Die binationalen Animationsteams versuchen, eine zuverlässige und kohärente Arbeitsweise zu finden und stoßen dabei auf die von uns beschriebenen Probleme bzw. Widersprüche. Wir glauben, daß es uns in unserem Projekt gelungen ist, über die Beschreibung dieser Schwierigkeiten hinauszugehen, obwohl wir lediglich Richtungen aufzeigen können, die es weiter zu untersuchen gilt. Der Weg, den wir beschreiben, hat die Form einer Ellipse. Sein Ausgangspunkt ist die Konzeptionsarbeit im Team, die von dem kleinsten gemeinsamen Nenner ausgeht. Diese Konzeption überwiegt zur Zeit in nahezu allen Animationsverfahren im binationalen Bereich. Wir waren davon ausgegangen, daß diese Vorgehensweise unserem Projekt nicht dienen kann und haben beschlossen, in einem offenen Team zu arbeiten, d. h. Heterogenität der Mitglieder im Team zu akzeptieren. Wir werden in der Folge die einzelnen Phasen beschreiben, die wir durchlaufen haben, um schließlich die Einzelelemente einer möglichen neuen Strategie zu bestimmen, einer noch zu entwickelnden Forschungsrichtung. Um eine solche Beschreibung vornehmen zu können, werden wir versuchen, mehrere Parameter genauer zu betrachten, die uns zur Zeit für die Suche nach einer zukunftsweisenden Arbeitsweise im Team und in der Gruppe wesentlich erscheinen.
Es geht dabei um die Beziehung zwischen Zeit und Raum, Grundlage der "sozialen Dichte" zwischen Animateuren und Teilnehmern; die Beziehung also zwischen dem, was außerhalb und dem was innerhalb des Seminars abläuft, und in welcher Form Macht ausgeübt wird.
Teams, die in ihrer Arbeitsweise lediglich von dem kleinsten gemeinsamen Nenner ausgehen, beziehen sich allein auf das, was an Übereinstimmung zwischen ihnen vorhanden ist. Diese Strategie verkörpert die Suche nach Harmonie auf der Grundlage der Gemeinsamkeiten. Die Zeit wird in ihrem Ablauf nur insofern berücksichtigt, als sie organisatorische Unterbrechungen im Tagesablauf bringt (feste Mahlzeiten, Arbeitsphasen, Freizeit), die in der Regel bereits im voraus festliegen und nicht hinterfragt werden. Die Teams betrachten diese Unterbrechungen als durch das Realitätsprinzip und durch Sachzwänge diktiert. Abweichungen von der Regel werden als Fragen der Disziplin behandelt. Eine solche Beziehung zur Zeit negiert die Dauer in ihrer psychologischen und emotionalen Dimension, negiert die natürlichen Lebensrhythmen, negiert die Geschichte. Die Verbindung mit dem, was außerhalb des Seminars geschieht, die Verbindung mit dem gewöhnlichen Alltag der Teilnehmer ist unterbrochen. Zur Umwelt des Seminars entsteht eine Konsumentenbeziehung, eine Beziehung zwischen Objekt und Studienobjekt. Das gleiche gilt für die Machtbeziehungen zwischen Teammitgliedern (Subjekt) und Gruppenteilnehmern (Objekt). Die Macht wird selbstverständlich auf traditionelle Weise ausgeübt. Raum und Zeit werden durch das Team und durch den jeweils gegebenen Rahmen der Tagungsstätte bestimmt.
Dabei gibt es durchaus modernistische Versionen des praktizierten Animationsstils, denn nur wenige Institutionen würden sich in dem wiedererkennen, was hier beschrieben wurde: man spricht von demokratischer Beteiligung, flexibler Aufbereitung der Programme, etc. Aber wie dem auch sei, modern oder unmodern führt ein solcher Animationsstil weil er nichts in Frage stellt zu einer Festschreibung der bestehenden sozialen Beziehungen. Deshalb sind wir der Meinung, daß dieser Stil im Widerspruch steht zu den Zielen, die dem deutsch-französischen Austausch und der Forschung zugeschrieben wurden.
