Frühe Sprachvermittlung
Enseigner dans l’école de l’autre :
regards croisés d’instituteurs

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Sie ging auch nach Frankreich …

in ein Land, das sie schon seit ihrer Kindheit liebte. Nicht nur die Nostalgie, die ihr Vater ihr von diesem Land vermittelte, nicht nur die wunderschöne Sprache, die sie dank ihres Französischlehrers immer ein bißchen mehr entschlüsseln konnte, nicht nur die erste Liebe, die zwar kein richtiger Franzose aber immerhin ein Französischsprechender war, nicht nur die verträumten Landschaften dieses zauberhaften Landes, sondern … da war mehr… einfach eine geheime Liebe.

Niemals hätte sie gedacht, einmal mehr als nur zum Urlaub in dieses Land ihrer Träume reisen zu können. Nach zwei wunderschönen Jahren voller Arbeit unter der Führung eines sehr engagierten Rektors in Neubulach im nördlichen Schwarzwald und zwei hammerharten Jahren in Kehl - denn nicht nur in Frankreich gibt es sogenannte ZEP - sollte ein ungeträumter Traum in Erfüllung gehen. An einem verregneten Morgen in Kehl, sie fühlte, dass demnächst der Himmel auf den Boden fallen wird, saß sie in einer Freistunde gelangweilt in diesem ungemütlichen, riesengroßen Lehrerzimmer herum. Die Langeweile muss schon unvorstellbar groß gewesen sein, dass sie « Kultus und Unterricht » zur Hand nahm und durchblätterte.
Plötzlich sprang ihr eine Zeile « Deutsch-französischer Lehreraustausch » ins Auge, dann ging alles ziemlich schnell, es war ganz klar, dass dies eine einmalige Chance war, dieses Land neu und endlich wirklich zu entdecken.

Die Bewerbung war schnell geschrieben und schon bald stand fest, dass sie irgendwo in diesem Land einen Platz finden würde. Als sie später feststellte, dass sie sogar Wünsche bezüglich des Einsatzortes formulieren durfte, war sie überglücklich. So konnte sie auch ihr Privatleben endlich einmal neu ordnen.

Mit übergroßen Erwartungen und voller Energie zog sie in die « Ecole primaire Charlemagne » ein und musste leider feststellen, dass zwar rein organisatorisch alles zu ihrem Besten arrangiert war, aber sie spürte schon gleich am ersten Tag auch, ein gewisses Unbehagen. Ihr Schulfranzösisch bewegte sich zwar immer so zwischen Note 3 und 6 - für die französischen Leser : sie war nicht gerade eine Leuchte - aber ihren Ohren entgingen all die kleinen Sticheleien der ersten Tage nicht. Ob den französischen Kollegen klar war, dass sie alles verstand, möchte sie bis heute noch bezweifeln.

Große und kleine Krokodilstränen flossen an den nächsten Tagen und Wochen, obwohl die Kinder liebenswürdig und alles so wunderbar organisiert war. Der Stundenplan ideal, das Deutschzimmer ein Traum, Material in Hülle und Fülle, eine reizende « Madame la Directrice » und dennoch war es für sie nicht einfach, sich ihrer neuen Rolle zu ergeben oder vielleicht besser noch sie zu meistern.
Eigentlich konnte für sie erst im zweiten Jahr die Rede von meistern sein.

Zum Glück kannte sie einen wunderbaren Menschen, der natürlich Franzose ist, der ihr nach und nach die französische Einstellung Außenseitern gegenüber näher brachte. Dank seiner philosophischen, soziologischen Veranlagung und vieler Internatsaufenthalte in seiner Kindheit, konnte er Klarheit in diese wirren Gefühle bringen und ihr helfen vom "Ergeben" zum "Meistern" zu gelangen.
Hiermit tausend Dank in ihrem Namen.

Nun endlich konnte sie ihre volle Energie in die Arbeit stecken. In ihrem Studium nannte sie diese überstylten, dem Schulalltag fernen, wochenlang vorbereiteten Schulstunden « Schaustunden oder Theater ». Nicht nur die liebevoll zubereiteten Requisiten, sondern die vielen pädagogischen, didaktischen und methodischen Überlegungen, die in einer Stunde steckten, machten es möglich, selbst die vom Medienkonsum verwöhnten Kinder zu faszinieren. Doch irgendwie liebte sie schon immer diese Schaustunden, die so gut waren, dass sie sich am Abend vorher schon auf die Reaktionen der Kinder und die Lernerfolge freute. Endlich hatte sie die Möglichkeit viele solche Schaustunden vorzubereiten, da sie « nur noch » ein Fach, nämlich Deutsch, zu unterrichten hatte. Dank der lieben, motivierten und interessierten Kinder war es ein Leichtes für sie diese zu einer gelungenen Aufführung zu bringen. Vielleicht hätte sie doch zum Theater gehen sollen!

