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In der Schule des anderen unterrichten:
Gekreuzte Blicke von Lehrern aus Deutschland und Frankreich |
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Der Aufbruch Christine Reinicke
Die erste Einladung an den Genfer See : Was sind das für Menschen, die diesen Austausch machen wollen ? Noch bin ich in Berlin verwurzelt, der Entschluß wegzugehen ist zwar gefällt, aber die Implikationen der Veränderung sind noch nicht erlebt, noch nicht einmal erahnt. Es wird etwas zurückgelassen werden, das so niemals wiederzuerlangen sein wird. Das Weggehen vom vertrauten Ort, das zielgerichtete, nicht die überstürzte Flucht, sondern die freiwillige, wird eine Veränderung schaffen, deren Konsequenzen per se kaum antizipiert werden können. Alles was Freude und Trauer bereiten konnte und bereitet hat, alles was Bewusstsein vermittelte oder Wut und Ärger auslöste, alles bleibt an diesem Ort, der verlassen wird. Später wiegen die Erinnerungen schwer, aber es sind Erinnerungen, die einem wirklichen Ort gegenüberstehen. Alle Freunde, vielleicht eine Familie, alle Kneipen, Gebäude, die Luft und alle Gewohnheiten bleiben dort. Ich nehme kaum mehr mit als meine Haut und meine Erfahrungen, überwiegend in der Heimat gemacht, immer mit der Heimat im Rücken. Selbst der Begriff Heimat kann später aus der Entfernung zum ersten Mal reflektiert werden.
Ich nehme auch einige Sachen mit, die anscheinend wichtigsten. Aber bereits die Auswahl zerstört das Ensemble : Wer ist wichtiger : Thomas Mann oder Terry Eagleton ? Absurde Entscheidungen werden getroffen. Die Auswahl des Einen evoziert die Frage nach dem Anderen. Es gibt Entscheidungen, die nicht getroffen werden können. Ich habe meinen Beruf als Möglichkeit in der Fremde zu arbeiten. Bald wird sich aber herausstellen, daß es einzig und allein das monatliche Gehalt ist, das sich nicht verändert. In Frankreich übe ich einen anderen Beruf aus, institutrice oder professeur dallemand ist etwas vollständig anderes. Kaum eine einzige konkrete Erfahrung wird mir hier in Frankreich etwas nützen. Von morgens bis abends weiten sich die Augen. Schlimm wird es erst, wenn die Heimat weg ist. Sie verschwindet nicht sofort durch den Weggang, sie bietet noch geraume Zeit Schutz, soetwas wie einen Mantel, in den ich eingehüllt bin oder wenigstens mich einhüllen kann. Sie verschwindet langsam und wird zu einem fernen Ort, der seine Selbstverständlichkeit verloren hat. Vielleicht gewinnt der Ort aus der Ferne sogar an Bedeutung, wird aber nicht Zielpunkt der Sehnsucht so wie vorher die Fremde.
Der Übergang
Der Übergang ist ein freier Flug : Berlin - Urlaub in Italien, mit Blick auf Frankreich und ohne die Möglichkeit, auch nur einen vagen Eindruck des Urlaubsorts aufzunehmen - Köln, der Sprachkurs, Delirium - La Rochelle, Fortsetzung des Sprachkurses, die Annäherung, Delirium !
Unmöglich Boden unter den Füßen zu finden in dieser Übergangssituation. Aber alle Überläufer sind zusammen, erleben den Übergang kollektiv. Die Situation kann reflektiert werden. Das einzige, was uns alle wirklich verbindet, ist der Aufbruch. Nur werden alle in unterschiedliche Richtungen aufbrechen. Jeder hat ein anderes Ziel und eine andere Heimat. Wir sind uns fremd und kommen uns doch sehr nah in dieser Übergangssituation. Freundschaften mit Menschen entstehen, die unter alltäglichen Bedingungen nie entstanden wären : Annäherung in einer kompletten Ausnahmesituation.
Endlich komme ich an. Mit einer absurden Stabilität und der Erfahrung, zwar allein aber in meiner Situation doch nicht die einzige zu sein. Jeden Hauch von Sicherheit und Stabilität werde ich brauchen, um die doch sehr lange Zeit der Fremdheit und nie gekannter Einsamkeit zu überstehen.
