Austausch im Berufsbereich
Begegnungen für arbeitslose Jugendliche

Inhaltsverzeichnis

II. BEISPIELE AUS DER PRAKTISCHEN ARBEIT

Kreativität

Wenn Jugendliche durch ihre beruflichen Probleme von gesellschaftlicher Teilhabe ausgegrenzt werden, heißt dies oft genug, dass sie sich selber in Frage stellen, an ihren Fähigkeiten und Perspektiven verzweifeln. Dadurch wird ihr Repertoire an sozialer Kreativität und Phantasie beschränkt, was durch die übermächtigen und schwer verständlichen Prozesse auf der institutionellen europäischen Ebene noch verstärkt wird. Eine Deutsch-französische-österreichische Medienwerkstatt 18) setzte an diesem Punkt an und nannte als Zielvorstellung: „Jugendliche beschreiben mit Phantasie und Kreativität, was Europa für sie bedeutet.“

Diese trinationale Veranstaltung, die in Deutschland stattfand, hatte es wegen der Verständigung zwischen Deutschen und Österreichern nicht mit den großen Sprachproblemen zu tun, die sonst bei Dreier-Veranstaltungen auftreten. Hinzu kam, dass mit der kreativ-schöpferischen Arbeit ein idealer Einstieg für sprachungewohnte Teilnehmer geschaffen wurde. Bei den Teilnehmern handelte es sich nämlich großenteils um lernbehinderte Jugendliche bzw. um Schulabgänger ohne Abschluss - also um eine Zielgruppe, die gemeinhin kaum Zugang zu außerschulischen Bildungsangeboten findet.

Sprachanimation war ein integraler Bestandteil des Programms. Hier ging es zum einen um die so genannte Déblocage, das heißt um Aktivitäten, die die Teilnehmer ermutigten, nonverbal und mit anderen nichtsprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten zu kommunizieren. Zum anderen wurden vor bestimmten Abschnitten des Programms, so vor den Außenerkundungen, Schlüsselbegriffe und Redewendungen in der fremden Sprache eingeübt. Darüber hinaus stand eine der Produktionsgruppen unter dem Thema Sprache. Hier wurde auf Wunsch der Jugendlichen ein kleines Wörterbuch erarbeitet, das beim geplanten Nachfolgeseminar verwendet werden sollte.

Thematisch ging es bei dem Seminar um die Vorstellungen, die Jugendliche von der Europäischen Union haben. Die Teilnehmer waren aufgefordert, mit verschiedenen medialen Möglichkeiten ihre eigene Herkunft zu dokumentieren und in der gemeinsamen Seminarsituation ins Spiel zu bringen. Hier wurden von den Betreuern Anregungen gegeben, die Fragen von Toleranz und kultureller Vielfalt kreativ zu bearbeiten. Eine „Überraschungskiste“ stand für die Teilnehmer zur Verfügung, in denen sich Materialien und Werkzeuge für verschiedene gestalterische Interessen befanden.

Ein besonderer Schwerpunkt lag auf der Beschäftigung mit Denkmälern, wozu die Teilnehmer von zu Hause Materialien mitbrachten und wozu am Veranstaltungsort individuelle Erkundungen und gemeinsame Exkursionen stattfanden. Die Auseinandersetzung mit Denkmälern war als Anregung gedacht, die gesellschaftlichen Hintergründe kultureller Praxis zu erhellen. Dies leitete dazu über, eigene Gestaltungsaufgaben wahrzunehmen. In Produktionsgruppen wurden Video- und Fotomaterialien zusammengestellt, die bestimmte Aspekte der Erkundung (Architektur, Denkmäler) festhielten oder kreative Assoziationen zum Begriff Europa lieferten.

Darüber hinaus wurde auch „Kreativität als Berufsperspektive“ eigens thematisiert. Dazu wurden Werkstätten in einer Glasfachschule besucht, wo Gelegenheit zu Gesprächen mit Ausbildern und Auszubildenden bestand. So ergab sich anhand eines konkreten Beispiels eine Einführung in die verschiedenen Ausbildungsmöglichkeiten im kreativen Bereich. Damit gelang es der Veranstaltung, eine Brücke zu schlagen von den persönlichen kreativen Kompetenzen über die berufliche Dimension bis hin zur europäischen Ebene und der dort geforderten sozialen Phantasie.



18) November 1999, Bonn. Veranstaltet vom Bildungswerk des Instituts für angewandte Kommunikationsforschung in der außerschulischen Bildung e.V. (IKAB), Poppelsdorfer Allee 92, 53115 Bonn, Tel. 0228/636460. retour












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