Arbeitstexte de travail

Die Animation deutsch-französischer Begegnungen und die Bedeutung der Geschichte

Redaktion des Syntheseberichtes: Jeanne Kraus (U.F.C.V.)

 

Inhaltsverzeichnis

II. Das Verhältnis zur Nation und zur Geschichte

Die verdrängte Vergangenheit: Geschichtsbewußtsein in
der Bundesrepublik Deutschland

In der Mehrheit der europäischen Nationalstaaten herrscht – durch die Bildungseinrichtungen tradiert – ein Geschichtsbild vor, das bestimmt ist durch "die Vorstellung von diesem Staat als einem Subjekt, welches im Verlaufe wechselhafter Geschichte die Identität mit sich selbst bewahrt" 9). In Deutschland hingegen haben sich innerhalb eines Jahrhunderts vier politische Regimes abgelöst, die sich ideologisch wie institutionell voneinander unterschieden. Die reale Geschichte des Nationalstaats Deutschland mit seinen politischen Wechselbädern hat ein merkwürdig gebrochenes Geschichtsbewußtsein entstehen lassen, so daß man wohl von einem "partiellen Identitätsverlust" 10) sprechen kann.

Mit den Ereignissen von 1918, 1933 und 1945 sowie 1989 folgten drei oder (für die DDR) vier "Kontinuitätsbrüche, die bis in die Wurzeln des deutschen nationalen Selbstverständnisses gehen konnten". Jedesmal wurde Kontinuität nicht nur gebrochen, sondern auch eine neue zu schaffen gesucht. In den letzten hundert Jahren wurde die Geschichte mehrmals umgeschrieben – immer wieder auf der Suche nach einer historischen Legitimierung des jeweiligen Regimes.

Ein jedes hat eine oder mehrere Generationen auf seine Weise geprägt, "seine" Geschichte in das Bewußtsein mehr oder minder tief eingegraben.

Der für die Konstituierung des Geschichtsbewußtseins in der Bundesrepublik und in der DDR entscheidende Kontinuitätsbruch ereignete sich im Jahr 1945, den beide Staaten in unterschiedlicher Weise in ihre Geschichte zu integrieren genötigt und bemüht sind. Hierfür bezeichnend erscheint, daß der 8. Mai 1945 in der DDR als "Tag der Befreiung vom Faschismus", in der Bundesrepublik hingegen als Tag der Kapitulation und des Zusammenbruchs bezeichnet wurde. In der unterschiedlichen Benennung kommt die unterschiedliche emotionale und rationale Bewertung und Verarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit, der unmittelbaren Nachkriegszeit und der Entstehung der beiden deutschen Staaten zum Ausdruck.

Während in der DDR der 8. Mai als Sieg über ein verbrecherisches politisches und soziales System verstanden und interpretiert wird, fehlt diese sozio-ökonomische und politische Dimension in dem Begriff Kapitulation, der sich allein auf die militärische Seite des 2. Weltkrieges bezieht. Auch die positive emotionale Konnotation, die in dem Begriff "Befreiung" mitschwingt, fehlt im bundesrepublikanischen Sprachgebrauch weitgehend – wenn sie nicht sogar durch die eher negative Besetzung des Begriffs "Zusammenbruch" verdrängt wird. Das scheinbar wertneutrale Wort "Zusammenbruch" ist aber in bezug auf die Auseinandersetzung mit der jüngsten deutschen Vergangenheit sehr problematisch: Schon im militärischen Kontext verschleiert es den bitteren Beigeschmack des Wortes "Niederlage" und erlaubt, wie die Dolchstoßlegende nach 1918, daß der Mythos einer an sich unbesiegbaren, durch die Unzulänglichkeit der politischen Führer zugrunde gerichteten Armee zumindest in neonazistischen und neomilitaristischen Zirkeln weiterleben kann.

