Arbeitstexte de travail

EVALUATION INTERNATIONALER BEGEGNUNGEN

Prof. Dr. Burkhard Müller, Universität Hildesheim

Inhaltsverzeichnis

Die Unterschiede lernen - die Unterschiede leben

Theaterkritik als Evaluationsmethode

"Die Schaubühne ist die Stiftung, wo sich Vergnügen mit Unterricht, Ruhe mit Anstrengung, Kurzweil mit Bildung gattet, wo keine Kraft der Seele zum Nachteil der anderen gespannt, kein Vergnügen auf Unkosten des ganzen genossen wird."
(Schiller, Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet).

"Theater besteht darin, daß lebende Abbildungen von überlieferten oder erdachten Geschehnissen zwischen Menschen hergestellt werden, und zwar zur Unterhaltung."
(Brecht, Kleines Organon für das Theater).

Daß sich die Methode der Evaluation an den Gegenstand anpassen muß - und nicht umgekehrt - ist im Bereich des Interkulturellen leichter gesagt als verwirklicht. Denn Phänomene der Kultur sind zumeist sehr komplex und empirisch schwer zu greifen. Dies gilt insbesondere, wenn man von einem "weiten" Kulturbegriff ausgeht und das Alltagsleben der Menschen als Teil oder sogar Kern ihres kulturellen Lebens begreift. Noch schwieriger wird dieser Gegenstand, wenn es um "Begegnung" von Kulturen geht. Genauer gesagt: um die Begegnung von Individuen - z. B. jungen Europäern -, die je unterschiedlichen nationalen Kulturen angehören und davon in einer Weise geprägt sind, die ihnen selbst nur zum Teil bewußt ist. Wie läßt sich das als Begegnung der Kulturen evaluieren? Denn es ist ja zugleich eine Begegnung von Menschen, die natürlich jeweils unter sehr unterschiedlichen individuellen Bedingungen leben, ihre je eigene Geschichte und Biographie haben, auch innerhalb solcher Begegnungsprogramme je unterschiedliche Erfahrungen machen, die wiederum von ihren Vorerfahrungen und Denkweisen strukturiert sind. Die Kompliziertheit, in der sich in jeder beliebigen Situation interkultureller Begegnung national, sozial und individuell Geprägtes mischen, gleicht einem undurchdringlichen Urwald.

Einfacher wird die Aufgabe der Evaluation allerdings, wenn wir als ihren Gegenstand nicht diesen Urwald der interkulturellen Erfahrung selbst verstehen, sondern "nur" die Frage stellen: Wie kann man prüfen, ob internationale Begegnungs-programme geeignete Orte sind, um interkulturelle Begegnung zu ermöglichen? Um dies zu evaluieren, ist es nicht notwendig, genau definieren und messen zu können, was interkulturelle Erfahrung für alle Beteiligten "ist". Es genügt, wenn wir überprüfen können, ob die Begegnungs-programme geeignete Orte sind, an denen die jeweils beteiligten Personen ihre besonderen Erfahrungen inszenieren können. Die Evaluationsfrage ist dann: Welche Eigenschaften müssen die Arrangements internationaler Begegnung haben, daß die Teilnehmer aktive Mitspieler eines interkulturellen "Stückes" werden können, das sie gemeinsam produzieren? Wie wird es möglich, daß die gemeinsame "Aufführung" dieses Stückes interkultureller Begegnung vergnüglich und zugleich belehrend ist?

Der Begriff der Inszenierung bzw. der Vergleich mit dem Theater impliziert, daß interkulturelle Begegnungsprogramme die Realitäten unseres interkulturellen Alltags nicht einfach reproduzieren, sondern in eine Welt eigener Art überführen und dort widerspiegeln. Die Möglichkeit, dort Erfahrungen zu machen, die den Umgang mit der interkulturellen Realität des Alltags verändern, beruht gerade darauf, daß diese Begegnungen fern vom Alltag stattfinden und nur zum Teil Ernstcharakter haben, z. T. aber auch den Charakter des Spielerischen, des Freizeiterlebnisses etc. Wie im Theater, aber auch wie in anderen Inszenierungen, z. B. in Planspielen, in gruppendynamischen Laboratorien oder auch in kulturpädagogischen Spielaktionen wird hier ein Stück Wirklichkeit auf die Bühne gebracht, aber eben als spezifisch arrangierte und inszenierte, fiktive Wirklichkeit. Was dort geschieht, muß nicht ins Alltagsleben übernommen werden. Wie über manchen Romanen steht über den Begegnungen gleichsam als Motto: "Alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und realen Handlungen sind rein zufällig." Genau dieser fiktionale Charakter der Begegnungen macht es möglich, nicht nur, daß das bisher Verdeckte und Verdrängte interkultureller Realität als Spannung und Vergnügen statt als Bedrohung erlebt werden kann, sondern auch, daß die Verarbeitung von Ängsten möglich wird, die den interkulturellen Alltag in klarerem Licht erscheinen läßt.

