Wenn für das Geschichtsbewußtsein in Deutschland Geschichtsbrüche konstitutiv sind, so drängen sich für das französische Geschichtsbild die Begriffe Kontinuität und Einheitlichkeit auf. Beide Begriffe schließen jedoch weder eine Differenzierung noch unterschiedliche Interpretationen der Geschichte Frankreichs aus. Zentraler Dreh- und Angelpunkt seines Geschichtsverständnisses ist und bleibt die Revolution (nicht zufällig wird ja die Revolution von 1789 mit einem großen R geschrieben). Die Auseinandersetzung mit der Revolution von 1789 ist seit dem frühen 19. Jahrhundert konstitutiv für das gesamte politische Denken und Handeln in Frankreich. Die Grundhaltungen politischen Denkens (konservativ, liberal, progressiv) sind weitgehend aus der unterschiedlichen Interpretation und Aneignung dieser Revolution durch die verschiedenen sozialen Gruppen entstanden. Was aber erlaubt uns, angesichts dieser Tatsache der unterschiedlichen Interpretation der Revolution dennoch von Einheitlichkeit des Geschichtsbildes zu sprechen?
Zuerst eine ziemlich banale Feststellung, die aber im Vergleich zu dem deutschen Geschichtsverständnis an Reiz gewinnt: In Deutschland gibt es seit dem 19. Jahrhundert nicht ein historisches Ereignis, das auch nur annähernd so unumstritten der Angelpunkt historischer Tradition oder gar Legitimation der unterschiedlichen gesellschaftlichen und politischen Systeme gewesen wäre (oder ist) wie die Revolution von 1789 in Frankreich. Eine Diskussion darüber, welches Ereignis denn nun als Nationalfeiertag auf den Altar der Geschichte gehoben werden solle/könne, ist in Frankreich unvorstellbar! Diese Feststellung führt zu der Frage, wie es denn möglich ist, daß so unterschiedliche politische Systeme wie das 2. Kaiserreich, die 3. Republik, aber auch das Vichy-Regime (unrechtsmäßig) einen Teil ihrer historischen Legitimation aus der Revolution von 1789 ziehen konnten?
Die historische Erfahrung in Frankreich hat sich seit dem 18. Jahrhundert in einem festgefügten Rahmen ausgeprägt, dem des Staates, der nun wiederum selbst zu einem Symbol von Kontinuität und Dauerhaftigkeit geworden ist. Für die französische politische Kultur ist Dauer ein wesentliches Attribut des Staates und ein entscheidendes Element seiner Definition. Eine seiner wichtigsten Funktionen ist es, Wahrer und Garant der permanenten Interessen der Gemeinschaft zu sein. In gewisser Weise sind der Staatsbegriff und das Kriterium der Permanenz austauschbar und gleichwertig. Die Legitimität des Staates beruht zum Teil auf seiner Dauerhaftigkeit. Sie wird um so stärker mit dem Staat identifiziert, als seine Geschichte kaum Einschnitte und Brüche erlebt hat. Anders ausgedrückt: aufgrund seiner Permanenz transzendiert der Staat die Zufälle der politischen Geschichte; die Regime vergehen, der Staat bleibt bestehen. Er ist also unabhängig von den Regimen. Diese Unabhängigkeit wiederum trägt wesentlich zur Unpersönlichkeit und Anonymität des Staates bei (vgl. R. Remond, Staat und Nation in Frankreich).
