Frühe Sprachvermittlung
Enseigner dans l’école de l’autre :
regards croisés d’instituteurs

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Das Nahe
ist oft
so fern.
Um so erstaunter war ich, dass meine französischen Schüler, wenn wir von unseren Wochenendbeschäftigungen sprachen, nur selten wussten, wie Austern gezüchtet werden. Sie kannten auch nicht eine traditionelle, auf das Mittelalter zurückgehende Fischfangmethode "Die Pêcheries", die bis heute noch praktiziert wird. Und das alles nur 12 km von ihrem Wohnort entfernt.
Fuhr man als Familie überhaupt ans Meer, so nach dem üppigen Sonntagsessen gegen 16.00 Uhr, dann war je nach Temperament entweder ein kurzes Bad oder der Spaziergang auf der Strandpromenade angesagt. Was rechts und links davon geschah, interessierte nicht oder es hätte eigener Bemühungen bedurft, das Unbekannte zu entdecken. Dafür reichte nicht die Zeit. Viele Kinder blieben aber auch nur in ihrer "Cité", da von den Eltern keine Aktivitäten unternommen wurden. Zum Glück gab es auch Ausnahmen.

Mein Blick fällt wieder auf die Zeitungsausschnitte. Ja, ich beschloss im Kulturzentrum von Coutances, ähnlich einer VHS bei uns, eine Fotoausstellung "La Mer et ses Hommes" zu gestalten und dazu ein Fotoheft herauszugeben. Die 100 Exemplare waren nach der ersten Woche zu meinem Erstaunen vergriffen, weitere Auflagen folgten, insgesamt 450 Exemplare in zwei Jahren.
Das positive Echo, vor allen Dingen von den Fischern, aber auch von der Presse, bestärkte mich in den Bemühungen dieses Leben rund ums Meer, das auch ein Stück Kulturerbe repräsentiert, weiter zu beobachten und zu dokumentieren.
Es folgten weitere Ausstellungen und Fotohefte, auch noch lange nach meiner Rückkehr nach Berlin. Besonders freuten mich Aufträge von Austernfischern, die spezieil über ihre Arbeit ein Fotoheft erstellt haben wollten, um auf Verkaufsmessen, z.B. in Colmar, ihre Produktionsmethoden den interessierten Konsumenten zu erläutern.
lm Laufe der Jahre bekam ich immer mehr Achtung vor dieser schweren, körperlichen Arbeit, die gleichzeitig viel Wissen und Erfahrung verlangt. Und das nicht nur bei Sonnenschein, sondern im wahrsten Sinn des Wortes auch bei Nacht und Nebel, das ganze Jahr über, wie eben gerade die Ebbe fällt.

Das scheinbar
Selbstverständliche
festhalten
Diese Einmischung von mir als "Aussenstehender" wurde von den "Einheimischen" als das was es war gewertet: Nicht als Besserwisserei, sondern als persönliches Engagement von jemandem, der gerade weil er von aussen kommt, bestimmte Dinge die scheinbar so selbstverständlich sind, sensibler wahrnimmt, sie schätzen lernt und mit anderen darüber gerne ins Gespräch kommen möchte. Ich hôrte dann immer wieder den Satz: "Da musstest du erst aus Berlin kommen, damit wir sehen, was es alles Schönes bei uns gibt."
Ging es mir nicht genauso? Obwohl ich ais Berliner immer die Möglichkeiten hatte, Zustände und Veränderungen in dieser Stadt fotografisch festzuhalten, hatte ich zwei Wochen, bevor ich mich in die Normandie aufmachte, kein einziges Dia über Berlin in der Tasche. Seine eigene Stadt fotografieren, warum?
Erst da fiel mir ein, dass es wichtig sein könnte in Frankreich nicht nur verbal über die eigene Stadt Auskunft geben zu können.
Landeskunde
Land erkunden
Dabei hatte ich jahrelang deutsch - französische bildnerische Werkstätten mitgeleitet mit dem Ziel, über Fotos, die man während gemeinsamer Stadterkundungen machte, zu unterschiedlichen Aussagen über das Gesehene zu kommen.
Ich machte mich also eines morgens um 7 Uhr auf und fuhr all die Ecken ab, die mir wichtig oder beispielhaft für diese Stadt waren und fotografierte sie. Als ich spätabends mit 10 vollen Filmen nach Hause kam, ärgerte ich mich, dass ich mir nicht schon früher diese Zeit genommen hatte. Denn viele Ecken hatten sich im Laufe der Zeit radikal verändert. Und genau diese Veränderungen machen auch Culturelle Entwicklungen deutlich. Wie auch immer: Die 300 Dias, die ich mitnahm nach Coutances, dienten mir nicht nur für die Schüler als Anschauungsmaterial. Ein Diavortrag über Berlin im Kulturzentrum motivierte viele Eltern, sich mit Berlin und Deutschland im Allgemeinen auseinanderzusetzen.

