EVALUATION INTERNATIONALER BEGEGNUNGEN |
|
Übersetzung aus dem Französischen von Gernot Glaeser
I. Von der "eher geschlossenen" zur "eher offenen" Begegnung, oder: Von der anderen Seite des Spiegels II. Eine Grundlage für eine Evaluation der Anfangskommunikation. Die zwei Achsen des Senders oder Sprechers.
III. Das "Prisma" der anfänglichen deutsch-französischen Kommunikation. Eine offene Begegnung im Kontext der Konstruktion Europas.
IV. Kann die Evaluation der deutsch-französischen Anfangskommunikation sogleich universell sein, oder muß sie zunächst deutsch-französisch sein?
I. Von der "eher geschlossenen" zur "eher offenen" Begegnung, oder: Von der anderen Seite des Spiegels Zunächst einmal scheint es angebracht, Begegnungen mit einem eher geschlossenen Ansatz und solche mit einem eher offenen Ansatz einander gegenüberzustellen. Die ersteren werden bis in die Details von Programm und Ablauf hinein festgelegt. Außer im unwahrscheinlichen Fall einer Störung von außen oder dem wenig wahrscheinlichen Fall einer Infragestellung von innen heraus sind sie im Prinzip ohne Überraschung. In der Regel handelt es sich dabei um thematisch ausgerichtete Begegnungen, sei das Thema nun geographischer, politischer, wissenschaftlicher, künstlerischer, beruflicher, gewerkschaftlicher o.ä. Art, oder aber um Begegnungen, die im Bereich einer speziellen Praxis angesiedelt sind, etwa sportliches Spiel und Trainig, musikalischer Ausdruck, technisch-handwerkliche Betätigung usw. Und die Standpunkte, die ausgetauscht werden, bleiben nur in einem begrenzten Rahmen. Recht häufig werden solche Austausche durch ein spezielles Übersetzungsarrangement (konsekutive, gelegentlich aber auch simultane Übersetzung) begleitet. Die Kommunikationsprozesse, die daraus resultieren, lassen eine Reihe von Problemen zum Vorschein kommen. Das wichtigste liegt in der Tatsache begründet, daß die Personen als solche sich eigentlich nicht wirklich begegnen. Die Vermittlung des Themas hat sehr hohe Priorität. Aber selbst im Hinblick auf das Thema ist eine Begrenzung des Austauschs unvermeidbar, weil dem formellen Austausch größere Bedeutung beigemessen wird als den informellen Austauschprozessen. Wenn auch der Nachteil von eher geschlossenen Begegnungen aus dieser doppelten, sowohl existentiellen als auch thematischen Begrenztheit resultiert, so liegt doch ihr Vorteil in ihrem geordneten Ablauf, der es jedem einzelnen erlaubt, sich leicht einbringen zu können, indem er das Wort ergreift, wenn er an der Reihe ist. Das Persönliche und Spontane kann sich in den Freiräumen der Begegnung, in ihren informellen Momenten wiederfinden. Die Sicherheit, die aus der Organisation erwächst, wirkt auf viele beruhigend, unter anderem auch auf jene, die sie vor allem kritisieren. Aber auch in diesem Rahmen bleibt eine Frage bestehen: Erreichen Qualität und Quantität der ausgetauschten Informationen ein zufriedenstellendes Maß? Vor aller Evaluation muß man sich sowohl auf den Typ von Information einigen, um den es im Austausch gehen soll, als auch auf den Typ von Teilnahme am Austausch, den man erreichen möchte. Betrifft die ausgetauschte Information nur das Thema als solches? Oder beinhaltet sie auch die Kenntnis von Gründen, aus denen dieses Thema in jeder der nationalen Kulturen unterschiedliche Aufmerksamkeit erregt und unterschiedliche Behandlung erfährt? Wird die Art der Beteiligung am Austausch auf der Grundlage der mündlich und schriftlich vorliegenden, thematischen Inhalte evaluiert? Schon auf diesem einfachen Niveau ist es nicht ganz leicht, die Qualität der Information zu bewerten, beispielsweise unter dem Gesichtspunkt ihrer Originalität oder unter dem Gesichtspunkt ihrer weiterführenden Bedeutung. Es wird jedoch noch schwieriger, will man nicht nur die Information als Objekt evaluieren, sondern ihre subjektive Verarbeitung durch die Teilnehmer. Zweifellos fehlen hierfür nicht die Methoden als solche. Sie sind aber belastet und zwanghaft. Sie gehören eher in den Bereich der schulischen, universitären und beruflichen Kontrollen als in den Bereich der Begegnungen, die eine Sache der freien und freiwilligen Zustimmung der Teilnehmer sind. Ohne das Interesse an diesen mehr oder weniger geschlossenen Begegnungen ganz zu verwerfen, scheint es uns doch unverzichtbar, sofern es um die Evaluation der internationalen und interkulturellen Begegnung geht, zwischen Information und Verständigung als Zielsetzungen zu unterscheiden. Wenn diese zweite Zielsetzung die bedeutsamere ist, dann muß