Die Spracharbeit nach der Tandemmethode ist in den 60iger Jahren in den Programmen des DFJW entstanden. Seitdem fördert das DFJW binationale Sprachkurse, die nach dieser Methode durchgeführt werden und veröffentlicht entsprechende Arbeitsdokumente und Handreichungen.
Wir erhalten immer wieder Anfragen von Interessierten, die erfahren möchten, wie denn eine Arbeitseinheit im Tandem konkret ablaufen kann.
Es ist allerdings schwierig, eine solche Einheit zu beschreiben, wenn sie vom Kontext des Kursgeschehens getrennt betrachtet werden soll.
Wir haben nun eine erfahrene Kursleiterin, Isabelle Damay, damit beauftragt, eine typische Arbeitseinheit in einem Tandemkurs zu beschreiben; eine Einheit mitten im Kurs, der anders verläuft als der in den Berichten sehr oft beschriebene erste Tag.
Im Folgenden erhalten Sie die Beschreibung einer Arbeitseinheit, und zwar einer Einheit, die bereits in einem Tandemkurs erprobt werden konnte.
Es handelt sich hierbei nicht um ein Modell, das als solches eins zu eins übernommen werden soll; es wird sich sicherlich anbieten, einige der dort aufgeführten Punkte an das Kursgeschehen und die jeweilige Gruppe anzupassen: an das Alter der Teilnehmer, ihr Sprachniveau, ihre Motivation, ihren Platz innerhalb der Gruppe etc.
Wir wünschen Ihnen eine gelungene Tandemarbeit und würden uns sehr über Rückmeldungen und Kommentare Ihrerseits freuen, wenn Sie dieses Beispiel einsetzen.
Bernadette Bricaud
DFJW
November 2004
Arbeitseinheit im Tandem
„Deutsche und französische Zeitungen im Vergleich“
R a h m e n :
Binationaler Sprachkurs nach der Tandemmethode für junge Deutsche und Franzosen (etwa 24 Teilnehmer), die zwischen 15 und 17 Jahren alt sind und 2-3 Jahre Unterricht in der Zielsprache hatten.
Es handelt sich um einen dreiwöchigen Sprachkurs, der zur Hälfte in Deutschland und zur Hälfte in Frankreich stattfindet und von einem deutschen und einem französischen Kursleiter geleitet wird, die ein Tandem bilden.
Dieses Beispiel könnte nach dem Transfer durchgeführt werden, d.h. nachdem die Gruppe bereits 10 Tage in Deutschland oder in Frankreich verbracht und das Land gewechselt hat. Die Teilnehmer sind inzwischen mit der Tandemmethode vertraut (sie haben bereits 7 – 8 Arbeitseinheiten im Tandem à 4 Stunden gehabt) und kennen die Anweisungen (Wechsel der Sprachen = Wechsel der Lehrer- und Lernerrolle; seinen Tandempartner korrigieren; die neu erworbenen Kenntnisse strukturieren, ...).
T h e m a :
In dieser Einheit geht es darum, die Jugendlichen mit der französischen und der deutschen Presse bekannt zu machen, ihre gesellschaftliche Rolle zu erklären, ihnen die unterschiedlichen politischen Richtungen sowie die Subjektivität der jeweiligen Zeitungen bewusst zu machen. Unter den französischen Zeitungen würden sich hierfür anbieten:
Le Monde
Libération
Le Figaro
Le Canard Enchaîné
LHumanité
Ein regionales Blatt (z.B. Midi Libre, DNA, La Marseillaise,
)
Unter den deutschen Zeitungen würden sich anbieten:
die Zeit
die Frankfurter Allgemeiner Zeitung
die Taz
die Welt
die BILD-Zeitung
Ein regionales Blatt (WAZ, Berliner Morgenpost,...)
Es versteht sich von selbst, dass diese Liste nicht vollständig ist; die Kursleiter sollten selbst in einem gutsortierten Zeitungsladen die Auswahl treffen. Meistens sind die Zeitungsläden größerer Bahnhofe sehr gut ausgestattet.
Die Zeitungen sollten unbedingt gekauft werden, bevor man in das andere Land reist!!!
V o r b e r e i t u n g :
Die Zeitungen werden an einer Leine (Wäscheleine), die durch den Kursraum führt, aufgehängt (mit Wäscheklammern). Dabei gibt es eine Leine für die französischen Zeitungen und eine für die deutschen.
Die Kursleitung bittet die Teilnehmer darum, die Zeitungen ihres Landes von rechts nach links vorzustellen und zwar bezugnehmend auf deren jeweilige politische Richtung. Je nach Bedarf fügt die Kursleitung Ergänzungen an.
Material für die Einheit: DIN A 3 Blätter, Scheren, Kleber, hinreichend Eddingstifte und Malstifte in unterschiedlichen Farben
Ablauf in sieben Etappen:
1. « Energyzer » (15 Min.)
Die Teilnehmer sind an diese Form des Einstiegs vor den eigentlichen Arbeitsphasen gewöhnt. Es handelt sich um eine dynamische und spielerische Aktivität, die in der Großgruppe durchgeführt wird. Es bieten sich z.B. an: „Wie geht’s“, „die Klangmauer“ etc. (siehe Broschüre „Sprachanimation in deutsch-französischen Jugendbegegnungen“ des DFJW)
2. Bildung der Tandems (10 Min.)
- Nach dem Zufallsprinzip
Kartenpuzzle:
- es werden so viele Karten - wie es Tandems geben soll - in zwei Teile geschnitten, ein Teil wird mit D (für die Deutschen), das andere mit F (für die Franzosen) beschriftet. Alle „F-Teile“ kommen in einen, die „D-Teile“ in einen anderen Umschlag und werden im Anschluss entsprechend an die Kursteilnehmer verteilt.
