III. Der zerbrochene Spiegel (Infrage-stellung der binationalen Animation)
Zeitliche Beziehungen zwischen Seminar und Alltag
Viele Teilnehmer nahmen an den deutsch-französischen Seminaren teil, um zusammen mit anderen an einem gemeinsamen Ort ihren Traum von Verständigung, Freundschaft, deutsch-französischer und/oder europäischer Solidarität, wie er in den DFJW-Richtlinien als Zielsetzung aufgezeigt wird, verwirklicht zu sehen. Zunächst muß dabei bemerkt werden, daß diese Zielsetzungen aus Normen und Wunschdenken abgeleitet wurden, die oft im Widerspruch zu den jeweiligen Interessen der Staaten stehen, die in ihrer alltäglichen Realität von Kräfteverhältnissen und Konkurrenz gekennzeichnet sind.
Das führt oft dazu, daß dieser Widerspruch tabu bleibt und es dann darum geht, die Unterschiede z. B. im Sinne einer "Trans-Nationalität" zu überwinden, oder durch einfachen guten Willen und durch ein ideales Selbstbild eine Gemeinschaft zu schaffen, die weder deutsch noch französisch, sondern deutsch-französisch und europäisch ist. Aber eine solche heile supranationale Welt kann es noch nicht geben. Es gibt Frankreich, es gibt Deutschland und die anderen Nationen. Das Seminar findet entweder hier oder dort statt. Es entsteht zwangsläufig Asymmetrie, denn es kann an keinem neutralen Ort auf der Grenze, im Niemandsland stattfinden, wie es sich manche Teilnehmer oft in ihren Phantasien vorstellen.
In den deutsch-französischen Gruppen kommt es zu einem von Jacques Guigou 18) beschriebenen Phänomen: der "stagification" ("Verkursung der Bildungsarbeit"), d. h. einem völligen Bruch mit dem alltäglichen Leben und der Arbeitswelt. Das bedeutet nicht, daß sich die soziale "Makro-Ebene" im Seminar nicht ausdrückt, aber sie bleibt bewußt auf die Gruppe beschränkt.
Die Tatsache, daß die Seminare häufig an Orten stattfinden, die auch dem Tourismus dienen, fördert nicht etwa die Aufhebung der Trennung zwischen Arbeit und Freizeit, sondern verfestigt noch den Bruch mit dem sozialen Leben eines jeden Teilnehmers. Es handelt sich um Ferien und Vakanz zugleich.
Das Ende der Begegnung der Tod der Gruppe wird häufig sehr intensiv erlebt. Aber auch das bedeutet, daß das Seminar einen Zeitraum darstellt, der aus dem Alltagsleben ausgeklammert wird und damit eine besondere Aufwertung erfährt.