Arbeitstexte de travail

Die Animation deutsch-französischer Begegnungen und die Bedeutung der Geschichte

Redaktion des Syntheseberichtes: Jeanne Kraus (U.F.C.V.)

 

Inhaltsverzeichnis

I. Ein Blick in den Spiegel der Praxis

Ähnlichkeiten

Es wurde in zahlreichen Begegnungen in Frankreich und in Deutschland deutlich, daß Animation in Deutschland wie in Frankreich eine Form klerikaler Funktionsausübung ist, die sich vom emotionalen, familiären und sonstigen sozialen Leben des Animateurs abgetrennt sieht. Dieser Klerikalismus ist anscheinend nicht allein in den konfessionellen Verbänden verbreitet. Der Übergang von der Tätigkeit des Geistlichen hin zu der des Lehrers und des Sozialarbeiters schlägt sich bis heute im gesamten sozialen Bereich nieder (siehe: "Les socio-clercs" (Die Sozialfunktionäre) Autorenkollektiv, Maspero, 1976). Ihr Engagement in diesen Verbänden steht an Stelle einer politischen Arbeit, aber ihre Tätigkeit wird – weder auf nationaler noch auf internationaler Ebene – im Hinblick auf ihre politische Bedeutsamkeit hinterfragt, sondern lediglich als ein kulturelles und soziales Engagement angesehen.

Dieses Engagement hat mit Sicherheit zwar auch eine politische Bedeutung. Man kann jedoch sagen, daß die meisten Diskurse über Animation a-politisch sind in dem Sinne, daß so getan wird, als ob Konzeptionen und Methoden sich auf eine rein soziale und kulturelle Zielsetzung beziehen und als ob es möglich sei, diese in jeglicher politischen Organisation der Gesellschaft zu verwirklichen. So ist beispielsweise die einfache Forderung nach einer stärkeren Selbstverwirklichung des Menschen eine apolitische Forderung, denn es wird dabei nichts darüber ausgesagt, was diese Selbstverwirklichung be- bzw. verhindert. Weiterhin bleibt die Frage offen, wogegen man sich "hier und jetzt" politisch engagiert und welche Solidarität mit welchen sozialen Bewegungen hergestellt werden soll.

In deutsch-französischen und anderen Begegnungen mit gemeinsamer Unterbringung ist man meistens weitgehend von der Welt abgeschnitten. Animation räumt den Vorrang dem ein, was in der Begegnung geschieht. Hinzu kommt, daß die Jugendlichen oft nicht sehr an der Organisation der Begegnung beteiligt sind. Sie sind das Objekt einer Animation und nicht genügend Subjekt ihrer eigenen Interessen.

In einem solchen Fall kann man gegebenenfalls sagen, daß Animation in den Begegnungen eher zum Selbstzweck zu werden scheint und sie es den Jugendlichen nicht erleichtert, sich ihr Leben selbst anzueignen und zu gestalten.

Durch Animation werden in gewisser Weise das Alltagsleben und die Umwelt vom Seminarleben getrennt. Die Existenz der Teilnehmer wird durch die Seminarsituation geprägt, was die "sozial-psychologisierende" Tendenz verstärkt. Diese hat automatisch einen integrativen Charakter, (selbst wenn sie vorgibt, die Unterschiede aufzuarbeiten), weil sie die politischen Dimensionen zugunsten der Empfindungen verdeckt. Schließlich lähmt sie eher, weil sie Differenzierungen, die eine bessere gegenseitige Kenntnis und eine Übernahme der Zieldefinition einer Begegnung durch die Gruppe erlauben könnten, nicht möglich werden läßt.

Meistens war es in den Forschungsseminaren durch Animation möglich, ohne all zu viel Angst aufkommen zu lassen, Trennung, Bruch, Konflikt zu thematisieren, wenn sie generell, also abstrakt angesprochen wurden; man war jedoch sehr selten in der Lage, die Phase der gegenseitigen Konfrontation und des gegenseitigen Akzeptierens der jeweiligen in einer Gruppe vorhandenen unterschiedlichen Tendenzen konkret anzugehen 7).

