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In der Schule des anderen unterrichten:
Gekreuzte Blicke von Lehrern aus Deutschland und Frankreich |
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Seit mehr als einer Stunde verfolge ich gespannt ein Tanztheaterstück, von dem sein Choreograph sagt, es wolle die Gefühle derjenigen, die die Musik von J.S. Bach spielen oder hören, greifbar und sichtbar machen. Die Truppe des Flamen Alain Platel hat die Bühne in einen ganz unbarocken Ort, eine der zahllosen Betonburgen der Großstädte, verwandelt. Aus dem Bühnenboden erheben sich die letzten Stockwerke eines Hochhauses, das von Szenen umspült wird, die wie vergrößerte Momentaufnahmen des Vorstadtlebens die Suche des Einzelnen nach Anerkennung, Glück und Ausbruch aus der Isolierung zeigen. Dietrich Marold
Tänzer, Spieler und Äquilibristen kommunizieren in einer Körpersprache, die ein distanziertes Betrachten kaum zuläßt. So wie die Akteure während des Stückes die Bühne nicht verlassen, bleibt auch der Zuschauer an den Ort gefesselt, wo die Suche nach dem Gleichgewicht zwischen Lust und Leiden zu einem fast unmöglichen Balanceakt wird, wie ihn der Äquilibrist am Ende auf der sich verdunkelnden Bühne zeigt : Über den Tänzern, die ausgestreckt auf dem Boden liegen, ragt aufrecht in den Bühnenraum ein zentnerschwerer Holzbalken, den der Artist auf der Schulter im schwankenden Gleichgewicht hält. Zuflucht aus dieser Bedrängnis sich widerstreitender Gefühle scheint nur die Musik von J.S. Bach zu bieten. Sie erfüllt Bühne und Zuschauerraum von dem obersten Stockwerk des Hochhauses aus, in dem sich ein kleines Kammerorchester eingerichtet hat. Wenn aber die Stimme des Kontertenors mit scheinbarer Schwerelosigkeit die Enge aufbricht und ihr Gesang zu einem nicht faßbaren Punkt strahlt, auf den auch die Antennen auf dem Dach des Hochhauses ausgerichtet sind, scheine nicht nur ich ein Gefühl von Befreiung zu empfinden, denn auch die Akteure ziehen sich von Zeit zu Zeit in den Antennenwald zurück um auszuruhen, ehe sie sich erneut ins Getümmel der Bühne stürzen.
Ich bin begeistert und auch nach dem Ende des Stückes schwingt in mir eine Mischung aus Musik- und Bildfragmenten weiter. Mit einigen Freunden stehe ich nach der Vorstellung noch zusammen, tausche mit ihnen aufgeregt meine Eindrücke aus. Auch sie scheinen das Bedürfnis zu haben, sich nach dieser Verwirrung der Gefühle der « Realität » versichern zu wollen. Doch als mein Blick durch die Runde geht, bin ich auf einmal verwundert : Diejenigen, mit denen ich mich so angeregt über das Stück austausche, sind eine Deutsche und eine Holländerin, während die Franzosen viel zurückhaltender reagieren, das Stück interessant, aber auch sehr « hart » finden.
Irritiert bin ich nicht, weil ihnen das Stück vielleicht nicht gefällt, denn darüber kann man reden, sondern weil ich das Gefühl habe, in Watte zu reden, d.h. mit ihnen gar nicht ins Gespräch zu kommen. Dieses Gefühl ist nicht neu, und sofort gehen mir einige Fragen durch den Kopf : War das zu direkt für die Franzosen, zuviel zwingender Gefühlsausdruck und zuwenig künstlerische Verarbeitung ? Muß man aus einer vom Protestantismus geprägten Kultur kommen, um diese « Bach-Interpretation » zu verstehen ? Oder ist dieser Balanceakt einfach eine Chiffre, die uns, die in der Fremde leben, verbindet ? Um das Gespräch wieder in Gang zu bringen, erzähle ich vom Kirchenmusiker Bach, der Rolle der Musik im protestantischen Gottesdienst, und der meiner Meinung nach gelungenen Konfrontation der süßlichen Kantatentexte mit dem auf der Bühne inszenierten « irdischen Jammertal », aus dem die Musik von Bach wie die Hoffnung auf ein besseres Leben aufleuchtet. Wir unterhalten uns wieder gemeinsam, aber mein Eindruck, nicht dasselbe Stück gesehen zu haben, bleibt.
