Frühe Sprachvermittlung
Enseigner dans l’école de l’autre :
regards croisés d’instituteurs

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Wurzeln in fremder Erde

Stürme und Flauten einer sanften Emigration

"Il m’a demandé alors si je n’étais pas intéressé par un changement de vie. J’ai répondu qu’on ne changeait jamais de vie ..."

"J’ai remarqué à ce moment que tout le monde se rencontrait, s’interpellait et conversait, comme dans un club où l’on est heureux de se retrouver entre gens du même monde. Je me suis expliqué aussi la bizarre impression que j’avais d’être de trop, un peu comme un intrus."


(Albert Camus : L’étranger)

Ausland. Nun war er also angekommen. Ein Fremder zwar, aber nicht vertrieben : keine deutsche Behörde hatte ihn ausgewiesen. Niemand hatte ihm die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen. Von Flucht konnte keine Rede sein : Deutschland war nicht von ausländischen Mächten überfallen worden.
Seine Brüder saßen nicht wegen politischer Delikte im Gefängnis. Niemand in seiner Familie mußte um sein Leben fürchten. Er gehörte keiner unterdrückten Religionsgemeinschaft an. Sein süddeutscher Dialekt war unverkennbar, aber er zählte sich nicht zu einer ethnischen Minderheit. Seine in der Verfassung verbrieften Rechte wurden respektiert. Er würde keinen Asylantrag stellen wegen politischer Verfolgung. Verstecken mußte er sich auch nicht. Im Gegenteil.


Emigration de luxe. Arm war er auch nicht. Er würde nicht verhungern. Sein Gehalt würde weiterbezahlt. Davon läßt sich leben, das wußte er seit vielen Jahren. Man konnte ihn nicht gerade einen „Armutsflüchtling“ nennen.
Die Dame von der Stadtverwaltung hatte ihm gerade sein „logement de fonction“ gezeigt : eine Wohnung gratis ! In Deutschland zahlte er 20 Prozent seines Gehalts für Miete, hier durfte er auf städtische Kosten wohnen.
Kein Aufenthalt also in feuchten Kellerverstecken, keine Schikanen von feindlichen Behörden, kein Betteln um Almosen und gültige Aufenthaltspapiere : „Emigration de luxe“ eben.


Warum Frankreich? Warum nicht Finnland, Fuerteventura, die Fidschi-Inseln ? Welche Beziehung hatte er zu diesem Land ?
Eine Brieffreundschaft aus der eigenen Schulzeit ? Eine private Verbindung als Ergebnis einer Städte-Partnerschaft ? Ein Ferienhaus am Mittelmeer ? Eine Liaison ?
Nichts dergleichen. Wenn er ganz ehrlich war, kannte er keinen einzigen Franzosen. Keinen.
Seine geschichtlichen und geographischen Kenntnisse über das Nachbarland ? Nun ja : Touristen-Niveau.
Berufliche Kontakte ? Türkische Kinder sind in den Schulen deutscher Großstädte eine Normalität. Französischen Kindern und ihren Eltern war er in der Schule in Deutschland noch nicht begegnet.


Wunde. Und die eigene Schulzeit ? Wie stand’s mit Französisch als Fremdsprache, Französisch als Spracherlebnis ?
Er hatte schlechte Noten in Französisch. Er haßte den Sprachlehrer, der ihm blasiert vorkam. Er kämpfte erbärmlich mit der Aussprache. Der norddeutsche Lehrer ergötzte sich an seinem süddeutschen Akzent. „Nichts wie raus hier !“ dachte er immer. Die Eltern waren erstaunt. „Ich dachte, du bist wenigstens sprachbegabt“, sagte sein Vater.
„Echec scolaire“ in Französisch also. Trotzdem wagte er eine kühne Prognose: „Eines Tages werde ich diese Sprache lernen !“ Aus Rache am arroganten Norddeutschen. Das zum Thema Schulversagen.


