Enseignement précoce des langues
In der Schule des anderen unterrichten:
Gekreuzte Blicke von Lehrern aus
Deutschland und Frankreich

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Der deutsch-französische Grundschullehreraustausch
aus hessischer Sicht

Seuls les hommes peuvent
transformer et enrichir les
choses que les institutions
transmettent ensuite aux
générations successives.

Jean Monnet

Die Entwicklung der beiderseitigen Kulturbeziehungen, zu denen auch Projekte im Bereich der allgemeinbildenden Schulen gehören, ist einer der Schwerpunkte der deutsch-französischen Zusammenarbeit und Freundschaft. Beide Seiten sind sich in diesem Zusammenhang einig, daß eine erste Begegnung mit der Partnersprache bereits im Primarbereich eine besonders günstige Voraussetzung für das weitere Erlernen der Partnersprache im Sekundarbereich darstellt. Im Vordergrund des Interesses steht dabei der deutsch-französische Lehreraustausch in der Grundschule zur Verstärkung der Frühvermittlung.

In den folgenden Ausführungen sollen aus der Sicht des Landes Hessen, das sich seit vielen Jahren an dem Austausch beteiligt, der Wert und die Bedeutung dieses Programms dargestellt werden.

1. Zur Situation des Fremdsprachenunterrichts an hessischen Grundschulen

Die geographische Lage Hessens mitten in Deutschland und ohne Grenze zu europäischen Nachbarstaaten zwingt zunächst nicht unmittelbar zum Erlernen anderer Sprachen, um sich mit den Nachbarn zu verständigen.

Dennoch blickt Hessen auf eine lange Erfahrung mit Fremdsprachenunterricht, auch in der Grundschule, zurück. Bereits Ende der 60er Jahre wurden großflächige Schulversuche mit Englisch in den Jahrgangsstufen 3 und 4 eingerichtet. Durch das Hamburger Abkommen vom Jahre 1964, in dem sich die Kultusminister aller Länder auf Englisch als erste Pflichtfremdsprache geeinigt hatten, lag es nahe, daß diese Sprache auch für die Schulversuche in der Grundschule gewählt wurde. Damit sollte eine unmittelbare Fortführung des begonnenen Fremdsprachenunterrichts in der Sekundarstufe gewährleistet werden.

Erste Versuche mit Frühfranzösisch wurden 1983 an drei Schulen in Frankfurt begonnen, jeweils in enger Zusammenarbeit und zum Teil auch personeller Verzahnung mit benachbarten Gymnasien.

1989 hat das Land Hessen die Schulversuche beendet und den Grundschulen generell die Möglichkeit eröffnet, eine Fremdsprache ab Klasse 3 in den Unterrichtskanon aufzunehmen. Damit wird der Forderung nach Diversifizierung der Fremdsprachen, wie sie von Europarat und Europäischer Kommission verlangt und von der Kultusministerkonferenz bekräftigt wurde, Rechnung getragen. Seither hat die Zahl der Grundschulen mit Fremdsprachenunterricht Jahr für Jahr zugenommen. Daß davon überwiegend der Englischunterricht profitiert, liegt auf der Hand. Dennoch ist auch das Interesse an der französischen Sprache gewachsen, z. T. angeregt durch Städtepartnerschaften und damit verbundene Begegnungen mit französischen Bürgerinnen und Bürgern.

Zu Beginn der 90er Jahre boten 14 hessische Grundschulen ihren Schülerinnen und Schülern ein Französischprogramm an. Inzwischen profitieren 3.500 Schülerinnen und Schüler an 55 Grundschulen in verschiedenen Regionen des Landes von diesem Angebot. In zahlreichen Fällen haben umliegende weiterführende Schulen insofern darauf reagiert, als sie neben Englisch als erste alternative Fremdsprache auch Französisch ab Klasse 5 anbieten und damit eine direkte Fortführung eröffnen. In den Fällen in denen diese Möglichkeit nicht gegeben ist, können die Schülerinnen und Schüler Französisch als zweite Fremdsprache ab Klasse 7 wählen. Selbst hier bestätigen die Lehrkräfte immer wieder einen deutlichen Vorsprung, an den angeknüpft werden kann, insbesondere bezogen auf die Aussprache, aber auch die größere Unbefangenheit im Umgang mit der Sprache.

Zwei Aspekte sind zu nennen, die eine raschere Verbreitung der französischen Sprache in der Grundschule immer noch erschweren:

• Einerseits werden Französisch nicht selten insofern Vorbehalte entgegengebracht als diese Sprache gegenüber Englisch als vermeintlich schwerer erlernbar betrachtet wird.

• Zum anderen fehlt es noch an einer ausreichenden Zahl gut aus- bzw. fortgebildeter Lehrkräfte, die diesen Unterricht qualifiziert erteilen können.


2. Der Stellenwert des deutsch-französischen Lehreraustauschprogramms im Kontext des hessischen Fremdsprachenkonzeptes für die Grundschule

Grundsätzlich strebt Hessen an, den Französischunterricht in der Grundschule von « eigenen » Lehrkräften erteilen zu lassen, die entweder eine fachliche Ausbildung im Rahmen ihres Lehramtsstudiums erworben haben oder von Lehrkräften, die sich durch unterschiedliche Fortbildungsveranstaltungen (Sprachkurse, fachdidaktische Lehrgänge, Tandem-Projekte mit französischen Akademien, Lingua-Programme etc.) für diesen Unterricht qualifiziert haben.