Aber in meiner gedämpften Stimmung tröstet mich die Erfahrung, daß es oft lange dauert, bis man die Bedingungen für das Scheitern von wirklicher Kommunikation versteht und mir fällt eine sehr einfache Situation ein, die ich als sehr unangenehm in Erinnerung behalten habe : Erst Monate nach meiner ersten Einladung zum Aperitif verstand ich, warum es so ein Durcheinander und tausend Entschuldigungen gab, ehe wir um 22 Uhr in der Küche eine Tiefkühl-Pizza aßen. Ich meinte, daß die Einladung zum Aperitif das Abendessen miteinschließt und dachte gar nicht daran, mich nach dem Aperitif - trotz aller versteckten Hinweise - zu verabschieden.
« Verwunderungen » - Der Titel für diesen Text taucht einige Tage nach diesem Theaterbesuch auf. Er gefällt mir sofort. « Wunder » ist darin, aber auch « Wunde », im Zustand der Verwunderung erreicht mich beides unerwartet, überraschend. Aber inwieweit kann dieser Begriff das, was ich in der Begegnung mit einer anderen Kultur erlebt habe, bezeichnen ? Um einer Anwort näherzukommen, mache ich mir eine Erfahrung zunutze, die ich mit der Distanz zur Muttersprache entdeckt habe. Die Bedeutung eines Wortes, das mir spontan in oder zu einer Situation einfällt, kann mir darüber etwas sagen, wie ich diese Situation erlebt habe und wie ich sie interpretiere.
Eine Definition von Eschenburg, die ich im « Grimmschen Wörterbuch » finde und die die Verwunderung von der Überraschung unterscheidet, ist eine erste Spur : « Die Wirkung des Neuen ist die Verwunderung, die Wirkung des Unerwarteten Überraschung.» Stimmt. Das Neue, das ich nicht kenne und nicht in meine Vorstellung integrieren kann, verwundert mich. Und da gab es viel Neues, als ich mich vom « Kohlenpott », dem Ruhrgebiet, in den « Jardin de la France » nach Tours aufgemacht hatte. Aber das Fremde hatte ich ja in Frankreich gesucht und auch gefunden, ohne daß es mich in jedem Fall verwundert hätte ; eher im Gegenteil wäre ich verwundert gewesen, dem Neuen nicht unerwartet zu begegnen. Aufschlußreicher ist die Worterklärung von Emmanuel Kant, in der das Neue « ...also einen Zweifel, ob man recht gesehen oder geurteilt habe, hervorbringt. » und in der er der Verwunderung die Bewunderung an die Seite stellt : « Bewunderung [ist] aber eine immer wiederkommende Verwunderung, unerachtet der Verschwindung dieses Zweifels.» Mit dieser Definition sind die beiden Pole benannt, zwischen denen sich meine Erfahrungen der Fremde, beschreibe ich sie aus der Sicht meines inneren Erlebens, bewegen. Die Bewunderung, dieses anerkennende Staunen, das sich nicht aus dem rationalen Vergleich der Kulturen speist, sondern die Vorzüge der fremden Kultur zu einer generellen Überlegenheit stilisiert, wird durch die Verwunderung immer wieder auf die Probe gestellt. Sie deckt an ganz konkreten Situationen Unsicherheit und Unverständnis auf, nährt den produktiven Zweifel, fordert eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den kulturellen Unterschieden ein.
