tandem Sprachanimation in deutsch-französischen Jugendbegegnungen
Redaktion und Übersetzung: Fabienne BAILLY, Bettina OFFERMANN in Zusammenarbeit mit Isabelle DAMAY, Ullrich NALBACH und dem Referat "Interkulturelle Ausbildung" des DFJW
DFJW/OFAJ © 2000
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Inhaltsverzeichnis

1.3. VERBALE KOMMUNIKATION IN DEN BEGEGNUNGEN

1.3.1. DIE ROLLE VON SPRACHE
Kommunikation stellt für den binationalen Austausch eindeutig ein entscheidendes Problem dar: Braucht man Sprachkenntnisse, um an einer deutsch-französischen Begegnung teilnehmen zu können? Welchen Platz nimmt Sprache in der Kommunikation ein, die zwischen den Jugendlichen im Laufe einer interkulturellen Begegnung entsteht?

Wenn wir die Konsequenzen aus dem oben Beschriebenen ziehen, müssten wir uns eingestehen, dass Kommunikation nicht auf den sprachlichen Aspekt verzichten kann. Um wiederum Lipiansky zu zitieren: "die Beziehung, die Kommunikation (...) stehen im Mittelpunkt der Begegnung" und "es gibt keine Kommunikation ohne dass bei den Gesprächspartnern ein gemeinsamer Code vorhanden ist."
(LIPIANSKY; 1987, S. 70 f.)

Gleichwohl muss man schauen, ob Kommunikation nicht andere Formen als Sprache annehmen kann. Die non-verbale Kommunikation spielt bei der Begegnung ohne Zweifel eine wichtige Rolle. Unabhängig vom gesprochenen Wort, gibt es eine ganze Reihe von Verständigungsmitteln: Gestik, Mimik, Gesichtsausdruck, Verhaltensweisen und Körperhaltung u.s.w.

Diese non-verbalen Instrumente garantieren den Gesprächspartnern nicht zwangsläufig einen gemeinsamen Code, da sie je nach Kultur verschieden sein können. Zudem ist auch nicht sicher, dass die Sprache frei von jeglicher Zweideutigkeit ist: Denken wir beispielsweise an die so genannten "faux amis"
(Anm.d.Ü.: "falsche Freunde": Begriffe, die in zwei Sprachen gleich scheinen, aber eine unterschiedliche Bedeutung haben.) : (die Garderobe: le vestiaire; die Kamera: l´appareil photo; der Automat: le distributeur) oder an all die Wörter einer Sprache, deren Bedeutung nicht dasselbe semantische Feld wie die "offizielle" Übersetzung abdeckt (wie beispielsweise "animation linguistique" und "Sprachanimation") (Das Wort "Animation" hat im Deutschen einen negativen Beigeschmack: Er erinnert zum einen an die Animation auf organisierten Reisen, zum anderen an Animierdamen (entraîneuses) in gewissen Bars, während es im Französischen eher die Bedeutung von "beleben" hat.).

Auch Schulkenntnisse sind nicht unbedingt ein Garant für eine erfolgreiche Kommunikation. Denn es gibt einen Unterschied zwischen der sprachlichen Kompetenz (was der theoretischen Wissensbeherrschung entspricht) und der sprachlichen Leistung (die sich auf die Sprachpraxis und die das Sprechen selbst bezieht). Häufig lässt sich feststellen, dass den Jugendlichen diese Sprachpraxis fehlt.

Die verbale Kommunikation wird zudem oft von Codes begleitet, die sich je nach Kultur unterscheiden: Codes für Betonung und Rhythmus, Konversation und Erzählweisen (wie baut man eine Erzählung, eine Argumentation auf, wie zeigt man sein Interesse am Anderen, wie führt man eine Unterhaltung u.s.w.) oder die Form der gesellschaftlich vorgegebenen Distanz, die zwei Gesprächspartner während einer Unterhaltung unbewusst einhalten.
(s. HALL; 1971)

Noch weitergehen muss man in der Analyse der Beziehungen, die eine Sprache mit der Kultur verbindet, der sie zugehört. Beide können als untrennbar betrachtet werden. (KLIER-CHAUMOND; 1976 S. 7f.; BESSE; 1993, S. 42 ff.)