In den Strukturen der Jugendarbeit werden oft Seminare mit gemeinsamer Unterbringung, wenn möglich auf dem Lande, in schwer erreichbaren und weit entfernten Gegenden, bevorzugt. Dieser Rückzug, bei dem das "Überleben" des Individuums einzig und allein von der Gruppe abhängt, wirft Fragen auf, zumal auch eine Teilnahme am sozialen Leben der Tagungsstätte und deren Umgebung – selbst wenn so etwas manchmal gewünscht wird – praktisch nicht erfolgt. Sie bleibt meist höchst oberflächlich und beschränkt sich auf Kontakte touristischer Art.

Dies ist möglicherweise aber in den Augen der Teilnehmer gar kein Mangel, denn bei forschungsorientierten Fortbildungsveranstaltungen melden sich viele Teilnehmer an, die selbst auch Animateure sind, mit einem so großen Bedürfnis danach, Schwierigkeiten ihres täglichen Lebens aufzuarbeiten.

Aber was ist das eigentlich, ein Teilnehmer? Ein latentes Modell der Animation erwartet von ihm zu jeder Zeit eine "seriöse", intensive und kontinuierliche Mitwirkung.

Der Animateur seinerseits hält es für seine Pflicht (oder es wird ihm zur Pflicht gemacht), bei seiner Rolle Grenzüberschreitungen zu unterlassen, insbesondere was den emotionalen Bereich angeht. Seine Rolle wird damit funktionalisiert und begünstigt die Homogenisierung der Gruppe nach Alter und oft auch noch nach den Geschlechtern. So wird ein pädagogisches System praktiziert, wodurch alle diejenigen ausgeschlossen werden, die in der einen oder anderen Weise "stören". Diese Ausgeschlossenen passen nicht in die institutionellen Kästchen hinein, die sich auf Erkenntnisse begründen, nach denen "Gruppen von Gleichartigen" von besonderem pädagogischen Wert seien. Selbst wenn es stimmt, daß "Peer"-Gruppen für die Entwicklung von Jugendlichen notwendig sind, kann damit noch nicht gerechtfertigt werden, daß Animation sich auf diese Art der sozialen Beziehungen reduziert. Durch solche organisatorischen Lösungen wird Animation auch in ihrer Funktion beeinträchtigt. Indem der Animateur allen zur Verfügung stehen will, ist er schließlich für niemanden da. Das Leben alleine und das "Zölibat" werden zum Modell des öffentlichen Lebens eines Animateurs. Die Entwicklung einer Gruppenemotionalität verschleiert lediglich die Tatsache, daß sich die Teilnehmer am Ende der Begegnung doch wieder allein mit sich selbst wiederfinden.

Man gelangt so zu einer Form von Kollektivität, die man in gewisser Weise als "asozial" bezeichnen könnte. Teilweise wird so in außerschulischen Veranstaltungen die gleiche emotionale Misere deutlich, die das Leben in der Schule kennzeichnet.

Es geht hier nicht darum, zu verlangen, daß es keine Unterscheidung zwischen privater und öffentlicher Sphäre im Leben der Animateure und Lehrer gibt. Wir wollen nur dazu anregen, daß in der pädagogischen Beziehung die persönliche (kulturelle und soziale) Dimension der Animateure deutlich wird, die selbst als ganzheitliche Personen eine Funktion innehaben. All dies bedarf natürlich je nach den Gruppen eines (mehr oder weniger expliziten) Aushandelns des Ausmaßes des "Zusammenlebens".

Was steht hinter der Annahme, daß bereits eine Gruppe entsteht, wenn Deutsche und Franzosen mit einem Betreuungsteam an einem bestimmten Ort zusammenkommen?

