tandem Sprachanimation in den Begegnungen junger Berufstätiger
Redaktion und Übersetzung: Fabienne BAILLY, Bettina OFFERMANN in Zusammenarbeit mit Isabelle DAMAY, Ullrich NALBACH und des Referats "Interkulturelle Ausbildung" des DFJW

DFJW/OFAJ © 2000
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Inhaltsverzeichnis

KAPITEL I

INTERKULTURELLE KOMMUNIKATION IN DEUTSCH-FRANZÖSISCHEN BEGEGNUNGEN

1.1. Die interkulturelle Kommunikation

1.1.1. BEGRIFF DER KOMMUNIKATION
Unter Kommunikation wird die Übermittlung von Informationen verstanden. Durch diese Übermittlung werden zwei Protagonisten ins Spiel gebracht: Ein Sender (der eine Nachricht sendet) und ein Empfänger (der die Nachricht empfängt). Die Nachricht selbst braucht ein Medium durch welches sie übermittelt wird: Hierzu wird sie in ein System von Symbolen übersetzt oder vom Sender verschlüsselt; diese Verschlüsselung kann beispielsweise (gesprochene) Sprache oder eine andere Form von Sprache sein (z.B. Informatik). Die Nachricht des Senders kann in verschlüsselter Form auch einige Informationen über seine Person und seine Psyche beinhalten. Der Empfänger muss im Stande sein, diese Nachricht zu entschlüsseln, um zu verstehen, was der Sender ihm übermitteln will.

Eine Reihe von Faktoren beeinflussen oder bedingen die Form von Kommunikation, die sich zwischen zwei Gesprächspartnern aufbaut:

  • die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen: beispielsweise die Hierarchie, die auf die Rollenverhältnisse und Verhaltensnormen bei den Kommunikationspartnern Einfluss nimmt.
  • die gegebenen äußeren Bedingungen: der umgebende Lärm, Interferenzen in einer Situation, in der von mehreren und gleichzeitig kommuniziert wird oder der Gebrauch von mehrfachen, zu zahlreichen, schlecht artikulierten Gesprächssträngen.
  • Schließlich die psycho-sozialen Faktoren, sowohl beim Sender als auch beim Empfänger: ihr Charakter, ihre Stimmung, ihr Sozialisationsgrad, ihre gegenseitigen Gefühle von Sympathie oder Antipathie, aber vor allem der Bezugsrahmen des Einzelnen: Er ist eng verknüpft mit seiner persönlichen Geschichte und repräsentiert das Gesamtgefüge seiner Meinungen, Normen, Werte und seines Wissens. Dieser Bezugsrahmen ist es, der das Repertoire der Gesprächspartner definiert, welches wiederum beim Sender Form und Inhalt der Nachricht bestimmt und beim Empfänger die Art, wie er die empfangene Nachricht interpretiert. Unabdingbare Voraussetzung für eine erfolgreiche Kommunikationssituation ist, dass Sender und Empfänger über ein gemeinsames Repertoire verfügen. Fruchtlos bliebe die Kommunikation eventuell dann, wenn die Gesprächspartner beispielsweise nicht über einen gemeinsamen ideologischen oder linguistischen Code verfügten.

 

1.1.2. KULTUR, INTERKULTURELLES
Bei einer interkulturellen Begegnung beteiligen sich Vertreter verschiedener Kulturen an der Kommunikation. Im Rahmen des vorliegenden Textes halten wir uns an die ethnologische Definition von Kultur: "Die Gesamtheit der Kenntnisse und Verhaltensweisen (technisch, wirtschaftlich, rituell, religiös und sozial), die eine bestimmte menschliche Gesellschaft charakterisieren".
(s. PANOFF/PERRIN; 1973. Diese Definition von Kultur gehört sicherlich nicht zu den jüngsten, aber sie entsprach in ihrer Kürze den Anforderungen dieser Diplomarbeit am besten.)

Kultur umschließt folglich alle Verhaltensnormen, Interaktionsrituale (Gebräuche, Höflichkeitsformeln und Lebensart), Kommunikationsschlüssel (darunter die Sprache) Wert- und Glaubensvorstellungen, die Art, gewisse Situationen zu erfassen, zu agieren oder zu reagieren, zu denken sowie Lebensweisen, praktische, wirtschaftliche oder kreative Fertigkeiten, kollektive Organisationsformen u.s.w. einer jeweiligen Gesellschaft.