man die Begegnung so konzipieren, daß sie die für einen Verständigungsprozeß notwendigen Freiräume und -zeiten eröffnen kann. Um es in einem Wort zu sagen: Die Begegnung muß offener sein. Solche Begegnungen werden - unter umgekehrten Vorzeichen - ähnlich gelagerte Vor- und Nachteile mit sich bringen wie die eher geschlossenen. Der Umstand, daß eine mehr oder weniger große Anzahl strukturierender Rahmenvorgaben aufgehoben wird, kann die Teilnehmer dazu bringen, Kritik aller Art vorzutragen und spontan alternative Verfahrensweisen vorzuschlagen, die ihnen zur Organisation der Begegnung geeigneter erscheinen. Indem sie dies tun, beziehen sie sich zurück auf Organisationsformen, die auch aus ihren nationalen, beruflichen, Alters-, Geschlechts- und sonstigen Kulturen entspringen... Daraus werden sich diverse Schocks ergeben. Diese werden zunächst fast immer eher als Hinweise auf allgemeine pädagogische Fehler, die die anderen machen, gewertet, denn als Charakteristika, die sich mehr oder weniger regelmäßig auch auf kulturelle Besonderheiten zurückführen ließen. Jeder hält seine eigene Wahl für die pädagogisch absolut gültige. Die offene Begegnung läuft daher Gefahr, zu einem ständigen Vorbringen vielfältig erneuerter Gegensätze zu werden. So kann sich die Kommunikation auf demonstrative Wortgefechte reduzieren, die um so ermüdender sind, als die Übersetzung konsekutiv erfolgt und dem guten Willen der nicht speziell ausgebildeten Zweisprachigen überlassen bleibt. Unsere vergleichende Darstellung von eher geschlossenen und eher offenen Begegnungen darf nicht verschleiern, daß die letzteren die Gelegenheit zu bedeutsameren und tiefergehenden interkulturellen Lernprozessen bieten können. Es ist daher notwendig, darauf näher einzugehen. Auf jeden Fall darf sich die Öffnung nicht in Unordnung verwandeln, die dem Zustandekommen interkultureller Verständigung genauso wenig dienlich wäre wie eine formal durchorganisierte Kommunikation. In diesen offenen Begegnungen kann die Evaluation hinsichtlich der Teilnehmer nicht bei Äußerlichkeiten stehen bleiben. Sonst würde man das angestrebte Ziel verfehlen. Die Teilnehmer müssen also eine doppelte Schwierigkeit meistern: Einerseits müssen sie in Übereinstimmung mit ihrer je eigenen Kultur denken und handeln; andererseits müssen sie sich dessen bewußt werden. Damit verlangt man ihnen eine schwierige Übung ab, denn sie finden sich in einer Situation wieder, in der sie zugleich Akteure sind und Beobachter ihrer selbst und der anderen. Das heißt: Sie stehen zugleich auf beiden Seiten des Spiegels.
II. Eine Grundlage für eine Evaluation der Anfangskommunikation. Die zwei Achsen des Senders oder Sprechers. 1. Die Komplexität der Kommunikation in einer offenen internationalen Begegnung. Im Verlauf einer Begegnung, besonders dann, wenn sie in einer Reihe von Begegnungen steht, deren Kontinuität Gelegenheit zu vertieften, persönlichen Bekanntschaften gegeben hat, sind die Austauschprozesse zahlreich, differenziert, oft schnell und tief und komplex. Die Kommunikationsprozesse können sich auf zahlreiche Themen beziehen. Darüber hinaus sind sie nicht nur Austausch in der Form des gesprochenen Wortes, sie manifestieren sich in einer Flut von Handlungen, Praktiken und Haltungen. Die non-verbale Kommunikation spielt hier eine sehr große Rolle beim Ausdruck plötzlich hervorbrechender Emotionen. Diese Austausch- und Kommunikationsprozesse beziehen sich außerdem auf eine ganze Reihe von Vorstellungswelten und Handlungen. Die kulturellen Hintergründe - national, regional, familial, konfessionell, ideologisch, politisch, beruflich - werden beständig angesprochen, aber nicht notwendigerweise immer im gleichen Moment bei allen Personen. Es ist offensichtlich, daß zahlreiche Analysen und zahlreiche Evaluationen durchzuführen wären. Unter all diesen möglichen schlagen wir hier nur eine einzige vor: Die Evaluation der anfänglichen Kommunikation, ausschließlich betrachtet unter dem Gesichtspunkt des Senders oder Sprechers. Diese haben wir ausgewählt, weil sie die Grundlagen betrifft, ohne die ausgefeiltere Kommunikationsformen später nicht stattfinden könnten. Sie stützt sich auf das klassische Schema der sechs Funktionen von Kommunikation, das der große und international renommierte Linguist Roman JAKOBSON vorgeschlagen hat . Dieses Schema läßt sich hinreichend vereinfachen, zugleich bleibt es doch gründlich genug. JAKOBSON erklärt uns die Kommunikation vom Standpunkt des Senders, den er lieber als "Sprecher" bezeichnet.
