tandem Sprachanimation in deutsch-französischen Jugendbegegnungen
Redaktion und Übersetzung: Fabienne BAILLY, Bettina OFFERMANN in Zusammenarbeit mit Isabelle DAMAY, Ullrich NALBACH und dem Referat "Interkulturelle Ausbildung" des DFJW
DFJW/OFAJ © 2000
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Inhaltsverzeichnis

1.2. Der Kontext der deutsch-französischen Begegnung
Der Kontext, innerhalb dessen sich die Begegnung abspielt, hat einen nicht zu vernachlässigenden Einfluss auf die Form der Kommunikation, die sich zwischen den beteiligten Personen aufbauen könnte. Im Rahmen der deutsch-französischen Begegnung sollte man richtigerweise zwei Aspekte unterscheiden: zum einen die Situation der interkulturellen Begegnung, zum anderen den spezifischen Kontext des Deutsch-Französischen.

1.2.1. DIE INTERKULTURELLE BEGEGNUNG
Das Phänomen der "Begegnung" impliziert bereits eine gewisse Anzahl von Besonderheiten. Der Psychosoziologe Julien Freund definiert die Begegnung wie folgt: "Eine Versammlung ohne Tagesordnung, ohne genau definiertes Ziel, ausser dem, Menschen in Kontakt zu bringen, die durch wie auch immer geartete Barrieren voneinander getrennt sind."
(FREUND; 1972, S. 12 und 15)

Die Ausgangssituationen unterscheiden sich erheblich von denen eines touristischen Aufenthalts oder einer Klassenfahrt oder selbst zum Beispiel von einer Migrationssituation, wo der Immigrant keine andere Möglichkeit hat, als sich an die jeweils neue Umgebung anzupassen.

Die Begegnung, so wie wir sie hier verstehen (d.h. ein binationales Programm am dritten Ort) hat zuerst einmal einen Ausnahme- und künstlichen Charakter: Die Teilnehmer finden - in der Regel von der Außenwelt abgetrennt - für eine begrenzte Zeit zusammen, an einem vorgegebenen Ort, weit weg von den Alltagsproblemen und vertrauten Rahmenbedingungen. Mit Blick auf dass, was man "soziales Vakuum"
(s. DAUSENDSCHÖN-GAY; 1995, S. 90) nennen könnte (wer passt sich wem an?), drängen diese außergewöhnlichen und künstlichen Bedingungen die Teilnehmer dazu, eine Persönlichkeit zu bilden, um auf diese verunsichernde Situation reagieren und sich anpassen zu können. Gerade dieser "soziale Schock" wird ein Bewusstwerden und ein Rückbesinnen auf sich selbst hervorrufen.

Zum anderen: Was die Begegnung ausmacht, ist die Kommunikation zwischen den Teilnehmern. Die Begegnung gibt der interpersonellen Beziehung den Vorrang. Sicher, die Teilnehmer entwickeln sich in einem Rahmen von mehr oder weniger flexibel handhabbaren Programmpunkten, aber dieser dient mehr als Unterstützung für Austausch und Kommunikation und weniger als Selbstzweck. Den informellen Kontakten wird daher viel Platz eingeräumt. Bezogen auf die Angebote, ist das Planen und Organisieren des offiziellen Begegnungsprogramms darauf abzustimmen: Denn durch diesen gemeinsamen Entscheidungsfindungs- und Umsetzungsprozess werden die Teilnehmer am stärksten mit den Unterschieden konfrontiert. Die Umsetzung des gemeinsamen Handlungsziels wird durch Aushandeln erreicht, der erlebte kulturelle Schock kann zum Auslöser für das Infragestellen eigener Werte werden
(s. LIPIANSKY; 1987).

Die Begegnungssituation beinhaltet ungeachtet dessen eine gewisse Reihe von Gefahren, die den reibungslosen Ablauf der interkulturellen Kommunikation aufs Spiel setzen können.

