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Ein Bericht über den Einsatz der "Tandem-Methode" in binationalen Sprachkursen Catherine Lainé |
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| Viele haben oft von binationalen Kursen, von der "Tandem-Methode" gehört, ohne daß sie sich dabei klar vorstellen können, was damit verbunden ist. So werde ich im folgenden versuchen, einige Erklärungen dazu zu geben.
Was ist ein binationaler Sprachkurs? Beide Sprachen werden dabei im Tandemverfahren vermittelt und gelernt und zwar abwechselnd und in zeitlich begrenzten Einheiten. Die für den Spracherwerb vorgesehene Zeit ist je nach Kursprogramm unterschiedlich lang. Die binationale Gruppe hält sich die Hälfte der Zeit in dem einen und die andere Hälfte im anderen Land auf. Die Spracharbeit ist Teil der binationalen Begegnung, zu der ferner das gemeinsame Entdecken des anderen und des eigenen Landes sowie die gemeinsame Gestaltung des Zusammenlebens während der Begegnung gehören. Das läßt großen Spielraum für interkulturelles Lernen und verleiht dem Kurs eine sprachübergreifende, erfahrungspraktische Dimension. Geleitet wird der binationale Sprachkurs von einem Lehrerteam, das gleichfalls im Tandem arbeitet und bei dem zwar jeder die andere Sprache fließend beherrscht, aber im Gegensatz zum herkömmlichen Fremdsprachenunterricht seine Muttersprache unterrichtet. In ständiger Zusammenarbeit bereitet das Lehrer-Team das gemeinsame Programm vor und achtet auf den guten Verlauf der Begegnung. Ihr Gelingen ist für die Kursteilnehmer ein sichtbarer Beweis dafür, daß sich Engagement und Zusammenarbeit im Tandem lohnen. Was ist Tandem? Egal ob Vorkenntnisse vorhanden sind oder nicht, ist ein binationaler Sprachkurs nach dem Tandemverfahren für jeden zugänglich und motivationsfördernd. Die Begegnungssituation macht neugierig auf den Anderen und seine Sprache und ermutigt, sich mit beiden vertraut zu machen. Der Spracherwerb, der dabei in Gang gesetzt wird, kann sich auf die gegenseitige Verpflichtung der Teilnehmer stützen, nach dem "Tandem-Motto": "Ich helfe dir, meine Sprache zu lernen und mein Land kennenzulernen und von dir erwarte ich das Gleiche, du machst es mit mir genauso. Das Ganze tun wir, um uns besser zu verstehen". Das Lernen im Tandem ermöglicht den unmittelbaren Kontakt mit dem Partner, seiner Lebensweise und seiner Sicht der Dinge. Jeder Teilnehmer ist also gleichzeitig Lerner der Sprache seines Partners und Vermittler seiner eigenen. Die vier "Tugenden", die er dazu mitbringen sollte, sind: Diese lebendige Auseinandersetzung mit dem Anderen und dem Eigenen fördert den kommunikativen und interkulturellen Lernprozeß und bildet eine willkommene Alternative zum herkömmlichen Fremdsprachenunterricht. Ein kurzer Rückblick Diese Sprachateliers haben dazu geführt, daß Lehrer und Sprachwissenschaftler zusammen nachgedacht haben, wie man junge Deutsche und Franzosen in deutsch-französischen Tandems für die fremde Sprache sensibilisiert. Ziel war es, neue Wege / Mittel für die Sprachvermittlung zu schaffen. Die Anwesenheit der Jugendlichen beider Staatsangehörigkeiten ermöglichte es, das außergewöhnliche sprachliche Potential zu nutzen. Und so innovierte und entwickelte das DFJW, wie es immer noch heute der Fall ist, neue Wege, neue Lernkonzepte zur Vermittlung der Sprache. In diesen Sprachateliers wurden 1968 Sprachmaterialien für den Anfänger-Unterricht in Deutsch und Französisch erarbeitet. Dieses Sprachmaterial wurde dann in den Begegnungsprogrammen