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V. WIE KANN MAN ZU ERWEITERTEN UND VERTIEFTEN FORMEN INTERKULTURELLER AUSBILDUNG GELANGEN?
Jacques Demorgon - Edmond-Marc Lipiansky - Burkhard Müller
Wir haben bisher eine ganze Reihe von Ansätzen interkultureller Ausbildung angeführt. Bei mehreren davon gehört die Bemühung um eine Reflexion der Ausbildungspraxis, wenn nicht sogar um stärker systematisierte Forschungen über Ziele und Mittel interkultureller Bildung dazu. Die Arbeitsgruppe verfolgt das Ziel, diese Bemühungen um Erweiterung und Vertiefung interkultureller Ausbildung zu begleiten und weiterzuführen.
Die Erweiterung ergibt sich ohnehin aus der Fortentwicklung des laufenden Globalisierungsprozesses. Zahlreiche Bereiche sind davon betroffen, in denen interkulturelle Situationen immer häufiger werden: so z. B. Erziehung, Wirtschaft, Diplomatie, Militär.
Die Vertiefung wird sich erst erreichen lassen, wenn bestimmte grundlegende Schwierigkeiten, die wir erst zu verstehen beginnen, in ihrer ganzen Tragweite erkannt werden.
1.) Zuallererst muß das Dilemma Nationalkultur versus europäische Kultur überwunden werden.
2.) Im Anschluß daran ist es notwendig zu betonen, daß vertiefte interkulturelle Ausbildungen nicht einfach auf der Basis von lernbaren Kenntnissen und Fertigkeiten aufgebaut werden können. Das was in diesen Ausbildungen unausweichlich auf dem Spiel steht, sind auch Projekte, die zugleich auf zutiefst persönlichen als auch auf institutionellen Initiativen beruhen. In vertieften interkulturellen Ausbildungen müssen sich Bemühungen um objektives Wissen mit dem Wunsch nach subjektivem Engagement verbinden.
3.) Außerdem müssen diese Ausbildungen die Gesamtheit der individuellen und sozialen Handlungsebenen durch Betrachtung der identitären Probleme und Phänomene miteinander verbinden. Es ist genauso nötig, interregionale Beziehungen innerhalb des nationalen Zusammenhangs zu behandeln, wie auch internationale Beziehungen auf der kontinentalen Ebene. Wissenschaft und Politik können auf diese Weise in einen fruchtbaren Dialog treten sowie der Raum zwischen ihnen bearbeitet werden.
4.) Schließlich sollten diese erweiterten interkulturellen Ausbildungen so ausgerichtet sein, daß sie sich fortwährend erneuern und gleichzeitig vertiefen, indem sie sich auf neue Forschungsrichtungen mit konsequenteren und fruchtbareren erkenntnistheoretischen Ansätzen stützen.
Ausbildungen und Forschungen in diesem Zusammenhang sollten sowohl Ähnlichkeiten als auch Unterschiede berücksichtigen, die sich aus interkulturellen Vergleichen ergeben. Sie müßten bei interkulturellen Vergleichen beides, die Berücksichtigung des Ähnlichen und des Unterschiedlichen in ausgewogener Weise miteinander verbinden. Das könnte durch eine durchgängige Verknüpfung von drei grundlegenden Denkprozessen möglich werden: generalisieren (das Allgemeine hervorheben), partikularisieren (das Besondere suchen), singularisieren (das Einmalige herausarbeiten). Eine Verknüpfung dieser Prozesse ist notwendig, um Kulturen in ihrer Entstehungsgeschichte jeweils als ein evolutives, niemals widerspruchsfreies System verstehen zu können. Dazu muß vor allem die Spannung zwischen der ganzen Spannweite menschlicher - angemessener oder auch unangemessener - Möglichkeiten einerseits und den konkreten kulturellen Orientierungen andererseits berücksichtigt werden. Letztere stellen in diesem Zusammenhang ja bereits bestimmte, wenn auch mehr oder weniger befriedigende Antworten dar. Daraus ergeben sich je spezifische Formen der Dynamik zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen verschiedenen menschlichen Handlungsfeldern, zwischen verschiedenen Ebenen gesellschaftlicher Organisation und den vielfältigen Strategien, die darin eine Rolle spielen.
1.) Das Dilemma Nationalkultur versus europäische Kultur überwinden
Wie immer, wenn Situationen komplex sind, fallen die bequemen Lösungen zuerst ins Auge.
So sind auch die Bestrebungen zu verstehen, denen der Wunsch zugrundeliegt, daß die Herausbildung einer europäischen Kultur die vielfältigen Probleme auslöschen möge, die aus den regionalen und nationalen Unterschieden heraus entstehen. Diese Tendenzen haben Bedenken und sogar massive Zurückweisung hervorgerufen. Die europäische Einigung wurde dann bald als utopische Idealisierung, bald als technokratische Uniformisierung gesehen.
Die zugrundeliegenden Bestrebungen laufen dabei jedesmal darauf hinaus, daß die regionalen und nationalen Zugehörigkeiten als unwichtig abgetan werden. Diese haben sich jedoch als grundlegende identitäre Bezüge erwiesen, die sich nicht ohne weiteres in irgendwelche sekundäre Harmonisierungen überführen lassen.
Die dritte Lösung hat sich dann, auf ziemlich mechanistische Art und Weise, als additive Kollage der beiden vorher genannten (einseitig nationalen bzw. supranationalen) Positionen aufgedrängt: Neben den neu belebten kulturellen Bezügen regionaler und nationaler Art, wird systematisch am Bezug zu einer angeblich existierenden und lebendigen europäischen Kultur festgehalten.
Die Forschungs- und Diskussionsgruppe erachtet es als notwendig, gegen solche Vereinfachungen und Verallgemeinerungen Positition zu beziehen. Der Gegensatz zwischen Nationalkulturen und europäischer Kultur muß anders überwunden werden, als durch eine mechanistische Aneinanderreihung.