Natürlich wird damit auch eine bestimmte Ideologie weitergegeben, die im übrigen nichts Binationales an sich hat. Es genügt nicht, zwanzig Individuen an einem Ort zu versammeln, um daraus schon eine Gruppe entstehen zu lassen. Man kann das zwar beschließen, aber es bleibt eine künstliche Situation. Es gibt nur dann eine Gruppe, wenn diese schon vorher bestanden hat. Eine Gruppe hat zwangsläufig eine Vergangenheit, eine Gegenwart und eventuell auch eine gemeinsame Zukunft. Jede andere zufällige Zusammenkunft an einem bestimmten Ort kann nur Gruppierung genannt werden. Eine solche Gruppierung kann nicht genau definiert werden, denn sie besteht im wesentlichen aus sehr uneinheitlichen Einzelpersonen nicht nur auf individueller Ebene, was normal ist, sondern auch auf der Beziehungsebene im Verhältnis zu den anderen und zum gemeinsam Erlebten.

Es gibt Teilnehmer, die alleine kommen, andere wieder sind da, weil sie bereits jemanden kennen, einen Teilnehmer oder einen Teamer.

Es gibt die "Initiierten", die bereits vergleichbare Erfahrungen gemacht haben und daher Ritual und Liturgie kennen. Es gibt auch ganz neue Teilnehmer, die sich am meisten durcheinander gebracht fühlen. Einige haben sich unabhängig von einem Verband angemeldet, andere kommen von dort (manchmal werden sie geschickt). In diesen Organisationen haben letztere eine Ausbildung erfahren und vertreten daher eine bestimmte Richtung oder Ideologie. Manche sind an der Thematik interessiert, andere haben bestimmte Bedürfnisse oder langweilen sich. Wieder andere kommen, weil sie sich langweilen wollen. Hier soll diese unerschöpfliche Liste abgebrochen werden, denn oft treten mehrere Faktoren gleichzeitig auf und unterstreichen noch die Zufälligkeit und Uneinheitlichkeit, die diese Gruppierungen charakterisieren.

In vielen nationalen, binationalen oder plurinationalen Begegnungen haben wir solche Gruppierungen aber nicht allein auf der Ebene der Teilnehmer sondern auch bei den Teamern. Mit anderen Worten: zwei in ihrem Status unterschiedliche Gruppierungen kommen zusammen und bilden eine größere Gruppierung.

Was eine Gruppierung ausmacht, ist der gemeinsame Ort. Wenn dieser entfällt, fällt auch die Gruppierung auseinander. Die Gemeinsamkeit eines deutsch-französischen Seminars, bei dem man es mit einer Gruppierung zu tun hat, definiert sich also in erster Linie durch räumliche Gemeinsamkeit. Man muß dabei feststellen, daß es eine künstliche, zufällige, punktuelle, oberflächliche Einheit ist und auf Dauer ohne Interesse. Der Einfluß des gemeinsamen Ortes auf deutsch-französische Seminare im besonderen und auf Seminare überhaupt, scheint uns eine interessante Frage für zukünftige Forschung zu sein. Aber welche Institution würde es wagen, sich auf eine solche Forschung einzulassen? Wir können im übrigen ein anderes Experiment erwähnen, das wir in Vichy durchgeführt haben, bei dem die Teilnehmer und das Team in Dreier- und Vierergruppen auf verschiedene Hotels verteilt waren. Die Mahlzeiten wurden einzeln eingenommen. Essenbons konnten in zwölf verschiedenen Restaurants der Stadt eingelöst werden. Nur die "Arbeitssitzungen" fanden gemeinsam in zwei Räumen statt. Hier konnte beobachtet werden, wie sich die individuelle Wahl in der Herausbildung kleiner Gruppen und ihrer Projekte vollzog.