der verschiedenen Jugendlager / Ferienzentren erprobt. Die Pionier-Organisationen veranstalten noch heute solche Programme für Jugendliche. Untersuchungen und Erkundungen wurden durchgeführt, Sprachanimateure wurden ausgebildet, die Forschungsprogramme wurden fortgesetzt. Diese Arbeiten wurden dann 1970, unter der Leitung von Prof. Dr. Albert RAASCH, an der Universität Kiel mit seinen Studenten der AALF Kiel (Arbeitsgruppe für Angewandte Linguistik Französisch Kiel) weitergeführt, sowie von der Institution BILD (Bureau International de Liaison et de Documentation) und ihrem deutschen Partner GÜZ (Gesellschaft für übernationale Zusammenarbeit) übernommen. Diese Institutionen bieten immer noch binationale Begegnungsprogramme mit Tandemsprachkursen an. Das eingesetzte Material war für allgemeine Ferien-Sprachkurse gedacht : Die Sprachaktivitäten richteten sich ganz nach den Freizeitmöglichkeiten des Programmortes. Je nach Programm am Nachmittag wurde das neue Vokabular für die Lernsituation wie auch die dazu passende Grammatik vermittelt. Ein Beispiel : Zur Einführung in die Situation "wir segeln" wurde tatsächlich am Nachmittag gesegelt, wobei alle Teilnehmer Vokabular und Strukturen anwenden konnten und Freizeitspaß und Sprachenlernen eine ideale Verbindung eingingen. Solche Freizeitaktivitäten führten zu unterschiedlichsten Lernsituationen und damit zu einer echten Kommunikation zwischen den Teilnehmern; ein gemeinsames Interesse motivierte zum Spracherwerb, der sich so den ganzen Tag fortsetzte. Die "Ateliers linguistiques" - Sprachateliers - verschwanden zwar zu Beginn der 80er Jahre, aber es sei hier ein Lob ausgesprochen : Ohne diese Sprachateliers wäre es nie zu den Tandems und nicht zu den binationalen Sprachkursen gekommen. Ein Arbeitsvorgang, der noch immer aktuell ist, denn von Anfang an beruhte er ja auf der Synergie, die bei binationalen Begegnungen entsteht. Das DFJW setzte seinen neuerungsfreudigen, kreativen, bahnbrechenden Weg fort und bot zu Beginn der 80er Jahre Austauschprogramme für junge Berufstätige an, denen (zum Teil obligatorisch) ein binationaler Sprachkurs vorausging. Junge Leute aus dem landwirtschaftlichen Bereich nahmen als erste Berufsbranche an Tandemkursen im Sprachinstitut Tübingen (SIT) teil. 1983 nahmen weitere Berufstätige aus dem Hotel- und Gaststättengewerbe und aus dem Tourismusbereich an Intensivsprachkursen teil : Im Rahmen der Regionalpartnerschaften Baden-Württemberg / Rhônes-Alpes am SIT-Tübingen und der Maison de la Promotion Sociale (MPS) Chambéry. Es folgten später weitere Berufssparten wie z.B. Kurse für Buchhändler und Verlagskaufleute (Eurozentrum Köln und La Rochelle zu Beginn der 90er Jahre) und u.a. die Handwerkerberufe der "Compagnons du Devoir". Da die Barriere der Fachsprache kein Hindernis für die Teilnahme an Begegnungen sein sollte, entwickelte das DFJW 1985 weitere Hilfsmittel für die Begegnungen : So wurden kleine Glossare im Taschenformat für die Vermittlung von Fachwortschatz; in ganz unterschiedlichen Bereichen wie z.B. Kindergarten/Gundschule, Schreinerei, Küche, Fußball u.a. veröffentlicht. In den 90er Jahren wurden weitere binationale Begegnungsprogramme mit Tandemkursen durchgeführt und das DFJW veranstaltete besondere Fortbildungskurse, um die Lehrkräfte in die spezifischen Techniken der Tandemarbeit einzuführen. Gebrauchsanweisung Wir sprechen also vom Lehrer-Team-Tandem, das die Gruppe betreut, und vom Tandem, das aus einem Lernenden und einem Muttersprachler besteht. Für alle gilt