Zum Glück ist ein vierter, fruchtbarerer Weg gangbar, auch wenn er sich bisher kaum durchgesetzt hat. Auf ihm wird versucht, mittels vieler verschiedener Kanäle und in vielfältigen Situationen, vertiefte und länger andauernde Kontakte sowie einen gegenseitigen Austausch zu entwickeln. Auf diese Weise sollen die Möglichkeiten kultureller Evolution und Innovation gefördert werden. Diese sind dann weder als bloßes Abziehbild eines neuen europäischen kulturellen Modells zu verstehen, noch entstehen sie aus bloßer Nachahmung der Nationalkulturen.
Aus dieser Sichtweise heraus hat sich die Arbeitsgruppe mit der Frage beschäftigt, ob ein europäisches Diplom eingeführt werden kann, das den Anforderungen internationaler Jugendaustauschprogramme gerecht wird. Grundsätzlich könnte die Einführung eines entsprechenden europäischen Diploms durchaus Realisierungschancen haben, weil die Organisatoren von Austauschprogrammen nicht in gleicher Weise wie andere Ausbildungsinstitutionen (z. B. Universitäten) spezifischen Traditionen Rechnung tragen müsssen, die ihnen eigenständige Bedeutung und relative Autonomie verleihen. Andrerseits hängen sie jedoch finanziell von Programmen ab, die von Instanzen der öffentlichen Hand oder der Europäischen Union beschlossen werden. Sie sind aus diesem Grund von Institutionen abhängig, die auf eine europäische Integration hinarbeiten. Bekanntermaßen gehen solche Integrationsbestrebungen jedoch meistens - man spricht von Demokratiedefizit - zu einseitig von der Spitze der Pyramide der Entscheidungsbefugten aus. Die europäischen Finanzmittel könnten auf diese Weise dazu führen, daß Regelungen für ein gemeinsames Diplom durchgesetzt werden, die sich über wertvolle Beiträge nationaler und regionaler, institutioneller und berufsspezifischer Herkunft hinwegsetzen.
Der Nutzen einer Vereinheitlichung ist in der Tat in Frage zu stellen. Es lassen sich mindestens drei Gründe für Vorbehalte gegenüber solchem Regulierungswillen von oben anführen, zumal zu befürchten ist, daß dadurch im Rahmen der Ausbildung von Leitern internationaler Begegnungsprogramme die Entwicklung pluralistischer Modelle von unten her behindert wird:
a) Die praktischen Erfahrungen, die seit über zwanzig Jahren in entsprechenden Programmen gesammelt wurden, zeigen, daß die Arbeit in diesem Bereich effektiver verläuft, wenn die Identität und das berufliche Profil der Leiter der Begegnungstreffen von ihrer nationalen Herkunftskultur geprägt sind, als wenn sie von einer als vorgegeben angesehenen Konzeption der europäischen Integration ausgehen. Die besten Animateure sind in diesem Bereich nicht schlichte Weichensteller der Kommunikation, sondern es sind Menschen, die in der Begegnung mit anderen Kulturen selbst neugierig darauf aus sind, die Besonderheiten und auch die Grenzen ihrer eigenen Kultur zu erfahren.
b) Eine Zentralisierung der Ausbildungen, z. B. auf einem supranationalen Niveau, könnte sicherlich dazu beitragen, die Vielfalt der Organisationen und der Formen von Begegnungsprogrammen anzugleichen und zu kanalisieren. Auf diese Weise würde man jedoch Gefahr laufen, die Anzahl qualifizierter kultureller Mittler einzuschränken. Wahrscheinlich würden diejenigen Personen - bzw. Verhaltensweisen -, die aus dem Rahmen fallen oder nicht zu einer zentralisierten Konzeption passen, sehr bald ausgegrenzt. Die übrigen dagegen würden sich wahrscheinlich noch stärker als vorher an die offiziellen Direktiven anpassen. Das gleiche würde für die Inhalte der Programme gelten. Neue Hindernisse wären zu überwinden, um sich als eines Zuschusses würdig zu erweisen. Die Folge wäre eine Formalisierung der Inhalte und eine wachsende Kluft zwischen den angestrebten Zielen und dem wirklichen Leben der Bevölkerungen.
c) Zugunsten einer zentralisierten Regulierung der Ausbildung von Begegnungsleitern durch ein System europäischer Diplome könnte man einwerfen, daß diese möglicherweise einen bedeutenden Schritt in Richtung Professionalisierung der Betreuung von internationalen Begegnungen darstellen. Dieser Schritt könnte jedoch auch zur Bildung einer Klasse von Spezialisten führen. Die verschiedenen Institutionen des Erziehungs- und Ausbildungswesens könnten dann dazu neigen, den internationalen Austausch den dafür als kompetent anerkannten Spezialisten zu überlassen.
Von da an wäre es dann nur noch ein Schritt, daß solche Institutionen (Schulen, Universitäten, Einrichtungen der Erwachsenenbildung und der Berufsausbildung, Volkshochschulen ...) von weiteren Bemühungen Abstand nehmen, in ihren eigenen Tätigkeitsbereichen die europäische und interkulturelle Dimension zu integrieren. Sie würden darauf verzichten, die nötigen Qualifikationen und Formen des Austauschs zu schaffen, um eine solche Integration zu ermöglichen. Sie könnten sich damit begnügen, lockere, unverbindliche Kontakte zu dem auf die internationale Begegnung spezialisierten Bereich zu unterhalten.
2.) Über die schlichte Vergleichbarkeit europäischer Diplome hinaus: Plädoyer für eine theoretische und praktische Ausbildung in Fragen europäischer, regionaler und nationaler Unterschiede und Gemeinsamkeiten
Die Forschungs- und Diskussionsgruppe ist zu der Überzeugung gekommen, daß für die Gesamtheit der Erziehungs- und Ausbildungsbereiche eine zentralisierte Regulierung der Ausbildungen und ihrer jeweiligen Bestätigungen nicht geeignet erscheint, um den europäischen Integrationsprozeß in der oben präzisierten Richtung voranzutreiben.