2. Die eher subjektive Achse der anfänglichen kommunikativen Praxis. Diese erste Achse bringt drei Funktionen mit - wie wir feststellen werden - eher subjektiver Orientierung ins Spiel. 1) Auf dem ersten Pol befaßt sich der Sprecher mit sich selbst, in dem Sinne, daß er vermitteln möchte, was ihn bewegt, was ihn erregt, was ihn beunruhigt. Dies ist nach JAKOBSON die expressive oder emotive Funktion der Kommunikation. 2) Auf dem zweiten Pol bezieht er sich auf seinen eigenen Kontext der Realität, der ihm selbstverständlich erscheint, weil er ihn kennt und sich für ihn interessiert. Darüber hinaus neigt er infolge einer naiven Vereinfachung dazu zu glauben, der Empfänger, an den er sich wendet, verfüge in etwa über denselben Realitätsbezug und interessiere sich für dieselben Dinge. Diese Unterstellung erlaubt ihm, so glaubt er, sich einfacher auszudrücken, schnell und knapp, durch Anspielungen auf diese gemeinsame Realität. Dies nennt JAKOBSON die referentielle oder kontextuelle Funktion der Kommunikation. 3) Auf dem dritten Pol komponiert nun der Sprecher die Nachricht auf seine eigene Art und Weise, um sie zuverlässiger in Übereinstimmung mit den Feinheiten seines persönlichen Denkens zu bringen. Und um sie somit für die Hervorhebung der Originalität aufzubereiten, die ihm eigen ist und durch die er glaubt, sein Gegenüber zu einem besseren Verständnis bringen zu können. Dies ist nach JAKOBSON die poetische oder ästhetische Funktion der Kommunikation. Man wird bemerken, daß - selbst wenn wir uns im Kontext der Kommunikation mit dem anderen befinden - diese drei Funktionen eine eher "subjektive" Achse der anfänglichen Kommunikation definieren, insofern sie für den Sender mehr auf Übereinstimmung mit sich selbst abzielen. Nicht, daß jegliche Objektivität durch diese drei Funktionen von vornherein ausgeschlossen wäre. Unbestreitbar jedoch wird sie unentwegt durch diese dreifache Subjektivität des "Senders" umgeformt und überlagert: - die emotionale (seine eigenen Gefühle), - die referentielle (seine eigene Wirklichkeit), - die schöpferische (seine eigene Art und Weise, seine Botschaft zu gestalten).
3. Die eher "objektive" Achse der anfänglichen kommunikativen Praxis. Die zweite Achse der Anfangsphase der Kommunikation wird ebenfalls stets vom Standpunkt des Senders oder Sprechers aus betrachtet. Sie jedoch bringt dann die drei übrigen Funktionen ins Spiel, die mit einem größeren Bemühen um die Pole der Rezeption auf Seiten des Empfängers zusammenhängen. Diese drei Funktionen sind ausgerichtet am Anderen als jemandem, der seine Besonderheiten und seine Ansprüche hat. Und in diesem Sinne sind sie es, die den Sender oder Sprecher zu einer größeren Objektivität zwingen. 1) Am ersten Pol manifestiert sich das Bemühen um die Herstellung des Kontaktes: Dies ist in den Begriffen JAKOBSONs die phatische Funktion der anfänglichen Kommunikation. 2) Am zweiten Pol hat der Sprecher dafür Sorge zu tragen, daß der Code, den er verwenden will, dem Angesprochenen entspricht. Andernfalls müßte er ihn zu verbessern suchen, indem er zumindest die notwendigen Definitionen anführt. So würde er den gemeinsamen Anteil schaffen, der im vorherigen Code fehlte: Das ist nach JAKOBSON die metalinguistische Funktion. 3) Am dritten Pol muß der Sender in der Lage sein, folgende Feststellung zu treffen: Nachdem der Andere verstanden hat, was ihm gesagt wurde, handelt er folgerichtig. Das ist nach JAKOBSON die zielgerichtete Funktion. Diese drei Funktionen definieren für den Sender oder Sprecher eine "objektivere" Achse der Kommunikation, insofern er hier wenigstens ein Minimum von Akkomodation an den Anderen hervorbringen muß. Selbst wenn sein Standpunkt derjenige der eigenen Bedürfnisse bleibt, so muß er doch sicherstellen,
Man sieht wohl, daß die Pole, die stärker am Angesprochenen ausgerichtet sind, zu mehr Berücksichtigung, zu mehr Beachtung des Anderen und damit zu mehr Objektivität verpflichten.
4. Der Fall einer Kommunikationspraxis, die - innerhalb von Begegnungen - durch eine übermäßig subjektive Orientierung gekennzeichnet ist. Wir haben gesehen, wie in den offeneren Begegnungen die Teilnehmer zu einer besseren gegenseitigen Kenntnis gelangen konnten. Diese an sich positive Gegebenheit kann in bestimmten Fällen dem negativen Verhalten eines Senders Raum geben, der vollständig auf sich selbst zentriert ist und dem es vor allem anderen darum geht, sich selbst auszudrücken. Indem er dies tut, vergißt er jegliche Anpassung an die Situation. - Er kümmert sich kaum darum, vorab sicherzustellen, daß ein verläßlicher Kontakt zu den anwesenden Teilnehmern besteht. Wenn diejenigen, die er anspricht, plötzlich ausfallen, dann kommt ihm der nächstbeste Empfänger genauso recht. - Er kümmert sich auch nicht darum, seine Botschaft anzupassen. Er macht sich also weder die unterschiedlichen Kontextbezüge, die seinen Zuhörern je eigen sind, noch ihre oft stark unterschiedlichen Codes bewußt. Daraus folgt, daß er eine Botschaft hervorbringt, die nur für bestimmte Einzelne - oder gar für niemanden - verstehbar ist. - Er kümmert sich nicht um die Bedingungen, unter denen seine Botschaft übersetzbar wäre - oder eben nicht. Er ist sich nicht einmal der Charakteristika seiner Botschaft bewußt: ihrer Dauer, ihrer Komplexität, der Unbestimmtheit bzw. Verworrenheit von Gedanken und Ausdrücken. Er setzt sie nicht in Beziehung zu den Schwierigkeiten derer, die übersetzen müssen. Und noch weniger zu denen derer, die dieser Übersetzung zuhören und sich um ein Verstehen bemühen müssen, um darauf reagieren zu können. Was wir hier beschreiben, ist eine extreme Subjektivität. Aber in etlichen Begegnungen tritt dieser Fall nicht selten auf.
