Arbeitstexte de travail

Die Animation deutsch-französischer Begegnungen und die Bedeutung der Geschichte

Redaktion des Syntheseberichtes: Jeanne Kraus (U.F.C.V.)

 

Inhaltsverzeichnis

II. Das Verhältnis zur Nation und zur Geschichte

Die Bedeutsamkeit des nationalen Faktors war ein wesentlicher Aspekt unserer Untersuchung.

Viele der während der Untersuchung festgestellten Divergenzen lagen in diesem Bereich. Wir haben aber auch deutsche und französische Teilnehmer angetroffen, die sich bewußt entschlossen hatten, sich selbst als dem anderen Land zugehörig zu betrachten, und die damit die Grenzen unserer Beobachtungen zum nationalen Faktor aufzeigen. Hatten wir es hier mit "Kolonisierten" zu tun, deren Akkulturation in Bezug auf das andere Land konstruktiv und umfassend war? Sollte man sie von daher eher als Beispiel für eine positive Trans-Nationalität und Zukunftsorientierung ansehen? Verkörpern sie nicht einen Versuch einer Synthese zwischen beiden Gesellschaften, indem sie hier und dort Elemente für ihr Leben aufgreifen, die ihnen wichtig erscheinen? Ihr "Bikulturalismus" (bi-culturalisme) wird ergänzt durch Zweisprachigkeit. Dieser Aspekt wurde übrigens ausführlich im Heft Nr. 2 "Interkulturelle Kommunikation und nationale Identität" in der Reihe der Arbeitstexte erläutert.

Warum aber "Kolonisierte"? Wenn man von der in den Austausch-programmen vorherrschenden sozio-zentristischen und auf Assimilation angelegten Wahrnehmung ausgeht, dann erscheinen diese Teilnehmer in der Tat als "Verräter" oder "Kolonisierte". Damit wird deutlich, daß in der Voreingenommenheit in unserer Sozialisation der Schwerpunkt auf die nationale Dimension gelegt wird.

Wir haben auch festgestellt, daß viele Teilnehmer sich mit ihrer eigenen Nationalität nicht im reinen sind: deutsche und französische Flüchtlinge oder Heimkehrer, Personen mit gemischter Abstammung, die sich die Frage stellen, welche Beziehung sie zu dem einen oder anderen Land haben. Die Frage nach der nationalen Identität ist in doppelter Weise angesprochen: inwieweit die eigene nationale Identität bedeutsam ist und was sie beinhaltet; zweitens: im Hinblick auf die Absicht, über die in Bezug auf die nationale Identität empfundenen Gegensätze hinauszugehen.

Im allgemeinen wurde diese Frage von Franzosen eingebracht. Die Deutschen lehnten vor ca. 20 Jahren die Vorstellung nationaler deutscher Besonderheiten ab und vermeiden oft auch heute noch jede Situation, durch die sie in dieser Richtung festgelegt werden könnten. Dabei war ein Ethnozentrismus der Teilnehmer aus der Bundesrepublik durchaus spürbar, wenn auch die Frage nach der deutschen nationalen Souveränität die seltenste in allen Seminaren war.

Ein mythenhafter und einigender Nationalismus wird von französischer Seite noch als positiv erlebt, während die politische Bildungsarbeit in der Bundesrepublik -– und dabei muß mit der Umerziehung ab 1945 und der Entnazifizierung begonnen werden – anscheinend deshalb unternommen wurde, um den Heimat- und Heldenmythos, die Grundlage der Kriegsideologie, zu zerstören. Es wurde dabei nicht beachtet, daß solche Mythen durchaus Grundlage eines Zugehörigkeitsgefühls mit positiven Effekten sein können. Wo-rauf können sich Westdeutsche von heute in ihrer Geschichte beziehen, worauf können sie stolz sein, wenn die Ereig-nisse der Vergangenheit, auf die allein ein Zugehörigkeitsgefühl begründet sein kann, ausnahmslos ausgerottet wurden? Wie soll es einem dann möglich sein, Geschichte zu bearbeiten und ein entsprechendes Zugehörigkeitsgefühl zu entwickeln? Für die Ostdeutschen wurden seit 1989 alle Werte und Lebensformen der früheren DDR ausgelöscht, als unbedeutsam abgewertet oder als Schandfleck gekennzeichnet.

In der französischen Mythologie gibt es zu vielen Ereignissen der eigenen Geschichte eine positive Einschätzung. Ob aber diese Ereignisse nicht in einem Sinne benutzt werden, der nichts mehr mit ihrem Ursprung und mit denen, die diese Ereignisse auslösten, zu tun hat, muß der Interpretation überlassen bleiben. Es besteht in Frankreich Übereinstimmung zwischen höchst unterschiedlichen Protagonisten in Bezug auf bestimmte geschichtliche Ereignisse. Der Konsens bildet sich um diese Ereignisse. Trotz Klassengegensätzen und differierenden Zukunftsperspektiven ist man sich in Frankreich z.B. in Bezug auf die Résistance einig (sowohl die französische Bourgeoisie als auch Mitglieder der Kommunistischen Partei).

