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Austausch mit integriertem Betriebspraktikum

Hildegardisschule, Bochum (Niedersachsen)
Lycée Pierre Bayen, Châlons-en-Champagne (Marne)

Begegnung vom 11. - 21. Oktober 1996 in Châlons-en-Champagne

Vorgeschichte
In der Zeit zwischen Mai 1995 und März 1996 waren die «classes internationales» des Lycée Pierre Bayen mehrfach zu Gast an der Hildegardisschule. Im Zusammenhang mit der "double délivrance" (abi-bac), die den Abschluß für die «classes internationales» darstellt, machen die Schüler dieser Sektion in der Seconde und in der Première je eine Fahrt, deren Programm (im Unterschied zu "normalen", eher touristisch ausgerichteten Austauschen) einen Schwerpunkt im historischen, geographischen und/oder literarisch-linguistischen Bereich hat, entsprechend den Fächern, die im Abkommen vom Mai 1994 zwischen den Regierungen der Bundesrepublik und Frankreichs den Bildungsgang zur "double délivrance" ausmachen. Die Schüler der «section internationale» führen die Fahrten im Klassenverband während der Schulzeit durch.

Die Schwierigkeit auf unserer Seite war und ist, daß die Aufnahme der französischen Schüler nicht geschlossen durch die Schüler der entsprechenden Jahrgangsstufe des bilingualen Zweiges erfolgt. Das liegt z.T. an einer gewissen "Austausch-Sättigung" der bilingualen Schüler, z.T. an der Tatsache, daß gerade die Schüler der 11, die für die Seconde vorrangig als Partner in Betracht kommen, häufig von der Möglichkeit eines längeren Schulbesuchs im Ausland Gebrauch machen. Es mögen auch noch andere Gründe eine Rolle spielen, die die Akzeptanz des Austausches mit Châlons beeinträchtigen. Um die französischen Schüler aufnehmen zu können, wurden deshalb Schüler gefunden, die in verschiedenen Jahrgangsstufen, bzw. Klassen sind. Von Anfang an wurde darauf hingewiesen, daß ein gemeinsamer Gegenbesuch wegen der klassenübergreifenden Zusammensetzung nicht möglich sein würde, verbunden mit dem Hinweis darauf, daß wegen der Nähe von Châlons (ca. 490 km) ein privater Gegenbesuch ohne weiteres möglich sei. Es fanden auch durchaus Kontakte aus Eigeninitiative statt.

Erst im Frühjahr 1996 wurden Stimmen laut, daß es wohl doch nicht jeder Familie möglich sei, ihr Kind zu einem privaten Besuch nach Châlons zu bringen. Daraus entwickelte sich die Idee, einen gemeinsamen Gegenbesuch zu organisieren. Nach Rücksprache mit der Schulleitung wurde als Termin (aus organisatorischen Gründen) die Zeit der Herbstferien 1996 angeboten.

Planung der Fahrt
Erste Gespräche mit den Schülern und Eltern, die bereits Châlons-Schüler aufgenommen hatten, zeigten ein eher zurückhaltendes Interesse. Allerdings wurde in diesen Gesprächen deutlich, daß es, vor allem für die Familien, die mehrfach am Austausch beteiligt waren, wichtig war, daß die Fahrt nicht zu teuer würde. Bei den Schülern, die bereits Châlons-Schüler aufgenommen hatten, lag das Interesse aber insgesamt weniger bei einer gemeinsamen Fahrt, als bei der Möglichkeit, in Châlons ein Betriebspraktikum zu machen oder dort für mehrere Monate zur Schule zu gehen. Aushänge, die auf die Fahrt aufmerksam machen sollten, hatten zunächst auch nur ein sehr verhaltenes Echo.
Erst nachdem sich aus verschiedenen Klassen einzelne Schüler angemeldet hatten, wurde die Nachfrage größer, offenbar durch mündliche Reklame der Schüler. Zum Zeitpunkt der Anmeldefrist (Mitte Juni) lagen etwa 20 Anmeldungen vor, so daß gerade die Zahl erreicht war, die die Kosten erschwinglich halten würde. Bis zum Beginn der Sommerferien kamen dann in schneller Folge weitere Anmeldungen, jetzt auch vermehrt von Schülern, die bereits Châlons-Schüler aufgenommen hatten oder sogar schon 1995 mehrere Monate in Châlons verbracht hatten. Anfragen in und nach den Sommerferien landeten auf der Warteliste, weil die Zahl von 38 (inkl. Begleiter) wegen der Größe des bestellten Busses nicht überschritten werden konnte.