Ein weiterer Grund für die bei aller Unterschiedlichkeit der Interpretation der Revolution von 1789 festzustellende Einheitlichkeit des Geschichtsbewußtseins ist wohl in der Multidimensionalität der Revolution selbst zu suchen. Diese hat im französischen zu einer Konnotationsvielfalt dieses Begriffes geführt, die dem deutschen Wort Revolution mangelt. Diese Multikonnotabilität des Begriffs Revolution ist eine Voraussetzung der Mystifikation der Revolution. Mit Multidimensionalität ist hier eigentlich der komplexe Ereigniszusammenhang der Revolution von 1789 gemeint, der dazu geführt hat, daß in dieser Revolution sowohl bürgerliche, kleinbürgerliche wie auch ansatzweise proletarische Elemente (z. B. die Manufakturarbeiter) zu finden sind. So können Großbürgertum, Kleinbürgertum und die entstehende Arbeiterbewegung in der Revolution von 1789 den Beginn einer historisch-revolutionären Tradition sehen. Ein ähnliches Ereignis, aus dem die gleichen drei sozialen Schichten in Deutschland positive Ansätze einer historischen Tradition ziehen könnten, gibt es in der deutschen Geschichte nicht. Hier lassen sich Traditionen höchstens auf Ereignisse gründen, in denen eine Klasse sich auf Kosten oder unter Ausschluß der übrigen zeitweise durchgesetzt hat. Daher trägt historische Tradition in Deutschland auch den Charakter des Sich-Abgrenzens, der Integration bestimmter gesellschaftlicher Gruppen unter Ausschluß anderer, der in Frankreich so nicht zu beobachten ist. Während in Deutschland historische Erfahrung immer auch dazu dient, gruppen- oder klassenspezifische Interessen unter Berufung auf die Geschichte historisch zu überhöhen und zu legitimieren, also in den Dienst der tages- und interessenpolitischen Auseinandersetzung hineingezogen wird, entzieht sich in Frankreich die Geschichte der tagespolitischen Indienstnahme. Man beruft sich nicht auf Geschichte wie in Deutschland , man lebt eben in und mit dieser Geschichte, ganz gleich, ob bewußt oder unbewußt. In der tagespolitischen Auseinandersetzung, die in Frankreich alternativer und härter geführt wird als in der Bundesrepublik, wird selten versucht, dem politischen oder sozialen Gegner unter Heranziehung historischer Argumente die politische, ja nationale Legitimiät seiner Forderungen oder Positionen zu bestreiten, d. h. ihn außerhalb oder an den Rand der nationalen Gemeinschaft zu drängen, wie dies häufig bei politischen Debatten in der Bundesrepublik zu beobachten ist. Muß in diesem Zusammenhang noch einmal darauf verwiesen werden, daß in der französischen Résistance bürgerliche und kommunistische Widerstandsbewegung Hand in Hand gearbeitet haben, während in Deutschland bis vor kurzem der Widerstand der (sozialdemokratischen und kommunistischen) Widerstandsbewegung aus der Arbeiterschaft im Westen verschwiegen und im Osten hoch gelobt wurde.
In dem Kapitel über das deutsche Geschichtsbewußtsein wurde gesagt, daß in Deutschland keine Klasse ein positives Grunderlebnis mit einer Revolution hat machen können und sich somit auch keine positive Identifikation mit revolutionären Prozessen herausbilden konnte. In Frankreich liegt der Fall nun völlig anders. So enthält bereits die Revolution von 1789 bürgerliche, kleinbürgerliche und proletarische Elemente. Auch gibt es in der französischen Geschichte jeweils ein revolutionäres Ereignis, auf dem jede Klasse eine positive historische Tradition aufbauen kann: Die Revolution von 1830 war eindeutig bürgerlich, die von 1848 trug in erster Linie kleinbürgerliche Züge und was angesichts der deutschen Entwicklung wiederum wichtig ist hat zu einer weitgehenden Interessen- und Handlungsidentität zwischen Kleinbürgertum und frühindustriellem Proletariat geführt. Dies hatte die Konsequenz, daß in Frankreich anders als in Deutschland die Arbeiterbewegung nie völlig vom Kleinbürgertum abgekoppelt wurde. Damit war aber auch eine sozialintegrationistische Politik der Herrschaftsstabilisierung auf dem Wege einer Spaltung zwischen Kleinbürgertum und Arbeiterschaft unter Ausschluß der letzteren aus der nationalen Gemeinschaft unmöglich, wie dies von Bismarck versucht und zumindest auf der Ebene der politischen Mentalität auch erreicht wurde. Die französische Arbeiterbewegung wiederum kann sich in ihrem Geschichtsbewußtsein auf die Commune von 1870/71 berufen.