Definitionen von Gruppen oder das verlorene Kollektiv

a) die vermeintliche Gruppe

Im allgemeinen wird angenommen, daß eine gemeinsame Aktion bzw. Reaktion ausreicht, eine Gruppierung in eine Gruppe zu verwandeln. Diese Konzeption ist gleichzeitig richtig und utopisch. Gewiß kann nicht verneint werden, daß eine gemeinsame Aktion – und besonders eine gemeinsame Reaktion – eine Bewußtwerdung und Solidarität in Gang setzen kann, die den Gruppenprozeß einleitet. Die Geschichte der Arbeiterbewegung des ausgehenden Neunzehnten und des beginnenden Zwanzigsten Jahrhunderts hat uns dafür berühmte Beispiele geliefert. Bei Begegnungsprogrammen aber ist das utopisch, denn eine solche Aktionsgemeinschaft läßt sich nicht improvisieren. Wenn eine Begegnung eröffnet wird mit Fragen wie: Warum sind wir hier? Was wollen wir erreichen? Wieweit wollen oder können wir gemeinsam gehen? Welche Probleme können wir gemeinsam lösen und in welcher Form? Dann besteht nur eine geringe Chance, die Gruppierung in eine Gruppe zu verwandeln. Man stößt auf zahlreiche Widerstände, institutionelle oder andere deutsch-französische Differenzen, die fast immer durch augenblickliche Umstände bedingt sind, die aber unabhängig vom jeweiligen hic et nunc immer wieder auftreten. In manchen unserer Forschungsseminare entstand oft nichts anderes als eine Reproduktion negativer Utopie:

- Eine Utopie musste die Begegnung bleiben, weil es praktisch unmöglich ist, unter diesen Umständen eine Gruppe zu bilden. Man kann weder inhaltlich noch formal innerhalb von acht Tagen ein Ziel gemeinsam definieren und erreichen. Die Alltagsgewohnheiten, mit denen man das ganze Jahr über konfrontiert wird, können nicht so einfach über Bord geworfen werden; d. h. es kann nicht gelernt werden, als Gruppe mit anderen Regeln, unter anderen Voraussetzungen und in einer anderen Wirklichkeit zu leben.

- negativ, weil diese Art von Seminar vor allem ein Gefühl des Unbehagens, des Mißerfolges, der Entmutigung, der Gleichgültigkeit, der Überdrüssigkeit, der Verdrossenheit, der Resignation, der Aggressivität, der Frustration, der Leere und der Absurdität aufkommen läßt.


Natürlich kann unter solchen Bedingungen nur in Ausnahmefällen aus einer Gruppierung eine Gruppe werden. Der Produktivismus, den wir häufig bei Abschluß der Seminare beobachten können, stellt sehr viel mehr den individuellen Versuch dar, einer starken Frustration zu entgehen, als daß er einen Willen zu gemeinsamer Aktion ausdrückt.


b) die aufgezwungene Gruppe
Um dieser Situation entgegenzutreten, scheint es für viele Animateure erforderlich, gleich zu Beginn des Seminars eine Aktionseinheit zu fordern. Die Teilnehmer melden sich dann für eine bestimmte Themenstellung an, und es wird von Anfang bis Ende ein gemeinsa-mes Aktionsprogramm durchgezogen. Die Anmeldung beinhaltet in diesem Fall die Bereitschaft, ein Programm zu akzeptieren, das durch das Team bestimmt wird. Bei diesem Vorgehen wird völlig außer Acht gelassen, was die Teilnehmer gemeinsam erfahren wollen. Man stellt sie vor vollendete Tatsachen. Es wird ihnen vorgeschrieben, was sie – ja sogar wie sie – gemeinsam leben sollen.

Hier muß jedoch eine Einschränkung gemacht werden, denn selbst wenn die Möglichkeit besteht, zu bestimmen, wie etwas in der Gruppe gemacht wird, so kann dennoch niemand vorausplanen, auf welche Weise es individuell und kollektiv erlebt wird.

