Arbeitstexte de travail

Die Animation deutsch-französischer Begegnungen und die Bedeutung der Geschichte

Redaktion des Syntheseberichtes: Jeanne Kraus (U.F.C.V.)

 

Inhaltsverzeichnis

III. Der zerbrochene Spiegel (Infrage-stellung der binationalen Animation)

Die Ursachen der Uneinigkeit

Trotz der intensiven Vorbereitungszeit vor den Seminaren, in der die inhaltlichen und persönlichen Positionen und Differenzen der einzelnen Teammitglieder vorgeklärt werden sollten, verfing sich das Team der forschungsorientierten Fortbildungsprogramme – und mit ihm dann gelegentlich auch die Gruppe – unter dem Druck der Animationssituation häufig in blockierenden stereotypen Klassifizierungen: so wurde mit nationalen Differenzen argumentiert, obwohl bei einer genaueren Analyse zumindest hätte berücksichtigt werden müssen, daß vor allem unterschiedliche institutionelle Zugehörigkeiten bzw. Abhängigkeiten zu unterschiedlichen Interventionen der Teammitglieder Anlaß gaben. Wie weit das unterschiedliche Animationsverhalten der Teammitglieder neben nationalkulturellen und institutionellen Einflüssen auch von unterschiedlichen finanziellen, wissenschaftlichen und emotionalen Bedürfnissen und Interessen geprägt war, konnte nur ansatzweise bearbeitet werden. Wie aber sollen Animateure Methoden erarbeiten, die die Erforschung gerade dieser wesentlichen Unterschiede im Animationsverhalten ermöglichen, wenn sie selbst so wenig in der Lage sind, sich in die Bearbeitung dieser Komplexität selbst einzubringen?

Die Forschung über Animationskonzepte und -verhalten in Deut-schland und Frankreich erwies sich vielleicht auch deshalb als so schwierig, weil der Ansatz, diese gleichzeitig als Aktionsforschung und Fortbildung durchzuführen, auf einem nicht immer eingelösten Anspruch beruhte: „Solange wir im Team nicht abgeklärt haben, wie weit wir selbst uns von der Problematik dieses Themas betroffen fühlen, d. h. unsere eigenen „enjeux“ (das, was auf dem Spiel steht) nicht fixiert, abgesteckt und expliziert haben, wird unsere Animation in erster Linie Pädagogik bleiben, d. h. Animation für andere, bestenfalls mit anderen...“.

Vielleicht trat bei diesem Stand der Reflexion auch ein national-institutionell bedingter Unterschied in den Animationskonzepten zwischen den französischen und deutschen Teammitgliedern zutage, der auf der unterschiedlichen Tradition und Funktion der Jugendarbeit und damit befaßten Institutionen in den beiden Ländern beruht. Dabei müßte man unterscheiden zwischen staatlich subventionierter und freier Jugendarbeit. In der ersteren wird Jugendarbeit häufig verstanden als kompensatorische Arbeit an Sozialisations- und Gesellschaftsdefiziten, als Engagement für andere. In dieser Konzeption liegt vermutlich eines der Grundprobleme für die relative Handlungsunfähigkeit eines Teams: Animateure beziehen einen Teil ihrer Daseinsberechtigung daraus, für andere zu denken, zu planen und zu handeln. Der Animateur wird in der pädagogischen Situation hauptsächlich dadurch zum Subjekt, daß er gegenüber Objekten als solches berufen wird. In einer Situation aber, in der er sich als Teilnehmer empfindet und sich nicht mehr auf Grund von Institutionalisierung Teilnehmern gegenüber sieht, erweist er sich häufig als Subjekt hilflos.

Aus dieser Unsicherheit, die zur Handlungsunfähigkeit in Situationen führen kann, in denen dieser Animateur nicht mehr andere, die in der Regel einen minderen Status haben, animieren kann, sondern auch für sich selbst denken, planen und handeln muß, werden wir erst dann herauskommen, wenn wir erkennen, daß jeder Animateur in seinen jeweiligen Praxisfeldern auch ein existentielles Projekt verfolgt
19). Die existentiellen Komponenten, die den Einsatz für andere motivieren, bleiben vielen in der Jugendarbeit Engagierten unbewußt, wenn sie nicht sogar verdrängt werden. Diese psychisch bedingten „enjeux“ der einzelnen Teammitglieder bleiben häufig unbeachtet oder werden allenfalls durch Verlagerung auf andere Ebenen oder Themenbereiche ansatzweise behandelt. Muß noch hinzugefügt werden, daß sich auch hier ein noch viel weiteres Forschungsfeld öffnet ...?

Wir sind nun an einem Punkt angekommen, an dem wir feststellen können, daß die Autonomie der Jugendbegegnungen von Deutschen und Franzosen im Verhältnis zum Staat fiktiv und verbal bleibt. Tatsächlich werden die den Richtlinien des DFJW zugrunde liegenden politischen und ideologischen Normen weder analysiert noch werden sie in Frage gestellt. Sie scheinen nicht nur durch die Verbände akzeptiert und weitergetragen, sondern auch durch Animateure, Forscher und Teilnehmer an den Begegnungen.