- Eine andere Möglichkeit bilden die „Paar-Karten“, bei denen zwei Karten ein Paar bilden (z.B. Milch / Kaffee): jeder Teilnehmer erhält eine Karte und soll seinen Partner finden.
3. Zeitungswahl (5 Min.)
Jedes Tandem sucht sich eine deutsche oder französische Zeitung aus (zur Auswahl 12 – 14 Zeitungen = 12 Tandems = 24 Teilnehmer)
4. Arbeit mit der Titelseite (30 Min.)
Die Kursleitung gibt den Teilnehmern eine viertel Stunde Zeit, um sich über die Zeitung auszutauschen und sie durchzublättern. In dieser Phase arbeiten die Tandems in der Sprache der Zeitung, die ihnen vorliegt.
Im Anschluss bittet die Kursleitung die Teilnehmer darum, sich die Titelseite genauer anzuschauen und zu notieren, was ihnen auffällt: bezüglich Layout, Schriftzug, Farbe, Schlagzeilen, Fotos, Preis ... In dieser Phase wird in der anderen Sprache gearbeitet.
Die Kursleitung beobachtet die Tandems und achtet auf die Kommunikation und auf den Sprachwechsel; je eine viertel Stunde Deutsch und Französisch.
Kurze Pause nach einer Stunde Arbeit im Tandem
5. Vorstellung der Arbeitsergebnisse im Plenum (60 Min.)
Maximal 5 Minuten pro Tandem: die Teilnehmer stellen ihre Zeitung vor. Die Kursleitung hilft, unterstützt und versucht durch ergänzende Fragen die Präsentation zu vervollständigen (z.B. Wer ist X oder Y?, Erscheint Euch die Zeitung teuer?, gefallen Euch die Farben?, etc.) Sie achtet darauf, dass beide Tandempartner etwas sagen und zwar jeweils in der Zielsprache. Sie gibt ergänzende und lehrreiche Informationen (z.B. über die TAZ oder Libération oder über die Tatsache, dass keine rechts-extreme Zeitung auf dem deutschen Markt existiert, ...).
Die Kursleitung notiert das Vokabular in beiden Sprachen.
6. Erstellung einer Titelseite (60 Min.)
Arbeit in denselben Tandems. Den Teilnehmern stehen nun alle Zeitungen zur Verfügung. Die Kursleitung bittet die Teilnehmer darum, die Titelseite einer Zeitung zu erstellen und dabei alle Elemente zu integrieren: Schlagzeile, Artikel, Fotos, Datum, Preis (DIN A 3-Format)
Die Artikel der Titelseite sollen den Tandemkurs zum Thema haben. Die Tandems erhalten eine Stunde Zeit für diesen Auftrag. Die Kursleitung achtet auf die Kommunikation und auf den Sprachwechsel in den Tandems (eine halbe Stunde auf deutsch, eine halbe Stunde auf französisch).
7. Vorstellung der Arbeitsergebnisse im Plenum (60 Min.)
Die Kursleitung verfährt wie unter Punkt 5 beschrieben.
Die Tandems können mit ihren Titelseiten miteinander in Wettbewerb treten. Die Titelseite der Gewinner könnte die erste Seite der Kurszeitung werden, alle anderen Titelseiten werden integriert.
8. Korrekturarbeit im Tandem (30 Min.)
Die Kursleitung bildet neue Tandems und geben ihnen 15 Min. um auf folgende Frage zu antworten: „Was habe ich über deutsche und französische Zeitungen gelernt?“
Die Vorstellung der Arbeitsergebnisse erfolgt im „Doppel-Tandem“: ein Tandem spricht und stellt die Ergebnisse vor, das andere Tandem beobachtet und notiert Fehler, die in der Zielsprache gemacht und später korrigiert werden (der Franzose beobachtet den Deutschen, der Deutsche beobachtet den Franzosen).
Im Anschluss bilden jeweils der Beobachter und der Beobachtete ein Tandem und arbeiten an den Fehlern, die festgestellt wurden. Der Muttersprachler übernimmt die Rolle des Lehrenden, das heißt, er korrigiert, erklärt und lässt so lange wiederholen, bis er mit dem Ergebnis zufrieden ist.
Dann stellt das andere Tandem seine Ergebnisse vor. Die Rollen werden getauscht.
A n m e r k u n g e n :
- Die Kursleitung nutzt diesen Tag, um die lokale Presse einzuladen und um für die Tandemkurse zu werben. Das wäre auch für die Teilnehmer die Gelegenheit, „echte“ Journalisten zu treffen.
- Diese Tandem-Einheit findet im Allgemeinen großen Anklang bei den Jugendlichen; man erlebt immer wieder, mit welcher Begeisterung sich die Jugendlichen in die Rolle eines Journalisten versetzen und Artikel über den Tandemkurs oder über andere Teilnehmer verfassen.
© Isabelle Damay - 10. 04. 2004
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