Aufwertung. Als er im Kollegenkreis von seinen Plänen berichtet hatte, war das Echo groß. „Du gehst ins Ausland !?!“ Jawohl !
Und zwar nicht als Berufsabbrecher, um sich mit seinen Ersparnissen in der Toskana der Schafzucht hinzugeben. Nein, aus beruflichen Gründen, „geschäftlich“ sozusagen.
Wie oft hatte er Kolleginnen beneidet, wenn sie ihre abwesenden Ehemänner entschuldigten: „Auf Geschäftsreise im Ausland ! Mal wieder !“
Wie oft hatte er in interessanten Stellenanzeigen gelesen: „Auslandserfahrung Bedingung !“
„Du gehst nach Frankreich !?!“ Jawohl !
Und zwar nicht als Tourist, um vor dem Louvre Schlange zu stehen. Nein, im Auftrag des Kultusministeriums !
Wie sie plötzlich alle von ihren schulischen Schwierigkeiten mit Französisch erzählten ! Wie sie zugaben, diese Sprache schön zu finden, „aber jetzt nochmal Sprachen lernen ???“ Wie sie die Namen bekannter Restaurants in die Runde warfen und vom Essen schwärmten. Und wie sie davon ausgingen, daß er selbstverständlich in Nizza arbeiten und wohnen würde. „Wir kommen dich alle besuchen !“ Der Personalratsvorsitzende schloß verträumt die Augen: „Endlich ein Ziel für den nächsten Betriebsausflug !“


Väter und Großväter. „Überfallen uns die Deutschen schon wieder ?“ fragte der französische Kollege grinsend und klopfte ihm auf die Schulter, als er sich vorstellte. Er war der erste Deutsche an der französischen Schule. Diskrete Neugier.
Später, als sie sich besser kannten, fragte sein französischer Kollege: „War dein Vater unter Hitler in Frankreich Soldat ?“ Und er antwortete: „Ja, er war in Frankreich stationiert und wurde auf dem Rückzug schwer verwundet. Eine Verletzung, die ihm wahrscheinlich das Leben gerettet hat, denn er kam ins Lazarett und überlebte.“
„Und deine Großväter ? Ich meine: 1914-1918 ? Waren sie auch vor Verdun ?“ - „Ich weiß nicht so genau. Es gibt Bilder von ihnen in Uniform.“
„Ich war während des Wehrdienstes in Baden-Baden stationiert“, sagte der französische Kollege lächelnd. „Schöne Mädchen.“


Bruderkriege. „Es ist fast ein Wunder, daß wir hier so friedlich zusammensitzen !“ meinte der französische Kollege weiter. Er zählte die 6 Kriege zwischen Deutschland und Frankreich in den letzten 250 Jahren auf : „Soll ich dir die Jahreszahlen sagen ?
1756-1763: Der Siebenjährige Krieg. Euer Preußenkönig Friedrich der Große im Kampf gegen Österreich, Rußland, Schweden und uns Franzosen.
1792-1795: Österreich und Preußen gegen unsere Revolutionsarmee.
1806-1814: Unser Napoleon nach Rußland über Deutschland und zurück !
1870-1871: Die Krönung eures deutschen Kaisers in Versailles.
1914-1918: Der Stellungskrieg auf Frankreichs Boden, und schließlich 1940-1945, das brauche ich dir nicht zu erklären.“
Alle 40 Jahre eine militärische Auseinandersetzung zwischen den beiden Völkern: Gefallene, Verwüstung, Leid, Haß. Statistisch gesehen : jede Generation auf dem Schlachtfeld.


Fremdsprachenunterricht.
Er würde dazulernen müssen. Nicht nur, um sein Emigrantendasein zu bewältigen. Auch auf dem Gebiet, wo er sich am sichersten fühlte : beim Unterrichten.
Zweierlei war ihm völlig neu : eine Fremdsprache bereits in der Grundschule zu unterrichten und die eigene Muttersprache als Fremdsprache zu vermitteln. Auf eigene berufliche Erfahrungen in diesem Bereich konnte er nicht zurückgreifen.
Wie unterrichtet man Grundschulkinder in einer Fremdsprache ? Wie geht man methodisch am geschicktesten vor ? Was konnte man erreichen ?
Eine Herausforderung also auch auf beruflichem Gebiet. Er würde neue Erfahrungen sammeln.


