Enseignement précoce des langues
In der Schule des anderen unterrichten:
Gekreuzte Blicke von Lehrern aus
Deutschland und Frankreich

Sommaire - Inhalt

Meine Erfahrungen mit dem DFJW

Im Dezember ’98, während einer Begegnung zwischen deutschen und französischen Schülern und Lehrern im Elsaß, die Kinder schliefen schon und die Erwachsenen saßen gemütlich beisammen, meinte meine französische Kollegin aus Berlin zu mir : « Empfindest du die Atmosphäre hier nicht auch so, wie auf den DFJW-Treffen ? » Gegenseitiges Zustimmen durch erinnerndes Lächeln, « ja genau » -Einwurf, bedeutungsvolles Augenbrauenhochziehen mit Kopfnicken, « es war toll » -Bekräftigung, « welche Chance » -Untermauerung.

Meine Kollegin hat als französische Lehrerin in Berlin am Austausch teilgenommen, ich als deutsche Lehrerin in Paris und Umgebung. Wir hatten noch nie ausführlich über unsere jeweiligen Erfahrungen gesprochen, doch an diesem Abend im Elsaß verbanden uns sowohl inhaltlich, als auch gefühlsmäßig ähnliche Gedanken mit dem DFJW.

Wie kommt es, dass mich fünf Jahre nach meiner Austauschzeit immer noch Überlegungen darüber beschäftigen und Kontakte mit dem DFJW verbinden ? ?

« Über den Austausch schreiben »
Ich hatte von diesem Projekt gehört und mich bereit erklärt, etwas über meine Erfahrungen zu schreiben, doch musste ich bald feststellen, dass ich unfähig war, meine Gedanken in Worte zu fassen. Sie betrafen so viele Aspekte, für welchen Schwerpunkt sich entscheiden ? Ich merkte zudem, dass ich immer noch zu sehr betroffen war, mit Gefühlen beladen, die eine schriftliche Formulierung behinderten. Vielleicht wollte ich diese Gefühle auch nicht vor wildfremden Lesern kundtun ! ?

Kritische Blicke und Hinterfragung waren notwendig, um meine Erfahrungen während der 11-jährigen Austauschzeit und bis heute aufzuarbeiten, und sogar wieder Gefühle zuzulassen, aber eben nicht nur für mich, in meinem stillen Kämmerchen, sondern für andere.


Klassenfahrten
Meine Kontakte zum DFJW wurden durch die Organisation und Durchführung mehrerer Klassenfahrten mit Begegnungen der Partnerklassen am dritten Ort aufrechterhalten. Bei Telefonaten erkundigte ich mich nach den aktuellen Durchführungsbestimmungen und ob das Interesse am Austausch in der Grundschule noch immer gegeben sei. Dabei machte ich meist auch einen informationseinholenden Abstecher zum Lehreraustausch mit Fragen zur Teilnehmerzahl, zu den aktuellen Bedingungen. Gelegentlich bekam ich auch Auskunft über die sprachpolitische Entwicklung der Rahmenpläne für die Grundschule.

Der informative Kontakt war also immer gegeben. Ebenso durch das Kennenlernen von neuen Austauschteilnehmern oder das Wiedersehen von « alten Hasen » im normalen beruflichen Rahmen gab es immer wieder Verbindungen mit dem DFJW. Ich habe schon oft gestaunt, wo überall ich DFJW-Leute getroffen habe.


Was hat mir die Teilnahme am Austausch, gebracht?

--> Einen super Französischkurs
Dessen Qualität habe ich allerdings erst im nachhinein wertschätzen gelernt, denn zunächst stand im Vordergrund, dass durch diesen Kurs drei Wochen meiner Sommerferien intensivst in Anspruch genommen wurden. Ich hatte doch zur Vorbereitung auf den Austausch schon einen zweisemestrigen Konversationskurs im Institut Français belegt und war also meiner Meinung nach bereits sprachlich gut in Form.

1982 gab es noch die Möglichkeit zwischen verschiedenen Arten von Kursen an unterschiedlichen Orten zu wählen. Meine Wahl fiel auf Paris, « Französisch lernen durch Theater spielen ».