Indem ein Gruppentyp aufgezwungen wird, unterläuft und verneint diese Vorgehensweise die Möglichkeit einer Gruppierung. Doch was bedeutet "Gruppe" in diesem Fall? Die Tatsache, daß die Bildung der Gruppe hier kein spontanes Phäno-men ist, sondern von außen aufgezwungen wurde, verwandelt sie automatisch in eine künstliche Gruppe. Durch eine gemeinsame Aktion versucht man, auf dem schnellsten Weg der Gruppe eine Vergangenheit zu geben, in der Annahme, daß damit automatisch die zufällige Gruppe zu einer "richtigen" Gruppe wird. Das aber ist eine Glaubens- und Machtfrage. In dieser Art von Begegnung wird stets nur eine positive Utopie reproduziert:

- Utopie, weil man den Eindruck gewinnt, eine Gruppe zu sein, obwohl man sich in Wirklichkeit im Künstlichen und im Oberflächlichen bewegt. Auf der Ebene der Gruppe werden die Grundsatzprobleme nicht angegangen. Der Konsens wird nicht ausgehandelt. Die Fixierung auf ein allen gemeinsam aufgezwungenes Arbeitsziel verwandelt das Gruppenleben und die damit verbundenen Probleme in eine Nebensache, die nur hin und wieder, wie durch Zufall, kurz gestreift wird;

- positiv: wegen der gemeinsamen Vergangenheit auf der Ebene der Aktion gewinnt man den Eindruck, seine Zeit nicht vergeudet zu haben. Man glaubt, persönlich bereichert worden zu sein in Bezug auf die Themenstellung. Man hat etwas getan, man hat etwas gelernt und bestenfalls hat man gemeinsam nachgedacht. Das führt zu einer gewissen kollektiven und individuellen Befriedigung, selbst wenn man glaubt, daß es noch besser hätte gemacht werden können. Manchmal kommt sogar eine Art Euphorie auf. Man versucht, den Trennungsschmerz zu vermeiden, indem man sich gegenseitig verspricht, sich eines Tages wiederzusehen. Man hofft, die Fata Morgana, das Gauklerspiel, fortzusetzen.


Bei dieser Art von Begegnung ist es nur selten möglich, von der erzwungenen Gruppe zu einer wirklichen Gruppe zu gelangen. Selbstzufriedenheit und Euphorie sind in Bezug auf die Grundproblematik der Gruppe und vom qualitativen Standpunkt her keine überzeugenden Aspekte.

Die Feststellung, eine Begegnung sei "mißglückt" – weil eine negative Utopie entstand – oder "gelungen" – weil eine positive Utopie geschaffen wurde -, sagt nichts aus über die Suche nach dem verlorenen Kollektiv (s.u.).


c) Auf der Suche nach dem verlorenen Kollektiv - das Familienmodell
In einer idealtypischen Vorstellung sollten das Gruppenleben und die Entscheidungsfindung in deutsch-französischen Begegnungen so vertrauensvoll und unkompliziert wie in der Familie sein. Man mußte aber feststellen, daß alles nicht so einfach war. Denn die Familie wird dabei idealisiert: es wird so getan, als gäbe es darin keine Abhängigkeiten, als könne man frei, offen und voller Zuneigung miteinander reden. Es mußte eingesehen werden, daß der Traum nicht der Wirklichkeit entsprach, weder im Leben noch im Seminar. Aber man war gekommen, um das zu lernen...

Familientherapeuten ist diese Suche nach Fusion bei Paaren durchaus vertraut. Weil Fusion nicht realisierbar ist, entstehen zahlreiche Schwierigkeiten in der Paarbeziehung. Wenn "Er" gerne Fußballspiele sieht und "Sie" am Sonntagnachmittag nicht allein sein will, wird er auf diese Freude verzichten. Wenn "Sie" Geige spielt, "Er" aber Geigenspiel nicht mag, wird sie es aufgeben. Beide meinen, dadurch ihr Eheleben zu verbessern; doch reduzieren sie sich gegenseitig in ihren Vorstellungen, Neigungen und gemeinsamen Interessen; sie verarmen. Aggressivität staut sich und verschafft sich Raum bei geringfügigen Anlässen. Sie zeigt sich auf versteckte Weise in alltäglichen Gesten und Aussagen und die Beziehung verschlechtert sich allmählich. Um diese Verarmung in Zweierbeziehungen und in Gruppen zu vermeiden, genügt es nicht, guten Willens zu sein. Möglichkeiten zur Autonomie beider Seiten müssen erkannt werden.