Ankunft in P.
Doppelte Fremde in der Provinz. Kein Mensch zeigt Interesse an mir. Ist es denn möglich ? Wie kann ich mich stabilisieren in diesem Nest, das noch dazu französisch ist, mit meinen 45 Lenzen, die mir zwar immer keiner glaubt, was mir schmeichelt, die ich aber dennoch heftig erlebt habe ?
Ich lerne Vereinsleben in der Kleinstadt kennen : Turnverein, Städtepartnerschaftsverein und Schwimmverein. Eine vage Erinnerung an den Gesundheitsverein in Berlin-Spandau, gleich neben der Behelfsheimsiedlung überfällt mich. Im Gesundheitsverein hatten meine Großeltern eine Laube mit geradegeschnittener Hecke um ihren kleinen Garten und in der Behelfsheimsiedlung lebte meine Familie vor ihrem Aufstieg mit mir nach ihrer fluchtähnlichen Auswanderung aus der sogenannten sowjetisch besetzten Zone. Die Hotelbar des einzigen Hotels in P. ist auch die einzige Möglichkeit Kontakte, die über das Vereinsleben hinausgehen, anzuknüpfen und muss damit als Möglichkeit absolut ausgeschlossen werden. Wie sollte man sich mitteilen in einer Umgebung, die keine Alternative hat ? Kann man sich dort nicht schlechtestenfalls anpassen ?
Mit Berlin als Heimat, nach einem Literatur- und Philosophiestudium, Arbeit als Lehrerin im schwierigsten Bezirk an der schwierigsten Schule, immer mit gleichzeitiger Fortbildung, Teilnahme an kulturellen Ereignissen, politischen Diskussionen über Rassismus oder das Verhältnis von Liebe und Sexualität in Romanen sowie in der Realität, komme ich also in P. an und finde mich in einem Städtepartnerschaftsverein wieder. Und plötzlich merke ich, daß ich nie wieder zurück gehe. Warum ? Weil ein Abschied ein Abschied ist, Weil es einzig dieser Entschluss ist, der mir ermöglicht, mich ganz und gar einzulassen. Habe Verständnisschwierigkeiten, den Diskussionen über die Farbe und Gestaltung der Wimpel zu folgen. Le fanion, le guidon, freue mich, daß sich alle freuen, daß es noch viele Schals mit den Farben von G... und P... gibt, die man beim nächsten Partnerschaftsbesuch als Manifestation und als Erkennungszeichen tragen könnte.
Werde freundlich gefragt, ob ich mit einigen Schülern die deutsche Nationalhymne bei der Ankunft der deutschen Abordnung vorsingen könnte, Nein, das kann ich nicht, die Nationalhymne singe ich nicht ! Verblüffung - Ich bin nicht fähig mich verständlich zu machen.
Zu der Abordnung aus G. gehören auch die « Herzbuben ». Sie brauchen je ein Doppelzimmer mit einer französischen Liege, ihre Volumen passen nicht in einfache Betten. Die erdrückenden Zeichen deutscher Gemütlichkeit. « Ils ne connaissent pas le régime, les allemands ? »
Was haben sich meine Landsmänner bloß dabei gedacht, diese faden Leute mitzubringen ? Vielleicht ist diese kulturelle Dumpfheit einer der Gründe, weshalb ich nicht mehr zurückgehen werde ?
Ich habe also die Wahl zwischen Fernsehen und Isolation und diesen Zusammenkünften. Wie soll, nein, wie kann ich diese Sprache lernen unter diesen Bedingungen ? Natürlich gibt es in diesem Dorf, das laut Bürgermeister durch Eingemeindung der umliegenden Dörfer Kreisstadt geworden ist, niemanden, der mir französisch beibringen könnte. Vielleicht sprechen sie es ja selber nicht. Dafür kann ich aber etwa alle 6-7 Wochen mit dem Turnverein wandern. Die Turnlehrerin hat den ersten Preis beim Wettkampf « Hunde und Menschen » gewonnen, bei dem sich die Hundehalter gemeinsam mit ihren Hunden abhetzen, um irgendwo an einem Ziel schneller anzukommen als andere Hundehalter mit ihren Hunden. Exotismus und Francophilie reichen bei einer solchen Anfechtung nicht mehr aus. Ich bin freundlich habe aber nichts Gemeinsames mit den Anhängern dieses Sports.