Dume der privaten Sprachschule lagen schräg gegenüber vom Notre Dame- Garten auf dem linken Seineufer. Unser Tagesablauf war dreigeteilt : Vormittags arbeiteten wir mit einem Schauspieler mündlichen Ausdruck in Verbindung mit Körpersprache anhand von drei großen Themenschwerpunkten :

- La Fontaine, les animaux malades de la peste
- Befragung - Interview :

* Was halten die Pariser Kellner in Cafés und Kneipen von den Touristen im Sommer ?
* Was halten die Anwohner des Centre Pompidou von diesem Museum und dem neuentstandenen Viertel ?

- Eine Geschichte erfinden, verschiedene Rollen aufschreiben, dazu ein Drehbuch, Kostüme und Maske entwerfen.


Am Nachmittag wurden die während der Morgenarbeit aufgetretenen Fehler in Grammatik, Ausdruck, Vokabular, Betonung usw. mit einem Französischlehrer aufgearbeitet. Abends gab es regelmäßig Angebote, z.B. Diskussion mit einem eingeladenen Regisseur oder Schauspieler, gemeinsame Kino- und Theaterbesuche. Da nur Austauschteilnehmer an diesem Unterricht teilnahmen, konnten wir immer unsere zukünftige Situation ins Gespräch bringen, sowohl beim gemütlichen Beisammensein beim Frühstück oder in der Mittagspause, als auch im Unterricht, der auf unsere Bedürfnisse abgestimmt war.

Für mich noch viel weitreichender waren die Auswirkungen dieses Kurses in meinem Deutsch-als-Fremdsprache-Unterricht. Ich hatte keine große Erfahrung meine Muttersprache als Fremdsprache zu vermitteln, außer mit ein paar Gastarbeiterkindern. Bei « Französisch lernen durch Theaterspielen » habe ich selber gemerkt wie gut mir die Verbindung von Sprache und Körper tut und habe diese Art des Sprachlernens auch mit meinen Schülern angewandt.

Ich habe gehört, dass die Französischkurse jetzt gelegentlich auch in Deutschland stattfinden und finde es mehr als bedauernswert, dass den Neuankömmlingen diese Art des Französischkurses, wie ich ihn erlebt habe, nicht mehr angeboten wird. Denn wie schön war es, in einem Café zu sitzen und nur zu beobachten, gerade Gelerntes wiederzuhören, anzuwenden, mit Erstaunlichem am nächsten Morgen in die Schule zu kommen und gleich Fragen stellen zu können. Gilt der weise Satz etwa nicht mehr: Die Sprache lernt man noch am besten im Land selbst?


--> Das Einführungsseminar
Meine Einführung dauerte 10 Tage, in einer Ausbildungsschule, deren Schüler in Ferien waren, wunderschön an einem Flüsschen in Olivet gelegen. Die wichtigste Information überhaupt in diesen Tagen war die Bekanntgabe des Einsatzortes, denn sie bestimmte unsere nächste Zukunft. Durch Befragung der Seminarleiter versuchten wir Auskünfte zu erhalten, über die Schule, die Schüler, die Arbeitsbedingungen, Arbeitsmaterial, unseren Vorgänger, Wohnmöglichkeiten. Doch alle Antworten, soweit überhaupt solche gegeben werden konnten, ließen tausend Fragen offen und neue entstehen.

Die theoretische und praktische Seminararbeit erreichte mich daher nur zum Teil. Ich hatte noch keine französische Grundschule von innen gesehen ; mein neues Wissen konnte ich nur mit dem mir bisher bekannten aus Deutschland vergleichen. Viele Informationen begriff ich erst, als ich französische Praxis hatte. Allerdings nehme ich nicht an, dass mein Kopf aufnahmebereiter gewesen wäre, wenn ich diese Praxis schon gehabt hätte, denn ich beschäftigte mich mit existentielleren Fragen: Wo werde ich wohnen, wie bekomme ich einen Telefonanschluss, wo eröffne ich ein Konto?