Dies wird in einem anderen Zusammenhang deutlicher: Die heutige französische Gesellschaft wird weitgehend zu Recht als eine gespaltene Nation bezeichnet, sowohl horizontal als auch vertikal (rechts-links). Je größer die realen Konflikte und das Bewußtsein um diese Konflikte ist, desto stärker ist aber auch ein zumindest unterschwelliges Konsensbedürfnis. Mögliche Bezugspunkte eines solchen Konsensbedürfnisses bilden dabei der Staat und die Geschichte.
Das Verhältnis des einzelnen Bürgers zum Staat stellt sich im französischen Staatsbewußtsein dar als eine "Koexistenz eines begrenzten Autoritarismus und eines latenten Auflehnens gegen Autorität. Was dabei besonders auffällt, ist der Abscheu vor einer direkten Gegenüberstellung und die Verweigerung von Diskussionen, die zu Kompromissen führen könnten, weil alle an dem Streit beteiligten Parteien daran teilgenommen haben. Ebenso wie im autoritären Modell werden Konflikte an eine höhere zentrale Autorität verwiesen. Der andere wesentliche Aspekt dieses Verhältnisses liegt in der Spannbreite der dieser Autorität gesteckten Grenzen: ihr wird die Macht delegiert, damit das "Drama" in den direkten und persönlichen Beziehungen vermieden werden kann, aber nur insofern und solange die Machtausübung von oben sowohl im Ausmaß als auch in der Intensität durch eine Reihe allgemein akzeptierter Regelungen, Präzedenzfälle und Inhibitionen unpersönlich und abgesteckt bleibt" (St. Hoffmann, "Über Frankreich", Sur la France, S. 43).
Doch liegen zwischen der letzten Revolution (1870/71) und heute über hundert Jahre, die abgesehen von der "Résistance" für das französische Geschichtsbewußtsein allerdings kaum konstitutiv erscheinen. Sie waren von so starken gesellschaftlichen Konflikten und traumatischen Erfahrungen geprägt u.a. die Affäre Dreyfus, die Traumatismen des 1. Weltkrieges, Front Populaire, Indochina- und Algerien-Krieg , daß sie auch heute noch nicht Bestandteil eines gemeinsamen nationalen, sondern nur jeweils eines gruppen- oder klassenspezifischen Geschichtsbewußtseins sind. Sie sind konstitutive Bestandteile der fortbestehenden Spaltung der Gesellschaft und bieten keine Ansatzpunkte eines möglichen Konsensus. Die Klassenspanungen des 19. Jahrhunderts aber gehören der Geschichte an, sind nicht mehr unmittelbar erfahrbar oder nachvollziehbar. Der Grundschullehrer der 3. und 4. Republik, der zwischen 1870 und 1940 zugleich Geschichtslehrer der Nation war, hat die Kanten und Ecken des 19. Jahrhunderts abgeschliffen, den Schleier des republikanischen Grundkonsens der "école primaire laïque" (laizistische Grundschule) über die sozialen Konflikte des 19. Jahrhunderts ausgebreitet.