5. Soll sie nicht scheitern, muß die kommunikative Praxis beständig die eher subjektive und die eher objektive Achse miteinander ausbalancieren. Die beiden Achsen der anfänglichen kommunikativen Praktiken sind jedoch miteinander verbunden. Sie können sich nicht übermäßig voneinander entfernen, ohne den Kommunikationsprozeß - von seinem Beginn an - zu gefährden. Man trifft gleichwohl auf Fälle, in denen die subjektive Achse es dahin bringen kann, jede Beachtung des Anderen zu unterbinden. Das ist der Fall des Selbstgesprächs, das - im Einzelfall - noch nicht pathologisch ist, dies jedoch werden kann, wenn es chronisch wird. Um solch chronisches Leiden zu verhindern, institutionalisieren alle Kulturen in mehr oder weniger starkem Maße abgegrenzte Augenblicke des individuellen Ausdrucks. So zieht sich der Jäger Guayaki bei Einbruch der Nacht in den Wald zurück und beginnt seinen eintönigen Gesang, von dem allein das Echo gelegentlich einen anderen erreicht. Das Gebet, das es in allen großen Religionen gibt, kann ebenfalls diese Rolle übernehmen. Demgegenüber würde ein exklusives Bemühen um Akkomodation an die Besonderheiten des Kontaktes, des Codes, der dem Anderen eigenen Handlungsbedingungen zum Hemmschuh der notwendigen Spontanität persönlichen Ausdrucks werden. In diesem Falle befände man sich im Bereich einer Pathologie der ängstlichen Zurückhaltung oder der beinah sklavischen Dienstfertigkeit. Gewiß, die erste Pathologie, die übertriebene Assimilation an sich selbst, findet sich häufiger als die zweite, die übertriebene Akkomodation an den Anderen. Die Notwendigkeit, die stärker subjektive und die stärker objektive Orientierung zu vereinen, um zu einem tatsächlichen Austausch in der Kommunikation zu kommen, bedeutet aber nicht, daß jeder von uns auch jedes Mal in der Lage wäre, das rechte kommunikative Gleichgewicht erfolgreich zu verwirklichen. Dieses verändert sich tatsächlich ständig, je nach Personen und Umständen. Es muß daher jedesmal aufs Neue gefunden werden. Die Schwierigkeit dieses ständigen Wieder-Findens führt dazu, daß wir versuchen, jene Balancen, die wir bislang am regelmäßigsten einsetzen konnten, so oft wie möglich wieder zu verwenden. Damit sind wir bei Gewohnheiten. Diese sind die Früchte unserer familialen und gesellschaftlichen Erziehung. Die Kulturen können betrachtet werden als etwas, das uns mit vielfach begründeten Antworten für die meisten Situationen des alltäglichen Lebens ausstattet. Sie nehmen uns die Angst, die entstehen würde, wenn wir jedesmal aufs Neue unsere Antworten ausdenken müßten, ohne je gewiß zu sein, ob uns dies gelingt. Dies ist ein großer Vorteil, der Nachteil jedoch ist, daß unsere gewöhnlichen Antworten unter neuen, anderen Bedingungen unangepaßt sind. Diesem Gesetz entkommt auch die anfängliche Kommunikationspraxis nicht. Sicher, die Gleichgewichtung der beiden Achsen, der eher subjektiven und der eher objektiven, ist ein universelles Ideal aller Kommunikation. Die kommunikativen Praktiken jedoch sind im Laufe von Jahrhunderten entstanden, und zwar aus je nach Zeiten und Ländern sehr unterschiedlichen Ausgangssituationen heraus. Dies war der Fall für Deutschland und Frankreich. Zahlreiche interdisziplinäre und internationale Untersuchungen haben dies belegt. Wir führen hier deutsche, französische und amerikanische Arbeiten an, etwa die von Norbert ELIAS , E.T.HALL , Emmanuel TODD . Auf der Grundlage dieser Gegebenheiten erhellt sich die interkulturelle, deutsch-französische Situation in der internationalen Begegnung - jedenfalls was die anfängliche Kommunikation betrifft - , was sie aus einer Sphäre nur verschwommener Wahrnehmung heraustreten läßt. Diese interkulturelle, deutsch-französische Situation kann beobachtet werden an Hand der Kooperationsmöglichkeiten zwischen Personen, die über veränderliche Systeme der Kommunikationsgestaltung verfügen. Dies sind zwar persönliche Systeme, andererseits jedoch sind sie beeinflußt durch die für die nationalen Kulturen charakteristischen Systeme. Daher kann eine interessante Evaluation in der Betrachtung der interkulturellen Handhabung dieser nationalen Kommunikationssysteme liegen, die in der Kommunikationspraxis stets mehr oder weniger präsent sind.