Zum Glück ist das Einführungsseminar im Laufe der Zeit auf einen sinnvolleren Zeitpunkt verschoben worden, nämlich zwei Wochen nach Schulbeginn und konzentriert auf sieben Tage. Bis dahin sind für die meisten Teilnehmer alle Organisationsfragen geklärt und sie haben durch Hospitation einen ersten Eindruck vom Schulalltag, sodass im Einführungsseminar mit einem ganz anderen Hintergrund gearbeitet werden kann. Außerdem ist es schön die ersten Eindrücke mit in der gleichen Situation steckenden Leuten austauschen zu können und engere Kontakt zu knüpfen, bevor man dann erstmal « ganz allein » auf weiter Flur lebt und arbeitet.


--> Das Zwischenseminar
Das Zwischenseminar, auch Regionaltreffen genannt, bot die Möglichkeit, einmal im Schuljahr nach fünf Monaten Arbeit, mit allen Austauschteilnehmern einer Region zusammenzutreffen und fünf Tage lang pädagogisch-methodische Fortbildung in Sachen Deutsch als Fremdsprache zu erhalten, sich gegenseitig Unterrichtsmaterial vorzustellen, neues zu erarbeiten und berufliche sowie private Erfahrungen auszutauschen.

So lernte ich die bereits im Austausch tätigen Kollegen kennen, erfuhr etwas über ihre Arbeitsbedingungen. Wir nahmen zwar alle am selben Austauschprogramm teil, aber unsere Arbeitsbedingungen waren so unterschiedlich wie die Zahl der daran teilnehmenden Lehrer und Erzieher. Bei jedem Seminar lernte ich stets auch geographisch ein neues Stückchen Frankreich kennen. Mit einem Koffer voller kleiner Schätze kehrte ich immer an meinen Einsatzort zurück.

Meine « theoretisch-praktische » Fortbildung im Bereich Deutsch als Fremdsprache habe ich in diesen Seminaren erhalten und habe den konkreten Theorie-Praxisbezug sehr schätzen gelernt. Darüber hinaus entwickelten sich menschliche Beziehungen und Freundschaften, die von Dauer sind.

Eigentlich wäre es Aufgabe der Education Nationale gewesen, diese Seminare zu organisieren und zu leiten. Einmal während meiner Austauschzeit war es auch tatsächlich der Fall. Wir hatten jeden Tag einen neuen Referenten, einen Koordinator gab es nicht oder er war verhindert. Jeder wollte jedesmal zunächst unsere äußeren Arbeitsbedingungen wissen. Dann hörten wir in den Referaten inhaltlich Ähnliches, allerdings blieb alles mehr oder weniger theoretisch und ging nicht auf unsere konkreten Unterrichtsbedingungen ein. Unsere nachfolgenden Reaktionen waren sehr missfallend und ich war hocherfreut, als das DFJW wieder die Zwischenseminare organisierte, mit Beteiligung der Education Nationale, aber nicht mehr in deren Eigenregie.


--> Binationale Treffen
Die binationalen Treffen waren für mich zugleich Bereicherung und Genuss. Es war die Möglichkeit für französische Kollegen in Deutschland und deutsche Kollegen in Frankreich gemeinsam über ihre Austauscherfahrungen zu sprechen.

Vor allem während dieser Begegnungen bekam ich Anregungen zur Reflexion : über mich in Frankreich / Deutschland, in der französischen / deutschen Schule, als Deutsche in Frankreich / Deutschland. Ich erhielt Denkanstöße durch die Gegenüberstellung mit den französischen Kollegen und deren Erfahrungen in Deutschland, im Alltag, in der Schule. Wie haben wir manchmal gelacht oder waren perplex bei der jeweiligen Darstellung von Alltags- oder Schulsituationen. Der persönliche Austausch führte bei mir zu neuen Sichtweisen, Fragen, und ich erhielt theoretische Ergänzungen durch hochinteressante Vorträge und Referate.

Diese Seminare haben meine bikulturellen Überlegungen entscheidend geprägt und nachhaltig beeinflusst ; seit der Beendigung meiner Austauschzeit arbeite ich in Deutschland in bikulturellen Schulen und profitiere weiter von diesen Seminaren. Zudem ist mir der Mangel bewusst geworden, wie wenig in bikulturellen Einrichtungen für eine bikulturelle Reflexion getan wird.