So schwierig es mir anfangs war, einen Ansprechpartner für meine selbstversichernde Begeisterung zu finden, denn für die Franzosen war das, was ich anführen konnte, banal und die Daheimgebliebenen lebten auch ohne die Würze des Neuen ganz zufrieden, so gefährlich war es auch, mir die Verunsicherung bewußt zu machen, die das Leben in einem Land provozierte, dessen Sprache, Kultur und Lebensgewohnheiten ich weniger als bruchstückhaft kannte, in dem ich aber zumindest einige Jahre leben wollte. Auf mich selbst zurückgeworfen, sog ich mich mit dem voll, was mir auch ohne die Sprache zugänglich war, z. B. der Loire. Unerschöpfliches Reservoir an Lichtspielen und Stimmungen, fasziniert mich ihr nur mühsam von den straßengescheitelten Deichen begrenztes Eigenleben, zu dem das fließende Murmeln um Sandbänke, Inseln und Strände ebenso gehört wie das schiebende Grollen durch Brückenbögen, die den hundertfach angeschwollenen Wassermassen Widerstand bieten. Kontrapunktisch sind die Schlösser gegen diese Unstetigkeit gesetzt, vermitteln sie mir doch den Eindruck von Dauer und Entwicklung. Die Sinnfälligkeit der Geschichte begegnet mir nicht nur in den zu oft als Touristenattraktion ausgebeuteten Baudenkmälern des « französischen Kulturerbes », auf jedem Spaziergang finde ich eine Mauer, deren Relief im Farbenspiel von Mauerstein, Sandputz und Zementflecken einen Blick in die Tiefe der Zeit freigibt. Und doch verschafft sich die Fremdheit, wenn auch noch sehr äußerlich, Zugang zu meinem Bewußtsein. Bei einem Abendspaziergang durch die warm leuchtenden Tuffsteinfassaden einer Altstadtgasse überrascht mich die Frage : « Wie sehen eigentlich die Häuser innen aus, wer und vor allem wie lebt man darin ? » Verwundert über diese Frage, auf die ich auch in einer Gasse der Düsseldorfer Altstadt keine Antwort gewußt hätte, bemerke ich den Unterschied : Ich habe den Eindruck, mich in den Kulissen eines historischen Theaterstückes zu bewegen.
Meine erste Wahrnehmung in meinem neuen Arbeitsfeld, einer dörflichen Grundschule in Stadtnähe: Hier riecht es anders. Die Geruchsmischung basiert wie in Deutschland auf den Komponenten Bleistift, Kreide und Kinderschweiß, aber den Rest kann ich nicht identifizieren. Pausenbrot und Kakao, werden sie ersetzt von Kantine und Eau-de-Javel ? Der aggressivere Geruchssinn einiger deutscher Kollegen riecht eher verstaubtes Autoritätsdenken und gegängelte Schüler. Die so schnelle Be- und Verurteilung des französischen Schulsystems befremdet mich, taucht doch da ein Idealbild von deutschem Unterricht auf, wie ich es nur aus Richtlinien und Lehrerseminaren kenne. Ist es notwendig, die wohlklingende Konzeption eines offenen Unterrichts, der der psychologischen Entwicklung und der Leistungsbereitschaft des einzelnen Schülers Rechnung trägt und damit dessen Selbständigkeit im Lernprozeß sowie seine Integration in die Lerngruppe fördert, mit der Karikatur des angepaßten, durch Lerndruck unselbständig gemachten Schülers zu vergleichen ? Sicherlich nicht, denn ich habe doch selbst erlebt, daß es weder diesen machtfreien Raum Schule gibt, noch daß ich die von der Familie nicht geleistete Sozialisation und Lernmotivation habe wirklich ausgleichen können. Daß mir diese Distanz zum deutschen Schulsystem aber nur begrenzt hilft, eine Position in der französischen Schule zu finden, bemerke ich nach den ersten Arbeitswochen. Etwas müde von den vielen Eindrücken und neuen Begegnungen, entziehe ich mich, nachdem ich meinen Pausenkaffee getrunken habe, dem für mich so anstrengenden Geplauder der Kollegen und gehe auf den Schulhof, um eine Zigarette zu rauchen. Durch den Dunstschleier meiner ersten Züge schaue ich auf die Schüler und es geht mir durch den Kopf : Witzig, die spielen, lachen und streiten ja wie deutsche Schüler. Und dann bin ich hellwach. Was habe ich denn erwartet ? Ich weiß es nicht, aber gefühlsmäßig liegt meine Einschätzung irgendwo zwischen besinnlichem Schreiten im Kreuzgang eines Klosters und Rundgang im Hof einer Erziehungsanstalt. Diese gefühlsmäßige Abwertung irritiert und beschämt mich. Erst mit der heutigen Distanz zu diesem Moment der Verwunderung stelle ich fest, daß meinem damals gefaßten Vorsatz, mir das Schul-leben in Frankreich genauer anzusehen, ein doppelter Zweifel zugrunde lag. Nicht nur meine positive Einschätzung der französischen Schule stand in Frage, sondern meine Assoziation zeigte mir auch, wie sehr ich die Normen der deutschen Schule verinnerlicht hatte und in welchem Maß sie für mich gültig waren, obwohl ich in meinem Denken soviel Abstand von ihnen genommen hatte. Erst mit viel Unterrichtserfahrung, Gesprächen mit Kollegen, Fortbildungen und bi-nationale Seminaren konnte ich eine Position zwischen einem wissens- und einem lernprozeßorientiertem Konzept - was immer das auch an « heimlichem Lehrplan » mit einschließt - finden und es wundert mich nicht mehr, daß der intensivste Austausch mit Kollegen nicht dort stattfindet, wo die Einhaltung des Lehrplanes problemlos ist und die Reflexion über Unterrichtskonzeptionen z.B. an einer école dapplication zum Tagesgeschäft gehört, sondern im Gegenteil dort, wo all das nicht möglich ist und die Lehrer ständig an den Stellen weiterarbeiten müssen, an denen die Konzeptionen nicht mehr greifen.