Kann denn tatsächlich Zusammenarbeit entstehen, wenn lediglich von den Gemeinsamkeiten, von dem was identisch zwischen zwei Ländern ist, ausgegangen wird? Soll denn der "europäische" Mensch, bei der Konstruktion Europas, die ja bereits das Ergebnis eines kleinsten gemeinsamen Nenners ist, noch stärker Objekt einer vereinheitlichenden (homogenisierenden) Politik werden? Wird damit nicht an den Realitäten unseres gesellschaftlichen Lebens vorbeigegangen und eine Chance vertan, die eine Bereicherung, eine gegenseitige Öffnung, eine bewußt erfahrene Diversifizierung der Lebensgewohnheiten und Verhaltensweisen auf der Ebene der sich begegnenden Gruppen bringen könnte?
Wir haben uns bereits für das Prinzip des offenen Teams ausgesprochen, des pluralistischen Teams, das für soziale, nationale, kulturelle und politische Unterschiede offen ist, in dem von der Notwendigkeit des Dialogs, der Konfrontation und des Aushandelns von Interessen (sowohl im Team als auch in der Gruppe) ausgegangen wird.
In einer ersten Phase ist es uns nicht gelungen, im Team die Schwelle der Nebeneinanderstellung von Aussagen und Handlungen zu überwinden, was zur Neutralisierung der vorhandenen Energien führte. Es entstand eine Lähmung des Teams, eine Negierung der Machtbeziehungen und daraus folgend ein Laissez-faire-Stil, den man als "Nicht-Animation" bezeichnen könnte. Diese Animation beruft sich auf Modelle liberaler Illusionen, bei denen so getan wird, als sei alles möglich. Letztlich aber läuft überhaupt nichts, weil keine Beziehungen von Mensch zu Mensch aufgenommen werden können, denn damit würde man sich der Gefahr einer Veränderung, einer Wandlung aussetzen.
Dieser Stil führt zur Bildung von Gruppenillusionen, zur Reduzierung der interindividuellen Beziehungen auf ihre rein psychologischen Komponenten und läßt die soziale Dimension des Individuums völlig außer Betracht. Diese Phase beruht ausschließlich auf dem Lustprinzip. Alles läuft im "Hier-und-Jetzt" der Gruppe ab und das Alltagsleben der Teilnehmer und die soziale Umgebung des Seminars bleiben außen vor. Die Zeit scheint sich aufzulösen und damit schwindet jede historische und soziale Orientierungsmöglichkeit.
Die zweite Phase besteht in der Aufteilung der Sklaven. Auch hier geht es nach wie vor um eine unverbundene Nebeneinander-stellung der Interventionen der Animateure, die jetzt in der Gruppe "Verbündete" suchen. Damit versuchen sie, die Grenzen ihrer Einflußzonen abzustecken. Je mehr Teilnehmer einem Animateur folgen, desto größer ist auch seine Einflußnahme auf den Seminarverlauf. Dabei aber kommt es immer noch nicht zur Konfrontation. Im äußersten Fall können gerade so viel kleine Seminargruppen entstehen, wie es Animateure gibt. Dem liegt das Modell der friedlichen Koexistenz zugrunde. Die Aufteilung erfolgt nach "Affinitäten", wobei in der Regel die größte Verführungskraft entscheidet. Von den Teilnehmern wird nicht Gehorsam gefordert, sondern ihre Zustimmung beruht auf der Verinnerlichung der Herrschaftsmodelle: Macht wird nicht mehr von außen ausgeübt.
Der Faktor Zeit beginnt, sich bemerkbar zu machen. Die Zeit bleibt zersplittert und wird durch die Untergruppen quasi selbständig verwaltet.
Das Zusammenführen, die Konfrontation der Untergruppen wird meistens als Zeitvergeudung erlebt; man befindet sich noch in der Phase des a-historischen Selbstverständnisses. Die soziale Außenwelt des Seminars bleibt weiter Objekt, Gegenstand touristischer Studien.
Weil wir der Meinung waren, daß die oben beschriebenen Phasen mit den Zielsetzungen des DFJW und denen der Forschungsprogramme nicht übereinstimmen, sahen wir uns veranlaßt, einen anderen Animationsstil zu entwickeln, bei dem die Fragen nach den Beziehungen zwischen dem "drinnen" eines Seminars und der Außenwelt, nach dem Zeitablauf, nach der Geschichte gezielt angegangen werden können und damit natürlich auch die Rolle unserer Animation.
