Austausch im Berufsbereich
Begegnungen für arbeitslose Jugendliche

Inhaltsverzeichnis

I. JUGENDARBEITSLOSIGKEIT UND DEUTSCH-FRANZÖSISCHER AUSTAUSCH

2. Problemlage: Arbeitslosigkeit

Arbeitslosigkeit wird heute als gesamteuropäisches Phänomen wahrgenommen. Abgesehen von zeitlichen Verschiebungen, die teilweise auf unterschiedliche demographische Entwicklungen zurückzuführen sind, erscheint Arbeitslosigkeit heute als ein dauerhafter Tatbestand, der über die nationalen Grenzen hinaus Gemeinsamkeit stiftet.

Für diese Situation einer breiten, „strukturellen“ Arbeitslosigkeit von andauerndem Charakter lassen sich viele Gründe nennen: Ausdehnung des Tertiärbereichs mit Qualifikationsanforderungen, die von den heutigen Ausbildungsgängen nur unzureichend abgedeckt werden; Rückgang der nichtqualifizierten Arbeitsplätze, Zunahme der befristeten Arbeitsverhältnisse; Wandel im Produktionsbereich, der mittelfristig zum Verschwinden des Taylorismus und zu neuen Anforderungen an „intelligentere“ Qualifikationen führt usw.
3)

Die sozioökonomischen Entwicklungstendenzen treten in den europäischen Ländern nicht in einheitlicher Form auf, doch kommt ein deutsch-französischer Vergleich aus dem Jahr 1998 (der im Rahmen eines OECD-Projekts entstanden ist) zu dem Ergebnis, dass das Bildungs- und Beschäftigungssystem in den beiden Ländern gleichermaßen aus der Balance geraten sei. Mit Blick auf die Situation der jugendlichen Arbeitslosen heißt es dort: „Die Qualifikationsstruktur des Beschäftigungssystems veränderte sich insgesamt zwar in Richtung einer Höherqualifizierung, jedoch nicht durchweg in derselben Geschwindigkeit wie die Expansion der höheren Bildungsabschlüsse. Die fachliche bzw. berufliche Struktur der Ausbildung konnte mit dem beschleunigten Wandel beruflicher Tätigkeiten nur bedingt Schritt halten, und die Zahl der arbeitssuchenden Jugendlichen überstieg zumeist deutlich den von den Betrieben artikulierten Bedarf an Nachwuchskräften. Diese Diskrepanzen nach Niveau, fachlicher Struktur und Quantität zwischen den durch das Bildungssystem hervorgebrachten und den vom Beschäftigungssystem nachgefragten Qualifikationen waren in Frankreich insgesamt ausgeprägter als in Deutschland. So war in Frankreich eine deutlich höhere Jugendarbeitslosigkeit festzustellen als in Deutschland. Zudem gab es in Frankreich eine viel massivere Tendenz, Absolventen einer beruflichen Ausbildung auf nicht dem Ausbildungsniveau entsprechenden Arbeitsplätzen zu beschäftigen.“ 4)

Wie auch immer die Tendenzen im einzelnen zu bewerten sind - es handelt sich um eine strukturelle Krise von gesamtgesellschaftlichem Ausmaß. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die in Deutschland und Frankreich praktizierten Erfassungssysteme keine genauen Daten über den wirklichen Umfang der Beschäftigungskrise liefern. Die Zahl der Menschen ohne Arbeitsplatz dürfte weit über den offiziellen Angaben liegen, da aus unterschiedlichen Gründen bestimmte Arbeitslose nicht erfasst werden, Teilnehmer an verschiedenen Lehrgängen oder Maßnahmen aus der Statistik herausfallen usw.

Die gesellschaftlichen Auswirkungen von Arbeitslosigkeit im jeweiligen nationalen Rahmen sind in vielen Untersuchungen thematisiert worden, die hier nicht wiederholt werden sollen. Soviel lässt sich jedoch als allgemeines Fazit festhalten, dass bei der konkurrenzorientierten Suche nach Qualifikation (Schule, Berufsausbildung) ein Prozess der zunehmenden Individualisierung und ein Rückgang, wenn nicht gar ein Verschwinden der kollektiven Identität und Solidarität festzustellen ist.

Eine gewisse Anzahl von Entwicklungstendenzen, die in Frankreich und Deutschland parallel laufen, darf allerdings nicht über Differenzen hinwegtäuschen, die auf grundsätzliche Unterschiede zwischen den beiden nationalen Kulturen verweisen. Zwar ist Arbeitslosigkeit in jedem Falle Ursache für gesellschaftliche Marginalisierung und Ausgrenzung, sie wird aber in Deutschland und in Frankreich mit gewissen Unterschieden wahrgenommen und erlebt. Die Analyse dieser Unterschiede macht deutlich, dass vergleichende Überlegungen zur Art der Beziehungen zwischen Mensch und Arbeit, zwischen Arbeit und Natur einerseits und Arbeit und Kultur andererseits notwendig sind.

