FÜR DIE ENTWICKLUNG INTERKULTURELLER KOMPETENZ IN EUROPA
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SCHLUSSFOLGERUNGEN Die Potentialitäten und Schwierigkeiten internationaler und interkultureller Jugendbegegnungen, ob sie nun eine spezielle Ausrichtung aufweisen oder nicht, beginnen transparent und nachvollziehbar zu werden. Das gilt im übrigen genauso für die Begegnungen von Erwachsenen, gleichgültig ob der Austausch nun Beruf oder Freizeit betrifft. Konkret kann ein Verständnis dieser Möglichkeiten und Schwierigkeiten nur gewonnen werden, wenn theoretische und praktische, den Erfahrungen im Anwendungsfeld entspringende Kenntnisse zusammen die Basis der Erkundungen abgeben und sie immer wieder neu bereichern. Diese Bemerkungen führen zu der Empfehlung, sich verstärkt der Konzeption grundlegender und vertiefter Ausbildungen zuzuwenden. Vielfältige mündliche und schriftliche Detailinformationen - z. B. zu sprachlichen und landeskundlich-dokumentarischen Aspekten - sind zwar durchaus wünschenswert. Sie sollten jedoch nicht in einem gleichsam fetischistischen Sinn an die Stelle einer reflektierten Praxis persönlichen und institutionellen Engagements treten. Nur diese kann zu einer wirklichen Kompetenz innovatorischer, interkultureller Problematisierung führen. In der Frage der "interkulturellen Kompetenzen" ist es unter allen Umständen zu vermeiden, Bestätigungen, Zertifikate, Diplome - in welcher Form und in welchen Anwendungsbereichen auch immer - als einheitlich-übergreifendes europäisches Diplom anzulegen. Genausowenig sollten diese andrerseits für jedes einzelne Land völlig gesondert und unterschiedlich entwickelt werden, um dann nachträglich auf künstliche Weise als äquivalent zu anderen erklärt zu werden. In Konzeption und Handhabung derartiger Bestätigungen, Zertifikate oder Diplome kann man sich nicht allein auf die Autorität der nationalen Institutionen verlassen. Es ist aber genauso wenig denkbar, daß diese Aufgaben ausschließlich den internationalen Institutionen anvertraut werden, denn auch wenn es nützlich sein kann, sie zu konsultieren, so sind doch ihre Ziele häufig sehr spezifischer Art. Die internationalen Beziehungen, die sich dort abspielen, sind, wegen der notwendigen Rücksichtnahmen auf politische Empfindlichkeiten der Länder, der Völker und deren Repräsentanten, sehr stark durch Bemühungen um nationale Repräsentation gekennzeichnet. Auf dem internationalen Parkett ist man aus diesem Grund den realen, konfliktbeladenen Problematisierungen gegenüber häufig sehr vorsichtig und zurückhaltend. Sie werden eher vermieden, als daß man sich bemühen würde, sie zu verstehen und zu bearbeiten. Wir sind der Meinung, daß die Institutionen, die sich mit der Konzeption und Handhabung dieser Diplome beschäftigen würden, auf alle Fälle national und beruflich gemischt sein sollten und Lösungen für die spezifischen Schwierigkeiten dieses neuen pädagogischen Feldes finden müßten. Dabei kommt es u. a. darauf an, gleichzeitig sowohl den Druck zur Uniformisierung, als auch isolationistische Trennungstendenzen abzuwehren. Die Dynamik der Kooperation und sich schrittweise weiterentwickelnde Beziehungen sind dabei Aspekte, denen Vorrang eingeräumt werden sollte. Ein zentrales und einheitliches Diplom, das durch Verschmelzen oder Aneinanderreihen von theoretischen und praktischen Kenntnissen über zwei oder mehrere verschiedene Kulturen gebildet würde, scheint also unter gar keinen Umständen eine gute Lösung zu sein. Dies gilt unabhängig von der Frage, in welchem internationalen Handlungsfeld sich - wie z. B. gegenwärtig in Europa - die Notwendigkeit bemerkbar macht, interkulturelle Kompetenzen zu erwerben und zu entwickeln. In der Tat steht der großen Verschiedenheit der europäischen auch noch die der außereuropäischen Kulturen gegenüber, mit denen erstere - sowohl auf ihrem eigenen Territorium, als auch in ihren Außenbeziehungen - in engem Kontakt stehen. All das bildet einen Kosmos an Verschiedenheiten und Komplexitäten, der nicht eingeschränkt werden sollte. Eine vertiefte Ausbildung in diesem Bereich kann nicht durch ein noch so gelehrtes Zusammenstückeln diverser Komponenten und genausowenig auf der Grundlage bloßer Vergleichbarkeit geschaffen werden. Es müßte vielmehr eine Ausbildung sein, die in einem ersten Schritt dazu führt, daß diese Komplexität zur Kenntnis genommen wird und die Probleme aus dieser Sicht gestellt werden; und zwar, indem die Widerstände der Kulturen, aber auch ihre Veränderungen berücksichtigt werden, indem Wege des Forschens und Handelns aufgespürt werden, indem Verbindungen und Kombinationen generalisierender, partikularisierender und singularisierender Methoden entwickelt werden, so daß die notwendigen Relativierungen und Verknüpfungen besser hergestellt werden können. Es sollen deshalb in diesem Sinn zur weiteren Orientierung einige erste konkrete Schlußfolgerungen gezogen werden: 1.) Bestätigungen, Zertifikate oder Diplome zum Abschluß von Studien und Ausbildungen, die interkulturelle Fragestellungen umfassen, sollten für jedes Land und für jeden speziellen Bereich gesondert vergeben werden. 