All diese kulturbildenden Elemente sind nichtsdestoweniger Entwicklung und Wandel unterworfen.
(s. DEMORGON; 1993, S. 23 f.). Denn: Auch wenn jeder Träger einer Kultur ist, so ist er doch nicht ausschliesslich das Produkt dieser Kultur. Es sind - im Gegenteil - die Individuen, die die Kultur bilden, sie formen und weiterentwickeln, insbesondere im Kontakt mit Angehörigen anderer Kulturen. Kultur darf daher nicht als ein festgefügtes Gebilde verstanden werden, sondern als ein Prozess konstanter Weiterentwicklung, die sich entlang der ihr eigenen Charakteristika und ihrer Beziehungen zu anderen Kulturen definiert und wieder neu definiert.

Diese Verdeutlichung führt den Begriff Interaktion zwischen den Kulturen ein, und genau darum geht es beim Interkulturellen: Es handelt sich um interaktive Austauschmaßnahmen, die zwischen den Trägern unterschiedlicher Kulturen stattfinden und um die Bereicherung und die Bildungsaspekte, die diese Maßnahmen für die Entwicklung der Persönlichkeit zur Folge haben könnten.

Zum anderen stellt die interkulturelle Begegnung die anwesenden Personen in den Vordergrund mit der ihnen eigenen Persönlichkeit und Charakteristika:
"... nicht Kulturen oder nationale Identitäten treten miteinander in Kontakt, sondern Personen." (s. LIPIANSKY; 1987, S. 70.)

Die interkulturelle Kommunikation vollzieht sich folglich auf zwei Ebenen:

  • Eine interpersonelle Ebene: Sie gilt für jegliche Kommunikation - ob interkulturell oder nicht - und sie bringt die soziale Identität des Einzelnen ins Spiel;
  • Eine interkulturelle Ebene: Sie bringt die kulturelle Differenz zwischen den sich begegnenden Personen mit ein und löst eine Reihe von Verhaltensweisen und psycho-sozialen Reaktionen aus, die der jeweiligen Person eigen sind, die mit einem anderen so genannten "Fremden" in Kontakt tritt.

 

1.1.3. NATÜRLICHE REAKTIONEN AUF DAS ANDERSSEIN
Lipiansky
(s. LIPIANSKY; 1993, S. 6-8) beschreibt zwei Verhaltensweisen oder "sozio-kognitive Mechanismen", die man mit einer gewissen Zuverlässigkeit bei jedem Einzelnen antrifft, der mit Andersartigkeit konfrontiert wird: Kategorisierung und Ethnozentrismus.

  • Kategorisierung:
    Sie meint die Tendenz jeder Person, im Anderen die Bestätigung der Vorurteile zu suchen, die sie gewöhnlich der Kategorie zuschreibt, der er angehört und zu versuchen, in seinen Verhaltensweisen und Einstellungen die Charaktermerkmale dieser Kategorie wiederzuerkennen.

Für die interkulturelle Kommunikation lassen sich aus diesem Phänomen verschiedene Konsequenzen ziehen:

  • der Kontrasteffekt betont die Unterschiede zwischen den Kulturen;
  • der Stereotypie-Effekt besteht darin, eine Person mittels Stereotypen zu erfassen, die man ihrer Kultur zuspricht und darin, diese Vorstellungen auf alle Angehörigen dieser Kultur zu übertragen;
  • der Assimilations-Effekt geht dahin, die Ähnlichkeit zwischen Individuen ein und derselben Kultur hervorzuheben.

Um uns Anhaltspunkte zu schaffen und unser soziales Umfeld zu strukturieren, greifen wir nicht nur auf die Kategorisierung zurück: Dieses Merkmal ist Teil des Sozialisierungsprozesses, durch den sich jeder Einzelne dadurch definiert, dass er sich von Anderen differenziert.

  • Ethnozentrismus
    Kategorisieren kann als Teil eines weiter und allgemeiner gefassten Phänomens gesehen werden: dem Ethnozentrismus. Hierbei handelt es sich um unser Bestreben, andere Kulturen durch den uns eigenen Bezugsrahmen zu erfassen und zu beurteilen.