III. Das "Prisma" der anfänglichen deutsch-französischen Kommunikation. Eine offene Begegnung im Kontext der Konstruktion Europas. 1. Zu überprüfende Hypothesen über die deutsche und die französische Kultur der anfänglichen Kommunikationspraxis. Die Beobachtung und Evaluation deutsch-französischer Kommunikation kann mit Hilfe von JAKOBSONs System der Funktionen der Kommunikation teilweise operationalisiert werden. Die zum Teil berechtigten Einwände, die dagegen vorgebracht wurden, berühren nicht die Art und Weise, in der wir hier davon Gebrauch machen wollen. Wie wir hier bereits gezeigt haben, ist dieses System - im Rahmen seiner Begrenztheit - wertvoll zur Beschreibung eines allgemeinen menschlichen Funktionsmechanismus. Aufgrund der offenen Allgemeinheit dieses Mechanismus bleiben zahlreiche Anpassungen möglich. Die historischen Umstände von Menschen, von Nationen konnten dazu führen, daß bestimmte Funktionsweisen anderen vorgezogen wurden. Daher können wir Hypothesen aufstellen und sie verwerfen oder bestätigen durch Beobachtungen, die in diesem Falle gar nichts Verunsicherndes an sich haben. Wir haben die beiden Orientierungen der eher assimilatorischen bzw. eher akkomodatorischen Kommunikationsfunktionen bereits beschrieben. Wir könnten beispielsweise die Hypothese aufstellen, eine eher assimilatorische - und damit stärker "subjektive" - Funktionsweise sei kennzeichnend für das Kommunikations-verhalten zahlreicher Franzosen. Und die Hypothese einer eher die Akkomodation betonenden - und damit stärker "objektiven" (im beschriebenen Sinn) - Funktionsweise auf Seiten vieler Deutscher. Wie wir gesehen haben, drückt sich jeder dieser beiden Primate durch die stärker hervorstechende Verwendung von je drei Funktionen aus. Wie werden diese unterschiedlichen Verwendungsweisen in einer interkulturellen, etwa deutsch-französischen Situation gehandhabt? So könnte unsere operationalisierte Fragestellung lauten - hinreichend operationalisiert jedenfalls, um die Formulierung präziser Hypothesen, die Beobachtung, die Analyse und die Evaluation von Verhaltensweisen und ihrer Entwicklungsverläufe zu ermöglichen. Die offene Begegnung wirkt im Verhältnis zum Pol der Aufgabe wie eine Verstärkung des persönlichen Pols. Sie trägt dazu bei, daß zunächst den subjektiven kommunikativen Praktiken der Vorzug gegeben wird. Diese werden jedoch sogleich auch auf die objektiven Zwänge verwiesen, die aus der zweiten Kommunikationsachse resultieren. Die offene deutsch-französische Begegnung rückt sehr schnell den Konflikt zwischen den beiden Achsen (oder Orientierungen) der Kommunikation und die Schwierigkeiten, die sich daraus ergeben, in den Vordergrund. Zweifellos handelt es sich zunächst um Schwierigkeiten, die man als universell bezeichnen kann, insofern sie nämlich alle Versuche der Regulierung von Kommunikation begleiten. Diese Regulierung der Kommunikation muß per Definition dahin führen, daß in der Kommunikation sowohl der "Sender" als auch der "Empfänger" befriedigt werden. Bekanntlich ist es häufig so, daß nicht beide gemeinsam zufriedengestellt werden. Den "Sender" befriedigt eher das, was er sagt, als das, was er hört. Und jeder setzt alles daran, der Sender zu sein, sobald er an der Reihe ist - bzw. öfter als er eigentlich an der Reihe wäre. Indessen bewirkt, unserer Hypothese zufolge, die deutsch-französische Kommunikation anläßlich einer offenen Begegnung häufig eine differentielle Verteilung der Kommunikationsfunktionen auf zwei Achsen: Die Achse der eher assimilatorischen Pole und die Achse der Pole, die eher am Primat der Akkomodation ausgerichtet sind. Man wird es unter zahlreichen, unterschiedlichen Bedingungen feststellen können: Die erste Achse wird häufiger bei einer größeren Anzahl von Franzosen überwiegen. Die zweite Achse wird häufiger bei einer größeren Anzahl von Deutschen dominieren. Aber wohlgemerkt, wir betonen, daß diese Aufteilungshypothese nichts weiter ist als eine statistische Hypothese.
2. Deutsche und Franzosen beim "Kontakt" in der Konversation: Die phatische Funktion. Die Franzosen fordern eine Art Recht auf spontanen Ausdruck ein. Sie dehnen dieses Recht ohne weiteres so sehr aus, daß sie sich in dem Moment, der ihnen günstig scheint, an die Rede des anderen "anhängen", ihn sogar unterbrechen. Selbst, wenn sie warten, bis derjenige, der gerade spricht, geendet hat, setzen die Franzosen, wie L. WYLIE und R. CAROLL betont haben, häufig so schnell nach dem Ende ihrer Beiträge wieder zu reden an, daß zahlreiche Ausländer, darunter etwa die Amerikaner, die sich darüber vielfach beklagen, Gefahr laufen, keine Möglichkeit zur Beteiligung an einer Unterhaltung zu finden, in der die Franzosen dominieren. Man sieht also an diesem Beispiel, daß die französische Konversation eine ganz bestimmte Handhabung der phatischen Funktion bewirkt. Zahlreiche Deutsche sehen sich gezwungen, ausdrücklich darauf hinzuweisen, daß sie nicht unterbrochen werden wollen, weil sie dadurch in der Logik ihrer Darstellung gestört werden. Wenn die Franzosen dies dennoch tun, werden einzelne Deutsche ärgerlich, glauben, sich verteidigen zu müssen oder werden wirklich zornig wegen eines Verhaltens, das sie auf persönlicher Ebene als grobe Unhöflichkeit, auf gesellschaftlicher Ebene als klares Demokratiedefizit werten.