Konkrete Fahrtvorbereitung
Die Gruppe der Fahrtteilnehmer setzte sich wie folgt zusammen: 8e: 12 Schüler; 9d: 6 Schüler; 9e: 3Schüler ; 10a: 1Schüler; 10b: 3 Schüler; 10d: 2 Schüler; 10e: 2 Schüler; 11: 1 Schüler; 12: 4 Schüler; 13: 2 Schüler. Davon hatten 11 Schüler hier in Bochum bereits Châlons-Schüler aufgenommen, aber nur 6 konnten (aus unterschiedlichen Gründen) zu ihren ursprünglichen Corres. Die relativ große Zahl der "Neulinge" machte es für den Kollegen in Châlons schwierig, genug aufnehmende Corres zu finden, da das Lycée, anders als in unserem Schulsystem, in der Seconde anfängt.
Erschwerend kam auch hinzu, daß der Schulbeginn in Frankreich erst Mitte September war. So blieb dieser Bereich der Fahrtvorbereitung spannend bis zum letzten Tag, bis schließlich alle Fahrtteilneh-mer untergebracht waren.

Die inhaltliche Vorbereitung wurde durch einen Elternabend und zwei Vorbereitungsnachmittage mit der Gruppe gewährleistet. Viele Informationen wurden als Arbeitspapiere gegeben, da -wegen der Gemischtheit der Gruppe- kein Termin gefunden werden konnte, an dem nicht mindestens einer Unterricht oder andere Verpflichtungen ( z.B. AG, Katechumenen-Unterricht ) hatte. Außerdem wurden die 14 Tage des Betriebspraktikums ausgespart, weil davon 8 Teilnehmer betroffen waren.

Die Programmplanung für unseren Aufenthalt wurde (in Absprache mit mir) von den Kollegen in Châlons, vor allem von M. Gerin, dem Verantwortlichen für die Bochum-Kontakte, übernommen.

 

Bericht über den Gegenbesuch von Schülern der Hildegardisschule in Châlons-en-Champagne im Oktober 1996
Die Fahrt konnte Freitag, den 11.10. um 10.00 h starten, nachdem einige der 12-er in den ersten beiden Stunden noch eine Klausur geschrieben hatten. Alle anderen Fahrtteilnehmer waren für diesen Tag vom Unterricht beurlaubt. Da das Busunternehmen zwei Chauffeure geschickt hatte, konnten die zwei Fahrtpausen kurz gehalten werden, und wir kamen bereits um 16.30 h am Lycée Pierre Bayen an. Die Programmgestaltung lief planmäßig ab.

Die Schüler waren zuverlässig, hielten sich an die Vereinbarungen und haben sich überwiegend sehr wohl gefühlt, sowohl in den Familien, im Internat (2 Schülerinnen der 9 waren während der Woche mit ihren Corres dort untergebracht.), aber auch in der Gruppe. Die "Altersgemischtheit" hat sich für das Gruppenklima als sehr positiv herausgestellt und wurde von den Jüngeren und den Älteren meines Wissens als vorteilhaft empfunden. Die Tatsache, daß die eigentlich vorgesehene zweite Begleitung kurzfristig ausfiel und die beiden 13-er-Schülerinnen Aufsichtspflichten übernahmen, hat sich offenbar auf das Verantwortungsgefühl der einzelnen Gruppenteilnehmer gut ausgewirkt.

Aus Äußerungen einzelner Teilnehmer läßt sich auch entnehmen, daß sich die Gruppe der Wichtigkeit bewußt war, die ein solcher "1. Besuch" haben kann, so daß sich alle bemühten, zum Gelingen der Fahrt beizutragen. Die Überlegung, anstelle von teuren offiziellen Gastgeschenken lieber (neben einem kleinen offiziellen Geschenk) von jedem Fahrtteilnehmer ein Jugendtaschenbuch als Geschenk für das CDI überreichen zu lassen, ist von den Verantwortlichen in Châlons sehr positiv aufgenommen worden.

Kosten der Fahrt
Es waren vorab 110,- DM für den Bustransfer und 50,- DM für die Programmgestaltung (2 Tages-fahrten, Führungen) in Châlons veranschlagt worden. Dadurch, daß der Bus voll besetzt war, einige Führungen weniger teuer als veranschlagt waren, zwei Führungen von der Austauschkasse des Lycées übernommen und zwei Führungen durch Kollegen des Lycées gemacht wurden, lagen die Kosten 11,- DM unter den eingesammelten 160,- DM. Mit dem Fahrtzuschuß durch die Stadt Bochum ergibt sich eine weitere Reduzierung, so daß der Preis nun bei ca. 134 DM pro Teilnehmer liegt (für Geschwister 50% weniger = Familienrabatt).