Man kann sagen: Eine Sprache ist zugleich Produkt und Voraussetzung einer Kultur.

Sie ist Voraussetzung für die Kultur, da sich das Denken durch die Sprache strukturiert: Sie stellt daher das vorrangige Sozialisationsinstrument des Individuums dar. Dazu schreibt Rudolf Herrmann: "Verständigung und Kommunikation fördern individuelle Emanzipation und Sozialisation auf Dauer nachhaltig."
(HERRMANN, 1976, S. 11ff.) Das gilt auch für die Kontakte, die auf einer interkulturellen Begegnung zwischen Jugendlichen entstehen. Zudem sichert Sprache das Übermitteln der Kultur von einer Generation zur nächsten. So ist in Frankreich eines der Bemessungskriterien für die (gelungene) Integration von Menschen ausländischer Herkunft ihre Beherrschung der französischen Sprache.

Sprache ist ebenfalls ein Produkt ihrer Kultur, da sie die Merkmale der jeweiligen Gesellschaftsform widerspiegelt: Die Worte verweisen auf die spezifischen Erfahrungen und Gewohnheiten der Gesellschaft, auf die sie sich beziehen (dies erklärt insbesondere, warum sich einige nicht in andere Sprachen übersetzen lassen). Wichtig erscheint aus diesem Grunde auch, den Jugendlichen den Erwerb von zumindest geringen Sprachkenntnissen zu ermöglichen. Dies könnte als Schlüssel zum Bezugssystem des Anderen betrachtet werden: Einen Zugang zur Sprache des Anderen zu bekommen heißt, einen Zugang zum Verständnis seiner Kultur bekommen.

Dieser letzte Punkt bezieht sich wiederum auf das eingangs dargestellte Kohls-Schema: Die Kultur eines Individuums entspricht verschiedenen Schichten, von denen einige im Unbewussten liegen. In den vergrabensten Schichten unseres Unbewussten bildet sie sich unter anderem - abhängig von der jeweiligen Kultur - aus Vorstellungen und Werten. Diese offenbaren sich wiederum durch verschiedene Verhaltensweisen und so auch durch unterschiedliches Verbalisieren. Nehmen wir als Beispiel die Mutter-Kind-Beziehung: Eine Mutter in Frankreich, die ihren Beruf direkt nach dem Mutterschaftsurlaub wieder aufnimmt, stößt bei deutschen Frauen auf Unverständnis und starke Missbilligung. Denn für diese kommt die Trennung vor dem dritten Lebensjahr einer Traumatisierung für das Kind gleich. Im Gegenzug dazu beurteilt die französische Gesellschaft diesen Einschnitt als eher günstig für das Kind: Es bekommt sehr früh Kontakt zu anderen Erwachsenen und Kindern, und diese sozialisierenden Erfahrungen wirken sich positiv auf seine Entwicklung aus. Eine französische Mutter, die ihr Kind bis zum Alter von drei Jahren bei sich behält, wäre dem Vorwurf ausgesetzt, es zu bemuttern oder gar zu ersticken. Man wird sich gewahr, dass die Werte hinter manchen Positionen sehr eng mit der jeweiligen Kultur verbunden und implizit von der betroffenen Kultur geprägt sind.

Damit Kommunikation zwischen Individuen verschiedener Kulturen möglich ist, empfiehlt es sich, die Inhalte dieser kulturellen Ebenen bewusst zu machen, die Verhaltensweisen und Wertesysteme zu verdeutlichen und so einen für die Gesprächspartner gemeinsamen Code einzuführen. Dabei wird auch die Sprache eine Rolle spielen, weil durch sie das Verbalisieren der impliziten Kultur-Schichten möglich wird. Sprache bildet also ein Mittel für die Entdeckung, ein Instrument dank dessen sich die Einzelnen kennenlernen und schrittweise Zugang zum Bezugssystem des Anderen bekommen können.

Das Vorhandensein eines gemeinsamen Codes bedeutet jedoch nicht, die Sprache in ihrem kulturellen Kontext perfekt beherrschen zu müssen. Dann könnte nämlich nur eine zweisprachige "Elite" an deutsch-französischen Austauschmaßnahmen teilnehmen könnte - und das entspricht keineswegs den Zielen des DFJW.