3. Deutsche und Franzosen zwischen Code und Wirklichkeit: Die metalinguistische, die referentielle und die "poetische" Funktion. Die besondere Bedeutung, die die Deutschen der phatischen Funktion beimessen, stellt in ihrem kulturellen System keine isolierte Größe dar. Sie steht im Zusammenhang mit der Bedeutung der metalinguistischen Funktion. Vor der Verfolgung jeglichen Austauschs ist es ihnen wichtig, sicherzustellen, daß man sich über den Sinn der Worte, die man verwendet, einig ist. Der Bedarf an Definitionen, die Notwendigkeit, auf sie zurückzugreifen, sind häufig offensichtlich. Natürlich ist all dies veränderlich, je nachdem, um welchen Bereich es geht. Um es noch einmal zu sagen: Hier geht es nicht um die Notwendigkeit von Definitionen, sondern einzig um die Tatsache, daß man es vorziehen kann, immer wieder an diese zu erinnern, sie zu präzisieren und zu erforschen, im Gegensatz dazu, daß man es auch vorziehen kann, sie stillschweigend weiterzutragen, sie als gültig zu unterstellen oder sie als eine Art zusätzliches Ergebnis des Diskurses selbst zu betrachten, wie es bei recht vielen Franzosen ziemlich häufig geschieht. Die metalinguistische Funktion ist also die Funktion des Codes. Und der Code ist auf der Grundlage der gemeinsamen Situation das grundlegende Mittel der Kommunikation. Der Code ist, wenn man so will, der erste, fundamentale Konsens. Der Code steht somit für die ursprüngliche Verpflichtung auf das linguistische, kulturelle, nationale System, die sich und uns auf dieses festlegt. Es ist also fast etwas wie eine Bürgerpflicht, dieses System zu akzeptieren, zu respektieren und zu perfektionieren. Und eine Art bürgerlichen Ungehorsams, es auf die leichte Schulter zu nehmen und sich darüber lustig zu machen. Ja, zahlreiche Franzosen lieben das Kommunizieren gegen den Code ebenso sehr wie mit ihm. Das sieht man etwa im Straßenverkehr, wenn sie sich untereinander auf die Anwesenheit der Polizei hinweisen, die über die Einhaltung der Straßenverkehrsordnung wacht. Durch ihren "Regelverstoß" sind sie für ihre Regelverstöße kaum noch zu belangen. Auf einem stärker intellektuellen Niveau konnte man erleben, wie herausragende französische Philosophen die HABERMAS'sche These von der Unvermeidbarkeit eines Konsens als Grundlage kommunikativen Handelns angegriffen haben . Zweifellos aus einem mangelnden Vermögen heraus, deren Wurzeln in der nationalen, deutschen Kultur zu finden. Und zugleich aus dem mangelnden Vermögen, die Wurzeln ihrer eigenen Position in der nationalen, französischen Kultur zu finden. Wie auch immer, für diese französischen Philosophen kann ein unvermeidbarer Konsens nichts anderes als ein Fluch sein. Was sie betrifft, so würden sie die Grundlage der Kommunikation doch eher im "Widerstreitenden", im "Dissens" verorten. Ihr Standpunkt läßt sich leicht veranschaulichen. So gehören die Litotes (weniger sagen, um mehr auszudrücken), das Verfahren der Antiphrase (das Gegenteil dessen sagen, was zu sagen wäre), das Oxymoron (Gegensätze in einen Zusammenhang zwingen: "krampfhafte Heiterkeit", "schaurig düstere Beleuchtung") und ganz allgemein sprachliche Stilmittel zum gemeinsamen Schatz des menschlichen Ausdrucksvermögens. Aber gerade in Frankreich fanden die eben genannten die meiste Verwendung. Und gleichfalls in Frankreich war es, wo die Gesamtheit der sprachlichen Stilmittel (allmähliches Übertreten innerhalb eines stilistischen Codes) erstmalig systematisch erfaßt wurde . Die Franzosen machen sich jedoch nicht immer bewußt, daß ein Ausländer, selbst wenn er ihre Sprache beherrscht, sich stets neu auf dieses Spiel der doppelsinnigen und widersprechenden Anspielungen einstellen muß, die sich oftmals zugleich code-konform und code-widrig verhalten. Dies nährt das Stereotyp vom Franzosen als - positiv ausgedrückt - phantasievoll oder - negativ gewendet - überheblich und oberflächlich, vom Franzosen als jemandem, dem es an Ernsthaftigkeit mangelt. Was sich dem Code hier bei den Franzosen widersetzt, das ist der Primat der Wirklichkeit. Unter der Einschränkung freilich, daß man unter Wirklichkeit das versteht, was Sie bewegt, was Sie interessiert! Es ist diese subjektive Wahrnehmung der Wirklichkeit, die die Referenzbasis des "Textes" bildet. Dieser wird konstruiert, um verstanden zu werden, ausgehend von einer derartig gelagerten subjektiven Wahrnehmung, die vom Großteil der Franzosen geteilt wird. Es ist ein Primat der gemeinsam geteilten, den Einen wie den Anderen bekannten Situation. Daher kann sie durch jede anspielende Repräsentation zwanglos angesprochen werden. Spielerisch nimmt der Text zahlreiche Umwege. Was soll's, da ja das Ziel jedem bekannt ist. Man wird nonverbale oder gestische Kommunikation einsetzen, Kommunikation mittels Bildern oder das poetische Einbringen der Sprache. Wenn es darum geht, dieselbe Referenz auf einen gemeinsamen