Dem deutsch-französischen Lehreraustausch kommt in diesem Zusammenhang eine ganz besondere Bedeutung zu. Er zeichnet sich gegenüber allen anderen Fortbildungsmöglichkeiten insbesondere durch die beiden folgenden Merkmale aus:

--> der Muttersprachler vermittelt im Partnerland authentisch Sprache und Kultur seines eigenen Landes und wirkt somit als Multiplikator

-->gleichzeitig ist er Lernender und bildet sich sprachlich und didaktisch-methodisch weiter mit dem Ziel, den Frühfremdsprachenunterricht in der Partnersprache im eigenen Land weiterzuentwickeln.


Der Austauschlehrkraft bietet der Einsatz im Partnerland die herausragende Chance, über den Zeitraum von mindestens einem Schuljahr die andere Sprache, aber auch den Lebensalltag in seinen unterschiedlichsten Erscheinungen (Einkaufen, Wohnung mieten, kulturelle Veranstaltungen besuchen, Kontakte aufnehmen und pflegen etc.) kennenzulernen. Das ermöglicht ein ungleich intensiveres Eintauchen, Kennen- und Verstehenlernen von Sprache und Kultur des Nachbarn, was zu besonderer, weil umfassenderer Qualifizierung beiträgt.

Die mit derlei Kompetenzen und Erfahrungen aus dem Austausch zurückkehrenden hessischen Lehrkräfte werden in der Regel wieder an ihrer Schule eingesetzt, die sich auf diese Weise vorbereitet hat auf die Einführung von Französisch ab Klasse 3.

Die französischen Austauschlehrerinnen oder -lehrer wirken in zweierlei Hinsicht in den Schulen :

Sie werden entweder an Schulen eingesetzt, die mit Französischunterricht beginnen wollen, Hier können sie gewissermaßen als Motor und Innovator wirken, um die Motivation zum Erlernen der französischen Sprache bei Kollegen, Schülerinnen und Schülern sowie Eltern zu fördern und zur Akzeptanz des Französischunterrichts, auch zur Korrektur des oben beschriebenen Vorurteils, beizutragen.

Zum anderen können die französischen Austauschlehrkräfte aber auch einen Beitrag zur Konsolidierung eingerichteter Französischangebote leisten an solchen Schulen, die zwar schon selbst begonnen, aber ihr Angebot noch nicht ganz gefestigt haben. In diesem Fall übernehmen die französischen Austauschlehrer gleichsam auch die Rolle eines Multiplikators, der in Zusammenarbeit mit den schuleigenen Lehrkräften den Französischunterricht weiterentwickelt.

In jedem Falle sind sie systematisch in das Fremdsprachenkonzept an hessischen Grundschulen eingebunden und als integrativer, impulsgebender und belebender Bestandteil des Schullebens zu betrachten.

Das Land Hessen beteiligt sich seit Mitte der 80er Jahre an dem Programm des deutsch-französischen Lehreraustauschs in der Grundschule. Im Durchschnitt sind es fünf Lehrkräfte, die für ein bis maximal zwei Jahre an französischen Grundschulen Deutsch unterrichten, während im Gegenzug eine entsprechende Anzahl französischer Muttersprachler in hessischen Grundschulen die Partnersprache vermittelt.

Hessen profitiert also in doppelter Weise von den Vorzügen des Austauschprogramms und baut mit den französischen Austauschlehrerinnen und -lehrern und den aus Frankreich zurückkehrenden hessischen Lehrkräften jedes Jahr kontinuierlich sein Potential an Fachkräften für den Unterricht in Frühfranzösisch aus.

Somit trägt die Beteiligung an dem Programm maßgeblich zur Ausbreitung und Verbreitung der französischen Sprache bereits in der Grundschule bei.


3. Zusammenfassung


Das deutsch-französische Lehreraustauschprogramm in der Grundschule ist Konkretisierung des deutsch-französischen Freundschaftsvertrages von 1963 und der auf ihn bezogenen zahlreichen Kulturgipfel beider Länder, in denen regelmäßig die Bedeutung der Vermittlung der Partnersprache bereits im Grundschulbereich nachdrücklich hervorgehoben wurde.

In langjähriger konstruktiver Zusammenarbeit zwischen den Vertretern der beteiligten Länder der Bundesrepublik Deutschland, dem französischen Erziehungsministerium und dem Deutsch-französischen Jugendwerk hat das Programm eine Gestalt angenommen, die in dreierlei Weise beispielhaft ist :

• Aus europapolitischer Sicht leistet das Programm einen herausragenden Beitrag zum Zusammenwachsen der Nationen, zum Kennen- und Verstehenlernen anderer Sprache und Kultur und zur Weiterführung der Annäherung zwischen Deutschland und Frankreich.

• Aus bildungspolitischer Sicht unterstützt das Programm die Entscheidung der verantwortlichen Bildungspolitiker zur Einführung und Verbreitung des Fremdsprachenlernens in der Primarstufe und zur Diversifizierung der Fremdsprachen.

• Aus schulpolitischer Sicht trägt das Programm bei zur Qualität des Fremdsprachenunterrichts. Lehrkräfte, die im Land der Partnersprache gelebt und unterrichtet haben, erfahren eine erhebliche persönliche Bereicherung, die sie im Unterricht wirksam werden lassen. Sie verstehen es, aus eigener Anschauung, ihren Schülerinnen und Schülern Sprache und Kultur des Nachbarn näher zu bringen und durch die entstandenen Kontakte Begegnungen (Klassenkorrespondenz, Schülerbegegnungsfahrten etc.) herzustellen.


Zur Realisierung der genannten Ziele ist es Aufgabe von Ministerien, Verwaltungen und Institutionen, sich wechselseitig zu verständigen und einen entsprechenden Rahmen zu setzen, dessen lebendige Ausgestaltung auch weiterhin Aufgabe vieler engagierter Menschen vor Ort bleibt. So gesehen spiegelt das vorangestellte Zitat das deutsch-französische Lehreraustauschprogramm in der Grundschule wider.

W. Lortz

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