Wir haben den Eindruck gewonnen, daß diese Wende den Anfang für eine qualitative Veränderung dargestellt hat, deren Möglichkeiten bei Beendigung dieser Forschungsprogramme noch nicht voll ausgeschöpft werden konnten.
In einer dritten Phase erlaubte es sich das Animationsteam schließlich, interne Spannungen zu verdeutlichen, seine Entscheidungen zu erklären und die Machtstrukturen und Herrschaftsbeziehungen zum Vorschein zu bringen. Im Team zeigten sich Widersprüche, ohne daß sie vorher schon bearbeitet werden konnten. Es entstand eine Art Grabenkrieg. Das Alltagsleben, das soziale Umfeld, die historische Dimension kamen hier und dort zum Tragen, wurden aber sofort wieder verdrängt. Man fürchtete, es könne zu sehr verletzen. Der wesentliche Unterschied zu den vorherigen Phasen bestand darin, daß ein Teil der Animateure die Illusion aufgab, nur als "Diener" der Gruppe intervenieren zu können. Diese Einstellung, nach der der Animateur sich selbst ausklammern muß, um die anderen besser verstehen zu können, führt dazu, daß er sich als Person ignoriert, daß er sich nur als Funktionsträger erlebt. Uns schien und scheint es vielmehr notwendig, daß der Animateur sich selbst mit seinem eigenen Leben einbringt, und zwar ohne als Beispiel gelten und ohne überzeugen zu wollen, aber indem er den Teilnehmern "zeigt", daß er sich als Individuum ernst nimmt, regt er sie dazu an, sich als "Subjekt" wahrzunehmen. So lange er nur als Träger einer Funktion auftritt, kann er auch die anderen nur funktionalisieren. Subjekt-Objekt-Beziehungen bleiben so bestehen. Nur durch wirklichen Dialog, authentische Konfrontation von Subjekt zu Subjekt können die Unterschiede und die Bedingungen einer Zusammenarbeit herausgearbeitet werden.
In der vierten Phase und in Übereinstimmung mit dem neuen Rollenverständnis entwickelte ein Teil der Teammitglieder eine neue Haltung. Schließlich konnte auch die soziale Realität der einen und der anderen angegangen werden. Die Machtstrukturen wurden bewußt gemacht. Dialog und Konfrontation fanden auf einer realeren Ebene statt. Man bezog sich auf das Alltagsleben und auf den zeitlich-räumlichen und sozialen Rahmen des Seminars, wodurch die individuelle und die nationale Geschichte an die Oberfläche kam.
Unser Weg führte von der finanziellen, institutionellen und beruflichen Macht, die vom Animationsteam mit dem herkömmlichen Verfahren ganz selbstverständlich ausgeübt wird, ohne in Frage gestellt zu werden, bis hin zu einem neuen Verständnis der Machtausübung, bei dem diese Macht selbst Gegenstand der Forschung und der Infragestellung ist. Der Weg führt von einer unbeweglichen und starren hin zu einer offenen und entwicklungsbereiten Verfahrensweise, von der Zusammenarbeit im Team um jeden Preis hin zu einer Bejahung der Unterschiede auf allen Ebenen (Geschlecht, Alter, Klasse, Region, Land ...) sowohl bei Animateuren als auch bei den Teilnehmern. Von einem reduzierenden und verschleiernden Verfahren, das nur die nationale Dimension erfaßt und alles andere ignoriert, wird zu einer Methode übergegangen, die die bestehenden Gegensätze aufgreift, sie beleuchten will, um einen Pluralismus zu erreichen, der sich der europäischen Realität annähert.
Wir betrachten diese Phase als einen entscheidenden Schritt in jene Richtung, die von den Richtlinien des Jugendwerks angestrebt wird, weil damit versucht wird, die Fähigkeit zum Zuhören zu entwickeln und die üblichen sterilen rhetorischen Sprüche zu überwinden.
Phasen, die auf den ersten Blick als vertan erscheinen (die Lähmungsphase beispielsweise), sind zugleich von erheblicher Bedeutung, weil in ihnen spätere Entwicklungen eingeleitet werden.
Dabei darf aber nicht der große Einfluß übersehen werden, der durch Gewohnheiten, durch eingefahrene Verhaltensweisen, durch Widerstände der Teilnehmer, der Gruppe und der Institutionen ausgeübt wird. Daher ist die Überwindung dieser Hindernisse nur durch eine langfristige Arbeit möglich.