Kontext auszudrücken, dann können alle Mittel, selbst die "verschrobensten", hervorragend geeignet sein, denn das wesentliche der Kommunikation ist in diesem Falle nicht die objektive, inhaltliche Information, sondern das heimliche Einverständnis innerhalb einer Beziehung. Und dieses Einverständnis ist genau das, was die Teilhabe an einem Gemeinsamen kennzeichnet und uns von den anderen unterscheidet, die ihrerseits von dieser Teilhabe ausgeschlossen sind und nicht verstehen können. Es liegt auf der Hand, daß der Ausländer, der sich als Dritter in dieser Situation findet, zu Recht den Eindruck gewinnen kann, er sei dort zuviel. Möglicherweise bedarf man seiner nur, um dieses Einverständnis nach außen hin sichtbar zu machen. Viele Deutsche sehen im Austauschprozeß der Konversation ein Problem, das in den Bereich "pädagogischer Tugend" gehört, ein Problem der Anpassung an den Anderen und des Respektes vor ihm als jemandem, der anders ist; dies liegt an der starken deutschen Vielfältigkeit. Ein großer Teil der Franzosen wird hierzu im absoluten Widerspruch stehen. Das, was für sie in Frage steht, das ist die Bedeutung des französischen Kontextes - der Andere ist weniger der Andersartige als der Ähnliche - und die aus dieser Bedeutung sogar zwingend sich ergebende Notwendigkeit, sich im Hinblick auf diesen nationalen Kontext gewisse Freiheiten zu nehmen. Daher auch jene recht häufig zu findende oppositionelle, ja aufsässige Haltung, die zahlreiche Verhaltensweisen der Franzosen charakterisiert, welcher politischen Überzeugung sie auch immer sein mögen. Diese Vermengung von Bezugnahme auf ... und gegen ... erweckt unentwegt den Eindruck, die Franzosen spielten ein doppeltes Spiel. Daraus ergibt sich ein bedeutender Teil jener Irritationen, die sie bei den anderen auslösen. Unnötig zu sagen, daß - solchermaßen an ihre Extreme getrieben - die nationalen Identitäten von Franzosen und Deutschen sich kaum je zwanglos unter einen Hut bringen lassen.
4. Französische und deutsche Variationen über die Beziehung zwischen Personen und Aufgaben: Die zielgerichtete Funktion. Die dritte Funktion der stärker "objektiven" Kommunikationsachse ist die konative oder zielgerichtete Funktion. Ihr offensichtlichstes adaptives Ziel ist es, die Möglichkeit zur Bewältigung einer gemeinsamen Aufgabe durch wechselseitige Kommunikation von Handlungsanweisungen zu erreichen. Auch hier zeigt die eher offene Begegnung, daß die Franzosen viel leichter aufgeben als die Deutschen bis hin zur Kommunikation des Referenzrahmens, innerhalb dessen das gemeinsame Handeln abläuft. Daraus entsteht bei vielen Deutschen der Eindruck permanenter Nachlässigkeit, des Laufen-Lassens, der Sorglosigkeit im Handeln und eines exzessiven Individualismus. Um diese Haltung besser zu verstehen, muß man sich auf den breiten Kontext beziehen, der der Mehrheit der Franzosen gemeinsam ist. Dieser große Zusammenhang ist das Produkt einer vierfachen historischen Vereinheitlichung: Römisch, katholisch, royalistisch und republikanisch. Man muß sich zugleich auf den Polychronismus der Franzosen beziehen. Der Polychronismus ist die Kunst, sich mehreren Personen gleichzeitig zu widmen. Und damit auch mehreren Aufgaben in den Perspektiven der Interdependenzbeziehungen der gemeinsam anwesenden Personen untereinander: Großfamilie, Guts- oder Königshof usw. In dieser Perspektive durchdringt die Bewältigung von Aufgaben die Einbeziehung der Personen, die sich bemühen, sich aufeinander einzustellen. Auf der anderen Seite findet man auf der deutschen Seite eine Vorherrschaft des engen Kontextes, die aus der (für die in den zahlreichen Staaten eines stark diversifizierten Deutschland umherwandernden, nicht erbberechtigten Söhne der "Stammfamilie" ["famille souche"] bestehenden) Notwendigkeit heraus entwickelt wurde, auf eine Ausdrucksweise zurückzugreifen, die allgemein, an mehreren Orten, verständlich sein mußte. Und man findet ein Vorherrschen des deutschen Monochronismus, der Aufgaben in zentrierter Weise als geordnetes Zusammenfließen der Handlungen von Personen darstellt (was eine zwingende Notwendigkeit in den früheren stammesgesellschaftlichen Gemeinschaften war, die es in Deutschland länger gab). Aus diesem Grund hat die konative oder zielgerichtete Funktion das Ziel, Personen so miteinander zu verbinden, daß sie aus dem Umstand ihrer harmonisierten Gemeinsamkeit heraus eine schwierige Aufgabe zum guten Ende bringen können, die ohne dieses Einverständnis gänzlich unlösbar wäre. Dies ist eine zusätzliche kulturelle Wurzel jenes Konsenses, von dem wir hier bereits früher sagten, daß er als kulturelles Charakteristikum in der deutschen Kultur wesentlich gegenwärtiger und prägender ist. Bei der Behandlung der Konversation haben wir bereits die "bierernste" Natur der "auf deutsche Art und Weise" umgesetzten Konversationsaufgabe gesehen.