Die zweite Epoche, die im französischen Geschichtsbewußtsein stark mystifiziert war, wird von dem Vichy-Regime, der deutschen Besatzung und der Résistance gebildet. Die historische Forschung über diese Periode weist heute nur noch wenige Lücken auf. Dennoch ist in der französischen Öffentlichkeit dieser Zeitraum der nationalen Geschichte wie kaum ein zweiter lange tabuisiert worden und erschien als ein ebenso weißer Fleck wie in der Bundesrepublik die nationalsozialistische Epoche, ohne allerdings einen ähnlichen Riß zwischen den Generationen erzeugt zu haben. Im Gegensatz zur Mystifizierung der Revolution, die in Frankreich von allen sozialen Gruppen getragen und tradiert wird, ist die Mystifizierung bzw. Übergehung der Jahre zwischen 1940 und 1944 ein Phänomen, das von der 4. und 5. Republik häufig gesteuert wurde trotz einiger Anzeichen "des Bereuens" auf höchster Ebene des Staates und der Kirche. So steht die Vichy-Regierung zwar im Programm des Schulunterrichts, so wurden im französischen Fernsehen mit Vorliebe Filme gezeigt, die den heroischen Widerstand der französischen Bevölkerung gegen die teilweise völlig verzerrt dargestellten deutschen Besatzungstruppen glorifizieren und mystifizieren sollen. Filme wie "Français si vous saviez" (Franzosen, wenn Ihr wüßtet), "Le chagrin et la pitié" (Der Kummer und das Erbarmen), "Les guichets du Louvre" (Die Schalter des Louvre) dagegen laufen höchstens in Liebhaberkinos statt in den großen Belustigungskasernen der Champs-Elysées. Dieses Phänomen des Verschweigens der Kollaboration sowie der Glorifizierung und Mystifizierung der Résistance als Versuch der Herrschaftsstabilisierung sind bekannt und eingehend untersucht. Dabei sollte aber gefragt werden, warum Verschweigen und Mystifizierung, die in der Politik noch verständlich erscheinen, mit der Duldung der Bevölkerung rechnen können, ja sogar von dieser mit getragen werden.
Alle politischen und sozialen Gruppen des heutigen Frankreich sind bemüht, ihren Anteil an der Résistance so darzustellen, daß daraus historische Legitimität im aktuellen politischen Tagesgeschehen abgeleitet werden kann. Dabei wird freilich übersehen, daß fast alle diese Gruppen in den dreißiger Jahren angesichts der drohenden faschistischen Gefahr auch in Frankreich mehr oder weniger versagt haben. Soll die Berufung auf die aktive Teilnahme an der Widerstandsbewegung vielleicht auch dazu dienen, die Auseinandersetzung über die Verantwortung für das Heraufziehen des Faschismus in Frankreich zu verwischen? Dabei sollte gerade in deutsch-französischen Diskussionen zu diesem Thema nicht übersehen werden, daß Résistance und (deutscher) Widerstand unter völlig unterschiedlichen historischen Voraussetzungen standen. Der deutsche Widerstand, soweit er sich schon 1933/34 formierte, war eindeutig politisch motivierter Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime, die französische Résistance war in erster Linie Widerstand gegen ein militärisches Besatzungsregime und seine französischen Handlanger. (Doch darf dies nicht als wertende Aussage verstanden werden.)
Die Mystifizierung des Widerstands in Frankreich hat auch ihre individual- und sozialpsychologische Seite: So wie jede deutsche Familie ihren Nationalsozialisten im Familienstammbuch mit sich herumträgt, so hat wohl auch mindestens jede zweite französische Familie die Leiche eines Kollaborateurs im Keller, an den sie sich sicher nicht allzu oft erinnern möchte. Der Mythos der Résistance funktioniert da als individuelle und kollektive Absolution. Die Familienehre ist gerettet, die peinliche Frage ("Vater, wo warst du?"), die in Deutschland zwei Generationen entzweit hat, konnte in französischen Familien kaum gestellt werden, da sie ja außerhalb der Familie im Gegensatz zu Deutschland nie gestellt wurde, weder durch die Schule, die Literatur, die Massenmedien noch durch die Politik. Aus der Diskretion, mit der die 40er Jahre in Frankreich behandelt werden, sollte jedoch nicht auf einen nicht bearbeiteten Schuldkomplex geschlossen werden.