Dieses Ziel läßt sich nur erreichen, indem auf allen Ebenen vielfältige Kontakte, Austauschmaßnahmen und intersektorielle Verständigungen eingeleitet und unterstützt werden. Große Anstrengungen sind nach wie vor nötig, um die Qualifikation der betroffenen, mit interkultureller Arbeit befaßten Personen zu verbessern. Diese Bemühungen müssen jedoch in einer Art umgesetzt werden, die die spezifische Dynamik der jeweiligen regionalen und nationalen kulturellen Grundlagen im Hinblick auf ihren Beitrag zu den neuen europäischen Entwicklungen berücksichtigt.
Die Ausbildungen müssen als interaktive Prozesse konzipiert werden und nicht als einseitige Maßnahmen der Wissensvermittlung, sei es von nationalen Besonderheiten oder sei es auch von Aspekten einer vorgeblichen europäischen Allgemeinkultur.
In diesem Sinne ist es unabdingbar, das Problem der Vergleichbarkeit in einer dynamischen und nicht in einer statischen und mechanistischen Weise zu stellen und zu lösen. Wie wir noch sehen werden, wird nur eine theoretische und praktische Ausbildung in Fragen europäischer, regionaler und nationaler Unterschiede bzw. Gemeinsamkeiten es ermöglichen, dieses Ziel zu erreichen.
Wenn man die europäische Situation als historische und kulturelle Realität ansieht, so läßt sich sagen, daß Europa, so wie die ganze Welt, aus einer Vielzahl von Völkern besteht, die in einem gegebenem Raum zusammenleben und miteinander kommunizieren, auch wenn dies je nach Ort und Zeit einfacher oder schwieriger vonstatten geht. Trotz aller historischen Konflikte, die aus dieser Vielfältigkeit hervorgegangen sind, zeigt die europäische Geschichte auch, daß zu bestimmten Zeiten und in bestimmten Bereichen zwischen einzelnen Nationen, unbeschadet ihrer kulturellen Unterschiede, auch produktiver Austausch und gegenseitige Wertschätzung existiert haben.
Die europäischen Diplome sollten einen Beitrag zur Wertschätzung dieser europäischen, regionalen und nationalen Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu leisten imstande sein und dabei gleichzeitig den neuen Horizont eines zutiefst interdependenten Zusammenlebens berücksichtigen.
In engem Zusammenhang damit steht eine weitere Problematik. Es geht darum, Klarheit darüber zu gewinnen, ob das wesentliche Ziel einer Europäisierung der Diplome darin besteht, generell größere Chancengleichheit zu schaffen, oder ob lediglich jeweils bestimmten Fachleuten die Möglichkeit gegeben werden soll, sich in dem europäischen Land ihrer Wahl niederzulassen. Die ganze Problematik erscheint nämlich in einem andern Licht, wenn man eine Annäherung der Menschen in großem Stil vor Augen hat und dabei in differenzierter, neue Entwicklungen berücksichtigender Weise den kulturellen Unterschieden der einzelnen Gruppen und Gesellschaften Rechnung tragen will. In diesem Fall bleibt das Schlüsselproblem der kultivierte Umgang mit der Dynamik der regionalen, nationalen und europäischen Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Das schließt ein, daß dabei auch divergierende Interessen und Konzeptionen eine Rolle spielen, die sich unter strategischen Gesichtspunkten ergeben.
3.) Interaktive interkulturelle Ausbildungen im Spannungsfeld von individuellen und sozialen, existentiellen und institutionellen, objektiven und subjektiven, wissenschaftlichen und politischen Positionen
In vertieften interkulturellen Ausbildungen kann man nicht umhin, die schwierige Frage anzugehen, welchen Einfluß gelerntes Wissen über Kulturen auf die tatsächlichen Verhaltensweisen in interkulturellen Situationen haben kann.
In der gegenwärtigen Globalisierungsphase entwickelt sich das Wissen über Kulturen ständig weiter. Eine quantitative Verbesserung allein genügt jedoch nicht. Nicht nur der Inhalt, sondern gerade auch die Form dieses Wissens ist von nun an von möglichen Veränderungen betroffen und das mindestens in dreierlei Hinsicht:
Zunächst läßt sich festellen, daß das Wissen über Kulturen nicht mehr - so wie es früher zumeist der Fall war - ausschließlich durch Spezialisten vermittelt wird, die darüber Monographien verfassen. Die Kulturen sind heute ständig aufeinander bezogen, so daß nun viele Menschen ein bestimmtes Wissen über andere Kulturen haben.
Weiterhin werden die Kulturen inzwischen nicht mehr als bloßes Ergebnis historischer Entwicklungen, sondern genauso auch als aktuelle Prozesse wahrgenommen.
Daraus ergibt sich die Einsicht, daß Kulturen oft mit schwierigen Situationen konfrontiert sind, die in einer mehr oder weniger angemessenen, unangemessenen oder sogar tragischen Art und Weise gelöst werden können. In diesem Sinne sind Kulturen Systeme von Strategien in bezug auf verschiedene gesellschaftliche Bereiche (Religion, Politik, Wirtschaft) und in bezug auf die verschiedenen sozialen Dimensionen.
Eine Kultur ist in ihren Akkulturationen, Dekulturationen und Rekulturationen einem ständigen Prozeß des Wandels unterworfen. Dieser Prozeß spielt sich auf allen Ebenen ab, auf denen er durch Individuen, Gruppen, Institutionen hervorgebracht wird, von der intrapersonelllen bis hin zur internationalen Ebene mit den Zwischenstufen der intergruppalen, interinstitutionellen, interregionalen Beziehungen.
Mit Hilfe dieser Sichtweise wird verständlich, daß vertiefte interkulturelle Ausbildungen die folgenden zwei Arten von Fähigkeiten miteinander verbinden müssen und nicht gegeneinanderstellen dürfen:
Einerseits Fähigkeiten, die die nötige Distanzierung ermöglichen, um in Beobachtung und Analyse ein gewisses Maß an Bedeutung und Objektivität herzustellen.
Andererseits Fähigkeiten, die erlauben, persönliche Betroffenheit mit ihren Verstrickungen in ausreichendem Maße zuzulassen, um die tiefe subjektive Dimension kultureller und interkultureller Probleme in Betracht ziehen zu können.