--> Das Rückkehrerseminar
Dazu wurde ich im Juni 1993 eingeladen, es hieß ein letztes Mal : die « alten Hasen » sehen und dann die Übergabe an die Neuen bewerkstelligen. Rückkehrertreffen ist eigentlich die falsche Bezeichnung, Mammuttreffen wäre zutreffender gewesen : In den ersten zwei Tagen tauschten sich die Ehemaligen (Deutsche und Franzosen) ein letztes Mal aus, oft ein Rückblick auf eine schöne Zeit, mit Stürmen und Unwetter, trotzdem mit einem mehr als positiven Gesamteindruck.

Ich habe es als Chance gesehen, diesen Austausch gemacht zu haben und teilte meine Grundeinstellung auch den Neuen (Deutschen und Franzosen) mit, die man am dritten Tag traf, dem sogenannte « Übergabetag ». Allgemeine und spezielle Tips wurden gegeben, manchmal ging sogar die Wohnung nahtlos an den Nachfolger über. Anschließend fuhren die zukünftigen Rückkehrer an ihren Einsatzort zurück und lenkten gegebenenfalls auch hier die Übergabe drei Tage später mit dem Nachfolger, der sich sein künftiges Tätigkeitsfeld anschauen kam.

In den elf Jahren, die zwischen meiner Ankunft und meiner Abreise lagen, hatte sich einiges organisatorisch-inhaltlich verändert und verbessert, z.B. durch dieses Mammuttreffen, bei dem durch vorherige Kontakte und die Bekanntgabe des Einsatzortes viele Fragen vor der Ankunft beantwortet werden können.


--> Broschüren
Sie waren das Ergebnis von Anregungen seitens der Teilnehmer, immer wiederkehrende, notwendige Informationen und nützliches Unterrichtsmaterial in schriftlicher Form festzuhalten. Bevor es diese Broschüren gab, fingen alle Neuankömmlinge bei null an, hatten jedes Jahr die gleichen Fragen, entwarfen immer wieder von neuem ähnliches Unterrichtsmaterial. Eine Energieverschwendung ohnegleichen!

Mittels der Broschüren stand ein Leitfaden zur Verfügung : ein Erste-Hilfe-Kasten, der bei der Orientierung half. Sie wurden regelmäßig weiterentwickelt und waren ein echtes Plus für uns. Es gab mehrere Arten, die mit der Unterstützung des DFJW von Teilnehmern erstellt wurden:

• Eine Broschüre - « Praktische Hinweise » - für die persönliche Organisation des Alltags, sowie allgemein gültige Anmerkungen zur Arbeit in der Schule.

• Eine weitere Broschüre mit Unterrichtseinheiten, Anregungen, Materialvorschlägen, Arbeitsentwürfen.

• Eine Broschüre zum Thema Klassenfahrten mit Tips zur Organisation und Bewältigung der schriftlichen und praktischen Vorbereitung mit Schülern und Eltern, sowie Anmerkungen zur Durchführung am Ort selbst, mit Beispielen aus der Klassenkorrespondenz und Aktivitäten während des Austausches.


--> Welche Chance!
Im nachhinein bezeichne ich meine elf Jahre Austausch als das goldene Zeitalter des Austausches, denn ich habe eine positive Entwicklung dieses vom DFJW koordinierten Programms aus meiner Sicht als Teilnehmerin erlebt.

Zum einen in der Organisation und Durchführung von Seminaren und der damit verbundenen inhaltlichen und geographischen Vielfalt, die gleichzeitig erlebbare Landeskunde vermittelte. Zum anderen fühlte ich mich als Teilnehmerin ernst genommen, ich hatte nicht nur einen institutionellen Ansprechpartner, sondern fand auch immer ein offenes Ohr für persönlich Belange.

Was macht diese tolle Atmosphäre aus ? Ich schreibe aus der Sicht einer deutschen Lehrerin, die am Programm in Frankreich teilnahm. Einführungsseminar und Regionaltreffen fanden immer in Frankreich statt, binationale und Mammuttreffen wurden abwechselnd in Deutschland und Frankreich angeboten. Schon allein der äußere Rahmen war interessant und ich hatte das Glück meist in Schulen zu arbeiten, in denen ich mich wohlfühlte.

Diese Zeit war eine Bereicherung für mich, die ich auf keinen Fall missen möchte, das DFJW hat dazu einen wesentlichen Teil beigetragen !


Birgit Schumacher

retour
Sommaire - Inhalt
suite