Die Staatschefs unserer beiden Länder wiederholen immer wieder, welch großes Interesse sie den Begegnungen beimessen, um auf diese Weise einen Beitrag für Verständnis und Partnerschaft zu leisten.

Es macht sich gut, wenn man auf die exemplarischen deutsch-französischen Beziehungen der Freundschaft und der Zusammenarbeit verweisen kann und dabei die mehr als sechs Millionen Jugendlichen erwähnt, die seit Bestehen des Jugendwerks an Austauschprogrammen beteiligt waren.

Dies ist unbestreitbar ein quantitativer Erfolg, und die vom DFJW im Bereich der Forschung gemachten Anstrengungen sollten auch zu einer Verbesserung der Begegnungsformen führen können.

Trotzdem dürfen für uns diese Konzepte der Freundschaft und der Zusammenarbeit nicht die Realität verschleiern, die nicht weniger bekannt ist: Konkurrenz, versteckte Konflikte, soziale Ungleichheiten, Nationalismus, Ausgrenzung von Jugendlichen und anderen.

Solange Verbände, Animateure, Forscher und Teilnehmer eine weitergehende Reflexion über diese Konzepte aussparen, leben sie selbst in einem vom Staat vorgegebenen „Imaginären“ (Freundschaft, Zusammenarbeit, Völkerverständigung) und bringen andere dazu, auch in diesem Imaginären zu leben, was kaum zu einer glaubwürdigen Politik führen kann. Es ist das Reich der falschen Harmonie. Das schwierigste Problem besteht darin, sich diesem Imaginären zu entziehen. Wann und wie stellen wir uns schon in unserem Alltagsleben die Frage danach, wie die einzelnen Institutionen, in denen wir uns täglich bewegen (Familie, Gewerkschaften, Massenmedien,...) ineinander greifen? Wann und wie werden diese Beziehungen analysiert? Der Animateur ist ein sozialer Vermittler zwischen Zentrum und Peripherie (Staat, Verbände, Jugendliche). Er trifft dabei ständig Entscheidungen, indem er sich jeweils entweder für das Zentrum oder die Peripherie ausspricht. Er kann sich dieser Reflexion und dieser Stellungnahme nicht entziehen.

Themen wie: die Zukunft Europas und der Welt, der Sinn des Lebens, der Lebensplan von Individuen und gesellschaftlichen Gruppen aber werden immer weniger in solchen Jugendverbänden behandelt, die sich mehr und mehr als Freizeitagenturen verstehen. Eine Entwicklung in Richtung auf eine größere Autonomie erfolgt allein durch individuelle und kollektive Sinngebung. Diese Sinngebung aber kann sich angesichts der Herausforderungen des beginnenden 21. Jahrhunderts nicht mehr allein auf die Gegenwart und auf die Realität der vorherigen Generationen beschränken.

Das DFJW ist also nicht der Grund für diese Blockaden und Hindernisse, denn ideologische Orientierungen und politische Entscheidungen werden normalerweise durch die Verbände und dann durch die Animationsteams – nicht durch das DFJW – bestimmt.

Zur Zeit sieht es aber so aus, daß überhaupt keine Entscheidungen getroffen werden, weder von den Verbänden noch von den Animationsteams. Daher kann auch keine Konfrontation stattfinden. Erst wenn Animateure, Forscher und Teilnehmer sich gegenseitig als Träger eines Lebensprojekts erkennen lernen, erst wenn jeder in die Begegnung seine individuelle und kollektive Lebensgeschichte und die in Bezug auf die Zukunft getroffenen individuellen und kollektiven Entscheidungen einfließen läßt, womit der Rahmen der Begegnung weit überschritten wird, kann größere Autonomie und eine andere Aufteilung der Macht erreicht werden, oder es können zumindest Vereinbarungen getroffen werden, die auf diesem Weg weiterführen.

Das bedeutet, daß eine Neuverteilung der Macht in dem Augenblick beginnt, wo die eigene geschichtliche Dimension eingebracht wird und wenn man sich für seine Zukunft verantwortlich fühlt. Der einzig mögliche Erfolg des Dialogs liegt darin, daß es gelingt, gemeinsam Sinn zu finden und nicht darin, den anderen zu überzeugen.

Wenn aber Animateure und Teilnehmer sich einer solchen Konfrontation verschließen, führt dies zu Kommunikationsunfähigkeit. Das führte zum Bruch im Animationsteam.

Worüber können wir miteinander kommunizieren, wenn wir es gleichzeitig ablehnen, uns miteinander zu konfrontieren und uns als „sprechende“ und nicht als „gesprochene“ Wesen zu erleben?

Wir werden nun versuchen, aufgrund der bis hierher aus unserem eigenen Werdegang vorgenommenen Schlußfolgerungen jene Bedingungen herauszuarbeiten, die unserer Meinung nach eine wirksame binationale Animation ermöglichen sollten.

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