War nicht die Zeit zwischen 1940 und 1944 eine Zeitspanne, in der zum vorläufig ersten und letzten Mal die traditionelle Klassenspaltung der Nation aufgehoben schien? Zwar war die Nation nun wiederum in zwei wenn nicht gar drei Lager gespalten: die der Kollaborateure, der "schweigenden" Mehrheit und der Résistance aber innerhalb dieser drei Lager waren die alten Klassengegensätze weitgehend außer Kraft gesetzt; wenn auch unter völlig anders gearteten Voraussetzungen und mit völlig unterschiedlichen Zielsetzungen. Das Vichy-Regime wollte in Nachahmung des italienischen und deutschen Vorbildes die Klassengegensätze durch den Volksstaat überwinden. In der Résistance kämpften Adlige, Bürgerliche, Kleinbürger, Arbeiter und Bauern häufig Seite an Seite, in dem alltäglichen Kampf ums eigene Überleben wie gegenüber dem nationalen Feind traten die Klassengegensätze zurück. Vielleicht auch deshalb, weil die alten politischen Institutionen, die diese Klassengegensätze verkörperten, ihre politische Bedeutung verloren hatten: Die Parteien und Gewerkschaften stellten zwar in einigen Gegenden ein notwendiges organisatorisches Gerüst zur Koordinierung des Widerstandes bereit, verloren jedoch häufig auf lokaler Ebene ihren Einfluß zugunsten einer nicht von Institutionen, sondern Individuen getragenen Spontaneität und Kreativität des Denkens und Handelns. Diese finden übrigens einen sichtbaren Ausdruck in den Publikationen aus der Zeit der Résistance und den Jahren 1944/45, die weitaus kreativer und einfallsreicher sind als einige Jahre später, nachdem die Parteien sich wieder formiert hatten und das politische Denken und Handeln in ihre Apparate kanalisierten. (Man vergleiche dazu die Zeitung "Le Combat" aus den Jahren 1944/45 mit dem "Combat" der Jahre 1947/50!)
Diese politische Kreativität, die durch die gemeinsame Handlungserfahrung der Résistance freigesetzt worden war, ging verloren, als die politischen Parteien sich 1944/45 neu formierten, das politische Terrain unter sich absteckten und damit auch in die alten politischen Schablonen verfielen, wobei dieser Prozeß teilweise auch durch den Kalten Krieg beschleunigt wurde. Die Begeisterung der Libération, der Befreiung von der deutschen Besatzungsherrschaft und dem faschistoiden Vichy-Regime, verflog schnell. Die Debatte um die zukünftige Gestaltung der gesellschaftlichen Ordnung Frankreichs enthüllte sehr schnell, daß die Zeit der gemeinsamen Aktion, der Überwindung der alten politischen Zersplitterung ebenso illusionär war wie die Vorstellung, einen neuen gesellschaftlichen Konsens zu finden. Das Streben nach dem Konsens löste sich in das auf, was es in der französischen Geschichte eben immer gewesen war: ein Traum bzw. Alptraum je nach der ideologischen Orientierung.
Von einem unterschwelligen Konsensstreben wurde de Gaulle 1958 an die Macht getragen: der imaginäre Retter von 1940/44 sollte Frankreich ein zweites Mal hinter sich einen, aus der kolonialen Verstrickung lösen und die innere Zerrissenheit überwinden. Das durch die Entkolonialisierung zerrissene, gedemütigte, verunsicherte und gespaltene Volk sollte de Gaulle heilen. Das der Konflikte müde und verwundete Frankreich sollte und wollte der Gaullismus, der sich als eine alle Schichten und Klassen übergreifende Volksbewegung verstand, wieder zusammenführen. Das Bedürfnis nach einem sozialen und ideologischen Konsens war eine psycho-mentale Grundlage und Legitimation des Gaullismus, die Mystifizierung der 40er Jahre zu einem in der Résistance geeinten, die Gegensätze und Konflikte überwunden habendes Frankreich war seine historische Grundlage aber auch seine Lebenslüge. Denn wie schon in der Résistance der Konsens hauptsächlich darin bestanden hatte, Widerstand zu leisten, und die Frage, was danach kommen sollte, zweitrangig war (aber doch schon den Keim der künftigen Konflikte in sich barg), so bestand in der 5. Republik zwischen 1958 und 1968 der Konsens einzig in dem Bedürfnis nach Konsens. In dem Bedürfnis nach Konsens bleibt aber gerade die Tatsache unberücksichtigt, daß allenfalls ein Austragen von Konflikten eine Grundlage für einen dauerhaften Konsens bilden kann. Auch deshalb brachen die Konflikte im Mai 1968 mit umso stärkerer Vehemenz wieder hervor.