Eine dieser beiden Perspektiven zu vernachlässigen würde auf eine beträchtliche Verstümmelung der Ausbildungen hinauslaufen. Gerade auf ihre Verbindung kommt es an. Distanzierung und persönliches Engagement sind auf allen genannten individuellen und sozialen Ebenen miteinander zu verbinden. Vertiefte interkulturelle Ausbildungen müssen deshalb einerseits eine Distanzierung entwickeln, die sich auf eine wissenschaftliche Herangehensweise stützt, andrerseits auch eine Bereitschaft zum Sich-Einlassen, das von persönlich-existentieller bis zu geopolitischer Betroffenheit reicht.
Es bietet sich in dieser Hinsicht an, von einer Reihe von experimentellen Begegnungsprogrammen auszugehen, die seit mehr als zwanzig Jahren unter Mitwirkung des DFJW entwickelt worden sind.
Wenn man die Aufgaben dieser Institution anspricht, denkt man fast ausschließlich an deutsch-französische Jugendbegegnungen, in denen es um Sprachenlernen, Schüler- oder beruflichen Austausch, Spiele, Sport, Kennenlernen des andern Landes und Entwicklung freundschaftlicher Beziehungen geht.
In Wirklichkeit betrifft die Erfüllung des Auftrags des DFJW ganz verschiedene Ebenen: die Ebene der Gruppen von Jugendlichen, die der Leitungsteams, die der Partnerinstitutionen und auch die der regionalen und nationalen Bezüge.
In diesem Sinne stellen die Aufgaben dieser Institution eine Art besonderes "Versuchslabor" für bestimmte Prozesse dar, die gegenwärtig europaweit anzutreffen sind.
Begegnungen zwischen Menschen unterschiedlicher nationaler und kultureller Herkunft sind in Europa heutzutage tatsächlich alltäglich, sei es für politische, diplomatische, industrielle, kommerzielle Verhandlungen oder zu wissenschaftlichen, philosophischen, religiösen, künstlerischen Fragen.
In diesen Treffen werden jedoch fast ausnahmslos dringliche und genau definierte Ziele verfolgt, so daß nur wenig Zeit für Begegnungen bleibt, bei denen die Beteiligten regional- und nationalkulturelle Besonderheiten vertiefen können. Erst wenn sich irgendwelche Schwierigkeiten ergeben, wird man etwas aufmerksamer. Sie werden jedoch in der Regel auf rein persönliche Merkmale zurückgeführt. Unter diesen Bedingungen eröffnen sich kaum Chancen, zu einer Arbeit mit kulturellen Unterschieden im Sinne von Ressourcen zu gelangen.
In einigen vom DFJW unterstützen Begegnungen erlaubten es die Rahmenbedingungen, die existentielle Seite der interkulturellen Erfahrung einzubeziehen. Dabei ging es insbesondere darum, an Erfahrungen "kultureller Schocks" oder "kulturellen Nicht-Verstehens" zu arbeiten, und so durch gemeinsame Reflexion und gemeinsames Handeln wechselseitige interpersonelle Beziehungen zu entwickeln.
Dies ergibt ein experimentelles Feld, in dem auch beschreibbare Erfahrungen gesammelt wurden. Sie verweisen auf künftige Probleme, die sich schon jetzt in dem weiten Feld der Begegnungen aller Art andeuten. Bisher schiebt man jedoch erfahrungsgemäß solche Probleme, vor allem aus Mangel an Möglichkeiten, sie zu behandeln, eher beiseite.
So richtig und wichtig dies alles ist: Interpersonelle Erfahrungen allein werden sicher weder für die Gesamtheit interkultureller Probleme stehen können, noch decken sie die Gesamtheit der Praxisfelder ab, in denen solche Probleme zum Tragen kommen.
Die interpersonelle Ebene muß in jedem Fall auch auf die umfassenderen institutionellen und nationalen Ebenen bezogen werden.
Die geopolitischen Ereignisse, wie z.B. der Niedergang der Ex-UdSSR, der Golfkrieg, die Einwanderungsströme, der Zusammenbruch von Ex-Jugoslawien sind Themen, die nicht ausgespart werden dürfen und die auf eine andere Art und Weise behandelt werden müssen.
Für Deutsche und Franzosen haben beispielsweise verschiedene Einwanderungsströme unterschiedlichen Stellenwert.
Die militärischen Beiträge von deutscher und französischer Seite zu verschiedenen internatio-nalen Einsätzen sind ebenfalls nicht dieselben.
Man sollte in diesem Zusammenhang nicht vergessen, daß das Deutsch-Französische Jugendwerk eine Einrichtung ist, die ihr Entstehen möglicherweise dem Scheitern des Versuches verdankt, fast 20 Jahre nach Ende des zweiten Weltkrieges, die EVG (Europäische Verteidigungs-Gemeinschaft) aufzubauen.
Die verschiedenen Aufgaben dieser Einrichtung mögen in ihrer praktischen Umsetzung auf der interpersonellen und Intergruppenebene anzusiedeln sein. Wenn man jedoch die Gründungsziele betrachtet, so bleibt der Auftrag sehr wohl ein solcher der Wiedergutmachung des in der Vergangenheit Geschehenen, sowie der Gestaltung einer anderen Zukunft im Rahmen einer neuen - sowohl europäischen als auch globalen - geopolitischen Ordnung.
In diesem Sinne bleiben die Aufgaben exemplarisch für die Umsetzung von vertieften interkulturellen Ausbildungen. Solche Ausbildungen müssen die existentielle Seite der Begegnung, die bereits angesprochen ist, wenn sich nur wenige Menschen treffen, mit ihren politischen Aspekten verbinden, die Millionen von Menschen gemeinsam angehen. Wie können Wege vom einen zum andern aussehen? Welche Mittel sind bereits verfügbar und welche müssen noch geschaffen werden, damit diese Fragen in künftigen interkulturellen Ausbildungen nicht unter den Tisch fallen?