Was die Sprache betrifft, so galt meine Bewunderung zunächst den Kindern der « école maternelle », der Selbstverständlichkeit, mit der sie ihre noch unvollständige Sprache benutzten. Die scheinbare Natürlichkeit, mit der sie im Erlernen der Muttersprache ihrem Denken und Fühlen eine sprachliche Struktur geben, d.h. ihre Identität entwickeln, läßt mich erahnen, auf welch ein Wagnis ich mich eingelassen habe, diese Sicherheit der Muttersprache in Frage zu stellen. Noch immer klingt mir das « on touche avec les yeux » einer Mutter, die ihrem Kind im Kaufhaus das Anfassen eines Spielzeugs verbot, in den Ohren. Die Strenge, mit der es gesagt wurde, gab ihm den kommunikativen Wert des deutschen « nimm die Finger da weg », und doch geht der Ausdruck weit über das Verbot hinaus, zeigt seinen programmatischen Wert, indem er ein intellektuelles Vergnügen anbietet, wo Körperlichkeit tabuisiert ist. Aber nicht immer gibt mir die Sprache so großherzig preis, wie sie das, was um mich herum ist, als Wirklichkeit beschreibt. Oft brüte ich in den ersten Monaten hilflos über meinem Wörterbuch, weil mir die deutschen Bedeutungsvarianten eines französischen Wortes so heterogen erscheinen, daß ich das ihnen Gemeinsame nicht erkenne, d.h. keine Vorstellung davon bekomme, von welcher Idee aus sein Netz von Bedeutungen ein Stück Wirklichkeit formuliert.
Auch mit fortschreitenden Sprachkenntnissen überrascht mich immer wieder dieses unterschiedliche Erfassen der Welt durch die Sprache, die mich umgibt. Ein Ausdruck wie der « jardin secret » läßt mich nicht nur aufhorchen, weil ich außer dem amerikanischen « black-box » keine Entsprechung im Deutschen finde, sondern auch, weil er das Verhältnis von Mensch und Natur in einem anderen Licht erscheinen läßt. Das unergründliche Innere des Einzelnen hier nicht als etwas vom Bewußtsein Abgetrenntes, Dunkles und damit Bedrohliches beschrieben. Zwar ist es auch verborgen, aber doch vom menschlichen Geist durchdrungen. Wer sonst könnte es in einen Garten verwandeln? Und während ich versuche, mir meinen Garten und den anderer vorzustellen, fällt mir das Mißtrauen ein, das viele naturliebende Deutsche gegen die französische Gartenkunst hegen : Schloßgärten also gegen Wiederherstellung von Flußauenlandschaften? In einem Gespräch über dieses Thema antwortet mir ein Franzose auf meine Verteidigung deutscher Naturliebe, daß die Natur immerhin der Grund dafür sei, daß er sterben müsse. Verwundert darüber, daß ich diesen Zusammenhang noch nie hergestellt habe, stelle ich mir die Frage, ob formende Zucht und affektive Unterwerfung nicht nur die zwei Seiten derselben Münze sind.