Diese Suche nach Anerkennung und Zuneigung ist in den Seminaren sehr groß. Wie in den Familien werden Meinungsverschiedenheiten erlebt, meist aber nicht angesprochen. Verschiedene Erziehungsstile können in Familien unter der Voraussetzung nebeneinander bestehen, daß sie sorgfältig voneinander getrennt werden. Man hält sich z.B. von den "anderen" so weit wie möglich fern, indem man nur bei festlichen Anlässen zusammen ist.

In Seminaren wird meistens jeder Konfrontations- oder Gesprächsmöglichkeit über das Trennende sorgfältig ausgewichen. Die Anhänger einer "modernen Pädagogik" verfügen zwar über ein Verhaltensrepertoire und über Kommunikationsregeln, die den Dialog fördern sollen. Geteilt wird in Wirklichkeit aber, so scheint es uns, lediglich dieses Repertoire und seine Regeln; eine wirkliche Kommunikation entsteht nicht. Bei äußerlich tolerantem und harmonischem Verhalten wird Gewalt verinnerlicht und Aggressivität verdrängt. Der Preis: Es entsteht Intoleranz gegenüber Unterschieden.

Diese Bestandteile der Sozialisation widersprechen – so scheint es
uns – den Erfordernissen der interkulturellen Arbeit und unserer sich ständig verändernden Gesellschaften.

Die Unfähigkeit, andere Dimensionen zu berücksichtigen als allein die Familiendimension in all ihren psychologischen Ausprägungen und ihrem Wunsch nach Harmonie; verstellt jede Aussicht auf Differenzierung, Dialog und Veränderung.

Wir wollen beschreiben, was sich in den Gruppen für diejenigen Teilnehmer ereignet hat, die das sie umgebende Modell der Familie nicht ganz akzeptieren konnten. Es waren Deutsche und Franzosen mit Familien oder Ledige. Sie wurden natürlich von den "anderen" als Spielverderber, Störenfriede, Chaoten beschimpft. Folgende Etappen konnten beobachtet werden:

Diejenigen, die es in den Gruppen ablehnen, in diese bestimmte Art von Beziehungen – die sie im Grunde selbst teilen – eingeengt zu werden und stattdessen Alternativen vorschlagen, können ihre neuen Vorstellungen nicht auf Anhieb umsetzen, sondern können sie zunächst nur zum Ausdruck bringen (aussprechen).

Ein Bruch mit überkommenen Verhaltensweisen und ein erster qualitativer Sprung erfolgt dann, wenn vom Verbalen zur Aktion übergegangen wird. Diese Teilnehmer versuchen, einer von ihnen als zweifelhaft empfundenen "Brüderlichkeit" zu entgehen; zweifelhaft, weil sie auf einer Illusion von Harmonie beruht, weil sie den anderen nicht als real und unterschiedlich anerkennt.

Man erträgt es nicht mehr, in scheinbarer Harmonie zu leben, man will nicht beim verbalen Konflikt stehen bleiben. Man ist bereit, die Trennung, die Asymmetrie, die Unterschiedlichkeit der Interessen der gesamten Gruppe zu akzeptieren. Aber man kann noch nicht hinnehmen, daß keine Verständigung möglich ist: so lange in den Untergruppen weiterhin versucht wird, die "anderen" zu verstehen, sie zu integrieren, sie im eigenen System zu situieren, hat die zentrale Bewußtwerdung noch nicht stattgefunden.