Fremd. Alles fremd: Land, Leute, Sprache, selbst die Situation im Beruf. Irgendwie fühlte er sich orientierungslos und ausgeliefert. Hilflos.
Was bedeutet Fremd-Sein ? Das Wörterbuch bestätigte ihm alle Befürchtungen. Das Wort fremd lasse sich umschreiben mit : anders, unbekannt, ungewohnt, uneingeweiht, unerfahren, unkundig, nicht vertraut, nicht einheimisch, fernstehend, auswärtig, ausländisch, verschieden. „Stimmt alles !“ dachte er sich.
Sein etymologisches Wörterbuch klärte ihn auf, das mittelhochdeutsche Adjektiv vremde bedeute ursprünglich : von auswärts stammend, entfernt, nicht heimisch, nicht zugehörig. Vremde, „fremd“ werde oft mit Gast gleichgesetzt (wer sich vorübergehend an einem fremden Ort aufhält, Besucher).
Gast aber sei doppeldeutig. Seine sprachliche Wurzel liege in dem lateinischen Wortpaar hospes (Herr des Fremden, Gastherr) und hostis (Feind, Gegner). „Du liebe Zeit !“ dachte er. „Keine Aggressionen !“ Er beschloß, zurückhaltend zu sein und unauffällig vorzugehen.


Erste Schritte. Die große Katastrophe. Umzug, das ging ja noch. Aber dann : Papiere. Telefon. EDF. Bankkonto. Sprachprobleme, sobald er den Mund aufmachte. Kontaktmangel. Ein kalter Herbst. Kinder, die ihn nicht verstehen. Kollegen, die zu schnell sprechen. Schalterpersonal, das verzweifelt.
Er fing an zu schweigen. Und nichtssagend zu lächeln.
Sein Auto verlor Öl. Direkt vor dem Haus, auf dem Parkplatz. Alle konnten es sehen : eine bunt schillernde Ölpfütze aus seinem Auto, deutsche Marke. Schweißausbruch. Ein solcher Fall in Deutschland, und man wurde nervenkrank: : Nachbarn, die die Polizei alarmieren. Feuerwehrautos im Großeinsatz. Vernichtende Blicke in der Umgebung. Kosten über Kosten. Er hatte das schon erlebt in Deutschland. Eine Schwachstelle seines Autos.
Nichts dergleichen passierte hier. Keiner sprach ihn an. Er fuhr das Auto in die Werkstatt und kommunizierte mit Händen und Füßen. Glück gehabt.
Die Elektrizität in der Wohnung fiel aus. Das war schon schwieriger. Er wußte, daß er am Telefon die Situation nicht meistern würde. Er mußte den Gesprächspartner sehen, um ihn besser zu verstehen und sich selbst besser verständlich zu machen. Also los zum EDF-Büro. Er stammelte französisch, so gut es ging. Das Problem wurde schnell geregelt. „Der Bonus des Fremden ?“ fragte er sich.
Eine Zahnplombe fiel ihm aus. Er mußte einen Zahnarzt konsultieren. Würde er Schmerzen in der Fremdsprache verbalisieren können ? Reine Routinesache für den Arzt : ein stummer Blick in den Mundraum, und die Geschichte wurde professionell erledigt. Glücklicherweise hatte er Geld dabei. In Frankreich verlangt der Arzt keinen Krankenschein, sondern Bargeld.


Heimweh. Trotzdem bekam er Heimweh. Warum tat er sich diesen Auslandsaufenthalt überhaupt an ? Die Welt ist schon kompliziert genug im eigenen Land. War er überhaupt noch Herr der Lage ?
Niemand tat ihm etwas zuleide, aber alles war so anstrengend. Wörterlernen. Redewendungen. Körpersprache. Verhaltensweisen. Rituale. Regeln.
Darf man eine Einladung abschlagen oder nicht ? Wie pünktlich muß man sein ? Wie zieht man sich an, ins Kino, ins Theater, zum Essen, zum Sport ? Wie begrüßt man sich ?
Heißt „oui“ definitiv „ja“ oder ist es ein verschleiertes Nein ? Bedeutet „non“, daß noch Verhandlungsspielraum besteht oder ist es sinnlos weiterzureden ?
Bedeutet „oui, mais ...“ eine Absage und „non, mais ...“ eine Zusage ?
Essen, Trinken, physisches Überleben : das läßt sich irgendwie organisieren. Aber kommunizieren, Gedanken und Gefühle austauschen, sich streiten, sich einigen, sich mitteilen, das ist eine ganz andere Dimension. Das betrifft die seelische Identität. „Verstehen“ bekam für ihn eine ganz neue Bedeutung.