Nachbereitung
Zur Nachbereitung stellt die Gruppe Ergebnisse von Beobachtungen, Interviews mit Passanten, Fahrtnotizen und natürlich Photos aus. Für Ende November ist ein Abendtermin (mit interessierten Eltern) vorgesehen, bei dem -außer einem Erfahrungsaustausch- auch ein Gespräch über die Programmgestaltung des Besuchs der Châlons-Schüler im Frühjahr 97 stattfinden soll.

 

Praktikum in Châlons und Bochum

Vielfältige unterschiedliche und häufige Auslandsaufenthalte erleichtern es Schülern, bei der Berufsplanung Ausbildungsabschnitte oder Berufsphasen im Ausland in Betracht zu ziehen. Die Besonderheit der Hildegardis-Schule und ihrer Partnerschule, des Lycée Pierre Bayen, nämlich der bilinguale Zweig (bzw. die section internationale) mit der Doppelqualifikation des Abitur und des baccalauréat (abi-bac), legt es nahe, die Schüler gezielt zu fördern und ihnen Perspektiven für ihre berufliche Zukunft aufzuzeigen, die ihre relativ hohe Sprachkompetenz sinnvoll einbeziehen. Aus diesen Überlegungen heraus entstand der Gedanke, Austauschprogramme mit besonderen thematischen Schwerpunkten und Auslandspraktika anzubieten. Anliegen eines Auslandspraktikums sind die Verbesserung der Sprachkenntnisse, das Kennenlernen der Lebens- und Arbeitsbedingungen des anderen Landes, aber auch die Erfahrung, in authentischen Situationen die Fremdsprache als notwendiges Instrument mit Erfolg einsetzen zu können. Die beiden zuletzt genannten Aspekte unterscheiden ein Auslandspraktikum vom schulischen Lernen, aber auch vom Austauschaufenthalt.

Erste Umsetzung der Idee
Der Gedanke, das für Schüler der Hildegardis-Schule der Klasse 10 obligatorische Betriebs-praktikum nicht in Bochum, sondern in Châlons zu absolvieren, tauchte bereits in der Anfangs-phase der Kontakte zum Lycée Pierre Bayen auf und geht zurück auf einen Vortrag, den ich bei einer Tagung des FMF (Fachverband Moderne Fremdsprachen) 1994 gehört hatte. Die Mög-lichkeit des Auslandspraktikums wurde bei Schülern und Eltern begrüßt und innerhalb kürzester Zeit umgesetzt:
Ende Mai 1995 war der erste Austauschbesuch aus Châlons in Bochum. Mitte Juni fuhren ca. 20 interessierte Eltern und Schüler in Eigenregie nach Châlons und bereits Ende September gingen drei Schülerinnen zum Praktikum nach Châlons. Die Praktikumsstellen waren das ?Office de tourisme", die Grundschule ?Jules Ferry", in der in einer Klasse Deutschunterricht erteilt wird, und das Büro des Industriebetriebes ?Graphite et Métaux". Die drei Praktikantinnen und die Verantwortlichen der Unternehmen waren mit dem Verlauf sehr zufrieden. Diese ersten positiven Erfahrungen bewirkten, daß 1996 erneut Interesse an einem Praktikum in Châlons angemeldet wurde. Eine Schülerin ging in das ?Office de tourisme", eine zweite machte ihr Praktikum in einem Photoladen. Außerdem ließ sich eine Schülerin der Jahrgangsstufe 11 vom Unterricht beurlauben, um (nachdem sie bereits ein Jahr vorher das obligatorische Praktikum in Bochum gemacht hatte) drei Wochen in einer Tierklinik bei Châlons zu hospitieren. Auch diesmal war das Echo positiv. Selbst wenn eine Praktikumsstelle (hier: der Photoladen) nicht ganz der Wunschvorstellung entsprach, waren die Schülerinnen sehr zufrieden.
Aus eigener Initiative machte eine Schülerin aus Châlons im Sommer 1996 ein Praktikum in Bochum, organisiert mit Hilfe ihrer Korrespondentin. Erst im Nachhinein habe ich davon durch meinen französischen Kollegen gehört. Daß auch diese Schülerin gute Erfahrungen gemacht hat, zeigt sich daran, daß ihre Eltern anschließend von sich aus eine Praktikumsstelle für Bochumer Schüler in ihrer Apotheke angeboten haben.

Institutionalisierung des Auslandspraktikums
Zwei Jahre positiver Rückmeldung ermutigen dazu, die Organisation der Auslandspraktika zu systematisieren und das Angebot auszuweiten. Bei der Programmgestaltung für den Austauschbesuch im Frühjahr ‘97 habe ich bereits den Bereich der Betriebsbesichtigungen mehr als vorher berücksichtigt. Außerdem hat sich die Premiere im Berufsinformationszentrum des Arbeitsamtes Bochum fachkundig gemacht.