Im deutsch-französischen Austausch zielt der Begriff historische Dimension auch auf die Einflüsse, die durch die nationale Geschichte Frankreichs und Deutschlands (und damit auch der deutsch-französischen Beziehungen) sowie durch die – in den unterschiedlichsten Institutionen tradierte – Vergegenwärtigung dieser Geschichte auf die Denk- und Verhaltensweisen von Bevölkerungsgruppen ausgeübt werden. Diese haben gerade in Gruppen, in denen internationales Verhalten eingeübt werden soll, eine unmittelbar "alltägliche" Dimension: Das Verhalten der jungen deutschen und französischen Gruppenmitglieder ist durch das – häufig unbewußte – Verhältnis zur Vergangenheit, z. B. zur deutsch-französischen Versöhnung ebenso stark geprägt wie durch die – häufig aus einer bestimmten Interpretation der Vergangenheit abgeleiteten – Vorstellungen über das zukünftige nationale und internationale Zusammenleben, z. B. die europäische Konstruktion. Vielleicht ist die Geschichte und die Beschäftigung mit ihr deshalb in den deutsch-französischen Begegnungsgruppen so stark tabuisiert.

Die historische Dimension des deutsch-französischen Verhältnisses ist seit den 70er Jahren ein gewichtiges Forschungsfeld deutscher (aus den damaligen beiden Staaten übrigens) und französischer Historiker: die Zahl der Kolloquien, Zeitschriftenaufsätze und Bücher zu diesem Thema ist kaum noch zu überschauen; beide Regierungen und eine Reihe privater oder öffentlicher Institutionen subventionieren aufwendige Forschungsprojekte. Die bisher publizierten Arbeiten haben eine Reihe wichtiger, manchmal sicher auch unangenehmer Erkenntnisse geliefert und werden in die Annalen der Geschichte eingehen – wie so viele Arbeiten vor ihnen. Es liegt an uns allen, die im deutsch-französischen Jugendaustausch engagiert sind, diese vor dem Verstauben zu bewahren, unsere Geschichte zu reaktivieren, sie im Alltagsgeschehen der Begegnung aus dem Dornröschenschlaf der Tabuisierung und Verdrängung zu befreien.

Versöhnung, Verständigung, internationale Solidarität und Kooperation schließen die Beschäftigung mit der Vergangenheit nicht aus, schon gar nicht, wenn aus den Konflikten der Vergangenheit (und deren Nicht-Bewältigung) gelernt werden soll, eine friedliche Zukunft zu gestalten. Das aber bedeutet auch, zu lernen, wie mögliche Konflikte vermieden oder aber friedlich ohne Gewaltanwendung geregelt werden können. Allerdings hat es den Anschein, als ob gerade diese so richtige wie wichtige Zielsetzung der deutsch-französischen Jugendarbeit (wie sie u.a. in den Richtlinien des Jugendwerks formuliert ist) dazu (ver)führt, die Rückwendung zur Vergangenheit und damit zur historischen Dimension aller Gegenwart, also auch eines Jugendprogramms, aus den Augen und dem Sinn zu verlieren. Dieses "Vergessen" der Vergangenheit wurde von vielen Jugendleitern im guten, aber irrigen Glauben, man müsse endlich unter die Vergangenheit einen Strich ziehen, geduldet oder manchmal gar gefördert. Dabei dienen die offiziellen Ziele (die institutionelle Zielvorgabe eines jeden Begegnungsprogrammes sozusagen) häufig dazu, entweder als Balsam die noch nicht ganz vernarbten Wunden zu schließen oder aber die Tabuisierung der jüngeren Vergangenheit zu erleichtern.

Genau hier aber liegt eines der folgenschwersten Mißverständnisse der binationalen Begegnungspädagogik im Bereich des Umgangs mit der eigenen und der fremden, der trennenden wie der gemeinsamen Geschichte. Man kann Vergangenes eben nicht ungeschehen machen, schon gar nicht dadurch, daß man es unausgesprochen läßt: Die nationale Geschichte – oder das, was davon durch Elternhaus, Schule, Massenmedien etc. übermittelt wird – ist Teil der Gegenwart, sie ist ein Richtpfahl auf dem Feld gesellschaftlichen Seins, Bewußtseins und Handelns der Nationen, sozialen Gruppen und Individuen. Sie ist gegenwärtig in jedem von uns – selbst wenn wir uns ihrer kaum bewußt sind, und so ist sie auch in jeder deutsch-französischen Begegnungsgruppe gegenwärtig. Diese alltägliche Gegenwärtigkeit von Vergangenheit gilt es, neben vielen anderen Fragen zu bearbeiten.

Auf dem Hintergrund der Erfahrungen eines Seminars im Rahmen eines Forschungszyklus zum Thema "Wie erzählen wir unseren Kindern die Geschichte", das im Sommer 1979 in der Nähe von Bayeux, der ersten in Frankreich 1944 befreiten Stadt veranstaltet wurde, sollen im folgenden einige Überlegungen zur Problematik des Geschichtsbewußtseins in Deutschland und Frankreich vorgetragen werden als Baustein und weitere Anregung zur Beschäftigung mit Geschichte im Alltag der deutsch-französischen Begegnungsrealität. Diese Überlegungen sollen unter das etwas provokative Motto gestellt werden: "Die verdrängte Vergangenheit (Deutschland) und die mystifizierte Vergangenheit (Frankreich)".

retour

Inhaltsverzeichnis

weiter