Zurück ? Seine Telefonkosten stiegen enorm. Er telefonierte mit zu Hause. Er telefonierte mit anderen Teilnehmern des Austauschs, die sein Los teilten. Er suchte Trost und Mit-Leid.
Er ging auf Motivsuche. Bei den Vorbereitungs- und Begleitungsseminaren hatte er viele Deutsche aus den unterschiedlichsten Regionen kennengelernt. Er befragte sie. Er staunte, wie kritisch viele die eigene Heimat sahen : in Deutschland sei alles so stur, so rigide, so tierisch ernst, so geld- und karrierebezogen, so kalt.
Er hörte sich die Beispiele an : der Vorgesetzte, der schikanierte. Die Kollegen, die intrigierten. Der Bruder, der über Leichen ging. Die Familie, die sich übers Erbe zerstritt. Ja : der Partner, der die kalte Schulter zeigte.
Viele waren der Heimat entfremdet, wollten in der Fremde die Fremdheit der eigenen Umgebung vergessen. Eine deutsche Austauschteilnehmerin sagte ihm, sie hätte sich in Deutschland wie eine ausgedörrte Pflanze gefühlt. Sie brauche eine neue Umgebung „zum Aufblühen“. Eine französische Austauschlehrerin bestätigte ihm, auch sie hoffe durch den Auslandsaufenthalt auf einen „tournant de ma vie“.


Stillstand. Er ging mit sich zu Rate. Was war sein Motiv ? Wo lag seine beschädigte Wurzel, seine Entfremdung ? Wo war seine Bruchstelle, seine Identitätskrise in Deutschland gewesen ?
Mit seinem Umfeld in Deutschland konnte er gut leben. Aber es gab eben doch ein nagendes Bedürfnis nach Abwechslung, Unzufriedenheit über den beruflichen Stillstand, Sehnsucht nach einem neuen Projekt.
Vielleicht war die Unruhe auch altersbedingt. Es fiel ihm auf, daß viele Austauschteilnehmerinnen und -teilnehmer aus Deutschland mittleren Alters waren.
Eine zwiespältige Lebensphase : einerseits die gewonnene berufliche Routine, die Sicherheit im eigenen Können. Andererseits aber eine gewisse Erstarrung, Müdigkeit und, ja : Langeweile. Das Rentenalter ist aber noch in weiter Ferne.
Also Zeit für einen neuen Start, für einen Perspektivenwechsel. Raus aus dem Trott. Noch mal was Neues anfangen. Den Elan der Jugend wiedergewinnen. Sich selbst neu erfahren. Stärken und Schwächen ausloten. Sich einer Herausforderung stellen. Kräfte messen. Den Horizont erweitern. All das wirkte zusammen, kein Zweifel. „Also reiß dich zusammen !“ sagte er sich selbst. „Du wolltest es ja schließlich so.“


Wozu denn Deutsch ? Beschwingten Schrittes ging er in die Schule. Es wäre doch gelacht, wenn er seine eigene Muttersprache nicht gut unterrichten könnte !
„Warum soll ein französisches Grundschulkind ausgerechnet Deutsch lernen ?“ schimpfte eine französische Kollegin in der Pause. Er suchte nach den passenden Worten. Sie war schneller: „Was würden Sie sagen, wenn Ihre Kinder in Deutschland in der Grundschule Polnisch lernen sollten ?“ - „Wieso denn Polnisch ?“ - „Polen liegt an Ihrer Ostgrenze !“ - „Ja, aber ...“, hörte er sich sagen. - „Ich halte Englisch für wichtiger !“ sagte ein anderer Kollege. „Mein Sohn kann bei seinem Chemiestudium mit Deutsch nichts anfangen. Er hätte viel lieber noch mehr Englisch gehabt.“
Es klingelte. Die Kinder stellten sich auf, und er begann seine erste Deutschstunde. Er stellte sich vor, erklärte, warum er da ist und fragte die Schüler, ob sie schon ein paar deutsche Wörter kannten. Es kam, wie es kommen mußte. Ein Junge rief : „(H)eil (H)itlär ! Fröllein ! Schnäll ! Schnäll !“ Es dauerte eine Weile, bis er begriff, was der Junge mit „Ossweis !“ (Ausweis) meinte.
Später erklärte ihm der französische Klassenlehrer, das sei der Lernerfolg der Kriegsfilme des französischen Fernsehens.