Der nächste qualitative Sprung erfolgt dann, wenn akzeptiert werden kann, daß gegenseitiges Verstehen nicht möglich ist, daß die "anderen" eigenständig auftreten mit Vorstellungen, die sich von den eigenen unterscheiden. Erst dann kann von (Mit)Menschlichkeit gesprochen werden. Die Anerkennung der "anderen" als reale und unterschiedliche Wesen stellt in unseren Augen die einzige mögliche Form von Menschlichkeit dar, die es zu bejahen gilt. Dieser Grundsatz ist schließlich theoretisch in sämtlichen Zielen der Bildung und Erziehung enthalten. Worin besteht also die Neuentdeckung? Wir müssen leider feststellen, daß keine der pädagogischen Instanzen, weder Familie, noch Schule, noch Kirche, uns gelehrt hat, mit den vielfältigen Unterschieden – nicht einmal mit denen in unserem eigenen Land – zu leben.

Das Prinzip der Toleranz wird zu oft so verstanden, daß jedem das Seine zugestanden wird, jeder "auf seine Fasson selig werden darf", etc.

Dahinter verbirgt sich Neutralität, Indifferenz, eine andere gefährliche Form der Negation des Unterschiedes, oder sogar ein neuer Rassismus. Die Berücksichtigung der Unterschiede setzt einen dynamischen Prozeß zwischen zwei gleichwertigen Partnern voraus und nicht mehr zwischen "Subjekt" und "Objekt".

Um das zu erreichen, müßten die Abhängigkeitsbeziehungen kontinuierlich bearbeitet werden. Nicht etwa indem sie ignoriert oder geleugnet werden, sondern indem sie aufgearbeitet werden, kann ein weiterführender Prozeß in Gang kommen. Die Chancen unserer Humanität bestehen vielleicht gerade darin, diese qualitativen Schwellen zu überschreiten, indem immer wieder neue Vereinbarungen getroffen werden, die aber immer auch veränderbar bleiben. Denn der Umgang mit den Unterschieden kann weder per Dekret noch per moralischer Vorhaltung gelingen. Es handelt sich um eine langfristige Arbeit ohne einen zu erkennenden Endpunkt.

Oft wird in dem Augenblick, in dem die Selbständigkeit der "Anderen" anerkannt wird, klar, daß die Gegensätze gar nicht so endgültig sind, nicht so starr und dogmatisch, wie es zunächst in der Kontaktphase schien, sondern daß es trotz der komplexen Situation in der Praxis oft möglich ist, zu gemeinsamen Lösungen für das Handeln zu gelangen.

Die so entwickelten Lösungen relativieren den Anschein des Unüberbrückbaren, Kreativität kann sich entwickeln, verschiedene Lösungsmöglichkeiten werden gefunden, die die gesamte Gruppe in ihrer Vielfalt – ohne unterschiedliche Interessen zurückzustecken – zufrieden stellen können.

Ist es in der heutigen Zeit möglich, seine Kinder nach einem einzigen Wertsystem zu erziehen? Müssen sie nicht vielmehr in eine Gesellschaft mit pluralistischen und multilateralen Wertvorstellungen eingefügt werden? Die Erziehung der Kinder in einer bestimmten Religion, in einer bestimmten politischen Richtung, mit universalem Selbstverständnis, scheint für die meisten Eltern (immer noch) die geeignete Vorbereitung auf eine pluralistische Lebensgestaltung zu sein. Man kann sich daher die Frage stellen, ob nicht gerade dieser Universalitätsanspruch das Gegenteil hervorbringt.

Wenn die meisten Eltern nicht bereit sind, die Frage der Erziehung, der verschiedenen Einflüsse auf ihre Kinder ("gute" und "schlechte", richtig/falsche, "zum Schutze der Kinder") zu beantworten, wenn die zunehmende Autonomie von Kindern lediglich unter dem Aspekt der Reproduktion der Wertsysteme der Familie gesehen wird (was zwar notwendig, aber unzureichend erscheint), wenn die Schule nahezu das gleiche Bild vermittelt, wenn die Geschichte – auch die der "anderen" – so dargestellt wird, wie die eigene nationale Gemeinschaft sie sehen will, mit den ihr eigenen Unterlassungen und Betonungen, wie kann unter diesen Voraussetzungen die Begegnung mit anderen Völkern stattfinden? Wie kann man dann den "Anderen" (Regionen, sozialen Klassen, Behinderten, etc.) begegnen?

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