In P. hat mein Leben als Frau noch nicht angefangen. Es ist vielmehr eine geschlechtslose, kindliche Zeit. Ohne Sprache, ohne die Möglichkeit mich verbal auszudrücken, nehme ich auch mein Geschlecht nicht zur Kenntnis. Nein, es fehlt nicht nur an der Möglichkeit, mich sprachlich auszudrücken. Es fehlt überhaupt die Möglichkeit mich auszudrücken. Das Leben als Frau wird erst beginnen, sobald auch die Umwelt mich wahrnimmt. Aber Frau hier bedeutet anderes als Frau dort. Wie alle Gesten, alle Erscheinungsformen etwas anderes bedeuten. Das Neue kommt nicht dosiert auf mich zu, es stürzt auf mich ein und bricht über mir zusammen. Was kann ich denn überhaupt sehen und zur Kenntnis nehmen, solange ich noch so fremd bin, aber eben doch bereits den sicheren Schutz des Vertrauten nicht mehr habe ? In P. bin ich nach ausgedehnter Kontaktsuche überwiegend auf Frauen getroffen. Diese sind in der Regel verheiratet und Lehrerinnen oder lediglich verheiratet und stellen bloß insofern ein Geheimnis für mich dar, als sie französisch sind. Ansonsten machen sie mir kaum Lust, sie näher kennenzulernen. Die Frauen, auf die ich mich dennoch einlasse, sind meist aktiv, halten ihre Familie auf Trab und kochen gut : Sie haben also ein Kind oder mehrere Kinder, ein Haus mit Garten und eventuell das entsprechende Tier dazu und natürlich den Gatten.
Die männlichen Kollegen, sowie die Herren aus den Vereinen rufen nicht gerade Aufregung bei mir hervor : Sie sind weniger Männer als Väter : Gute Väter oder ehemalige Väter, also verlassene Ehemänner und zukünftige Väter. Ich komme hier zu der Überzeugung, daß Mann und Vater offenbar zwangsläufig ein Gegensatzpaar darstellt, wie gut und böse. Hier in P. wähne ich mich manchmal fast in Deutschland, wenn mir fortwährend eine äußerst bequeme Jogginghose begegnet. Außer den Vätern und zu vernachlässigenden Dorfplayboys gibt es noch aus der Stadt aufs Land gekommene Karrieremänner : Bürgermeister, Direktoren, Vereinsvorsitzende, usw, die sich natürlich auch durch eine gewisse Kleinheit auszeichnen, denn andernfalls wären sie ja in der Stadt zu ihrer Karriere gelangt.
Die Kinder dieser Familien begegnen mir in der Schule und zu Beginn kann ich nur wahrnehmen, daß sie besser französisch sprechen als ich. Sie selbst sind wohl wie ich zunächst auch stark verunsichert. Irgend etwas stimmt da mit der Hierarchie nicht. Von den meisten Schülern wird es glücklicherweise nicht bemerkt und somit profitiere ich vom französischen Schulsystem, ohne bereits verstanden zu haben, auf welchen Verhaltensmustern es basiert. Aber an zwei bis drei Schulen bröckelt es ! Die Schüler machen sich über mich lustig und meine typisch deutschen Reaktionen bringen die Lawine erst recht ins Rollen. Ich werde böse. Sie lachen verstärkt über mich und unterhalten sich prächtig. Ich verstehe ihre Bemerkungen einerseits nur teilweise, und spreche ja auch noch nicht gut genug, als daß ich angemessen darauf reagieren könnte, andererseits verstehe ich zuviel, als daß es mich unberührt lassen könnte. Wie komme ich hier wieder heraus, ohne schweren Schaden zu nehmen ? Was bedeutet vor allem angemessenes Reagieren ?