Um nun all diese Aspekte zusammenzufassen und zu konkretisieren, kann man mehrere Ziele auflisten, die implizit oder explizit in den Ausbildungsmaßnahmen gegenwärtig sein sollten.
1.) Eine pragmatische Ausrichtung der Anpassung an fremde Rahmenbedingungen aufgrund neuer Kompe-tenzen und Kenntnisse, die im Zuge von Begegnungserfahrungen oder Auslandsaufenthalten erworben und erarbeitet worden sind. Diese Ausrichtung entspricht dem Bedarf und der gesellschaftlichen Nachfrage, die durch die Häufung der Austausche und zunehmenden Tourismus, durch internationalen Handel, Einwanderung usw. entstanden ist.
2.) Eine ethische Ausrichtung, die auf Toleranz und Verständnis von Unterschiedlichkeit abzielt und die verschiedenen Formen von Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus bekämpft.
3.) Eine ästhetische Ausrichtung der Bereicherung unserer künstlerischen Bezüge, des Zugangs zu andersartigen Kunstwerken in Literatur, Musik, bildender Kunst, Tanz, Kulinarischem usw.
4.) Eine psychosoziologische Ausrichtung, die sich auf persönliche Erfahrung und Reflexion zur Frage der kulturellen Identität sowie ihre emotionale Bedeutung für jeden einzelnen bezieht. Die Auseinandersetzung mit anderen Identitäten kann in der Tat erlauben, sowohl sich selbst als auch den andern besser zu verstehen.
5.) Eine anthropologische Ausrichtung des Wissens über Kulturen als komplexe Systeme von Gewohnheiten, Meinungen, Werten und Schöpfungen, die von Menschen geteilt werden, die dadurch ziemlich tiefgehend miteinander verbunden und identifiziert sind.
6.) Eine sozial- und wirtschaftskritische Ausrichtung, die sich mit den Phänomenen der Entfremdung und Entwurzelung von Menschen beschäftigt, wie auch mit den Phänomenen, die durch verstärkte Mobilität, Technisierung und Bürokratisierung unserer Gesellschaften bedingt sind.
7.) Eine politische Ausrichtung der Annäherung zwischen den Völkern, der Förderung der Bereitschaft und Fähigkeit zur Zusammenarbeit, der Behandlung von Konflikten derart, daß Gewaltausbrüche und Kriege vermieden werden und es möglich wird, eine gerechtere, solidari-schere und demokratischere europäische und Weltordnung herzustellen.
8.) Eine prospektive Ausrichtung, die eine Welt auf den Weg bringen möchte, in der die gegensätzlichen Realitäten nicht mehr systematisch als Vorwand für sich bekämpfende Lager dienen, sondern die Grundlage für Erklärungen, für Verständnis und für die Suche nach Lösungen bilden. Die gegensätzlichen Realitäten können dann in ihrer positiven oder negativen Erscheinungsform Anlaß für eine Problematisierung werden. Diese dient weniger dazu, die rivalisierenden Strategien aufzuheben, als dazu, den Beteiligten die Komplexität ihrer Situation bewußt zu machen, die meist auf Anhieb nur schwer zu erkennen ist.
Diese Ziele (es ließen sich sicherlich noch weitere ausmachen) können miteinander verbunden werden, doch für ein analytisches Vorgehen ist es wichtig, sie zu unterscheiden.
In den Ausbildungsmaßnahmen bleiben diese Ziele häufig implizit und miteinander vermengt. Es ist wichtig, sie einmal deutlich zu machen, damit zwei wesentliche interkulturelle Funktionsweisen aufgedeckt werden können: die der Strategien und die der Disziplinen.
So herrschen in den sozialen und politischen Bereichen in der Regel kurzfristige Effektivitäts-vorstellungen; diese sind häufig nicht mit ethischen Erfordernissen vereinbar, die einerseits unmittelbar situationsbezogen sind und doch auch zeitlose Gültigkeit beanspruchen. Ebensowenig mit einer sehr langfristig angelegten, "prophetischen Sichtweise". Auch verträgt sich eine Beschäftigung mit Wissen und Wissenschaftlichkeit nicht ohne weiteres mit einer stärkeren Handlungsorientierung, gleichgültig ob diese nun eher ethischer oder politischer Prägung ist.
Während also die unterschiedlichen Handlungsoptionen eine strategische Interkulturalität verlangen, gibt es auch eine Interkulturalität der Disziplinen, die stärker auf der Ebene distanzierender Reflexion zum Ausdruck kommt.
Viele Auseinandersetzungen um das Interkulturelle sind ausgesprochen normativ. Sie sagen viel mehr über das aus, "was man machen müßte", als daß sie beschreiben würden, "was ist". Es gibt in diesem Sinne wirklich eine Spannung zwischen interkultureller Tatsächlichkeit und den Idealen einer wünschenswerten Interkulturalität. Die Tatsachen sind extrem vielgestaltig. Sie reichen von verschiedensten Formen der Zusammenarbeit bis hin zum Völkermord. Die Ideale dagegen erweisen sich leicht als grob vereinfachend, indem sie großartige, allgemeine Werte verkünden, ohne im Detail zu zeigen, wie man sie verwirklichen kann. Diese Spannung muß wahrgenommen und aufgenommen werden. Erst dann kann sie dazu beitragen, daß - interkulturelle Ideale als Leitbilder vor Augen - konkrete Maßnahmen getroffen werden, die die interkulturelle Zusammenarbeit und Innovation dynamisieren.
4.) Die drei Prozesse : generalisieren, partikularisieren, singularisieren miteinander verbinden
Die kulturellen Verschiedenheiten sind so mannigfach und tiefgreifend, daß Interkulturalität als eine nie endende, letztlich unmögliche Aufgabe erscheint. Die Aussicht auf Verwirklichung derselben wirkt wie ein Köder und eine Täuschung; oder aber wie der Ausfluß eines Modetrends, der unter dem Deckmantel eines vorgeschobenen Interesses an Kulturen leicht die tatsächliche Einschränkung kultureller Vielfalt durch dominante wirschaftliche, kulturelle oder politische Kräfte verdeckt.