IV. Kann die Evaluation der deutsch-französischen Anfangskommunikation sogleich universell sein, oder muß sie zunächst deutsch-französisch sein? Die vorausgegangenen Bemerkungen dienten dazu, aufzuzeigen, daß die Evaluation einer deutsch-französischen Begegnung vor dem Zwang steht, ihrerseits selbst deutsch-französisch zu sein. In diesem Falle aber ist sie zu der Feststellung gezwungen, daß von der deutschen Seite und der französischen Seite je unterschiedliche Ziele gesetzt werden - infolge der ihrerseits unterschiedlichen, nationalen kulturellen Systeme. Wie kann es - unter diesen Bedingungen - überhaupt eine einzige Evaluation geben? Vielleicht muß man zunächst begreifen, daß solch eine Evaluation selber nur im deutsch-französischen Austausch entwickelt und erfunden werden kann. Das bedeutet, daß die Evaluation in widersprüchlicher Art und Weise verlaufen kann - zwischen Franzosen und Deutschen, aber ebenso widersprüchlich auch zwischen Franzosen untereinander und zwischen Deutschen untereinander. Durch diese Phasen gilt es, das Eingeschlossensein in Auswertungsmodelle zu überwinden, die den Anspruch auf pädagogische Universalität erheben, obgleich sie doch oft genug nur sehr spezifische - und gemeint sind damit auch nationale - kulturelle Standpunkte widerspiegeln. In der Folge kann man diese spezifischen Bezugnahmen thematisieren, um so ihre wechselseitige Aufdeckung zu ermöglichen. Die Divergenzen innerhalb jeder nationalen Gruppe zeigen sehr deutlich, daß eine kulturelle Charakteristik in keinster Weise eine allgemeingültige Beschreibung darstellt. Sie ist nichts weiter als eine statistische Orientierungshilfe, deren historische Wurzeln selbst reichlich komplex sind, je nach Epochen und Regionen, denn nie wurde die Ganzheit aller Personen unter dieselbe Norm gezwungen. Durch diese historischen Bezüge, die wir andernorts diskutiert haben, wie durch die universellen, linguistischen Bezüge, an die wir hier erinnert haben, wird es uns möglich, die Evaluation auf höherem Niveau anzusiedeln. In ihrer Funktion hat Kommunikation unbestreitbar einen universalistischen Charakter, aber die Arten und Weisen, wie Kommunikation jeweils tatsächlich verläuft, sind soziohistorische Konstrukte. Sie repräsentieren Fixpunkte, oder doch solche, die von zahlreichen Schwingungen ("oscillations") ausgehend mehr oder weniger fixiert wurden. Es sind diese mehr oder weniger strukturierten, tendenziellen Orientierungen, die die Unterschiede zwischen nationalkulturellen Systemen ausmachen. Auf den ersten Ebenen der Evaluation, bei denen es um die anfängliche Kommunikation in der deutsch-französischen Begegnung geht, muß man:
Ausgehend davon wird der deutsch-französische Austausch ein bißchen weniger belastet sein von den Illusionen eines vorab für hinreichend gehaltenen Wissens wie auch von den Befürchtungen, jede Frage könne doch nur immer in die falsche Richtung führen. Die Begegnung erscheint dann als eine besonders günstige Gelegenheit, die es jedem einzelnen erlaubt, seine eigene Kommunikationsproblematik erneut anzugehen, indem er eine ganz andere, eine deutsch-französische Kommunikation hervorbringt (organisatorische, dynamische Annäherung). Von diesem Moment an werden die linguistischen Probleme des Erlernens der anderen Sprache nicht mehr vortäuschen, mehr zu sein, als sie tatsächlich sind: als eines der Mittel (bereichsspezifische Annäherung) im Dienste dieser existenziellen und kommunikativen Öffnung, und eben nicht mehr als der Kernpunkt aller Bezüge und Kristallisationspunkt aller Schwierigkeiten der Begegnung. Zweifellos erscheinen Evaluationen im sprachlichen Bereich viel einfacher durchführbar und strenger. Aber die Niveaus des Sprachlichen sind, so groß ihre Bedeutung auch ist, doch nicht identisch mit den Niveaus der interkulturellen Kommunikation und des interkulturellen Verstehens. Für jeden Bereich von unterschiedlicher Komplexität müssen sich Möglichkeiten der Evaluation anbieten lassen, die ihrerseits selbst unterschiedlich komplex sind. Wir wollten hier einen Weg aufzeigen, der zugleich stringent und gewinnbringend sein kann, um komplexe interkulturelle Erscheinungen wie z. B. jene der anfänglichen deutsch-französischen Kommunikation zu beobachten, zu analysieren und zu evaluieren. Die hier angedeutete Herangehensweise ist einer Formalisierung und praktischen Umsetzung in den Begegnungen durchaus zugänglich. Damit dürfte erkennbar geworden sein, daß andere, tiefergehende Evaluationsweisen möglich sind. Wollen wir hoffen, daß sie bald unausweichlich werden. |