Zum Beispiel die Gefahr, die man "Verneinung der Unterschiede" nennt
(s. LIPIANSKY; 1987). Das Zugehörigkeitsgefühl ist ein Gefühl, nach dem jeder Teilnehmer strebt, um sich in der Gruppe wohl zu fühlen. Erreichbar ist es aber nur durch den Zusammenhalt der Gruppe. Ein Klima der Solidarität ist sicherlich in gewissem Maße positiv in Hinblick auf die interpersonellen Beziehungen, da es die Teilnehmer dazu bringt, ihre Aggressivität zu dämpfen und toleranter als im Alltagsleben zu sein. Dieses Phänomen kann die Teilnehmer gleichwohl dazu führen, jegliche Konfrontation oder jeden Konflikt zu verdrängen, um ein Gefühl von Harmonie und Einigkeit aufrechtzuerhalten. Sie halten Schwierigkeiten und Meinungsverschiedenheiten so klein wie möglich, damit Gemeinschaftsgefühl und Konformismus entstehen können - was sicherlich beruhigend, aber in Bezug auf den zwischenmenschlichen Austausch uninteressant ist. Es ist daher wichtig, eine gewisse Spannung in der Gruppe zu erhalten, damit jeder seine Individualität durch freie Meinungsäußerung einfordern kann und nicht seine, ihn ausmachenden Besonderheiten auslöscht.

In der interkulturellen Begegnung wird dieses Problem noch durch die Angst verstärkt, das Bestätigen von Unterschieden könne als diskriminierende Tendenz interpretiert werden und zu einer Trennung innerhalb der Gruppe führen. Das Verneinen von Unterschieden ist daher eine Form, sich hinter eine universalistische Vorstellung von Menschlichkeit zu flüchten (wir sind alle in erster Linie Individuen) um eventuelle interkulturelle Konflikte zu vermeiden. Indessen kann, wie Lipiansky es formuliert: "sich die Kommunikation oft erst durch eine "Auseinandersetzung mit dem Negativen" vertiefen und so zu Fortschritten führen, denn das Negative existiert auch wenn es sich nicht zeigt, und es lastet umso mehr auf der Begegnung, wenn es Tabu bleibt."
(s. LIPIANSKY; 1987, S. 73).

 

1.2.2. DAS DEUTSCH-FRANZÖSISCHE
Der Kontext des Deutsch-Französischen wird in der Beziehung zum Anderen ebenfalls eine Rolle spielen
(s. LIPIANSKY; 1993.). In der Tat geben die historischen Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland der Begegnung eine besondere Note. Klar ist, dass die gemeinsame deutsch-französische Grenze - auch wenn sie oft in Frage gestellt wurde - den Kontakt und die Interaktion zwischen den beiden Ländern gefördert hat.

Die gemeinsame historische Vergangenheit Frankreichs und Deutschlands bestimmt das Bild, das sich Jugendliche von dem anderen Land machen. Selbst heute noch verbinden junge Franzosen Deutschland mit Hitler. In französischen Nachkriegsfilmen oft in karikierender Weise dargestellt, klingt die deutsche Sprache auch noch immer in den Ohren zahlreicher Franzosen kreischend und abgehackt. Eine junge Deutsche, die, vom DFJW subventioniert, ein Jahr im deutsch-französischen Bereich eines französischen Verbands arbeitete, formulierte es nach ihrer Rückkehr so: "Es war hart für mich zu sehen, welches Bild die Leute (immer noch und wieder) von Deutschland und den Deutschen haben. Die Klischees von Sauerkraut, Arbeit, Disziplin und der Neigung, die Welt erobern zu wollen, halten sich hartnäckig."
(s. TARADE; 1993, S. 7) Auf der anderen Seite sorgt die Wirtschaftskraft Deutschlands bei den Franzosen für ehrliche Bewunderung. Sie löst zwiespältigen, mit Befürchtungen gemischten Respekt aus (wie sich bei der Wiedervereinigung feststellen ließ), wird aber immer wieder als Beispiel bei den politischen und Mediendiskussionen in Frankreich zitiert.

Das Bild vom "typischen Franzosen" hat bei den Deutschen ebenfalls zwei Seiten: "Bon Vivant" auf der einen Seite, verkörpert er das "Savoir vivre", um das viele Deutsche ihn gern beneiden – während sie gleichzeitig versuchen, diesen Lebensstil zu kopieren - was sich insbesondere auf den kulinarischen Aspekt des Lebens "wie Gott in Frankreich" bezieht: Käse, Rotwein und mehrstündige Menues.... Der Deutsche "liebt" Frankreich und die Franzosen – ob diese Liebe jedoch mit Respekt oder Kenntnis verbunden ist, bleibt offen. Denn stereotyp werden gerne die vermeintlichen "Mängel" im Charakter "der Franzosen" zitiert und mit Herablassung betrachtet: Sie seien oberflächlich, desorganisiert, individualistisch und mit einem ausgeprägten Nationalgefühl ausgestattet...

Mit all diesen positiven und negativen Bildern und Vorstellungen kommen die Jugendlichen auf der interkulturellen Begegnung an und versuchen, in Kontakt mit den Teilnehmern der anderen Nationalität zu treten.

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