nicht lange auf sich warten lassen, schon drei Wochen später bin ich mit meiner ganzen Familie wiedergekommen und es wird sicher nicht das letzte mal gewesen sein.
Jetzt, wo es endgültig vorbei ist, kommt mir alles ganz unwirklich vor, wie ein Traum. Als würde ich auf einmal aufwachen und plötzlich wieder in meinem alten Leben sein... |