Über die französischen Kinder, die sie sofort in ihr Herz geschlossen hatte, lassen wir sie lieber nicht zu Wort kommen, sonst artet das nur in Schwärmerei aus und so viele Stellen kann das Deutsch-Französische Jugendwerk, dann auch wieder nicht bereithalten für die deutsche Lehrerschwemme. Aber ihr wäre es dennoch wichtig zu erwähnen, dass die französischen Kinder im allgemeinen den Erwachsenen gegenüber noch einen selbstverständlichen Respekt mitbringen. Wohingegen in Deutschland immer häufiger die Lehrer und Erwachsenen sich selbst Respekt verschaffen müssen oder zumindest es versuchen.

Entsetzen und Panik erfasste sie, als sie die französischen Schulhöfe betrat. Bis dahin kannte sie nur deutsche Kinder und deutsche Schulhöfe, in denen meist kein Ball gespielt wurde. Sie wurde also mit einer völlig neuen Situation konfrontiert. Hier in Frankreich flogen die Bälle tief und da sie als Deutsche mit Mannequinmaß ihre französischen Kollegen locker überragte, machte sie sich ernsthaft Sorgen um Leib und Leben. Doch nach und nach musste sie feststellen, dass die Bälle sie selten trafen und die Schusskraft der französischen Jungs nicht zu vergleichen war mit der, der deutschen. Doch wie die letzte Fußballweltmeisterschaft 1998 zeigte, nicht etwa weil die Franzosen weniger Muskelkraft haben, sondern sicherlich mehr Respekt vor Lehrern, die dummerweise mitten in der Schusslinie stehen.

In Deutschland hatte sie als idealistische Junglehrerin auch bereits versucht, Kinder anderer Klassen, die einen Rüffel nötig hatten, über den Schulhof zu sich zu rufen. Doch diese erkannten die Situation recht schnell und retteten sich in die entgegengesetze Richtung. Um so größer war ihre Verwunderung, dass die französischen Zidanes auf einen Fingerwink angelaufen kamen, betroffen den Fußball abgaben und das ohne Murren oder Widerspruch. Natürlich sind auch die kleinen Franzosen bloß Kinder und ein « elle est chiante » rutscht einem schon manchmal über die Lippen. Doch die Betroffenheit und die zu bewundernde Selbstverständlichkeit mit der die kleine Matilda der CM2 sich bei der seltsamen Lehrerin aus Deutschland entschuldigte, erstaunte diese wiederum sehr. Wer konnte schon damit rechnen, dass diese Deutsche alles versteht!

Die seltsame Lehrerin aus Deutschland ! « Non, c‘est pas une maîtresse ! » Diese Behauptung hörte sie nicht nur einmal aus dem Munde der CE2 oder sogar der CM1 und selbst für die CM2 war das alles nicht ganz klar. War es ein Pausenclown, den die deutsche Regierung ihnen schickte, um in den französischen Schulen für Stimmung zu sorgen ?

Auch die lange Liste ihrer Waffen sprich : Freiarbeit, Gruppenarbeit, Partnerarbeit, Internet, CD-Rom, Video, Kassetten, Tonaufnahmen, Sketche, Spiele, Tänze, Lieder, Theaterstücke, Bilderbücher … half ihr nicht dabei, dieses Missverständnis auszuräumen. Aber vielleicht war gerade die es, die ihren Status in Frage stellte.

Glücklicherweise konnte sie an ihrem ersten Einsatzort hospitieren, und so Einblicke in den Schulalltag der kleinen Franzosen gewinnen. Die Frage, die sie sich immer gestellt hatte, warum die Franzosen nicht so viel intelligenter seien, da sie doch so viel mehr Zeit pro Woche die Schule besuchten. Sie kam nach den zwei Wochen Hospitation zu dem Schluss, dass etwa der gleiche Stoff in Frankreich wie in Deutschland an einem Schultag unterrichtet wird. In Frankreich hingegen nimmt man sich sehr viel Zeit mit den Kindern viele « exercices » zu machen, in Deutschland können die Kinder, falls sie sich die Zeit für die Hausaufgaben nehmen, den Stoff zu Hause vertiefen.

Außerdem hatte sie die Möglichkeit zu beobachten und zu stoppen, wieviel Zeit verging, bis die französische Lehrerin in der Klasse endlich ihr Programm startete. Bis sie gemütlich ihr Büro aufräumte und in aller Ruhe die Tafel sauber war, konnten die Kinder mit ihrem Tischnachbarn noch gemütlich plaudern, denn sie verstehen es noch richtig zu flüstern. Dann unterbrach die Lehrerin die 30 flüsternden Kinder, aber nicht etwa um endlich mit dem Unterricht zu beginnen, sondern um die Kantinenlisten auszufüllen « je mange » oder « je ne mange pas » - das ist die entscheidende Frage - und auf der anderen Seite der Grenze ist die dritte Stunde schon bald zu Ende.