Andrerseits: Können wir alle Bemühungen, Interkulturalität zu denken und zu leben einfach aufgeben in einer Welt, in der plurikulturelle Situationen, ob wir dies wollen oder nicht, immer häufiger vorkommen und durchaus als Problem und Herausforderung erlebt werden?!
Damit diesen schwierigen Fragen im Hinblick auf vertiefte interkulturelle Ausbildungen nicht länger ausgewichen werden kann, müssen prioritär bestimmte Voraussetzungen geschaffen werden. Sie lassen sich dahingehend zusammenfassen, daß drei grundlegende Prozesse menschlichen Denkens und Handelns miteinander zu verknüpfen sind: generalisieren, partikularisieren, singularisieren.
a) generalisieren (verallgemeinern):
Verallgemeinern bedeutet: Im Hinblick auf Bereiche, die ansonsten unterschiedlich sind, gemeinsame Merkmale derart festlegen, daß dadurch ähnliche Anpassungsleistungen möglich werden.
Die Generalisierung ist im adaptiven Prozeß des Lebens und des menschlichen Denkens ein unvermeidbarer Vorgang. Sie kann jedoch genauso gut zu angemessenen wie zu problematischen Ergebnissen führen, denn sie verfügt nicht aus sich selbst heraus über ein eigenständiges Wahrheitskriterium. Dieses ist vielmehr in den adaptiven Erfolgen oder Mißerfolgen zu finden, die sie hervorruft. Da diese Anpassungsprozesse kontinuierlich stattfinden, müssen Verallgemeinerungen ebenfalls immer wieder aufgenommen und beständig verbessert werden. Die Entwicklung der Religionen, der Philosophien und der Wissenschaften zeigen dies sehr gut.
Im Bereich der vertieften interkulturellen Ausbildungen ist es folglich wichtig zu lernen, wann und wie man mehr oder weniger verallgemeinern oder nicht verallgemeinern sollte. Das Primat der Verallgemeinerung fördert einmütige Gefühle. "Wir alle sind Brüder" (in schlechten wie in guten Zeiten), "Wir sind alle gleich" (wir werden es zumindest werden). Auf der Grundlage dieser hehren Gefühle werden schließlich Bedingungen geschaf-fen, die nötigenfalls die Harmonisierung erzwingen.
Es zeigt sich also, daß man Verallgemeinerungen sehr leicht mißbrauchen kann. Doch trotzdem wird man Norbert Elias nicht vorwerfen, daß er ein Buch mit dem Titel "Studien über die Deutschen" herausgegeben hat. Das hindert niemanden, sich darüber im klaren zu sein, daß auf einem geringeren Abstraktionsniveau von "den Bayern" gesprochen werden könnte.
Es ist also notwendig, je nach Bereich und Situation ganz verschiedene Ebenen der Verallgemeinerung zu finden. Man kann sowohl von "Windhunden" sprechen, als auch von "Hunden", und schließlich von "Säugetieren". Wenn von Ebenen der Verallgemeinerung die Rede ist, dann bedeutet dies somit zugleich, daß es auch Ebenen der Besonderheiten gibt.
b) Partikularisieren:
Partikularisieren bedeutet, diejenigen Differenzierungen vornehmen, die für die am besten geeignetsten und am weitesten verfeinerten Anpassungsleistungen erforderlich sind.
Das Partikularisieren ist im adaptiven Prozeß des Lebens und des menschlichen Denkens ebenfalls ein unvermeidbarer Vorgang. Er wird immer dann erforderlich, wenn wir den Anpassungsprozeß verfeinern müssen. Das Primat des Partikularisierens stürzt uns in eine Welt, in der sich die Unterschiede endlos verzweigen und uns in einer extremen Zersplitterung zurücklassen: angeborene oder erworbene nationale, regionale, gruppen-, geschlechts- und persönlichkeitsspezifische Unterschiede häufen und überlappen sich, bis zuletzt nichts mehr irgend etwas anderem ähnlich sein kann. Es mangelt dann an der minimalen Ähnlichkeitsgrundlage, um sich auszutauschen. Kommunikation und Verständnis werden unmöglich.
Die Schwierigkeiten im Zusammenhang mit der Partikularisierung (dem Herausarbeiten von Besonderheiten) hängen damit zusammen, daß sie grenzenlos voranschreiten kann. Es läßt sich immer noch eine zusätzliche Besonderheit finden. Selbst zwei Blätter des gleichen Baumes können noch als sehr unterschiedlich angesehen werden, genauso wie bestimmte Teile ihrer Zackenlinie. Im Bereich der kulturellen Unterschiede lassen sich unter diesem Blickwinkel endlos Einwände gegen schlichtweg jede Verallgemeinerung erheben.
Als Denkvorgang ist dieser Prozeß völlig legitim. Jedoch auch nicht legitimer, als der umgekehrte Prozeß. Wir sind auf beide angewiesen.
Wozu sind dann aber diese entgegengesetzt gerichteten Vorgänge gut? Nun, wir können uns auf sie stützen, um zur bestmöglichen Passung bzw. Verbindung zwischen unseren Vorhaben und den vorliegenden Situationen zu gelangen. Wir müssen also unterschiedliche Gewichtungsverhältnisse zwischen Besonderheiten und Verallgemeinerung herstellen, um die beste Anpassungsleistung zu erzielen. Wenn nun aber die Situationen und Vorhaben der einen sich sehr von den Situationen und Vorhaben der anderen unterscheiden, werden die einen und die anderen ihr Denken und Handeln nicht auf der gleichen Ebene von Generalisierung und Partikularisierung ansetzen.
Das ist die Grundlage, auf der sich Mißverständnisse, polemische Auseinandersetzungen und Konflikte entfalten können.