Um meiner Spracharbeit ein Ziel zu geben, fange ich wieder an zu studieren. Eine Arbeit über deutsche Literatur in französischer Sprache zu schreiben, ist nicht nur ein Sprachtraining, sondern Ausdruck meines Wunsches, aus der Distanz der französischen Sprache einen Zugang zur deutschen Literatur zu finden, den ich mir als Student in den 70iger Jahren mit einer - vielleicht falsch verstandenen, aber radikalen - Kapitalismuskritik versperrt hatte. Die Themenstellungen der Seminare, die alle im Zusammenhang mit dem Kriegsende vor 50 Jahren stehen, führen mich zum Kern des Problems, meinem tiefen Mißtrauen gegenüber deutscher Geschichte und Kultur. Unsicher in meiner eigenen Position als Deutscher bin ich doch neugierig, wie die französischen Kommilitonen auf die Diskussion um den Neubeginn nach der Stunde Null reagieren. Wenn ich ihnen glaube, spielen Krieg und Nationalsozialismus im Verhältnis zwischen Franzosen und Deutschen keine Rolle mehr, was sie mit einem Kopfschütteln unterstreichen, wenn ich versuche, die Gründe für mein ambivalentes Nationalbewußtsein darzulegen. Doch wie soll ich einordnen, wenn ein Grundschuldirektor, der mir das gleiche sagt, mit seiner Klasse, in der ich unterrichte, eine Briefmarkenausstellung zu Anne Frank organisiert, ohne mir davon zu erzählen oder mich in das Projekt miteinzubeziehen ? Die Kollegen, denen ich von meiner Verwunderung darüber erzähle, scheinen einig darüber, daß er mich nicht in Verlegenheit bringen wollte (oder vielleicht sich ?), doch meine Zweifel bleiben, denn zu gut ist mir noch die Kommentierung der Diskussion um die neue deutsche Hauptstadt im Kopf : Die gleichen Zeitungen, die sich über die Diskussion in Deutschland mokierten (welche Stadt außer Berlin könnte denn wohl deutsche Hauptstadt werden ?), sorgten sich nach der Entscheidung um den Reichs-Geruch Berlins. Und auf deutscher Seite ? - Während einer zum Semesterabschluß veranstalteten Tagung zur Stunde Null verblüfft mich ein aus Deutschland eingeladener Geschichtsprofessor. Seine Charakterisierung der deutschen Nachkriegsentwicklung als der bestmöglichen unter den schwierigen Bedingungen gibt sich vielschichtig und zurückhaltend, in der Diskussion erweist sie sich aber als Rhetorik, da das Wort bestmögliche jede Nachdenklichkeit zu immunisieren scheint. Doch es sind nicht die Widersprüche, die mich ratlos machen - sie spiegeln ja nur meine eigene Ambivalenz -, sondern die Barrieren, die ein ernsthaftes Gespräch jenseits von Verharmlosung oder unterschwelliger Aggression viel zu selten aufkommen lassen.
Aber parallel zu diesem Wiedereintauchen in die « politische Vergangenheit » Deutschlands beginne ich, mir mit einem Thema aus dem Bereich der Motivforschung eine Bresche in die deutsche Literaturgeschichte zu schlagen. Als ich die Texte sichte und eine erste Gliederung entwerfe, höre ich in einem methodologischen Kurs, daß wir zwar eine ausführliche Gliederung an den Schluß der Arbeit anhängen könnten, ein Aufbau mit « Dezimal-Gliederung » (1.1. ...1.2 usw.) oder ähnlichem aber nicht akzeptiert würde. Auf meine Nachfrage, mit der ich meiner Verwunderung zu begegnen versuche, erhalte ich die Antwort, daß es darum ginge, einen durchlaufenden Text zu schreiben. Welche Anforderung sich daraus ergeben, merke ich erst, als ich schreibe. Ohne den Rahmen einer Feingliederung, der mir selbst und dem Leser eine Denk-Struktur vorgibt, muß ich die Linien meiner Argumentation so versprachlichen, daß sie aus dem Text erkennbar werden. Die Schwierigkeiten, die mir dabei begegnen, lassen mich praktisch einige Unterschiede zwischen der deutschen « Literaturwissenschaft » und den französischen « Lettres » erfahren : Um so ein komplexes und vielschichtiges Textganzes entstehen zu lassen, muß ich mich selbst literarischer Ausdrucksmittel bedienen. Das macht wissenschaftliche Forschung keineswegs überflüssig, sondern setzt sie voraus : ihre Ergebnisse sind die Grundlage, das Thema neu zu denken und dies vor dem Leser begründet und nachvollziehbar zu entwickeln. In einem solchen Entwurf, der die Ergebnisse der Forschung einer Leitidee unterordnet, mischen sich zwangsläufig die Darstellung von Forschungsergebnissen und deren Interpretation. Auch