| Spracharbeit mit Berufstätigen rückt in den Vordergrund
Von Anfang an war gefordert worden, dass niemand wegen fehlender Sprachkenntnisse vom Austausch ausgeschlossen werden dürfe. Es sollte vermieden werden, dass die Begegnung zwischen Deutschen und Franzosen ein Privileg von Schülern und Studenten würde, die vielfach schon über Sprachkenntnisse verfügen, andererseits aber meist immer auch andere Möglichkeiten des Kontakts mit dem Ausland haben. In der Realität zeigte sich allerdings, dass auch andere Gründe junge Berufstätige davon abhielten, an Begegnungen teilzunehmen. Vorbehalte gegenüber dem Ungewohnten, die finanzielle Situation und nicht zuletzt eine oft nur geringe Anzahl von Urlaubstagen bewirkten, dass junge Berufstätige sich weniger am Austausch beteiligten. Nach dem 1972 vom Kuratorium gefassten Beschluß, jungen Arbeitnehmern und Auszubildenden Priorität für den Austausch einzuräumen und die deutsch-französische Begegnung für diesen Personenkreis auch entsprechend attraktiv zu machen, wurden zunächst die Förderungsrichtlinien des DFJW geändert: für Berufstätige wurde die Altersgrenze auf 30 Jahre heraufgesetzt, die Förderungssätze wurden erhöht bzw. variabel gestaltet. Von den beiden Abteilungen des DFJW wurde zusammen mit spezialisierten Partnern in beiden Ländern (Arbeit und Leben, Jugendsozialwerk, Arbeiterwohlfahrt, Fédération Léo Lagrange, Culture et Liberté, u.a.) ein neuer Programmtyp entwickelt, die sog. "Ferienprogramme für junge Arbeitnehmer", die nach dem französischen "Vacances pour jeunes travailleurs" bald auch in Deutschland "VJT-Programme" genannt wurden. Jedes Programm sollte eine Dreiteilung in reine Ferien- und Freizeitaktivitäten, ein landeskundliches Informationsprogramm und einen sprachlichen Teil aufweisen, in dem versucht werden sollte, den häufig festzustellenden Widerwillen junger Berufstätiger gegen Fremdsprachen und damit auch ihre Sprachhemmungen zu überwinden. Die Anwendung des Tandem-Prinzips war selbstverständlicher Bestandteil der Konzeption. Fragen erhoben sich hinsichtlich der Inhalte der beabsichtigten "Sprachanimation", die für diesen Personenkreis noch einfacher sein sollte, noch "ökonomischer" und mit noch mehr Identifizierungsmöglichkeiten der Teilnehmer mit den ihnen im Sprachmaterial vorgestellten Situationen. Auch in der neuen Situation wurde zunächst wieder versucht, an die vorhandenen Materialien, zunächst an die in Frankreich immer noch viel verwendeten "Ateliers linguistiques" anzuknüpfen. Es wurden Dialoge erstellt, die an Berufssituationen oder an soziale Probleme erinnern sollten. Als unterstützende Bildelemente verzichtete man jetzt auf Standbildstreifen; ein junger Künstler gestaltete ansprechende farbige (wenngleich z.T. ziemlich abstrakte) Bilder, die als Diapositive zur Verfügung gestellt wurden. Doch hatte man offensichtlich sowohl die Sprachanimateure wie auch die Teilnehmer überschätzt, die nur wenig durch diese neuen "Szenen" sensibilisiert werden konnten. Bald wurde allgemein auf die erste, ganz neutrale Serie der "Ateliers" zurückgegriffen, deren Schwächen sich allerdings bald wieder zeigten. Da an den VJT-Programmen entgegen den ersten Erwartungen auch häufiger junge Vertreter von Büroberufen, teilweise mit Sprachkenntnissen, teilnahmen als Jugendliche aus dem Handwerk oder anderer manueller Berufe, veränderte sich nicht selten die "Sprachanimation" in diesen Programmen zu recht herkömmlichem Sprachunterricht, zwar binational und mit Tandemphasen durchgeführt, aber häufig sogar je nach Vorkenntnisstand der Teilnehmer mit konventionellen Sprachlehrbüchern. Auf der deutschen Seite war das Jugendsozialwerk bereits seit längerer Zeit mit längerfristigen Arbeitsaufenthalten junger Franzosen befasst, die am SIT in Tübingen in Intensivkursen sprachlich vorbereitet wurden. Das Institut verfügte daher über besondere Erfahrungen in der Arbeit mit Berufstätigen; sein damaliger Leiter Richard Göbel, war aus der MAV-Tradition kommend Fachmann für Medieneinsatz und auch mit den Fragestellungen der Soziolinguistik vertraut. Sein Postulat "Die Fremdsprache ist nicht so schwierig, als dass nicht auch der junge Berufstätige sie lernen könnte" führte zu einer Konzeption von Spracharbeit, die am ehesten den ursprünglichen Intentionen der VJT-Programme entsprach. Göbel verzichtete in den zweisprachigen "SITuationen I" nicht auf bildliche Erklärung der vorgestellten Szenen. Die Bilder waren jedoch auf einfachste Weise gezeichnete Folgen von "Strichmännchen", die im Verlauf der Sprach"animation" auch von den Teilnehmern verändert oder neu gezeichnet werden konnten; sie wurden auf Streifen aus Klarsichtfolie kopiert und konnten projeziert werden. Sprachliche Vorgaben, die mündlich von den Sprachanimateuren und nicht vom Tonband gemacht wurden, aber auch früh in Schriftform den Teilnehmern gegeben wurden, waren jeweils Varianten von sehr kurzen Gesprächsteilen, die sich um einen stereotyp wiederkehrenden "Mini-Dialog" gruppierten: eine solche Mini-Sequenz wie z.B. "Ist hier noch frei? Ja, bitte..." oder auch "Nein, leider nicht..." konnte von den Teilnehmern in die verschiedensten Situationen hinein"gedacht" werden: bei Tisch im Speisesaal, an der Bar, im Bahnabteil, im Kino... Göbel verwirklichte mit den "SITuationen I" mehrere Überlegungen zur Sprache selbst und zu ihrer Vermittlung:
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