Vor der Rückfahrt der französischen Schüler konnte ich in einer Besprechung nachfragen, ob Interesse an einem Praktikum in Bochum besteht. Es meldeten sich 16 Schüler mit unterschiedlichen Wünschen. Daraufhin habe ich per Telefon einige der Bochumer Betriebe, die Praktikanten annehmen, gefragt, ob sie auch französische Praktikanten akzeptieren. (Da auch die Organisation des "normalen" Betriebspraktikums zu meinem Aufgabenbereich gehört, konnte ich diese Anfrage ohne Schwierigkeit mit Hilfe meiner Liste von Unternehmen und Ansprechpartnern erledigen). Die Adressen von 17 Betrieben samt Kommentar, eine Anleitung für ein Bewerbungsschreiben und deutsche Briefmarken für adressierte Rückumschläge habe ich vor Ostern nach Châlons geschickt und warte nun darauf, daß man mir die Liste der Praktikanten zurückschickt.
Wie mir am Telefon gesagt wurde, wollen einige der 16 interessierten Schüler nun doch kein Praktikum machen, einige warten noch auf die schriftliche Zusage, aber sieben Praktika sind wohl sicher (Aral-Forschung, Computer-Technik, Grundschule, Lasertechnik, Reisebüro, Rechtsanwalt, Lokalzeitung). Bei den Schülern der Hildegardis-Schule bekundeten von den etwa 40 Schülern der beiden bilingualen Klassen 9 knapp zehn Interesse an einem Praktikum in Châlons. Die Zahl hat sich inzwischen auf vier reduziert. Da der Kollege, mit dem ich bislang alles organisiert habe, im Januar schwer erkrankt ist, und das Lycée nicht sofort einen neuen Austauschverantwortlichen benennen konnte, kümmert sich derzeit Mme Cadoz, die Direktorin, persönlich um die Praktikumsstellen.
Es ist schwieriger als in Bochum, Praktikumsstellen zu finden, weil Châlons kleiner ist und weil Betriebspraktika für französische Schulen ungewöhnlich sind, so daß Unternehmen zurückhaltend auf Anfragen reagieren. Zusätzlich zu den bereits bewährten Unternehmen haben sich eine Werbeagentur (Canal 51), ein Damenmodegeschäft (Camaïeu) und die DRAC (Direction Régionale des Affaires Culturelles de Champagne-Ardennes) bereit erklärt, Schüler aus Bochum als Praktikanten aufzunehmen. Die vier interessierten Mädchen werden nun vom 22. 9. bis zum 4.10.1997 zum "Office de tourisme", zur Grundschule "Jules Ferry", zum "Canal 51" und zur "DRAC" gehen.

Rechtliche Fragen
Die Erlaßlage hat sich in den letzten zwei Jahren verbessert. Auslandspraktika werden als schulische Veranstaltung genehmigt, sofern eine Partnerschule die Betreuung der Schüler übernimmt. Da die Hildegardis-Schule und das Lycée Pierre Bayen Partnerschulen sind, ist diese Bedingung erfüllt. Es liegt auch eine schriftliche Zusicherung der Direktorin Mme Cadoz vor, daß das Lycée die Betreuung gewährleistet. Dadurch sind die deutschen Schüler abgesichert. Für die französischen Schüler ist das Praktikum keine Schulveranstaltung. Sie machen es freiwillig in den Ferien und müssen sich privat versichern.

Während des Praktikums wohnen die Schüler in der Familie ihres Korrespondenten, so daß dadurch keine Kosten entstehen. Die Kosten für die Fahrt Bochum-Châlons, bzw. umgekehrt und die Kosten für die tägliche Fahrt zum Praktikumsbetrieb müssen selbst getragen werden. Diese Kosten sind vermutlich nicht so hoch, daß ein am Auslandspraktikum interessierter Schüler davon abgeschreckt wird, das Praktikum in Châlons, bzw. Bochum zu machen. Es ist allerdings in Betracht zu ziehen, daß diese Schüler im Vergleich zu ihren Mitschülern einen Mehraufwand an Mut, Zeit und Geld aufbringen. Als ein Symbol der Anerkennung dessen konnte ein kleiner Fahrtkostenzuschuß gewertet werden.
Es wäre im Interesse der Sache, dafür einen Sponsor zu gewinnen, dessen Ansehen den Praktikanten, aber auch den Praktikumsbetrieben signalisiert, daß ihr Engagement ernstgenommen, anerkannt und unterstützt wird.

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