Im Gegensatz dazu ist auf deutscher Seite jede kostbare Minute in einer der vielen kleinen Unterrichtsphasen einer Dreiviertelstunde verplant. Letztendlich war sie doch glücklich, nicht im « Land ihrer Träume » geboren zu sein, sonst hätte sie wohl länger als zwei Wochen mit sich kämpfen müssen, um ruhig sitzen zu bleiben und das nicht nur von 8.30 bis 12.00 Uhr, sondern auch noch von 13.30 bis 16.30 Uhr.
Deutsche Kinder müsste man am Stuhl festbinden und selbst dann könnte man nicht sicher sein, ob sie nicht eine Befreiungsidee hätten vor 16.30 Uhr. Heute ist es ihr immer noch rätselhaft, wie die französischen Lehrer es schaffen…

Dank der immer sehr aufschlussreichen Seminare des Deutsch-Französischen Jugendwerkes, lernte sie auch viel über ihre Heimat. Und in manchen Diskussionsrunden mit den französischen Lehrern, die in Deutschland aktiv sind, standen ihr die Haare zu Berge, als sie von deren Erfahrungen in ihrem Heimatland hörte. Sie als Verfechterin der Freiarbeit im positiven Sinne, musste ganz entsetzt die Berichte ihrer französischen Kollegen entgegennehmen, nach denen das Chaos viele Kindergärten und Schulen beherrscht. Montessori und andere würden sich wohl im Grab umdrehen, müssten sie so manchen deutschen Kindergarten oder so manche deutsche Schule besuchen. Gerade eine Unterforderung wollten die von ihr so geliebten Pädagogen doch vermeiden.« Jedem Kind das richtige Spiel-Lernzeug zur rechten Zeit bereitstellen! »

Und da gibt es doch tatsächlich Erzieher und Lehrer, die es sich einfach machen und die Kinder ganz im « Sinne der Pädagogen » selbst entdecken lassen, doch das Material zum entdeckenden Lernen scheinbar nicht sinnvoll auswählen, also dem Kind nicht bereitstellen, geschweige denn Material selbst für ihre Kinder herstellen.

Doch wie sie schon so oft festgestellt hat, ist wohl die gute Mitte der richtige Weg und wenn sie zurückkehrt, wird sie wohl nicht mehr die gleiche Lehrerin sein, die vor 3 Jahren Deutschland verlassen hat, um Frankreich zu entdecken. Sie wird eine neue sein, bereichert um viele Erfahrungen eines anderen Landes, bereichert um viele Erfahrungen einer anderen Kultur, bereichert um viele Erfahrungen eines anderen Schulsystems, in dem Kinder noch wissen, was Stillarbeit ist !

Heimkehren mit dem Wissen, dass sie dieses Land nun endlich wirklich lieben gelernt hat und nicht nur eine nostalgische Traumwelt zu lieben, die nicht mehr existiert oder noch nie existiert hat. Heimkehren mit einer gewissen Liebe für ihr eigenes Land, da man die Vorzüge und positiven Seiten seiner Heimat erst wahrnimmt, wenn man nicht mehr dort lebt. Vielleicht sogar mit ein bißchen Stolz auf ihr Land, denn sie wäre doch auch so gerne einmal stolz auf ihr Land, auch wenn es ein sehr trauriges Kapitel in dessen Geschichte gibt. Haben die anderen eigentlich gar keine traurigen Geschichten in der Vergangenheit ihrer Völker, fragt sie sich ?

Und die trügerische Ansicht links und rechts der Grenze wären alle gleich, möchte sie vehement zurückweisen. Die feinen und doch so wichtigen Unterschiede bemerkt man erst, wenn man eine Zeitlang mit ihnen in ihrem Land lebt oder das Glück hat als kleiner Franzose einen richtigen Deutschen als Deutschlehrer bzw. als kleiner Deutscher einen richtigen Franzosen als Französischlehrer zu haben.

Möchte man wirklich Nachbar mit den Menschen in seinem Nachbarland sein, reicht es nicht, die Sprache des anderen zu lernen, das ist nur der Weg auf dem man zueinander finden kann. Die Sprache birgt ein unvorstellbar weites Feld an Mentalität, Kultur und Weltanschauung in manchen Wörtern, Sätzen oder Redewendungen. Diese Ebene, die parallel zum gesprochenen Wort schwebt, zu entdecken und vom einfachen, - wohl besser vom bloßen - Übersetzen - mit all den Mißverständnissen, die dies mit sich bringt - zum wirklichen Verstehen zu gelangen, kann uns zur wahren Nachbarschaft führen.

Sie behauptet wir seien immer noch weit von Europa weg, denn ihr Nachbar ist nicht jemand, mit dem sie in einer Sprache sprechen möchte, die weder seine noch ihre ist. Ihr Nachbar ist nicht jemand, der bloß neben ihr lebt und ob man sich kennt oder nicht ist gleich. Sondern ihr Nachbar ist jemand, auf den sie mit all ihrer Kraft zugehen möchte, falls er ihr entgegen kommen will.

Bärbel Zimmermann

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