Jeder kann z. B. ganz legitim übermäßige Verallgemeinerungen verurteilen, durch die bestimmte Wesen oder Objekte einander angenähert werden, die aus seiner Sicht zu verschieden, bzw. zu weit voneinander entfernt sind. Jeder kann aber umgekehrt ganz genauso gut denjenigen verurteilen, der aus seiner Sicht die Besonderheiten übertreibt: "er sieht keinen Deut über seine Nasenspitze hinaus", "er betreibt Haarspalterei", "er findet immer ein Haar in der Suppe."
c) Generalisieren und partikularisieren, um den Einzelfall besser zu erfassen (singularisieren):
Es liegt also auf der Hand, daß wir da, wo wir es mit verschiedenen Kulturen zu tun haben, unbedingt verschiedene Ebenen unterscheiden müssen, damit aber auch eine unterschiedliche Dosierung des Grades an Generalisierung und Herausarbeitung von Besonderheiten angezeigt ist.
Eine dieser Dosierungen ist besonders wichtig. Sie besteht darin, zu bestimmen, welche bedeutenden historischen Kulturgefüge die Menschheit in ihrer konkreten Entwicklung hervorgebracht hat.
Unterschiedliche geographische Bedingungen haben die Verbreitung der Menschen auf der Erdoberfläche begleitet, die einen relativ beständiger Art (z. B. das Relief), andere stärker schwankender Art (z. B. die Warm- und Eiszeiten). Sie führten zu einer gewissen Isolierung der menschlichen Gesellschaften voneinander. Die außerordentliche Vielfalt entstand somit, weil die Kulturen auf ganz unterschiedliche Situations- und Entwicklungs-bedingungen reagieren mußten.
Doch Vielfalt entwickelt sich auf alle Fälle immer auch aus inneren Bedingungen. Die geschlechtliche Reproduktion stellt ja für sich allein bereits Unterschiedlichkeit her. Genauso auch die soziale Reproduktion, und das innerhalb ein und derselben Gesellschaft.
Das trifft ganz besonders auch auf unsere Informationsgesellschaften zu. Sie stecken in einem Zyklus wechselseitiger Beschleunigung der Produktion von homogenen Aspekten (in den geteilten Lebensstilen) und heterogenen Aspekten (bezüglich des Zugangs zu Informationen und Kennt-nissen). All das bringt innerhalb unserer Gesellschaften tiefgreifende neue Unterschiede individueller und kollektiver Art hervor, vor allem aber im Zusammenhang damit ein beträchtliches "Differential-"Gefälle zu allen übrigen Gesellschaften, die stärker "traditionell" bleiben.
Eine streng evolutionistische Sicht neigt dazu, diese Unterschiede ausschließlich auf einer Achse des Fortschritts anzuordnen. Eine stärker um Verständnis bemühte Position kann dagegen aufzeigen, daß all diese bedeutenden Kulturgefüge Werte-, Wissens- und Handlungssysteme hervorgebracht haben, die einander nicht einfach abgelöst haben, sondern die in komplexen Assoziations- oder Oppositionsverhältnissen, sowie in Akkomodations- und Assimilationsbeziehungen zueinander stehen. Genau das macht unsere heutigen Gesellschaften so komplex.
Eine Reihe von Autoren stimmen in der Unterscheidung von - sehr allgemein betrachtet - wenigstens drei bedeutenden historischen Kulturgefügen überein.
Zunächst die Stammeskulturen, die den sehr kleinen Gesellschaften entsprachen, die sich ständig mit ihrer unmittelbaren Umgebung auseinandersetzen mußten, auch wenn sich diese aufgrund ihres Nomadentums ändern konnte. Sie nahmen dabei die Gesamtheit ihrer grundlegenden Bezüge mit sich, die aus einem heiligen Korpus aus Mythen und Riten, Regeln und Tabus bestand.
Dann Kulturen, die größeren Gesellschaften entsprachen, wie sie sich durch Vereinigung von mehreren Stämmen und kleineren Gesellschaften und ihren Territorien unter einer einzigen Macht gebildet haben. Je nach Umständen haben sich so verschiedene Arten von Kaiser- oder Königreichen zusammengefügt. Aufgrund ihrer für damalige Verhältnisse beträchtlichen Ausdehnung konnten sie ihre Einheit allein in der einzigartigen Person des Herrschers finden: großer Priester, König, Kaiser.
Da die ausgedehnten Vereinigungen wenig stabil und dauerhaft waren, versuchten sie sich auch durch umfassende religiöse Vereinigungen mental und geistig zu konstituieren. So wurden die polytheistischen Hierarchien in monotheistische Einheiten überführt.
Zuletzt haben sich nationale Handelskulturen, verschiedenartig auch sie, herausgebildet. So jedenfalls stellen es verschiedene Historiker und Soziologen dar (z. B. F. Braudel, I. Wallerstein). Sie läuteten das Zeitalter des Kapitalismus und das Vorherrschen der Wirtschaft ein. Sie schufen Wirtschaftsverbindungen, die stärker analytisch als synthetisch, mehr abstrakt als konkret und eher allgemein als spezifisch ausgeprägt waren.
Anhand ihrer verschiedenen Äußerungsformen haben diese Kulturen eine noch höhere Fähigkeit zur Expansion und Unterwerfung (durch Verführung oder anders) erreicht, ohne dadurch historisch frühere Merkmale auslöschen zu können, die sie nun auf neue Art nutzen. Die nationalen Handelskulturen wandeln die Energien und Strukturen der stammesbezogenen Kleinststaaten um in Energien und Strukturen von handeltreibenden urbanen Gemeinwesen, in kaufmännische Freistädte. Sie wandeln ebenfalls die "royalistischen" und "imperialistischen" Kulturen, die sich territorialen Eroberungen widmeten, um in Nationen, die sich auf wirtschaftliche Rivalität einlassen. Sie erzeugen unsere heutigen industriellen, technologisch-wissenschaftlichen Kulturen und schließlich die Informationsgesellschaft.
Die vorausgegangenen Kulturgefüge, d.h. Stammeskulturen und royalistisch-imperialistische Kulturen, haben tatsächlich diesem neuen, handelsorientierten Kulturgefüge Widerstand entgegengesetzt. Spuren davon überdauern teilweise noch immer. Sie haben zur vielgestaltigen, mühseligen, konfliktbeladenen Genese jener gemischten und oft sehr unterschiedlichen Komplexe beigetragen, die man schließlich "Nationen" genannt hat.