Der Lehrer in Frankreich nimmt scheinbar die Kinder nicht zur Kenntnis und doch ist er präsent, sehr viel präsenter als ein deutscher Lehrer.
Was gefällt mir in Frankreich eigentlich besser als in Deutschland ? Neben der Fremdheit und der Dumpfheit in P. faszinieren mich dennoch so viele Kleinigkeiten in Frankreich, an die ich mich mittlerweile, ein Jahr später bereits gewöhnt zu haben scheine. Jede Verkäuferin, jede Kassiererin im Supermarkt begrüßt mich freundlich, oft sogar mit einer Bemerkung auf den Lippen : Zu meinem schwarzen Seidennachthemd im Einkaufswagen : « Ce sont les petits plaisirs quon soffre à soi-même ».
Auch das bessere Essen fällt mir allerdings immer und überall auf : nicht nur in bürgerlichem Umkreis, sondern auch in etwas bescheideneren Gegenden.
Endlich angekommen
Der Wechsel vom Dorf in die Stadt - die Hoffnung ! Das Leben in der Fremde beginnt erst jetzt, ein Jahr später.
Lauter Menschen, die französisch sprechen, einige, die es noch lernen. Ich scheine angekommen zu sein. Aber meine Heimat ist verschwunden. Meine Ankunft hat meine Zugehörigkeit zu dem verlassenen Ort anscheinend vollständig aufgehoben. So fahre ich also im Sommer nicht zurück in die unlängst verlassene Heimat, sondern mache eine Reise in eine viel weiter zurückliegende Vergangenheit : nach zwanzig Jahren kehre ich zurück nach Pathmos, um mich dieser anderen alten Heimat zu versichern. Auch dort bin ich verwurzelt, und habe unauslöschliche Spuren hinterlassen. Ich freue mich, dieses alte Zuhause wiederzufinden. Aber warum jetzt, wo ich gerade in Frankreich angekommen bin ? In der Fremde beginnt die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Nur aus einer großen Distanz erhalten oft Handlungen sowie Erlebnisse einen Sinn.
Paris erscheint mir wie eine Wiedergeburt. Es ist nicht nur die Sprache, die ich inzwischen etwas besser spreche. P. hat mir ja alles in allem nicht viel Sprache beigebracht. Auch hier in Paris ist nichts vertraut. Das wird aber ausgeglichen durch das Spannende dieser Stadt. Meine Einsamkeit erfahre ich weniger bedrückend, da die Stadt selbst kommunikativ und beweglich ist. Sie erzählt unablässig Geschichten und Geschichte. Ein Spaziergang durch die Straßen versöhnt mich mit der Fremdheit, mit dem Gefühl, nicht dazu zu gehören und vermutlich nie dazugehören zu können. Alle reden immer miteinander, haben sich ständig etwas mitzuteilen. In Berlin quälen sich bei Begegnungen oft mühsam lediglich drei Worte über die Lippen.
Nicht nur, daß mir die Worte fehlen, auch wenn ich über sie verfügte, wüßte ich nicht, was ich sagen sollte. Aber weil es mir so gut in Paris gefällt und weil ich nur noch ein bisschen traurig und einsam bin und weil ich mir fest vorgenommen habe alles zu sagen, was mir einfällt und nicht mehr nur mit großen verwunderten Augen auf die sich eloquent unterhaltenden Menschen zu schauen, fange ich an zu reden in vielen passenden und unpassenden Situationen. Ich sage irgendetwas und strahle. Man sieht mich verwundert und interessiert an. Ja, man sieht mich anscheinend zum ersten Mal überhaupt an.
Mein Strahlen, meine Annäherung wird von den Männern aufmerksam aufgenommen. Zunächst fällt es mir gar nicht auf, daß es überwiegend Männer sind, die aufgeschlossen und zugewandt auf mein neu erwachtes Mitteilungsbedürfnis eingehen. Bahnt sich da etwa eine neue Frustration an ? Bin ich vielleicht noch immer meilenweit von einer Annäherung entfernt ? Laufe ich da mit riesen Schritten auf ein neues Mißverständnis zu ? Mein Strahlen kommt zu gut an.