In engem Zusammenhang mit der Charakterisierung der unmittelbaren Nachkriegsereignisse steht der in der Bundesrepublik immer noch weitverbreitete Mythos von der "Stunde Null", eine Bezeichnung, die vielleicht in der ersten Phase des Umbruchs und Neubesinnens ihre Berechtigung hatte: "Die deutsche Katastrophe war zwar Anlaß zum Nachdenken und Nachforschen, wie es zu diesem bösen Ende, und noch mehr, wie es zu seinem Anfang, der nationalsozialistischen Machtergreifung, hatte kommen können, aber sie wurde von vielen Intellektuellen der Nachkriegszeit vor allem als eine Chance verstanden, die schlechte Vergangenheit hinter sich zu lassen und ein Neues zu beginnen. Der jungen Generation von Intellektuellen ... bot die deutsche Geschichte, die in der totalen Niederlage von 1945 an ihr vorläufiges Ende gekommen war, so gut wie keine Ansatzpunkte für eine Kontinuität ... So kam es nach der Niederlage zur historisch natürlich unzutreffenden Vorstellung von einer Stunde Null, in der in bewußter Wendung gegen die böse Vergangenheit der Versuch gewagt werden sollte, neue geistige Fundamente zu legen und ein neues politisches Leben auf der Grundlage des Rechts und der demokratischen Freiheiten zu beginnen"
11)

Von der "Stunde Null"" zu sprechen, widerspricht also nicht nur den historischen Tatsachen, sondern läuft auf eine Täuschung der nach 1945 ins politische Leben Getretenen und Selbsttäuschung der damals unmittelbar oder mittelbar am Wiederaufbau Beteiligten hinaus. Die Selbsttäuschung erscheint unter manchen Gesichtspunkten verständlich, ja vielleicht war sie 1945 die einzige Möglichkeit, sich in der damaligen Situation totaler Desorientierung aus der unmittelbaren nationalsozialistischen Belastung zu lösen und die psychologischen Voraussetzungen für politisches und gesellschaftliches Handeln zu schaffen. An dieser Selbsttäuschung aber festzuhalten, bedeutet für die Individuen wie für die Gesellschaft auch, die geistige Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus zu verdrängen. Zur Täuschung aber wird sie für die jungen Generationen in den 60. und 70. Jahren durch die Verdrängung von Seiten der Väter, wenn falsche Vorstellungen über die tatsächlichen Handlungsbedingungen und -voraussetzungen nach 1945 geschaffen und genährt werden. Der Mythos von der Stunde Null ist falsches Bewußtsein, und zwar doppelt: erstens entspricht er nicht der historischen Wahrheit, zweitens dient er der politischen und psychischen Entlastung, er erzeugt falsches Bewußtsein über die Zeit vor und nach 1945. Ist es angesichts dieser doppelten Bewußtseinstäuschung erstaunlich, daß die Jugend in ihrem Verhältnis zur älteren Generation und dem Staat, den diese aufgebaut hat, gerade hier mit ihren Fragen, Zweifeln und Angriffen ansetzt oder aber die Flucht aus der Geschichte sucht?

Eine neue Stunde Null mit dem Fall der Mauer erleben oder mit dem Umzug der Regierung nach Berlin eine – wie man sie schon nennt – "Berliner Republik" schaffen, läuft ebenfalls auf ein "Reinigungsritual" und auf einen neuen Anfang hinaus.

Dies ist umso bedauerlicher, als die Zeit des Nationalsozialismus gerade für die Geschichte von 1945 bis heute konstitutiv ist. Nicht nur verdanken ihm die beiden deutschen Staaten ihre Entstehung; das NS-Regime gibt bis heute in der Bundesrepublik eine Art "definitorischen Gegner für unser politisches Selbstverständnis ab". "Konstitutiv ist das nationalsozialistische Regime für die Bedeutung der deutschen Teilung. In der weltöffentlichen Meinung ist die DDR nicht mit der Hypothek des Nationalsozialismus belastet. Die Bundesrepublik hat dagegen das ambivalente Erbe des Deutschen Reiches ausdrücklich übernommen. Sie hielt durch Wiedergutmachungszahlungen an Israel und Staaten, deren Bevölkerung unter dem Nationalsozialismus gelitten haben, das Thema der politischen Schuld wach und sorgt heute noch durch eigene strafrechtliche Verfolgung von Naziverbrechen dafür, daß der Schatten der NS-Vergangenheit nicht völlig von dem Bonner Staat getilgt ist".
12)