2.) Allerdings sollte jedes Mal, wenn die Anwendungsfelder sich dafür eignen, eine gewisse Kohärenz zu Bestätigungen, Zertifikaten oder Diplomen der Partner aus anderen Nationen hergestellt werden. 3.) Weiterhin sollte deutlich die experimentell-innovative Dimension der praktizierten Ausbildungen zum Ausdruck gebracht werden. 4.) Diese Dimension ist Teil des historischen, interkulturellen Entwicklungsprozesses, wie er beispielsweise gegenwärtig in Europa zu beobachten ist. Offensichtlich ist dieser Prozeß zahlreichen äußeren und inneren Zufällen unterworfen, wie sie generell menschlichen Unternehmungen anhaften. 5.) Diese Bedingungen des prinzipiellen Unfertigseins machen eine ständige Weiterbildung derjenigen erforderlich, deren Berufsleben mit der Begleitung der interkulturellen Entwicklung von Individuen und Gruppen in Form von Information und Ausbildung verbunden ist. Um in einem Bereich, der noch so neu ist, der Notwendigkeit Rechnung zu tragen, neuen Ansätzen gegenüber offen zu bleiben, müßte man Netzwerke etablieren, um ständig experimentieren und die Konzeptionen, Methoden, Praktiken überarbeiten zu können. Solche bereichsspezifischen und intersektoriellen, intra- und internationalen Netzwerke würden es erlauben, mittels adaptiver und regulativer Prozesse sowie gegenseitiger Anpassungen die Konzeption und Umsetzung entsprechender Ausbildungen und Abschlüsse voranzubringen. Folgt man diesen Überlegenungen, dann wäre es wahrscheinlich am besten, so oft wie möglich jeweils drei Nationen zusammen zu berücksichtigen. Dies würde einen gewissen Schutz vor Dominanz-, Spiegel- und Selbstgefälligkeitsverhalten wie auch Abwehrmechanismen gewähren, wie sie in ausschließlich bilateralen Beziehungen häufig auftreten. Verschiedene Beobachtungen und Studien über eher bilateral ausgerichtete und insbesondere deutsch-französische Organisationen, wie z.B. das Deutsch-Französische Jugendwerk, das Deutsch-Französische Hochschulkolleg oder die Deutsch-Französische Brigade, unterstreichen sehr deutlich die Notwendigkeit, solchen Phänomenen mehr Aufmerksamkeit zu schenken, als dies bisher geschehen ist. Immerhin setzt sich das Euro-Corps bereits aus Vertretern von vier verschiedenen Nationalitäten zusammen. Die Verantwortlichen solcher trinationalen Netzwerke könnten Gruppen bilden, die überdies interdisziplinär anzulegen wären. Regelmäßig sollten Austausche stattfinden, und es könnten Synthesen der Vorschläge aus den Arbeitsgruppen der beteiligten Länder erstellt werden. Worauf es ankommt ist, daß diese konzeptionell arbeitenden Gruppen als lernende Gruppen verstanden werden, die ihre Anpassungsleistungen in Verbindung mit ihren Forschungen und praktischen Erfahrungen erbringen. Für Lehrer und Ausbilder spezieller Bereiche oder auch im Rahmen des allgemeinen internationalen Jugendaustauschs gilt das gleiche: Auch sie sind eingeladen, sich auf diese Perspektive eines offenen Lernprozesses einzulassen. Sie haben dabei von den konkreten Praxisfeldern auszugehen, in denen sie tätig sind, deren Alltag durch diverse Ego-, Sozio-, Ethnozentrismen gekenzeichnet ist und deren Interkulturalität sozio-ökonomisch, alters- oder geschlechtsspezifisch oder auch durch die eine oder andere besondere Disziplin geprägt sein mag. All diese Interkulturalitäten müssen als untereinander und mit den nationalen Interkulturalitäten eng verbunden betrachtet werden. Ohne Berücksichtigung dieser Voraussetzungen läuft jede interkulturelle Ausbildung Gefahr, auf unzulängliche pädagagogische Rezepte und abstrakte, kaum anwendbare Kenntnisse reduziert zu werden. Damit wäre es möglicherweise einfacher, Bewerber für Stellen auszuwählen, aber fehlende Verläßlichkeit würde letztlich eine oberflächliche Berufspraxis nach sich ziehen. Würden dann die Schwächen einer solchen Ausbildung in großem Maßstab festgeschrieben und