Seit nahezu zwei Jahrhunderten können wir ein sich permanent beschleunigendes Phänomen beobachten, das man als "weltweite Verbreitung des Staates" 4) bezeichnen könnte. Nach der Französischen Revolution hatte sich als erstes die jakobinische Macht in Frankreich kontinuierlich entwickelt.
Deutschland übernahm dann seinerseits im Prozeß der deutschen Einigung im 19. Jahrhundert die Idee eines Zentralstaats. Diese weltweite Verbreitung des Staates als vorherrschende soziopolitische Organisationsform hat heute alle Länder der Welt erfaßt, sowohl die entwickelten als auch jene Länder, die man als Dritte bzw. Vierte Welt bezeichnet. Hinzu kommen die neuen Staaten, die aus dem Zusammenbruch der kommunistischen Welt hervorgegangen sind.
Mit Erstaunen kann man immer wieder feststellen, welch paradoxe Formen das manchmal annimmt: Zum Beispiel wird der Mercedes oder der Marmorpalast des Präsidenten eines der neuen Dritte-Welt-Staaten, wo das Überleben nicht gesichert ist, zum Symbol für den unabhängigen Staat. An der Peripherie, nur wenige Schritte vom Präsidentenpalast entfernt, beginnen Armut, Unterentwicklung und Isolation.
Dieser weiter wachsende Zentralismus geht einher mit einer zunehmenden Distanz zwischen Peripherie und Zentrum und ist inzwischen für jeden Bürger und in jeder sozialen Institution hier genau so wie in den Ländern der Dritten Welt spürbar.
Es erscheint uns sinnvoll, einmal die Probleme zu beschreiben, denen Institutionen und Personen begegnen, die sich in der einen oder anderen Form an der Nahtstelle zwischen diesen beiden Tendenzen bewegen.
Ist eine solche Situation nicht gerade kennzeichnend für Animateure von Jugendgruppen, da sie ebenfalls solche Verbindungsfunktionen übernehmen?
Der Jugendgruppenleiter (ähnlich wie Krankenpfleger, Erzieher, Lehrer) ist durch die Menschen, mit denen er zu tun hat, mit denen er arbeitet, mehr oder weniger intensiv in Kontakt mit der Peripherie. In der Peripherie aber gilt er als Vertreter des Zentrums. Indem er einer mehr oder weniger offiziellen, vom Staat geförderten Institution angehört, befindet er sich durch seine Anstellung (Gehaltszahlung) in direkter Abhängigkeit von einer zentralen Instanz. Dies gilt ebenso für Sozialarbeiter und Lehrer, die ähnliche Nahtstellen-Funktionen einnehmen.
Die Konfrontation zwischen Zentrum und Peripherie findet also auch auf seiner Ebene statt. Er muß wie alle anderen Zwischenträger den Widerspruch leben, der sich einerseits aus den Zielen des Zentrums und andererseits den vielfältigen Bedürfnissen der Jugendlichen ergibt, die angesichts der akuten Krise u. a. der Wirtschaft in ihrer großen Mehrheit kaum noch Illusionen haben, eine "Karriere" zu machen ... Die heutigen Jugendlichen haben erheblich geringere Wunschvorstellungen an ihre Zukunft als die vorherigen Generationen in der Phase des Wiederaufbaus in Frankreich und Deutschland und in den 30 "fetten" Jahren ("Les trente glorieuses").
Es wurde schon gesagt, daß dieser Widerspruch (zwischen Zentrum und Peripherie) alle sozialen Berufe berührt. Dabei erfahren die Berufsgruppen, die mit Randgruppen der Bevölkerung (Alte, Behinderte, Geisteskranke, psychisch Behinderte, ... und in gewisser Weise auch Jugendliche) arbeiten, diesen Widerspruch intensiver und noch anders als die übrigen 5). Dies gilt umso mehr, als das Zentrum immer weniger überzeugend wirkt, so gibt es z. B. in gewissen sozialen Brennpunkten Gebiete gibt, wo die einfachsten Menschenrechte nicht garantiert sind.
Auf die Globalisierung des Staates folgt eine Globalisierung der Wirtschaft. Sie bewirkt einen Rückzug des Staates aus ihrer Entscheidungssphäre, aber auch insgesamt einen Rückgang staatlicher Verantwortung und staatlichen Handels.
Das, was dabei auf individueller Ebene erlebt wird, geschieht aber auch auf der Ebene der Institutionen.
So besteht um ein konkretes Beispiel zu nehmen der Auftrag des "Deutsch-Französischen Jugendwerks" (DFJW), das 1963 durch de Gaulle und Adenauer gegründet wurde, darin, mit Jugendlichen zu arbeiten (siehe Richtlinien).