Erste Erfolge. Trotzdem war die Arbeit interessant. Auch in Deutschland ist Englisch als Fremdsprache Favorit. Na und ? Er nahm sich vor, einen guten Deutschunterricht zu machen. Nicht mehr, nicht weniger. „Was Sie machen, ist ziemlich überzeugend !“ sagte ihm später ein Vater auf einer Elternversammlung. Sein 10jähriger Sohn spräche fast besser deutsch als der große Bruder auf dem Collège. Na also.
Die französischen Kollegen grinsten ein bißchen über das ganze Theater beim Unterricht.
Aber die Kinder waren dankbar. Eine kleine Geste, und sie reagierten sprachlich. Ein Fingerzeig für eine Satzstruktur. Unglaublich.


Fremdeln. Es ging auf und ab. Er faßte aber Fuß. Das Kollegium einer Schule lud ihn zum gemeinsamen Abendessen ins Restaurant ein. Er war beglückt, aber er wußte : einfach würde der Abend für ihn nicht werden.
Das Warten auf die Letzten, im Stehen Konversation pflegen. Nun ja : das ging schon einigermaßen.
Das Fachsimpeln übers Essen, wo er doch zur Nahrungsaufnahme ein absolut pragmatisches Verhältnis hatte. Die Fragen nach der deutschen Küche. Alle Franzosen kennen anscheinend nur Bayern, Bier und Sauerkraut.
Und schließlich die Witze. Einer nach dem andern. Immer wieder neue Stichwörter. Alle am Tisch bogen sich vor Lachen. Und er ? Er setzte sein verlegenes Dauerlächeln auf, weil er nichts, aber auch gar nichts mehr verstand. Schweißgebadet wartete er auf den Moment, der unvermeidlich näherrückte : „Erzähl uns doch mal einen Witz aus Deutschland !“
Er tat sein Bestes. Er versuchte, spritzig in der Fremdsprache einen deutschen Witz zu erzählen. Erfolg : Verlegenheitslächeln bei allen am Tisch. Er hatte ein Vorurteil bestätigt. Nicht einmal einen schönen Witz können die Deutschen erzählen.
Er „fremdelte“. Ein Kind hat es leicht in fremder Umgebung. Es hält sich am letzten sicheren Bezugspunkt fest : dem Rockzipfel der Mutter. Daran war nun natürlich nicht mehr zu denken. In einer gewissen Weise fühlte er ein zweites Geburtstrauma : hinausgeworfen in eine fremde Welt. Eine Neugeburt im Erwachsenenalter.


Neugeboren ? „Ich fühl’ mich wie neugeboren !“ jubilierte eine deutsche Kollegin am Telefon. „Endlich werde ich mal angeguckt. Ich meine : als Frau ! Endlich werde ich überhaupt mal wieder wahrgenommen ! Es ist einfach spannend !“ Also doch zweite Geburt und neues Leben ?
Hätte der Kollegin das auch in Bochum oder Buxtehude passieren können ? Man weiß es nicht. Viel hing wohl von den Bedingungen vor Ort ab. Eine andere deutsche Kollegin wütete : „Französische Höflichkeit ? Daß ich nicht lache ! Mein Direktor würdigt mich keines Blickes !“
Er selbst war in seinem französischen Einsatzort ein gesuchter Gesprächspartner, weil er von jenseits der Grenze kam. Ein bißchen führte er das Leben eines Exoten, der wußte, daß er beobachtet wird. Oder eines Zootieres, das man mustert : das seltsame Wesen von drüben !