In Berlin lernt man sich ja praktisch nicht mehr kennen. Männer sprechen keine Frauen an, oft sehen sie sie nicht einmal an und Frauen sprechen auch keine Männer an. Neue Kontakte in Berlin außerhalb der Arbeit zu knüpfen ist nahezu unmöglich. Jeder ist unablässig damit beschäftigt zu zeigen, wie wenig er die anderen Menschen nötig hat und wie unabhängig von sozialen Kontakten er doch ist. In Berlin ignoriert man sich erfolgreich und schweigt sich gelangweilt an.
Meines Erachtens geht das neben vielen anderen Gründen auch zurück auf ein kollektives Mißverständnis : Die Männer wußten sich nicht anders zu helfen als durch Nichtbeachtung der Frauen. Dies ist sicher eine Folge der intensiven, andauernden und überaus begrüßenswerten Diskussion über männliches Anmachverhalten. Nachdem zunächst die Feministinnen, dann nahezu alle Frauen in öffentlichen und privaten Diskussionen und über Presse und Literatur den Männern dieses Anmachverhalten vorwarfen, traten auf der männlichen Seite mehrere Reaktionen hervor : Der verständnisvolle Mann, der gekränkte... und letztendlich weitverbreitet zum Schluß der ignorierende Mann.
Daß das männliche Anmachverhalten von Frauen als derart bedrohlich erlebt wurde, geht sicherlich daraus hervor, daß es unter anderem eine Bedrohung ihrer Sexualität ist, impliziert es doch (in seiner traditionellen Form) ihre Passivität. Wegen einer tendenziellen Genussunfähigkeit vieler Frauen und ihrer Schwierigkeiten « nein » zu sagen, wenn ein Kontakt nicht erwünscht war, wurde nun Großmutters Moral aus der Mottenkiste geholt : Wir Frauen wollen nicht dauernd von den Männern angesprochen werden, wir gehen aus um uns friedlich zu unterhalten, nicht etwa um einen Mann kennenzulernen. Ein bisschen schwang da wohl durchaus mit « Wir wollen sie selbst anmachen ». Aber die Versuche, selbst Aktivitäten zu entfalten, waren zum Teil sicherlich spektakulär, blieben aber letztendlich vereinzelte Unternehmungen. Der kollektive Befreiungsversuch der Frauen blieb auf weiter Ebene in einem Versuchsfeld stecken. Als Ergebnis haben wir nun eine gewisse Kommunikationslosigkeit. Die Männer waren allzu brav und gehorchten, indem sie sich fürderhin in Schweigen hüllten. Man sagt dazu glaube ich « das Kind mit dem Bade ausschütten ». Einige Frauen wollen nun, fünfzehn Jahre später noch immer nicht wahrhaben, daß sich die Männer zurückgezogen haben und sollten sie sich immer noch angemacht fühlen, muß es wohl doch ein bisschen von paranoiden Wahn- oder Wunschvorstellungen haben.
In Paris spielt es immer eine Rolle, ob man Mann oder Frau ist. Seit ich in Paris bin, habe ich keinen Augenblick vergessen, daß ich eine Frau bin. Wie ganz früher in Berlin. Ich werde hier ständig irgendwie hofiert, das gehört so zum Alltag dazu. In den Bars bzw. den Kneipen, wo sich viel soziales Leben abspielt, wird keine Frau übersehen. Ebenso ist es bis jetzt nie von meinen männlichen Kollegen unkommentiert geblieben wie ich aussehe, ob schön oder verrückt, wie das Parfüm riecht, wie der kurze Rock aussieht oder wie meine Figur gefällt. Über alles werden unablässig Kommentare abgegeben. Was mir an dieser Situation gefällt, ist die Tatsache als sexuelles Wesen zur Kenntnis genommen zu werden. Mir gefällt daran nicht, daß ich auf eine doch recht begrenzte Rolle festgelegt werde. Der Mann ist es, der die Frau anspricht und mit dem Spiel der Verführung, « jeux de la seduction » beginnt. Mein Strahlen ruft Irritationen hervor und wird als Einladung und Provokation mißverstanden. Natürlich will ich manchmal auch einladen und provozieren, nur nicht jedesmal, wenn ich freundlich bin. Ich kenne die Regeln noch nicht, weiß noch nicht, wie ich mich in ihnen bewegen muß und schon gleich gar nicht, wie ich sie durchbrechen kann. Ein Verlassen der mir vorgeschriebenen Rolle kann mich in den Augen der anderen blitzschnell in eine Hure transformieren, mit allen negativen Implikationen.