jedoch die partnerschaftliche Zusammenarbeit. Hier hat jeder eine besondere Rolle zu spielen. Das "Lehrer-Tandem" sollte eine offene und unbefangene Beziehung bevorzugen, denn beide Lehrer haben ja eine wichtige Aufgabe zu erfüllen: den Teilnehmern zu zeigen, daß es möglich ist, seine Sprache dem Partner zu vermitteln, und daß es Spaß macht. Der Muttersprachler ist der wesentliche Bestandteil des Tandems. Er hat keine passive Rolle, er bringt seine eigene Identität mit ein, hat eine eigene kulturelle Botschaft mitzuteilen - er ersetzt im jeweiligen Moment den "richtigen" Lehrer, seinen Landsmann - wir machen uns in der Tandem-Methode dieses Moment der Komplizität zu Nutzen. Der Muttersprachler ersetzt den Lehrer und paßt sich mit Geduld, Verständnis und gutem Willen seinem Partner an. Dazu gehört ein echtes Zuhörvermögen des Muttersprachlers. Er muß wirklich dabei und bereit sein, viel zu geben, um genauso viel zurückzubekommen, wenn er selber an der Reihe ist. Die gegenseitige Achtung ist unentbehrlich. Der Muttersprachler ermöglicht dem Lernenden, nach seinem eigenem Rhythmus zu lernen: Es gibt keine leeren Zeiten im Tandem, keinen zerstörenden "Gruppeneffekt", jeder findet seinen Weg ; und auch wenn die einzelnen Tandems mit den ihnen gestellten Aufgaben fertig sind, können sie sich in der gerade gültigen Lernsprache weiter unterhalten. Der Lernende hat so die besten Möglichkeiten, neue Kompetenzen zu entwickeln. Er lernt in einer privilegierten Unterrichtssituation. In seinem Tandem fühlt sich der Lernende sicher und löst sich somit von allen negativen Spannungen. Er scheut sich nicht, Fehler zu machen, denn er weiß, daß sein Partner die gleichen Schwierigkeiten mit seiner Sprache kennt. Wenn der Lernende die Lust und den Willen zum Lernen der Sprache des Partners hat, kann er sich jederzeit mit einem Partner in Verbindung setzen, der ihm dabei gern weiterhilft. Die Synergie ist wirklich spürbar. Tandem in berufsorientierten und binationalen Programmen Die Rolle des Muttersprachlers ist noch wichtiger als in den anderen binationalen Begegnungen, denn zusätzlich zu seiner Muttersprache bringt er ja auch sein Fachwissen, seine eigene Kompetenz mit (denn nicht alle Lehrer sind unbedingt Profis in der Berufsbranche). Der Tandemwechsel ist in dieser Konstellation besonders wichtig und wird auch von allen anerkannt und geschätzt. Jeder hat etwas davon. In den Rollenspielen z. B. steigt das Interesse noch mehr, denn jeder weiß genau, worüber er spricht. Außerhalb des Unterrichts wird Wert auf Firmen-Besuche gelegt, denn hier wird an Ort und Stelle die interkulturelle Seite im Beruf wahrgenommen. Auch hier sollte man erwähnen, daß das Land, in dem man sich aufhält, eine dominante Rolle spielt. Daher sollte, wenn möglich, immer ein Aufenthalt in den beiden Ländern angestrebt werden! Jeder sollte nach dem Sprachkurs sein eigenes Interesse wahrnehmen. Gemeinsames Leben und Lernen sind die Stärken des beruflichen Austauschs im Tandem. Die berufsorientierten Tandems merken schnell, daß es wichtig ist, die Fremdsprache zu sprechen, aber noch wichtiger, die Fachsprache zu beherrschen (daher die Idee der Glossare des DFJW). Die Arbeit im Tandem stützt sich auf die interkulturellen Unterschiede. Die Tandems entdecken, wie groß und vielfältig die binationale oder gar europäische Palette ist. Saint-Exupéry ließ seinen kleinen Prinzen folgende Worte sprechen : "Wenn ich auch anders bin als du, statt dich zu schädigen, bereichere ich dich!"
Zur Autorin Catherine Lainé |