Themen. Er war erstaunt, wie oft Deutschland als Beispiel genannt wurde : „le modèle allemand.“
Das fing bei den Automarken an. Er würde nie vergessen, wie frappiert die französischen Kollegen waren, als er zugeben mußte, keinen „Mercedes“ zu besitzen.
Er lächelte bei den phantastischen Vorstellungen über den Reichtum der Deutschen : „En Allemagne, on est très riche.“
Das deutsche Berufsausbildungssystem sei besser, die Arbeitslosigkeit niedriger, die Mitbestimmung in den Betrieben sinnvoller, die Gewerkschaften effizienter, deshalb gebe es auch nicht so viele Streiks.
Und überhaupt sei es gar keine Frage : die Wiedervereinigung mit ihren immensen Kosten würden die Deutschen schon lösen. Solch einer Herkulesarbeit seien nur die Deutschen gewachsen.
Und schließlich sei die „Deutschmark“ eben einfach eine solide Währung.
Natürlich, die Deutschen seien ein bißchen „prétentieux“, „froids“ und hätten eine Tendenz, sich als „donneurs de leçons“ aufzuspielen. Aber sie könnten ja schließlich etwas vorweisen.
Negativ-Nachrichten, die er ab und zu ins Gespräch einfließen ließ, wurden mit Verwundern zur Kenntnis genommen: „Lehrerarbeitslosigkeit, das gibt es bei euch ? Jugendarbeitslosigkeit auch ?“
Die deutsche Art, Müll zu sortieren und zu trennen, erschien als etwas übertrieben, aber konsequent. „In Deutschland ist alles so sauber“, war ein Satz, den er oft hörte.
Daß die Deutschen zum Essen auf keinen Fall Leitungswasser trinken und man jeden deutschen Restaurantbesitzer mit der Bitte um einen Krug Leitungswasser in äußerste Gewissensnot stürzt, war dann doch Anlaß für heftiges Stirnrunzeln.
Und daß die Deutschen an der roten Fußgängerampel stehenbleiben, selbst wenn kein Auto zu sehen ist, war dann schon fast ein guter deutscher Witz. „Oui, j’ai vu ça !“ sagte eine der wenigen Kolleginnen, die schon einmal in Deutschland waren. „Und man wird angeschimpft, wenn man trotzdem über die Straße geht. Die Leute schreien : Sie sind aber kein Vorbild für die Kinder !’“


Disziplin. Die Verwirrung wurde komplett, als er vom deutschen Schulsystem erzählte. War den Kollegen schon jedes leichte Disziplinvergehen ihrer Schüler vor seinen Augen sichtlich peinlich, so staunten sie nicht schlecht, als sie zum ersten Mal leibhaftige deutsche Schüler bei einer Reise in eine deutsche Großstadt kennenlernten.
„Aber das sind ja kleine Monster !“ war einer der Kommentare, der ihm in Erinnerung blieb. „Warum lassen sich denn die deutschen Lehrer so auf der Nase herumtanzen ?“
Unglücklicherweise verletzte ein schwieriger Junge aus der deutschen Klasse vor den Augen sanfter junger Französinnen an einem Teich ein kleines Entenbaby durch einen Steinwurf. Ein Aufschrei des Entsetzens. Gesprächsstoff für drei Tage.
Die französischen Kolleginnen waren ziemlich erstaunt : Das deutsche Erwachsenenleben stellte sich ihnen als äußerst geregelt und reglementiert dar, während das Schulleben als anarchisch empfunden wurde. „Bei uns ist es genau umgekehrt“, meinte eine Französin am Schluß des Besuchs.
Immerhin konnte durch die Reise ein Vorurteil entkräftet werden, das die Eltern der französischen Kinder bereits im Vorfeld mit Grauen erfüllt hatte : nicht alle deutschen Kinder essen zum Frühstück schon Wurst.


Trauma. „Avant de quitter la ville, les Allemands mettent le feu dans les caves de l’école où ils avaient organisé leur intendance.“ Zitat aus einem französischen Stadtführer über den August 1944. In der Schule wohnte nun eine deutsche Kollegin in einer Dienstwohnung, die ihr von der Stadtverwaltung zur Verfügung gestellt worden war.
Die Kollegin mußte es natürlich ertragen, daß man sie auf diese Geschichte hinwies. Als sie davon auf einem Treffen der Deutschen in Frankreich erzählte, kam es zu erbitterten Diskussionen. „Ich habe es satt, dauernd auf die Untaten unserer Väter hingewiesen zu werden. Ich bin dafür nicht mehr zuständig !“ war die eine Position.
„Der Hitler bleibt an uns kleben, solange wir leben, und das wird auch noch unseren Kindern und Kindeskindern so gehen !“ war die andere Position (und das war auch seine).


Erbe. Wo in Frankreich gibt es nicht das Denkmal für die Opfer des 1. Weltkriegs, und wo in Frankreich gibt es nicht die Tafel, die an Ereignisse während der Okkupation im 2. Weltkrieg erinnert ?
Er hatte den Eindruck, daß viele der deutschen Teilnehmer (wie gesagt : inzwischen mittleren Alters) mit ihren Eltern sehr wohl über die Nazi-Zeit gestritten hatten, in die diese verstrickt gewesen waren. Er wußte, daß es dabei teilweise zu herben Brüchen gekommen und die Loslösung vom Elternhaus in manchen Fällen radikal und endgültig war.
In Frankreich sah er, daß er das Erbe der deutschen Kriegsgeneration antreten mußte. Ein Deutscher zu sein, hieß : an die Verbrechen der Nazi-Zeit erinnert zu werden, die im Namen Deutschlands begangen worden waren. Es war nicht möglich, dieses Erbe auszuschlagen wie einen verschuldeten Nachlaß. Er konnte aus seiner (deutschen) Haut nicht heraus.