wenn dieses Verfahren sich mit naturwissenschaftlichen Objektivitätskriterien reibt, so scheint es mir aber in der Beschäftigung mit den erdachten Lebens- und Vorstellungswelten von Dichtern und Schriftstellern das angemessenere zu sein. Den größeren Spielraum, den es bei dem Blick auf die Wirklichkeit bietet, kann ich anfangs kaum nutzen. Wenn ich mich wieder einmal in einem literarischen Text verhakt habe, denke ich voll Bewunderung an Vorlesungen, die mich aus dem « Amphithéatre » der Universität - ist es Zufall, daß das deutsche Wort « Hörsaal » so viel nüchterner diesen Ort beschreibt ? - in das Denken von Walter Benjamin oder Günter Eich entführt haben, oder schalte das Radio an, um bei den « nuits magnétiques » zu entspannen, einer Sendung, die mich fasziniert und deren Anziehungskraft auf mich wirkt, weil dort mir unbekannte « kleine Welten » eröffnet werden - wie die des letzten Barbiers von Paris. So, als würde der Moderator selbst diese Welt entdecken, nimmt er ein Steinchen dieses Mosaiks nach dem anderen auf - die Einrichtung, die Dekoration, Photos, Plakate, die Arbeitsutensilien : stumme Gegenstände, die erst durch die Kommentare, Erinnerungen und Erzählungen des Barbiers und seiner Kunden eine metaphorische Bedeutung gewinnen -, reicht sie mir und fordert mich auf, mir damit mein Bild zusammensetzen. Eine solche Sendung bestärkt mich in dem Versuch, die Idee der « Wirklichkeit als Entwurf » in meiner Arbeit wirken zu lassen und schrittweise wird aus dem Arbeitstitel « Le train dans la littérature allemande » die Endfassung « Quelques Elements de lImaginaire du Train dans la Littérature Allemande ». - Und doch : Meine Erfahrungen mit meinem voreingenommen positiven Blick auf die französische Kultur hätten mich lehren können, daß es auch hier einen Preis zu zahlen gibt. Bei den mündlichen Prüfungen verwandelt sich meine Verwunderung in Verletzung. Themen, die zwanzig Minuten vor der Prüfung durch Los ermittelt werden, Prüfungsgespräche, in denen lediglich Wissen abgefragt wird oder, wie zu meiner Arbeit, zweidrittel der Zeit über meine Fehler referiert wird : Zum Schüler degradiert frage ich mich, ob die Hochschullehrer wirklich nicht mehr von ihrer Studentenausbildung verlangen. Als ich mich vor meinen Kommilitonen ereifere und als Vergleich den « Merksatz » des kommunikativen Sprachlernens zitiere, daß man lange noch nicht eine Sprache spricht, wenn man das Wörterbuch auswendig kennt, lachen alle zustimmend, aber ich merke, daß das Lachen mehr meinem Ärger als den Prüfungen gilt. Muß man in dieser Lernkultur aufgewachsen sein, um die Nachteile gelassener hinzunehmen ?
Betrachte ich nun noch einmal die unterschiedlichen Momente der Verwunderung aus dem Blickwinkel der Ausgangsfrage, ob meine Bewunderung die Proben des Zweifels bestanden hat, so bemerke ich, daß sie nicht zu beantworten ist ; denn obgleich ich bis heute diese Momente der Bewunderung erlebt habe, so sind die Personen, Dinge und Situation, auf die sie sich bezogen hat, nicht diesselben geblieben. Wenn ich an den Ausgangspunkt dieses Lebensabschnittes zurückdenke, so galt meine Bewunderung eigentlich mir selbst, diesen Schritt in die Fremde zu wagen, d.h. den Wunsch, ein anderes Leben kennenzulernen, Wirklichkeit werden zu lassen. Aber wie konnte ich, einmal angekommen, die vielfältigen Erwartungen, die ich damit verbunden hatte, realisieren ? Die Bewunderung half mir, die Barriere des Fremden zu überschreiten, mir Menschen und Kultur zu er-leben. Nehme ich heute Abstand von den konkreten Momenten der Verwunderung, so ist mir klar, daß ihre Bedeutung über das Infragestellen dieser Bewunderung(en) hinausgeht. Im Zweifel lebt meine deutsche Kultur auf, zwingt mich, meine Position zwischen den beiden Kulturen immer wieder neu zu bestimmen. - Habe ich also die Bewunderung instrumentalisiert, sie gar nicht erlebt, die immer wiederkommende Verwunderung, die den Zweifel ignoriert ? Doch, ich kenne sie - der Roman « Lhomme qui rit » oder die Streikenden, die trotz aller guten Argumente « nein » sagen können -, sie bleibt lebendig, weil ich weiß, daß ich das, was mich fasziniert, mehr erahne als erfasse.
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