3.2. Die natürliche Kommunikation
Die ausführliche Beschreibung der Ergebnisse mit Beispielen finden sich in den Arbeitsmaterialien des DFJW unter den Titeln "Le projet Bielefeld" und "Das Projekt Bielefeld".
Die Auswertung der gesammelten Materialien machte es möglich, vier verschiedene Aspekte natürlicher Kommunikation herauszuarbeiten und zu dokumentieren. Diese Aspekte sind:
- die Motivation, zu kommunizieren,
- die Situationen, die diese Kommunikation fördern,
- die Formulierungs- und Verständigungsstrategien, die die Jugendlichen spontan anwenden,
- der sich aus der Kommunikation ergebende Spracherwerb.
3.2.1. Die Motivation, zu kommunizieren
Die Gründe dafür, warum Jugendliche ein Gespräch mit Jugendlichen aus einem anderen Land beginnen, sind Lust und Neugier, diese kennenzulernen, sowie das Interesse an einer gemeinsamen Aktivität. Hinzu gesellt sich die Notwendigkeit oder der Wunsch, die andere Sprache praktisch anzuwenden und sich zu verständigen. Dies geschieht meist über das Interesse aneinander. Zu Anfang sprechen die Jugendlichen über sich: über ihr Leben, ihre Familien, ihr Land, ihre Freunde. Das heißt: Im Zentrum der Kommunikation steht das zwischenmenschliche Verhältnis. Hinzu kommen gemeinsame Interessen wie Freizeitgestaltung, Hobbies, Sport oder Spiele - aber auch Erfahrungen, Reisen und das Verhältnis zwischen den Geschlechtern. Auch die Begegnung selbst, das heißt, die Momente, die die Jugendlichen gemeinsam erleben und gestalten, schafft eine Basis, die sie aneinander annähert. In den Befragungen erwähnten die Teilnehmer als Motivationsfaktoren die Sprachkurse/Sprachanimationsphasen, Ausflüge, Aktivitäten, Konflikte oder die Mahlzeiten. Schließlich entdecken die Jugendlichen auch die interkulturelle Dimension einer Begegnung und beginnen, sich dafür zu interessieren: Sie ziehen beispielsweise Vergleiche zwischen den Schulsystemen, zwischen Frankreich und Deutschland, entdecken die kulinarischen Besonderheiten des Partnerlandes...
3.2.2. Kommunikationsfördernde Situationen
Interessanterweise lässt sich feststellen: Die binational gemischten Zimmer boten den besten Anlass zur Kommunikation. In der Tat sind es Situationen, die die Jugendlichen ganz frei gestalten können und in denen die Kommunikation daher völlig natürlich bleibt. Andere Jugendliche erwähnten zudem Sport- und Spielsituationen, Ausflüge und Gruppenaktivitäten. Die Sprachphasen (Kurse oder Sprachanimation) wurden auch als kommunikationsfördernd empfunden sowie auch Aktivitäten in Kleingruppen.
3.2.3. Kommunikationsstrategien
In einer Kommunikationssituation zwischen zwei Menschen unterschiedlicher Muttersprache hat der Gesprächspartner die Wahl zwischen zwei Verhaltensweisen: Entweder er gibt auf, wenn ihm das Kommunikationsziel zu schwer zu erreichen scheint, oder er versucht - koste es, was es wolle - die Botschaft zu vermitteln oder zu verstehen. Im letzteren Falle wird er auf eine ganze Reihe von Kommunikationsstrategien zurückgreifen, die ihm helfen sollen, etwas zu formulieren oder sich zu verständigen. Die von den in befragten Jugendlichen am häufigsten genannten und eingesetzten Strategien waren:
- non-verbale Strategien: Mimik, Gesten, Betonung, Zeichnungen....,
- Wahl einer Sprache: Anwenden der Sprache des Anderen, Sprachmix (Deutsch und Französisch zusammen), Englisch als "lingua franca",
- Verständigungsstrategien wie die Reformulierung in eine andere Sprache, der Rückgriff auf bestimmte Wendungen ("wie sagt man...?", die Bitte, das Gesagte zu wiederholen, langsamer zu sprechen, etc.),
- Formulierungsstrategien: Umschreibungen, interaktive Vervollständigung (der Kommunikationspartner kommt dem Nicht-Muttersprachler zu Hilfe, indem er ihm mögliche Formulierungen/Begriffe vorschlägt, wenn dieser nicht das richtige Wort findet), Rückgriff auf einen Übersetzer oder auf Wörterbücher.
3.2.4. Spracherwerb
Übereinstimmend gaben fast alle Jugendlichen an, im Verlauf der Begegnung sprachliche Fortschritte gemacht zu haben. Es hat also in den meisten Fällen Spracherwerb stattgefunden. Die Teilnehmer meinten, insbesondere durch den Kontakt zu den Jugendlichen aus dem Partnerland gelernt zu haben, das heißt der Spracherwerb vollzog sich in erster Linie in sozialer Interaktion. Die Begegnungssituation schien mehr zum Sprachenlernen zu motivieren als der schulische Unterricht, wie die Mehrzahl der Jugendlichen angab.
Das außerhalb der angebotenen Sprachphasen Erworbene betraf die geläufigen Begrüßungs- und Höflichkeitsformeln, Schimpfwörter und Beleidigungen (was sicherlich auch mit dem Alter der Teilnehmer zusammenhängt) sowie Worte und Redewendungen, die meist mit einer Aktivität oder einer besonderen Situation während der Begegnung verbunden sind (Cassette, match, Zugabe, surfen, raquette, spring!). Dieser Erwerb fand in einer für den Spracherwerb in binationalen Situationen typischen Reihenfolge statt: Erst hörten die Jugendlichen die andere Sprache, dann versuchten sie selbst, diese zu sprechen und ließen sich dabei von ihren Freunden aus dem Partnerland korrigieren. Schließlich bemühten sich auch einige, das Erlernte schriftlich festzuhalten.
Die vier Faktoren Motivation, Situation, Kommunikationsstrategien und Spracherwerb sind sehr eng miteinander verbunden: Gewisse Situationen fördern die Motivation, miteinander zu kommunizieren. Manchmal wiederum schafft die Motivation Kommunikationssituationen. Die Kommunikationsstrategien werden daher mit dem Ziel eingesetzt, sich verständigen zu können. Daraus geht meist Spracherwerb hervor.
Je selbstständiger sich die Jugendlichen in der Begegnung fühlen, desto offener werden sie aufeinander zugehen. Dazu kann nicht nur die Struktur, das Programm der Begegnung beitragen. Sprachanimationsphasen, die den Jugendlichen das Kennenlernen erleichtern, ihnen sprachliches "Rüstzeug" mitgeben und ihnen Wege zur Kommunikation aufzeigen, helfen ebenfalls, aus dem Aufenthalt eine Begegnung im wörtlichen Sinne zu machen.
|