Stolz. Ein deutscher Kollege beklagte sich bei ihm am Telefon : „Ich wäre so gern so nationalstolz wie die Franzosen. Wir Deutschen zerfleischen uns einfach immer selbst mit unseren Schuldgefühlen.“ Er fragte ihn, was er mit französischem Nationalstolz meinte. „Geschichtlich unbelastet zu sein eben. Eleganz, Esprit, die Ideale der Französischen Revolution. Damit kann man sich einfach besser identifizieren !“
Er ging zu seinem französischen Kollegen und bat ihn um eine Auskunft : „Jetzt mal ehrlich : Wie siehst du als Franzose Deutschland und die Deutschen ?“ - „Reg dich nicht auf !“ sagte dieser. „Wir bewundern euch. Ehrlich. Aber wir sind halt ein bißchen anders. Ihr seid Germanen, wir sind Gallier. Hauptsache ist, wir bleiben friedlich !“


Nochmal Stolz. Er dachte nach, ob er während seines Frankreichaufenthalts einmal so richtig stolz auf sein Heimatland gewesen war.
Ja, es hatte eine Episode gegeben, die ihn mit Stolz erfüllte : Die französische Klasse verbrachte eine Woche im Schwarzwald. Alles bestens organisiert. Rücksicht auf französische Tischsitten. Um das Haus herum floß ein Bach, in dem die Kinder an einem Samstagnachmittag spielen durften. Ein Kind verletzte sich an einer Glasscherbe am Fuß und blutete stark. Notverband durch den Heimleiter. „Zur Sicherheit fahren wir aber in die Ambulanz des Krankenhauses !“ Der französische Lehrer wühlte während der Fahrt in seinen Papieren und erbleichte. Ausgerechnet von diesem verletzten Jungen war die Versicherungskarte nicht da.
Im Krankenhaus eine junge, lässige Mannschaft. Versuche der Ärztin, den Jungen mit ihrem Schulfranzösisch zu beruhigen. Es kam der unausweichliche Moment, wo das Krankenhausformular ausgefüllt werden mußte. Krankenversicherung des Verletzten ? Versicherungsnummer ? Er befürchtete bereits deutsch-französische Komplikationen.
Souveräne Reaktion der Jungärztin mit dem entsprechenden charmanten Augenzwinkern : „Die Nummer des Jungen schicken Sie uns nach. Hauptsache, die Wunde heilt.“ Kosten ? „Ich bitte Sie. Wo denken Sie hin ?“ Ein erleichterter französischer Klassenlehrer und ein stolzer deutscher Begleiter.


Rückkehr. Die Bewunderung war nicht gespielt. Der Respekt war groß. „Daß du uns jetzt aber nicht größenwahnsinnig wirst !“ sagten die deutschen Kollegen bei seiner Rückkehr. Er gab einige Anekdoten zum Besten, und er bemerkte ungläubiges Staunen in den Augen der Kollegen, als er vom französischen Schulsystem erzählte. „Ich dachte, in Frankreich sei alles so locker !“ sagte die Schulsekretärin, die regelmäßig nach Frankreich in Urlaub fuhr.


Vorsätze ? Er würde strenger zu den Kindern sein. Ein bißchen in der Art, wie die Lehrer in seiner Jugendzeit waren. Auf seiner Nase wollte er sich nicht mehr herumtanzen lassen.
Und er würde sich ernsthaft vornehmen : Sei nett zu den Emigranten, die nicht gut Deutsch sprechen. Sie sind in einer Not-Situation, aus welchen Not-Gründen sie auch ins Land gekommen waren.


Bilanz ? „Du wirst uns fehlen“, sagte der französische Kollege beim Abschied. Und er lachte: „Wir haben nicht aufeinander geschossen. Treffen wir uns mal wieder. Lernen wir uns noch besser kennen. Laß mal wieder was von dir hören.“

Ulrich Reyher

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