Um dieses politische Erbe aber geht es auch heute noch in der innenpolitischen Auseinandersetzung. So reklamierten zwei Jahrzehnte lang die Konservativen in der Bundesrepublik den Widerstand gegen den Nationalsozialismus für sich allein. Auf diese Weise sollte eine kontinuierliche Tradition der bürgerlichen Demokratie von 1848 über die Weimarer Republik bis in die Bundesrepublik konstruiert und zugleich die Verstrickung gerade der bürgerlichen Schichten in das NS-Regime kaschiert werden. Die Berufung auf den Widerstand vom 20. Juli 1944 mit dem Ziel, die konservative Grundtendenz der Bundesrepublik moralisch zu legitimieren, findet sich immer noch in Schulbüchern und Geschichtswerken; trotz der Hunderttausende von Sozialdemokraten und Kommunisten, die seit 1934 Widerstand mit der Inhaftierung in Konzentrationslagern bezahlten. Es war vor allem auch eine Anwort auf das Monopol des Antifaschismus des "Arbeiterstaates" der DDR.

Die Revolution von 1918/19, mit der die Gründung des ersten demokratischen Staatswesens in Deutschland eingeleitet wurde, erleidet im historischen Bewußtsein der Deutschen ein ähnliches Schicksal. Während sie in der offiziellen Geschichtsschreibung der DDR einen der Eckpfeiler darstellte, an dem die Kontinuität des demokratischen Deutschland und damit die historische Legitimation des Systems verankert wurde, blieb sie in der Bundesrepublik vorwiegend Gegenstand der akademischen Diskussion hinter den Mauern historischer Seminare. Soweit die Revolution 1918/19 überhaupt zum Geschichtswissen einer breiteren Bevölkerung gehörte, stieß sie eher auf Ablehnung und Verurteilung. Schon der Begriff "Revolution" – der im Französischen durchaus positive Reaktion auslösen kann – hat im Deutschen seit 1918/19 eine negative emotionale Konnotation. Das deutsche Bürgertum hat – im Gegensatz zum französischen mit 1789 und 1830 – in seiner Geschichte kein revolutionäres Erfolgserlebnis und kann somit über keine Tradition bürgerlicher Revolution verfügen. Die Revolution von 1918/19 aber wurde von ihm als Angriff auf die bürgerlichen Machtpositionen erlebt, und der sozio-ökonomische Niedergang des Mittelstandes am Ende der Weimarer Republik wird in Verkennung der wahren ökonomischen Zusammenhänge auf diese zurückgeführt. So hat sich im Deutschen ein geradezu traumatisches Verhältnis zur Revolution entwickelt, das durch eine von der zeitlichen Koinzidenz begünstigten und von der Geschichtsschreibung unterstützten Amalgamierung von Revolution und Bolschewismus, Chaos und Kommunismus genährt und tradiert wurde.

Die Aporie des Geschichtsunterrichts, dem es trotz intensiver Be-mühungen nicht gelang, in der Jugend ein modernes Geschichtsbewußtsein zu erzeugen, ist letztlich nur ein Symptom der Tatsache, daß vor allem die ältere Generation nach 1945 und später erneut 1989 in den neuen Ländern von der Geschichte abgeschnitten wurde. Damit konnte Geschichtsbewußtsein dort nicht vorbereitet werden, wo die notwendige Basis gelegt werden müßte: in der frühkindlichen Sozialisation. Denn in der Schule kann das Verständnis für die historische Dimension der Gegenwart dann leichter vertieft werden, wenn bereits in der Familie ein – wahrscheinlich weitgehend emotional gefärbtes – Interesse für Geschichte (der Familie, der Stadt, der Region, der jeweiligen Schicht, des Landes) geweckt wurde. Wenn dies nicht der Fall ist, kann auch der beste Unterricht häufig nur Wissen um historische Zusammenhänge und Fakten vermitteln. Es wird dann sehr schwer fallen, den für Geschichtsbewußtsein auch konstitutiven Bezug zur nationalen und individuellen Geschichte erfahrbar und bearbeitbar zu machen.

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