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KAPITEL II
SPRACHANIMATION
2.1. DEFINITION
2.1.1. ALLGEMEINE BEMERKUNGEN ZUR ENTSTEHUNG VON SPRACHANIMATION
Dem Konzept von Sprachanimation liegt eine Reihe von Erkenntnissen zugrunde. (s. BRICAUD, CAUNEAU, DAUSENDSCHÖN-GAY, KRAUS, 1990, und BRICAUD 1991. Beide Texte sind unveröffentlichte DFJW-Dokumente.)
Zuallererst hat man erkannt, dass die Jugendlichen mit ganz unterschiedlichen Spracherfahrungen aus den Austauschbegegnungen zurückkehrten: Manche hatten Fortschritte gemacht, andere nicht, ohne dass man weder wirklich wusste, warum noch wie. Wenn es stimmt, dass die binationale Begegnung - d.h. das Zusammenbringen junger Franzosen und junger Deutscher - einen Rahmen bildet, der die Kontaktaufnahme fördert und ein gewisses Potenzial für Sprachlernen bietet, dann wird diese Situation dennoch nicht optimal genutzt.
Zum Anderen wurde man sich bewusst, dass die Fortschritte der einen und die Nicht-Fortschritte der anderen weniger von den tatsächlich vorhandenen Sprachkenntnissen der Jugendlichen abhingen als vielmehr von aussersprachlichen, psycho-soziologischen Faktore: Die persönliche Fähigkeit, Kontakt herzustellen, die Angst, sich durch Fehler lächerlich zu machen, das Überschätzen des Sprachlichen in seiner Bedeutung für die Kommunikation, das Unterschätzen der eigenen Möglichkeiten, in der Fremdsprache zurechtzukommen. Im Allgemeinen trauen sich die Jugendlichen nicht, in der anderen Sprache zu kommunizieren, da sich die - sehr schulische - Vorstellung hartnäckig in ihren Köpfen festgesetzt hat: Nur mit guten Sprachkenntnissen könnte ein wirklicher Kontakt zu Jugendlichen anderer Nationalitäten entstehen. Man muß sie daher unterstützen, die Angst vor der Sprache zu verlieren und ihnen aufzeigen, dass Kommunikation selbst mit geringen sprachlichen Mitteln möglich ist.
Schließlich ließ sich feststellen: Selbst wenn die Jugendlichen kommunizieren, so bringen sie doch nicht immer neue Sprachkenntnisse von der Austauschbegegnung mit. Und selbst wenn einige von ihnen sich spontan Notizen machen und diese Aufzeichnungen ihres Spracherwerbs bewahren - der Erwerb selbst vollzieht sich recht häufig nur über eine Systematisierung dessen, was jeder Einzelne für sich entdeckt hat.
Aufgrund dieser Beobachtungen fragten sich das DFJW und seine Partner, ob es möglich sei, eine sprachliche Dimension in die Begegnung zu integrieren, ohne jedoch wahre Sprachkurse anzubieten. So wurde das Konzept von Sprachanimation in binationalen Begegnungen entwickelt. Seine Anwendung bedeutet aber keinenfalls, die Unzulänglichkeiten des "klassischen" Fremdsprachenunterrichts zu übernehmen.
Es handelt sich vielmehr zum einen darum, der verbalen Kommunikation ihren wahren Stellenwert als Kommunikationsmittel zurückzugeben. Man kann sagen, dass die Anwendung der anderen Sprache in genau dem Moment natürlich und selbstverständlich wird, wo sie notwendig ist. Es geht also darum, das Bedürfnis nach Sprache durch Aktivitäten und adäquate Situationen zu wecken, so dass die Jugendlichen die Sprache als ein Kommunikationsinstrument erleben und nicht als Selbstzweck: Die Motivation wird durch die Instrumentalisierung der Sprache geweckt.
Zum Anderen hat eine Vielzahl von Jugendlichen im schulischen Kontext schlechte Erfahrungen mit dem Erlernen von Fremdsprachen gemacht. Sprachanimation hat zum Ziel, sie auf den "Geschmack" der Partnersprache zu bringen - oder wieder zu bringen. Im Gegensatz zum Schulunterricht, der auf den Erwerb abzielt, sieht sich Sprachanimation in erster Linie als Anregung, die andere Sprache anzuwenden: Es geht um die Wiedereinführung des Begriffs "Vergnügen", der im Fremdsprachenunterricht häufig vernachlässigt wird. Interessant wäre es an diesem Punkt, das französische und das deutsche Schulsystem miteinander zu vergleichen, um eventuelle Unterschiede in den pädagogischen Ansätzen beider Länder bezüglich Sprachenlernen festzumachen.
Um eine solche Vorgehensweise verfolgen zu können, sollte der Sprachanimateur eine gewisse Anzahl von Kompetenzen mitbringen:
- Erfahrungen mit und Weiterbildungen in dem Bereich der interkulturellen Begegnung und gutes Beherrschen der anderen Sprache (der Gruppenbegleiter sollte keine Sprachblockaden kennen, wenn er in der Lage sein will, den Jugendlichen beim Überwinden ihrer Ängste zu helfen);
- Flexibilität und die Fähigkeit, spontane Sprachanimationsphasen anzubieten, in solchen Situationen, in denen das Bedürfnis danach spürbar ist;
- und schließlich, eine auf den ersten Blick ungewöhnlich wirkende Vorgehensweise verfolgen gerade dann, wenn es sich um einen animateur-interprète handelt. Er sollte sich bemühen, nicht automatisch als Kommunikationsmittler zu fungieren, sondern eher Hilfestellung anbieten bei Formulierungs- und/oder Verständnisfragen und die Jugendlichen so zur Autonomie hinführen. Er hat also vielmehr eine Funktion als Tutor denn als Übersetzer. Dabei geht es darum, die Jugendlichen so oft wie möglich in eine Kommunikationssituation zu bringen, damit sie selbst Akteure der Kommunikation werden; denn durch das persönliche Erfahren gelungener Kommunikation fassen die Jugendlichen Selbstvertrauen, und sie werden Lust bekommen, das Sprachenlernen zu vertiefen.