Die Mystifizierung der Vergangenheit im französischen Geschichtsbewußtsein ist demnach Ausdruck einer Gesellschaft, die von Konflikten bestimmt ist, in der die Konflikte zur tagespolitischen Realität gehören und das politische Bewußtsein und Handeln des einzelnen Bürgers weitgehend bestimmen vielleicht so stark, daß sie der Kompensation durch die Suche und den Wunsch nach Konsens bedarf. Die Mystifizierung der Geschichte dient also weitgehend einer Entlastung aus der durch Konfliktbewußtsein geprägten Gegenwart.
Die weitgehende Verdrängung der Geschichte in der Bundesrepublik Deutschland dagegen kann verstanden werden als Ausdruck einer Gesellschaft, die den Konsens 13) zur psychomentalen Basis des politischen Denkens und Handelns macht, aber unfähig ist, die Grundlagen dieses Konsensus zu diskutieren. Daß Konflikte ein Ausdruck der Interessenpluralität gesellschaftlicher Gruppen sind, ist dabei weitgehend verdrängt.
Die Frage, wie wir uns mit Geschichte identifizieren und wie wir sie erzählen, könnte gerade in deutsch-französischen Begegnungsgruppen einen breiten Raum einnehmen. Es besteht noch ein großer Bedarf nach Erkundung dieser Frage. Die Arbeit lohnt sich. Dieser Beitrag schlägt vor, einige Wegweiser zu setzen.
Wenn es möglich ist, Mythen so zu mißbrauchen, daß sie zu Mystifikationen werden, muß dann daraus geschlossen werden, daß alle Mythen schlecht sind? Sind sie nicht vielmehr eine notwendige Dimension jeder Gemeinschaft? Wenn eine Gemeinschaft glaubt, sich von ihnen befreit zu haben, dann ist ihr oft nur nicht bewußt, daß ein Mythos durch einen anderen ersetzt wurde, wie z. B. Produktivismus und Effizienz neue Mythen darstellen.
Der nationale Mythos wird erst dann hinderlich, wenn er expansive, bekehrende missionarische letztlich imperialistische Formen annimmt.
In der Geschichte waren diesen beiden Vorstellungen immer wieder eng miteinander verbunden. Das zeigt sich auch in unserer Untersuchung, denn in unseren Köpfen integriert sich sehr oft, ohne daß wir es wissen, das internationale System und die Geo-Politik 14).
Wir haben gelernt, in dualen Begriffspaaren zu denken, wie: falsch/richtig, gut/schlecht, vernünftig/unvernünftig... Es scheint, als ob nur das eine oder das andere zutrifft. Es führt fast zwangsläufig dazu, daß jede Situation im Sinne eines Kräfteverhältnisses (herrschend/beherrscht) bewertet wird, ohne dialektisches Grundverständnis. Es ist allerdings richtig, daß in bestimmten historischen Situationen das "sowohl als auch" die Identifizierung des Stärkeren verschleierte.
Ist die Vorstellung von der Nation zwangsläufig expansionistisch? Wenn man die Erfahrungen der Dritten Welt betrachtet, deren nationale Bewußtwerdung in keiner Weise mit Eroberung, sondern vielmehr mit dem Willen zum Überleben verbunden ist, dann stimmt das offensichtlich nicht.
Kann man daher die Verbindung Nationalismus = Aggression aufheben und nur das bewahren, was die positive Zugehörigkeit, ohne Ab- und Ausgrenzung anderer, ausmacht?
Entstehen nicht neue Mythen durch die Schwierigkeiten, die die Deutschen in der Bundesrepublik hatten, sich ihre Vergangenheit wieder zu eigen zu machen, angesichts ihrer Unfähigkeit vor 1989, sich eine eventuelle Wiedervereinigung vorzustellen was mit der Festsetzung der Einflußsphären bei den Konferenzen von Yalta und Potsdam zusammenhängt?