Sprachenlernen muss fester Bestandteil der Pädagogik interkulturellen Lernens sein. Denn Sprache bleibt das einzige Mittel für einen tieferen Meinungs- und Erfahrungsaustausch - und die Ergebnisse non-verbaler Kommunikation in einer Gruppe sollten zudem nicht überschätzt werden: Vielmehr ermöglicht eine zunehmende Beherrschung der Sprache den Jugendlichen, ihre Kenntnis des Anderen und des Interkulturellen noch zu intensivieren. Ausserdem kann die Erfahrung einer gelungenen Kommunikation in einer binationalen Begegnungssituation das Interesse an der Sprache und der Kultur des Anderen wecken oder verstärken - und dadurch den Wunsch vertiefen, weiter zu lernen
.

 

1.3.2. DER KOMMUNIKATIONSMITTLER
Man wendet sich häufig an die animateurs-interprètes
(im Folgenden wird die französische Bezeichnung verwendet, da der deutsche Begriff "Gruppendolmetscher" die pädagogische Funktion nicht widerspiegelt.), um die sprachlichen und kulturellen Verbindungen zwischen den nationalen Gruppen herzustellen. Diese Vermittler, die man manchmal auch Kommunikationsmittler nennt, müssen drei verschiedenen Aspekten der Übersetzung Rechnung tragen: (s. HERRMANN, KLEIN; 1976, S.17ff. : Die Autoren sprechen von médiateur de communication.)

  • Sichern der sprachlichen Vermittlung: Es geht um die möglichst vollständige Weitergabe von Informationen in die andere Sprache unter Berücksichtigung von Inhalt und Form (Stil, Effekte u.s.w.)
  • Sichern der kulturellen Vermittlung: Der animateur-interprète muss in der Ausgangssprache all das erkennen, was sich hinter der unsichtbaren Seite des Eisbergs versteckt und dies für die Zielgruppe explizit entschlüsseln. Das implizit in einer Kultur Enthaltene äußert sich konstant in ihrer Sprache: Von allen Angehörigen einer Kultur wird vermutet, sie teilten das "Insiderwissen", auf das sich ihre - dadurch anspielungsreiche - Kommunikation stützt. (E.T. Hall spricht von Kommunikation in weit gefasstem Kontext für die implizite Kommunikation und von Kommunikation in eng gehaltenem Kontext für die explizite Kommunikation (S. HALL/HALL, 1984.)). Für den animateur-interprète heißt dies, seine Gruppe in die Eigenheiten der jeweilig anderen Kultur einzuweihen.
  • Anpassung an die gegebenen Umstände und Anpassen der Übersetzung an psychologische Faktoren und an die soziale und sozio-linguistische Atmosphäre in der Gruppe.

Zum anderen ist der animateur-interprète auch für das Gruppenleben zuständig: Er muss seine pädagogischen Qualitäten unter Beweis stellen und in der Lage sein, durch die von ihm initiierten gruppendynamischen Prozesse Menschen unterschiedlicher Sprache und Kultur miteinander in Beziehung zu bringen und sie die interkulturelle Begegnung er-leben zu lassen.

In der Begegnung garantiert diese Form praktizierter Übersetzung sicherlich eine vollständige und vertiefte Kommunikation. Sie birgt aber auch eine Reihe von Nachteilen. Die Kommunikation verliert eindeutig an Spontaneität. Zum anderen ist sie weniger flexibel, da sie von der Verfügbarkeit des animateur-interprète abhängt und folglich nicht an jedem Moment des Tages stattfinden kann. Deshalb kommt auf den animateur-interprète eine neue Verantwortlichkeit zu: Die Teilnehmer ermutigen, in die andere Sprache "hineinzuschnuppern" und eine erste Sensibilisierung zu entwickeln. Diese Initiative verfolgt ein zweifaches Ziel: den Jugendlichen zu einer gewissen Autonomie zu verhelfen, indem die verbale Kommunikation zwischen ihnen möglich wird, und sie zum Weiterlernen der anderen Sprache zu motivieren.

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