Als Institution befindet sich das DFJW in unmittelbarer Nähe der zentralen Instanz. Die Mitglieder des Kuratoriums haben hohe Funktionen in nationalen Institutionen z.B. in Ministerien für Jugend, Erziehung oder Bildung (Universitäten) oder als Vertreter von Jugendverbänden. Der Generalsekretär und sein Stellvertreter werden von den beiden Regierungen ernannt.
Das DFJW wurde allerdings nicht geschaffen, um nur mit der für das Zentrum in den beiden Ländern repräsentativen Bevölkerung zu arbeiten, sondern es ist für alle Jugendlichen da. Nach den Richtlinien des DFJW werden die Jugendlichen nicht ausgewählt, weil sie sich in der Nähe der zentralen Instanzen befinden (beispielsweise in Frankreich: Studenten der ENA und der "Grandes Ecoles" wie "Sciences Po"). Nein, in den Richtlinien wird ausdrücklich gesagt, daß die gesamte Jugend der beiden Länder angesprochen werden soll, ob Schüler oder Berufstätige, ob zweisprachig (was ja in jedem binationalen Kontext ein wesentliches und äußerst seltenes Privileg ist) oder einsprachig (die überwiegende Mehrheit der Jugendlichen in Frankreich und Deutschland).
Man kann sich durchaus vorstellen, mit welchen unterschiedlichen Anfragen die Abteilungen des Jugendwerks konfrontiert werden, wie sie ständig zwischen den Forderungen des Zentrums und denen der verschiedenen Peripherien hin und her gerissen werden, ob sie sich in einem Spannungs- oder Konfliktverhältnis zu ihnen befinden oder nicht.
Auf individueller Ebene ist diese Vermittlungsfunktion zwischen Realitäten mit widersprüchlichen Forderungen oft extrem schwer auszuhalten. Wie sich der Animateur in Spannungs- und Konfliktsituationen auch immer verhält (wie sie einer anwachsenden Zahl von Jugendlichen auferlegt werden, denen es schlecht ergeht), er wird sich unbeliebt machen. Der Widerspruch zwischen den Ansprüchen der politischen Machthaber und denen der Basis dominiert alles: manchmal bis hin zur Zerstörung oder Auflösung der sozialen Vermittler ("relais").
Das Unvereinbare miteinander in Einklang bringen, so könnte der Auftrag dieser Vermittler an den heiklen Punkten des Widerspruchs der Animateure, der Erzieher von Jugendlichen umschrieben werden.
Es ist völlig klar, daß eine solche Position nicht lange ausgehalten werden kann. Jeder, der sich darin befindet, muß sich entscheiden, welcher Seite dieser beiden Pole er Vorrang einräumt.
Wenn er zu stark zur Peripherie (soziale Brennpunkte, benachteiligte Stadtviertel, verarmte Bevölkerung) tendiert, dann begibt er sich selbst aus der Sicht des Zentrums in eine Abseitsstellung. Die zentrale Instanz wird alles versuchen, um ihn loszuwerden. Gerichte und Verwaltung stützen sich oft gegenseitig, um einen Abweichler ins Abseits zu drängen. Dabei vergißt die zentrale Instanz, daß sie die Verbindung zu dem ihr Unbekannten verliert und daß dieses ihr immer mehr entgleitet. Das Zentrum reagiert, indem immer wieder neue Vermittlungsrollen (neue Sozialarbeiter, anderen Vermittler aller Art) geschaffen werden, wohingegen das Auflehnen gegen den Staat 6) zunimmt durch mangelndes zivilisiertes Verhalten, u. a. durch Vandalismus in "heißen Nächten" u.s.w.
Für viele, die als Vermittler bzw. in Verbindungsstellen arbeiten, ist die Versuchung, sich eher mit den zentralen Instanzen zu verbinden, sehr stark verbreitet..., selbst wenn damit zunächst ein wenig, dann immer mehr die eigentliche Aufgabe die Daseinsberechtigung des Animateurs, des Lehrers, des Theoretikers, des Experten in Vergessenheit gerät. So überrascht es auch nicht mehr, Lehrer anzutreffen, die durch das Wissen im Zentrum, welches sich immer mehr verstärkt, den Kontakt zu denjenigen verloren haben, an die sich ihre Anhäufung intellektuellen Wissens eigentlich richtet.
Im sozialen Bereich ist es nicht mehr denkbar, daß Forschung von Experten betrieben wird, die nicht in der sozialen Praxis stehen. In der Ausbildung, in der Animation muß Forschung eine Tätigkeit (eine Dimension) sein, die im Zusammenhang mit der Basis steht und im Kontakt mit der gesamten Bevölkerung, einschließlich derjenigen, die am Rande stehen, abläuft.