Frauen haben auch in spielerischen Situationen in dem für sie abgesteckten Rahmen zu verweilen. Also selbst im Spiel, wo vorsichtig ein anderer Umgang eingeübt werden könnte, darf ich keine aktive Rolle übernehmen « draguer ». Es scheint eine Metaebene nicht zu geben. Der postmoderne Umgang mit der klassischen Anmachsituation scheint schlicht nicht existent zu sein : ich meine damit das Zitieren bestimmter Redefloskeln, das eine Distanzierung von dem Gesagten ermöglicht, ohne auf die entsprechende Äußerung verzichten zu müssen. Damit ist selbstverständlich auch ein spielerischer Rollentausch ausgeschlossen ! Wenn gespielt wird, dann nur eins zu eins. Die Distanz zu dem klassischen « jeux de la séduction » ist nicht vorhanden. Von daher entsteht die Frage, ob es zwischen Ernst und Spiel überhaupt einen Unterschied gibt.
Pariserinnen sind charmant, oft unbekümmert ja möglicherweise sogar gleichgültig gegenüber den Worten und Mitteilungen ihrer Männer, dabei gleichbleibend reizend. Wo deutsche Frauen längst Grundsatzdiskussionen mit ihren Männern angefangen hätten, wird hier von den Französinnen lächelnd, schulterzuckend über männliche Unfreundlichkeiten, Anmaßungen und Forderungen hinweggegangen. Letztendlich tun sie aber doch genau das was sie wollen, was sich auch durchaus als Gegenteil zu dem männlichen Wunsch herausstellen kann. Fast scheint es, als nähmen sie ihre Männer einfach nicht ernst. Lange dachte ich über ihre Art des Sprechens nach, fand ihre meines Erachtens sehr viel helleren Stimmen als die deutscher Frauen albern, fand, daß es ein untrügliches Zeichen von Unterwerfung unter männliche Bedürfnisse sei. Ganz im Gegenteil dazu meine ich mittlerweile, daß diese Art des Sprechens zweierlei bewerkstelligt : zum einen schafft sie Schutz und Abwehr gegenüber möglicher männlicher Überlegenheit und zum anderen wird genau diese Überlegenheit angezweifelt und abgewertet. Ist doch die helle Stimme nicht nur die Sprache des Kindes sondern auch die Sprache zu dem Kind. Der vielgelobte Charme der Französinnen ist ebenso anziehend und faszinierend, wie er auch eine sichere Distanz schafft.
Jedenfalls muß ich mein spezifisch deutsches Bedürfnis nach Diskussionen der Geschlechterrollen erst einmal ganz hinten anstellen. Meine andauernde (prinzipielle und spezifische) Frage nach einer weiblichen Fähigkeit, Männer eben auch als Objekte des Begehrens zu begreifen und nicht bloß selbst Objekt zu sein und Applaus zu bekommen und auch der sich mir aufdrängenden Frage nach dem eigentlichen Sinn des nahezu völligen Kahlscherens des weiblichen Körpers, kann ich schwerlich nachkommen, ohne mitleidiges Schmunzeln oder schlicht absolutes Unverständnis bei meiner französischen Umwelt hervorzurufen. Es scheint feste Regeln zu geben, so etwas wie Naturgewalten, die allen Franzosen und Französinnen klar sind und über die nicht diskutiert wird. Selbst Frauen, die sich nicht in erster Linie über ihre Feminität definieren, kommen mir babygleich kahlgeschoren entgegen und machen mich auf meine Haare an den Beinen aufmerksam, wie auf einen Fleck, den ich übersehen hätte. Unmöglich das als Geschmack und Eigenwilligkeit zu vertreten und dadurch der Abwertung zu entziehen. Die Haare unter den Achseln verstecke ich vorsorglich, sonst werde ich wohlmöglich noch in den Zoo gebracht.