Sprachanimation hat allgemein formuliert demgemäß folgende Ziele:
- den Jugendlichen helfen, die verschiedenen psycho-soziologischen Blockaden zu überwinden, die den Aufbau natürlicher Kommunikation stören, sie ihre Angst vor der anderen Sprache verlieren lassen, indem man ihnen aufzeigt, dass Kommunikation auch mit geringen Sprachkenntnissen möglich ist;
- ihnen die Freude an der Sprache des anderen (wieder) vermitteln, indem sie Sprache als einsetzbares Kommunikationsmittel und nicht wie ein Schulfach (er)leben;
- die binationale Kontaktsituation nutzen, um zur Kommunikation zu ermutigen und den Wunsch zu wecken, ein Minimum an Worten oder Begriffen zu lernen, die für das Leben während der Begegnung notwendig sind;
- den Spracherwerb fördern und systematisieren durch das Anbieten von spielerischen Aktivitäten, die das Speichern und das Lernen von Begriffen begünstigen;
- die Autonomie der Jugendlichen fördern (was sich, besonders im Ausland, über ein gewisses Beherrschen der Sprache vollzieht) und bei ihnen die Motivation wecken, auch über die Begegnung hinaus die Sprache systematisch durch Unterricht - zu lernen.
2.1.2. KOMMUNIKATIONSSTRATEGIEN
Die Untersuchungen der Universität Bielefeld haben das Konzept der Sprachanimation untermauert, indem sie den Begriff der Kommunikationsstrategien hervorhoben. Seit langen Jahren beschäftigen sich die Forscher mit dem sozio-linguistischen Aspekt der natürlichen Kommunikationssituation, die zwischen zwei Gesprächspartnern unterschiedlicher Muttersprache entsteht.
Wenn wir uns an eine fremde Person in ihrer Sprache wenden, stoßen wir oft auf verschiedene Probleme: Es fehlt am entsprechenden Vokabular, an den passenden Ausdrücken, den notwendigen Grammatikkenntnissen, um den Anderen zu verstehen oder um uns verständlich zu machen.
Bei solchen Verständigungsschwierigkeiten schöpfen wir manchmal aus einem anderen Repertoire an Möglichkeiten als aus dem der Sprache. Dies können beispielsweise sein: sich durch Gesten verständlich machen, die Sprache wechseln in der Hoffnung, sich besser verständlich zu machen, an den Gesprächspartner appellieren durch Zögern, fragende Betonung, Ausdrücke vom Typ "wie sagt man?", u.s.w. Dieses natürliche Vorgehen, das jeder einsetzt, nennt man Kommunikationsstrategien. (s. DAUSENDSCHÖN-GAY, GÜLICH; KRAFFT; 1989.)
Die Wissenschaftler der Universität Bielefeld haben ein solches Repertoire von Formen interaktiver Kommunikation zwischen französischen und deutschen Gesprächspartnern zusammengestellt; d.h. der verschiedenen Arten, in denen zwei Gesprächspartner unterschiedlicher Muttersprache sich gegenseitig beim Formulieren und Verständigen bezüglich der Botschaft helfen, die sie zu übermitteln versuchen.
Ihre Untersuchungen haben erwiesen: Zwar fördert der Rückgriff auf diese Strategien die Kommunikation, aber gleichzeitig verlangsamt er den Konversationrhythmus. Nun sind sich die Psychologen einig, dass man in einer Konversation immer das ökonomischste Mittel sucht, um das anvisierte Kommunikationsziel zu erreichen. Die Anwendung dieser Strategien kann daher diesem Bedürfnis nach Wirtschaftlichkeit widersprechen. Das bedeutet, dass wir es eventuell vorziehen, eher auf unser Kommunikationsziel zu verzichten oder es zu ändern, als es mit Anstrengungen zu erreichen.
Aus pädagogischer Sicht sind diese Strategien indessen sehr interessant. Man hat festgestellt: Je größer die unternommene Anstrengung war, um ein angestrebtes Kommunikationsziel zu erreichen, je höher waren die Chancen, den Ablauf der dafür vollzogenen Schritte zu speichern, sowie die mit dieser Situation verbundenen Vokabeln. Die Kommunikationsstrategien erweisen sich also gleichzeitig als Lernstrategien.
Diesen Aspekt versuchen wir in der Sprachanimation auszunutzen: Den Jugendlichen die natürlichen Vorgehensweisen bewusst zu machen, die sie spontan anwenden um zu kommunizieren und diese Abläufe zu systematisieren. Dies geschieht, indem die verschiedenen Strategien eines Einzelnen für alle sichtbar gemacht werden und sie so die Möglichkeit erhalten, diese neuen Lernstrategien auszuprobieren und sich anzueignen. Verfolgt wird ein doppeltes Ziel: den sofortigen Spracherwerb zu fördern (zum Beispiel durch den systematischen Einsatz eines Vokabelheftes), aber auch den eventuellen selbstständigen oder schulischen Spracherwerb nach der Begegnung zu unterstützen (indem die Jugendlichen beschreiben, in welchen Situationen sie das in der Begegnung Erworbene wieder einsetzen würden). |