Selbst wenn sich eine Veralltäglichung des Arbeitslosenstatus in beiden Ländern - trotz der besonderen deutschen Situation in den neuen Ländern - beobachten lässt, bleiben in Deutschland die Phänomene individuellen Schuldgefühls deutlich ausgeprägt, während die Situation in Frankreich eher durch die Mobilisierung individueller Ressourcen gekennzeichnet zu sein scheint. Die soziale Diskriminierung und das Wecken von Schuldgefühlen dürften in Frankreich weniger stark ausgeprägt sein als in Deutschland, wo die Arbeitslosigkeit meistens zur Verinnerlichung eines Gefühls der Randständigkeit und des persönlichen Defizits führt
5).

Die vom Staat und von verschiedenen Organisationen für Arbeitslose vorgesehenen Programme, die getroffenen Maßnahmen sowie die dafür eingesetzten Mittel beruhen in ihren Grundzügen oft auf unterschiedlichen Denkansätzen. Ebenso wie das Konzept der Sozialarbeit in Deutschland stark von der Bedeutung der Gruppenzugehörigkeit geprägt ist, zielt auch die deutsche Art des Herangehens an Jugendarbeitslosigkeit eher auf die (Wieder-) Eingliederung in den Arbeitsprozess und in das Arbeitsteam, auf die Stabilisierung der Persönlichkeit im Rahmen von Peer Groups. Die in Frankreich verfolgte Politik ist eher auf die individuelle Person ausgerichtet (CFI = Beihilfen für individuelle Bildungsmaßnahmen, individuelle Projekte, Unternehmens- bzw. Existenzgründung usw.) und versucht, die persönlichen, schöpferisch-gestalterischen Fähigkeiten der jungen Arbeitslosen unter weitgehender Berücksichtigung ihrer Biographien zu fördern.

Das wird auch deutlich beim Vergleich der deutschen und französischen Programme zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit. Christoph Ehmann und Jürgen Walter haben hierzu eine Übersicht
6) vorgelegt, die deutsche, französische und britische Maßnahmen vergleicht, wie sie nach dem Beschluss der europäischen Staats- und Regierungschefs vom Oktober 1997, die Jugendarbeitslosigkeit in ihren Ländern bis zum Jahr 2002 auf die Hälfte zu senken, in Gang gekommen sind. Insbesondere geht es um das französische Programm emploi jeunes und um das deutsche Sofortprogramm JUMP. Die Autoren halten als auffälligsten und alle weiteren Überlegungen dominierenden Unterschied des französischen (und auch britischen) Konzepts zum deutschen Programm den Zeitrahmen fest: „Während Briten und Franzosen über fünf und mehr Jahre planen, ist das deutsche Vorhaben eben ein ‘Sofortprogramm’, das mit allem Nachdruck, den insbesondere die Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn vertrat, nur auf ein Jahr angelegt worden war, um dann doch und mit Mühe um ein zweites Jahr verlängert zu werden.“ Ferner betonen die Autoren, dass die französischen Programme entschieden auf die Kooperation aller beteiligten Stellen (Sozial-, Jugend- und Arbeitsämter, kommunale Beschäftigungsträger, Bildungseinrichtungen etc.) setzen. In Deutschland hingegen würden „die ritualisierten Kämpfe und Nichtkommunikationen zwischen Lehrern und Sozialarbeitern, zwischen Sozialbehörden und Bildungsbehörden, zwischen Arbeitsämtern und dem Rest der Welt gepflegt.“ Als Fazit halten Ehmann und Walter fest: „Es ist ein schwerer politischer Irrtum, auf kurzatmige und kurzfristige Programme zu setzen... Jugendliche benötigen gerade wegen der vielen Veränderungen, die sie in wenigen Lebensjahren an sich selbst erfahren, verlässliche und beständige Partner, auch in der Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik.










3) Zu den Änderungen im Arbeitsprozess und den sich daraus ergebenden Anforderungen an die Weiterbildung vgl. etwa Christoph Hübner/Angelika Wachtveitl, Vom Facharbeiter zum Prozessgestalter - Qualifikation und Weiterbildung in modernen Betrieben, Frankfurt a. M. und New York 2000. retour



4) Richard Koch, Duale und schulische Berufsausbildung zwischen Bildungsnachfrage und Qualifikationsbedarf - Ein deutsch-französischer Vergleich, Bielefeld 1998. retour



5) Gegenläufige Tendenzen sind auch hier vorhanden, vgl. „Arbeitslose: initiativ und organisiert“, in: Praxis Politische Bildung, 2/2000. Bei solchen Versuchen in Deutschland, Arbeitslose zu organisieren und aus der Marginalität herauszuführen, spielen allerdings Vorbilder aus anderen Ländern, etwa aus Frankreich, eine wichtige Rolle. retour



6) Frankfurter Rundschau, 23. März 2000. retour










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