Diese Einstellung - Quelle von Missverständnissen in der zwischenmenschlichen Kommunikation - erklärt sich vielleicht durch den Eisberg von Robert Kohls. Dieser unterscheidet zwei Ebenen von Kultur:

Kohls - Schema:
Die unterschiedlich bewussten Ebenen der Kultur: Der Eisberg

  • Das Bekannte: Darunter versteht man alles, was ein Individuum von seiner Kultur zu erkennen gibt; alles, was man an ihm "von aussen" beobachten kann und was man Artefakte (Kunsterzeugnisse) nennt: Sein Verhalten, seine Sprache, Sitten und Gebräuche u.s.w. Dies ist die sichtbare Seite des Eisbergs.
  • Das Unbekannte bezieht sich auf alle psychologischen Faktoren der Kultur: Wertesystem, Normen, Denkweisen, Weltanschauungen. Dies ist die unsichtbare Seite des Eisbergs, die in impliziter und verschlüsselter Weise in der Kultur vorhanden und dem Einzelnen oft unbewusst sind.

Nach diesem Schema kann man Ethnozentrismus als einen Mechanismus definieren, mit dem man die kulturellen "oberhalb des Wasserspiegels" befindlichen Merkmale einer anderen Kultur ausgehend von den kulturellen "unter Wasser liegenden" Merkmalen der eigenen Kultur beurteilt. In Unkenntnis der unsichtbaren Seite der anderen Kultur tendieren wir dahin, den Anderen auf das, was wir unmittelbar von ihm wahrnehmen, zu reduzieren. Und wir neigen dazu, ihn verstehen zu wollen, ohne sein Bezugssystem zu kennen und ohne zu ahnen, dass dieses anders ist als das unsrige.

Dieses Phänomen hat die Tendenz, unsere Referenzmodelle zu verstärken und unsere Wahrnehmung der Dinge als die einzig gültige darzustellen - so sehr erscheint sie uns natürlich und selbstverständlich. Das Verhalten des Anderen, des Fremden, erscheint uns in Folge dessen unverständlich, nicht zu rechtfertigen, falsch: "Sein Verhalten wird gemäß eines Codes interpretiert, den er nicht kennt und man unterstellt ihm, diesen absichtlich zu missachten."
(LIPIANSKY; 1993, S 5.)

Dieses Zurückweisen von Unterschieden ist eine natürliche und spontane Reaktion jedes Einzelnen, der mit Andersartigkeit konfrontiert wird. Hierin zeigt sich ein Bedürfnis nach Unterscheidung, ein Verteidigungsmechanismus, der notwendig ist im Hinblick auf die potentielle Gefahr, die das Unbekannte, der Unterschied darstellt.

 

1.1.4. Dezentrierung oder interkulturelle Öffnung
Die interkulturelle Kommunikation nimmt nur dann ein interessantes Ausmaß an, wenn man versucht, aus dieser Form von Verteidigungsreaktion auszubrechen, indem man es akzeptiert, seine eigene Subjektivität in Frage zu stellen. Dieses Phänomen nennt man Dezentrierung. (LIPIANSKY; 1993, S 8f.)

Um den Anderen verstehen zu können, muss ich die Logik, in der sich sein Bezugsrahmen bewegt, rekonstruieren. Das braucht aber die Fähigkeit, mich von meinem eigenen Wertesystem zu distanzieren. Dies geschieht recht häufig unbewusst und kann sich durch die Begegnung mit dem Anderen und den dadurch verursachten Kulturschock offenbaren. Diese Konfrontation mit der Welt des Anderen müsste es ermöglichen, dass ich mir meiner eigenen Werte, Verhaltens- und Gedankenweisen bewusst werde. Dem Anderen kommt also die Rolle eines Spiegels zu: Er spiegelt mir meine eigene kulturelle Identität wider und ermöglicht mir so, meine Wahrnehmungen und Urteile zu identifizieren und zu relativieren.

Anders gesagt: Das Wissen über den Anderen vollzieht sich durch das Wissen über sich selbst - aber immer in Interaktion mit den Anderen.

Es reicht jedoch nicht, Unterschiede zu verstehen und zu akzeptieren. Man muss vielmehr auch die Ähnlichkeit mit dem Fremden zugeben und ihn nicht auf das Bild einer der Kategorien fixieren, die ihn bilden: Die kulturelle Identität ist nur ein Bestandteil, nur ein Aspekt der sozialen Identität. Im Anderen nur die kulturelle Differenz sehen, heißt, ihn auf eine eindimensionale Identität reduzieren, ohne den anderen sozialen Dimensionen Rechnung zu tragen, so wie Alter, Beruf, Geschlecht, Herkunftsgebiet, soziales Milieu u.s.w.

Dezentration hat zwei Facetten: Zum einen den Anderen als anders anerkennen, indem man sich seiner kulturellen Identität bewusst wird; zum anderen ihn als ähnlich anerkennen, indem man seine gesellschaftliche Dimension akzeptiert.

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