Aber auch innerhalb meiner Arbeit ergaben sich Situationen, die mich bewegten und veranlassten mich öffentlich zu äussern: so der drohende Wegfall des zweiten Postens eines Deutschlehrers in den Grundschulen oder das Bemühen unsere Arbeit als sinnvolle Tätigkeit, die auch weiter unterstützt werden sollte, darzustellen (Im Übrigen wurde leider der Frühdeutschbereich in Coutances aus mangelndem Interesse "von oben" vor ein paar Jahren eingestellt).
Farbe
bekennen?
Und schliesslich: Zusammen mit einem befreundeten französischen Deutschlehrer nahmen wir zu einer nicht nur unserer Meinung nach problematischen Ausstellung über die Deportation und den Wiederstand Stellung, die für Schüler mehr Fragen offen liess, als dass sie sie beantwortete.
Eine geharnischte Antwort des Präsidenten der Deportierten des Départements der Manche war darauf die logische Konsequenz.
Hatte ich das Recht mich in eine solche prekäre Debatte, besonders als Deutscher, einzumischen? Hätte ich als Gast diplomatischer sein sollen?
Dagegen waren meine Diavorträge über Berlin, besonders ein paar Jahre später, nach dem Fall der Mauer, unproblematischer und stiessen auf grosses Interesse...
Ich gebe offen zu: Eine zurückhaltende Anpassung an Gegebenes, oder gar eine kritiklose Bewunderung des Anderen ist noch nie meine Einstellung gewesen, genauso wenig wie ich ein glühender Vertreter meiner Kultur und meines Landes bin.

Ursprünge
Wo stehe ich?
Das von mir beschriebene Hin und Her zwischen zwei Kulturen hat mich sensibel gemacht, die jeweiligen positiven, wie auch die kritikwürdigen Aspekte der anderen Kulturumgebung zu sehen. Ich fühle mich daher weder als Deutscher, noch als Franzose. Und schon gar nicht als "Europäer", auch wenn es noch so modern klingt.
Wenn schon dann sehe ich mich bewusst als "Westberliner", nicht um mich gegen den Rest der Welt abzuschotten, sondern im Gegenteil hat mir diese Stadt durch ihre Zerrissenheit, durch ihre vielfältigen Einflüsse, den Blick frei gemacht, über den eigenen kulturellen Tellerrand zu gucken. Nicht umsonst wohne ich jetzt im Prenzlauer Berg (ehemals Ostberlin), was meine Kollegen in Frohnau (ehemals Westberlin) nun partout nicht verstehen können.
Das Hinterfragen der eigenen Denkschemata und die Bereitschaft "Neues", im weitesten Sinne des Wortes, an sich heranzulassen, verlangt mehr Kraft und Abstand zu sich selbst, als auf die schon bekannten kulturellen Erklärungsschablonen zurückzugreifen ("So sind die Franzosen", typisch "Deutsch"), die auch und besonders gerne durch die Massenmedien transportiert werden.
Wobei ich mich über die konkreten Zeitungsartikel, die mich oder meine Gastrolle als Deutschlehrer angingen, nicht beklagen konnte: Die Berichterstattung war jedenfalls wohlwollend und aufgeschlossen. Der direkte Kontakt zu den Redakteuren, die Möglichkeit mit ihnen zu diskutieren und das eigene Handeln erklären zu können, spielte natürlich dabei eine entscheidende Rolle.
Und trotzdem: Was las ich gerade vor kurzem in der Ouest-France, zum Thema Tour de France, vom 29. Juli 1998?

"Quel beau duel celà aurait fait, Ullrich le rouleur moderne, dur comme l'acier de feu de l'Allemagne de l'Est, contre Pantani le grimpeur à l'ancienne, au subtil comportement latin".

Da waren sie wieder, die Schubkästen, die scheinbar so hilfreich alles vereinfachen und veranschaulichen und die damit dazu beitragen, dass schlummernde oder versteckte Vorurteile zum Vorschein kommen.
Ein Teil meiner Arbeit in Frankreich bestand immer darin, gerade diese Vorurteile aufzudecken und für die Schüler hinterfragbar zu machen.
Ich möchte dabei nichts kulturell nivellieren, ganz im Gegenteil: lch freue mich über kulturelle Unterschiede und geniesse sie bewusst, genauso wie ich solche, die ich als problematisch empfinde, auch bereit bin als solche zu benennen.
Der Massstab was ich z.B. in Frankreich als kritikwürdig empfinde und es gegenüber anderen artikuliere, hat dabei weniger mit meiner Herkunft aus dem deutschen Kulturraum zu tun, als vielmehr mit Fragen wie: "Wem schadet es, wem nutzt es, wie gehe ich mit mir, meinen Mitmenschen und meiner Umwelt um?"
Wenn ich dabei auf positive Gegenbeispiele als Orientierungs- und Argumentationshilfe aus meinem Kulturraum stosse, umso besser, aber nie mit dem erhobenen Zeigefinger: Guckt mal wie wir das in Deutschland machen!
Beispiel aus dem Alltag hier: Bei laufendem Motor wird immer wieder mal die Zeitung und das Baguette zum Frühstück gekauft, ein kleiner Plausch mit dem Nachbarn verlängert das Ganze noch.
In Berlin wäre ein solches Verhalten kaum denkbar, die Zurechtweisung und Ermahnung durch "aufmerksame" Mitbürger käme sofort. Auf der anderen Seite wurde diese "Aufmerksamkeit" gegenüber dem Verhalten des Nachbarn schon zweimal in der deutschen Geschichte pervertiert. Trotzdem: Ist nicht das Laufenlassen eines Motors "kulturübergreifend" zu hinterfragen, weil es uns alle in seiner Konsequenz betrifft?

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