institutionalisiert, so ergäben sich daraus langfristig äußerst negative Konsequenzen: einerseits im Sinne der Wiederbelebung von nationalistischem Denken und anderen problematischen Reaktionsbildungen im Dienste der Wahrung einer vermeintlichen eigenen Identität, andererseits in Form von Idealismen und falschen, hochfliegenden Erwartungen, denen zwangsläufig Desillusionierungen und zynische Reaktionen auf dem Fuße folgen würden. Es muß jedoch zum Schluß noch einmal darauf hingewiesen werden, daß wir im gegenwärtigen Zustand der Begrenztheit und relativen Zersplitterung der interkulturellen Forschungen erst langsam in die Lage kommen, einen ausreichend abgesicherten Rahmen für eine strukturierte und dynamische Einordnung der interkulturellen Probleme abzustecken. Diese Aufgabe muß auf alle Fälle weiterverfolgt werden: wir haben hier nur erste Markierungen auf diesem Wege vorgenommen. Deshalb kann diese erste Untersuchung zweifellos von einigen - nicht von denjenigen, die Befürchtungen haben, sondern von denjenigen, die die Dringlichkeit sehen - als zu kritisch, als zu wenig in die Richtung einer Vorschlagsdynamik gehend angesehen werden. Es ist allerdings notwendig, Bewußtsein dafür zu entwickeln, daß die vorhandenen Blockierungen und Defizite sehr stark sind. Vorschläge, die dieses unberücksichtigt ließen, würden rasch auf Weniges reduziert werden. Wir wollen deshalb noch einige Problemfelder aufzeigen, mit denen sich die Gruppe im Hinblick auf eine weiterführende Untersuchung mit direkterem Vorschlagscharakter beschäftigt. 1.) Viele Personen stellen einen Gegensatz her zwischen Verhaltensweisen, die gestern entstanden sind, und den gegenwärtigen Strategien im Verhalten, statt zu versuchen, ihre Verbindung untereinander zu verstehen. So werden dann Kulturen als Hindernisse betrachtet, die menschliche Freiheit eingrenzen, obwohl sie auch eine Quelle dafür sind. 2.) Kulturelle Verhaltensweisen werden auf ihre Wurzeln in der Vergangenheit verwiesen, obwohl sie auch auf zukunftsorientierte Ziele gerichtet sind. 3.) Kulturelle Unterschiede werden hervorgehoben, statt Ähnlichkeiten und Unterschiede miteinerander zu verknüpfen. Unsere Konzeptionen des Kulturellen sind neu zu definieren, wenn wir eine immer wiederkehrende Polemik verhindern wollen, die uns in unseren Bemühungen, anspruchsvolle Ausbildungen in diesem Bereich zu konzipieren, behindern. 4.) Wir sind in der Lage, kulturelle Merkmale - im allgemeinen auf der Ebene der Verhaltensweisen der Individuen - festzustellen, aber wir sind in der Schwierigkeit verfangen, ihre genaue Tragweite, die Wahrscheinlichkeit ihrer Beibehaltung, ihrer Veränderung oder ihres Verschwindens genauer einschätzen zu können. Weshalb sich mit einem kulturellen Merkmal beschäftigen, welches morgen verschwinden wird? Auch da bleibt der Austausch unserer abweichenden Meinungen steril. 5.) Das liegt daran, daß wir kaum noch in der Lage sind, diese individuellen kulturellen Verhaltensweisen mit den historischen Entstehungsgeschichten der Gesellschaften zu verbinden, in denen dieses Verhalten entstanden ist, sich entwickelt, verstärkt oder verändert hat. Eine rückblickende Forschung auf die Entstehung der Kulturen ist eine sich gerade erst entwickelnde Disziplin. Sie erfordert eine ganz neue Wahrnehmung von Geschichte, die gerade erst begonnen hat. 6.) Schließlich, wenn wir diese Bemühungen um das Verständnis kultureller Orientierungen der Völker und kultureller Verhaltensweisen der Personen, die sie ausmachen, weiterverfolgen wollen, geschieht dies aus dem Wunsch heraus, die Möglichkeiten einer effektiveren und gelungenen Zusammenarbeit zu gestalten. Im allgemeinen betreten wir hiermit direkt das Feld der Politik, der Wirtschaft, der Erziehung. Wir stellen uns allerdings nicht vor, daß dies leicht zu realisieren ist. Wir treten ein in die vorausschauende Entwicklungsgeschichte der Kulturen, zu der jeder auf seine Weise gemäß seinen individuellen oder kollektiven Strategien beiträgt. Darin liegt Stoff für die Konzeption und Verwirklichung neuer (Staats)Bürgerschaften ("citoyennetés"). Aber hier wollen wir schließen. Wir wollten nur am Ende dieser ersten Arbeiten das Feld der vorhandenen Schwierigkeiten abstecken, nicht um zu entmutigen, sondern um die Ungeduld in Grenzen zu halten und zu weiterführenden Beiträge zu ermuntern. Es geht darum, die begonnene Aufgabe über die bisherigen Anstrengungen und das schon Erreichte hinaus fortzuführen.
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