Die Unterscheidung zwischen drei bedeutenden historischen Kulturgefügen bietet die Möglichkeit, ein Forschungsfeld abzustecken, in dem die Komplexität heutiger Nationalkulturen in ihrer Tiefendimension beleuchtet werden kann.
d) Singularisieren:
Singularisieren bedeutet: jede Nationalkultur als komplexes, sich entwickelndes System entdecken.
Die Singularisierung ist ein komplexerer Vorgang als die Generalisierung und die Partikularisierung, da sie jene miteinander verbindet. Leider wird sie häufig mit dem Herausarbeiten von Besonderheiten verwechselt. Der Unterschied ist jedoch beträchtlich. Als besonderer Fall ist man abgetrennt. Als einzelner Fall hat man zwar auch seine Eigenart, aber auf der Grundlage gemeinsamer Bezüge.
Im Zusammenhang mit Kulturen kommt diese Art von Verwechslung ebenfalls häufig vor. Dieses oder jenes kulturelle Merkmal kann eine Besonderheit sein, aber eine Kultur in ihrer Gesamtheit ist immer einzigartig. Das liegt daran, daß sie sich nur durch eine lang andauernde Verarbeitung von früher verwendeten Reaktionsweisen unter den Zwängen der neuartigen Situationen herausbilden konnte: sie konnte sich nur dadurch herausbilden, daß sie eine Vielzahl von Antworten auf gegebene Situationen in verschiedenen Bereichen (den religiösen, politischen, wirtschaftlichen, familialen, technischen usw.) miteinander verschränkt hat.
Darüber hinaus hat jede Kultur die verschiedenen Bereiche aber auch noch mit den verschiedenen Ebenen verknüpft, von der internationalen bis zur intrapersonellen Ebene mit den Zwischenstufen der interpersonalen, intergruppalen, interinstitutionellen, interregionalen und intranationalen Ebene.
Es gibt kaum etwas Einfacheres, als zu sagen, daß es "die Deutschen" gar nicht gibt, sondern höchstens "Deutsche", um dann fortzufahren: "die Bayern" gibt es nicht, es gibt nur "Bayern", "die Münchner" gibt es nicht, sondern nur "Münchner". Man kann auf diese Weise beliebig fortfahren. Wenn man nun alle Unter-schiede zusammennimmt, Alter, Geschlecht, sozio-ökonomisches Umfeld, Erziehung, Unterricht und Beruf, so gelangt man ganz selbstverständlich zu jenem einen, unverwechselbaren Individuum, das in seiner Gesamtheit keinem anderen gleicht: das einzigartige Individuum, die Person. Das ist auf der individuellen Ebene ganz und gar zutreffend, aber es gilt auch auf der kollektiven Ebene.
So gesehen sind die Kulturen in dem Maße einzigartig, wie jede von ihnen sich sowohl in bezug auf die Anordnung der verschiedenen Bereiche, dem religiösen, politischen, wirtschaftlichen etc., wie auch in bezug auf die Verbindungen, die zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen bestehen, im Laufe einer selbst einzigartigen Geschichte zu einer originellen Gesamtheit herangebildet hat. Eine Kultur ist nicht auf die andere reduzierbar, wenn sie so in ihrer einzigartigen Gesamtentwicklung betrachtet wird. Aber zwischen allen Kulturen bestehen auch Unterschiede und Gemeinsamkeiten, die auf allgemeinen oder besonderen Merkmalen beruhen.
Nehmen wir als Beispiel die deutsche und die französische Kultur, um besser zeigen zu können, was wir hier sagen wollen.
Die eine wie die andere Kultur beruhen auf grundlegenden Problematiken, die ihnen gemeinsam sind. So können sie z. B. beide nicht ohne eine gewisse Abgrenzung und eine gewisse Einheit existieren. Umgekehrt können sie jedoch auch nicht ohne eine gewisse Öffnung und Vielfalt bestehen.
Im Laufe der Geschichte haben sie sich jedoch als Kulturen herausgebildet, die Einheit und Vielheit nicht in der gleichen Art und Weise gewichten.
Deutschland hat sich auf der Basis eines Vorherrschens der Vielheit entwickelt. Seit dem römischen Reich gibt es ein "Diesseits" und "Jenseits" des Limes, und mit dem Christentum kam noch eine Spaltung in christianisierte und nicht christianisierte Gebiete hinzu.
Die kleinen Stammesgesellschaften sind in Deutschland länger lebendig geblieben und führten zu einer politischen Zerstückelung. Obwohl diese politische Vielfalt zu einem Teil durch das Heilige Römische Reich Deutscher Nation aufgewogen wurde, blieb sie doch erhalten und verstärkte sich noch durch das Aufkommen des Protestantismus (die ersten Protestanten sind Fürsten, die sich gegen den Kaiser stellen), einer Religion, die in sich auch wieder vielgestaltiger ist als der Katholizismus.
Zu viele Faktoren, die die Diversifizierung weitertreiben, könnten jedoch tödlich sein. Deswegen entwickelt die deutsche Kultur verschiedene Korrektive: die sprachliche Einheit, die Konsensorientierung, philosophische Systeme, wie z. B. das von Hegel, das in der Lage ist, die entgegengesetzten Pole eines Maximums an Vielfalt zu vereinen.
Auf der Seite der französischen Kultur dagegen, auf der exzessive Vereinheitlichung und Zentralisierung drückend wirksam geworden sind, entsteht als Korrektiv eine ausgeprägte Oppositionskultur des Volkes, die man offensichtlich in Deutschland nicht findet, da sie dort nur die Situation der starken Diversifizierung verschlimmert hätte.
Wir können dieses Thema hier nicht weiter ausführen. Wir wollten lediglich auf die Perspektiven hinweisen, zu denen uns die Auseinandersetzung mit Phänomenen kultureller Einzigartigkeit hinführen sollte: als Korrektiv allzu verallgemeinernder Aussagen oder auch übertriebener Differenzierungen.
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