Ich meine allerdings, daß es weniger ein nationales Problem ist mit den Körperhaaren, sondern eher ein sexuelles : Der Verzicht auf Körperhaare scheint mir, unvorsichtig gesprochen, ein Verzicht auf Sexualität zu sein, Das Schönheitsideal ist hier doch das vorpubertäre Kind. Aber vielleicht sind es nur vollkommen andere Typen, die ich hier kennenlerne und zwar in einer anderen Zeit.
Vielleicht kann ich auch das französische Reden in Stereotypen nicht wie das deutsche von reflektierter Sprache unterscheiden.
In einem gewissen Alter mit etwas avancierten intellektuellen Ansprüchen und geringen Französischkenntnissen nach Frankreich zu immigrieren, kann sehr erfreuliche Erlebnisse auf der einen Seite schaffen aber ebenso absurde Formen von Verzweiflung und Einsamkeit auf der anderen Seite. Das Märchen der kleinen Seejungfrau von Andersen kommt mir in den Sinn : Die kleine Meerjungfrau, die so wunderschön singen kann, verliebt sich in den Prinzen. Damit sie auf der Erde leben kann, muß sie ihre Stimme hingeben um ihren Fischschwanz gegen Füße eintauschen zu können. Aber genau durch diese Sprachlosigkeit kann sie die Liebe des Prinzen nicht gewinnen. Zwischen Paris und mir besteht die gleiche tragische Liebesgeschichte.
Aber was mir in Frankreich gefällt, lässt sich noch besser erklären durch eine Gegenüberstellung bestimmter Verhaltensweisen in Deutschland und in Frankreich, die das alltägliche Leben betreffen. Phänomene in Deutschland, die mir bislang auch noch nicht so klar waren können jetzt aus der Entfernung im Vergleich überhaupt erst begriffen und benannt werden : Es gibt in Deutschland etwas, das ich Hierarchiendiskurs nenne, der stets präsent ist. Nahezu jeder versucht immer und überall klar und deutlich seinen Wert, ja seine Macht zum Ausdruck zu bringen. Der andere, der Fremde wird, wenn eben überhaupt, argwöhnisch, ja feindselig angesehen. Dem anderen wird per se eine Minderwertigkeit unterstellt und sich selbst Überlegenheit bescheinigt. Ein Bestandteil dieses Diskurses scheint mir unter anderem das Auftreten berufstätiger bzw. erfolgreicher Frauen : Mittlerweile schüchtert es mich fast ein, wenn ich in Berlin durch die Straßen des Zentrums laufe : Ich sehe schöne, selbstständige Frauen meines Alters, die alles in allem viel mehr Platz einnehmen als entsprechende Frauen in Paris. Sowohl was ihren körperlichen Umfang anbelangt als auch ihre Kleidung : Sie tragen teure Stoffe, wunderschöne geschmackvolle Mäntel, große auffällige Brillen und kommen vor allem sicheren Schrittes daher. Kein Zögern, kein Zweifeln wird an ihrem Verhalten sichtbar. Sie sehen auffällig und teuer aus. Ich spreche nicht von einer vereinzelten Frau, die sich deutlich von anderen unterscheidet, sondern von der Gesamterscheinung. Es ist ein positives Bild, es ist ein Erfolg, wenn Frauen sich ihres Werts sicher sind. Was mich irritiert ist lediglich das unablässige Demonstrieren dieses Verhaltens.
In Frankreich scheint mir einerseits ein Gleichheitsgedanke fundamental in die Verhaltensweisen der Menschen eingeschrieben zu sein und andererseits sind auf beruflichem Niveau die Hierarchien klarer als in Deutschland definiert. Ständiges Demonstrieren seines Wertes, ständiges, angestrengtes Hinweisen auf seine außergewöhnlichen Fähigkeiten ist nicht notwendig, wirkt unter Umständen sogar eher lächerlich, auf jeden Fall aber befremdlich. Wohltuend kann man im alltäglichen Umgang mit seinen Mitmenschen bald auf seine Angriffshaltungen oder Verteidigungsstrategien verzichten und sich also entspannen.
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