Ich möchte im folgenden keine "Theaterpädagogik der internationalen Begegnung" entwickeln, also mich nicht darüber auslassen, welche Mischungsverhältnisse und Mischungsarten von Alltagsrealitäten und Inszenierungen von interkulturellen und fiktionalen Gestaltungselementen zusammenkommen müssen, damit Teilnehmer ihre Fähigkeiten erweitern können, das Interkulturelle und die damit verbundenen Konflikte bewußt zu leben. Ich möchte im folgenden nur einige Kriterien bzw. Ebenen nennen, auf welche eine fruchtbare Evaluation zu achten hätte.

1. Begegnungsprogramme organisieren heißt nicht so sehr Lerninhalte aufbereiten und übermitteln, sondern Räume zur Begegnung (im wörtlichen und im übertragenen Sinn) zur Verfügung stellen. Die TeamerInnen sind diejenigen, die dafür verantwortlich sind, daß diese Räume vorhanden sind und daß sie von den Teilnehmern gestaltet werden können. Insoweit internationale Begegnungsprogramme pädagogische Veranstaltungen sind, handelt es sich eher um indirekte Pädagogik des Arrangierens, des Gelegenheiten-Schaffens, als um eine direkte Pädagogik des Lehrens und Lernens. Kriterien der Auswertung: Wie ist das Verhältnis zwischen vorgegebener Struktur und Freiraum der Gestaltung? Welche Aktivitäten werden durch das räumliche Setting begünstigt, welche erschwert? Welche Konflikte schaffen oder verhindern die räumlichen Gegebenheiten?

2. Internationale Begegnungsprogramme sind soziale Räume, in denen "Begegnung" inszeniert wird. Das heißt, innerhalb des Programms der Begegnung sind gleichsam "offizielle" Teile eingelagert, das "eigentliche" Programm. Im Theaterbild gesprochen ermöglicht dies, zweierlei zu unterscheiden: ein Begegnungsgeschehen, das "auf der Bühne" produziert wird von einem Begegnungsgeschehen, das jenseits davon stattfindet. Mit einem Wortspiel zwischen dem französischen und dem englischen Wort "stage" könnte man sagen: Jeder stage (Begegnungs-programm) passiert onstage und offstage.

Evaluationskriterien: In welchem Verhältnis stehen in einem Pro-gramm Aktivitäten "onstage" und "offstage"? Welche Möglichkeiten zu Bühnenauftritten bestehen für wen? Wie sehen die Abgänge aus?

3. Das Theaterbild legt nahe, von einer Rollenvielfalt in Begegnungsprogrammen auszugehen. Es gibt hier nicht nur die Rollen der TeamerInnen und der TeilnehmerInnen, es gibt auch Schauspieler und Zuschauer, Zaungäste und technisches Personal, Autoren und Regisseure. Auswahlkritierien: Wer nimmt sich welche Rollen, wer schreibt wem welche Rollen zu? Welche Rollenwechsel sind möglich? Wie wirken persönliche Bedürfnisse und institutionelle Gegebenheiten aufeinander ein? In jedem Fall wäre Rollenanalyse eine wichtige Dimension der Auswertung.

4. Das Theaterbild legt nahe, alle Beteiligten unabhängig von ihren jeweils besonderen Rollen als Mitproduzenten eines Prozesses der Begegnung zu betrachten. Begegnungen können natürlich weniger oder stärker vorstrukturiert sein. Sie können nach einem bestimmten Muster routinemäßig ablaufen. Dennoch ist jede Begegnung anders, weil sie jeweils von anderen Leuten produziert wird.

Evaluationskriterien: Wer war an welchen Ereignissen des gemeinsamen Programms beteiligt? Welche Ergebnisse im Sinne materieller oder immaterieller Produkte wurden dabei produziert? Welche Formen der Zusammenarbeit entstanden dabei?

5. Eine Inszenierung ist immer ein ästhetisches Produkt, und die Theaterkritik konzentriert sich vor allem darauf, die ästhetische Qualität dieses Produktes zu bewerten. Man kann abgelaufene Begegnungsprogramme sowohl insgesamt als Produktion eines gemeinsamen Erlebnisses unter ästhetischen Gesichtspunkten bewerten, als auch die Aufmerksamkeit auf die ästhetischen Produktionen richten, die in dieser Begegnung entstanden sind, z. B. Texte, Bilder, Filme usw. Natürlich ist dieser Gesichtspunkt hier nicht so dominant wie in einer künstlerischen Produktion, aber er sollte nicht unterschlagen werden. Kriterien: Wie kommt in dem Programm die Ästhetik der beteiligten Kulturen vor, z. B. die Ästhetik der Mahlzeiten, die Ästhetik des Umgangs mit der Natur, die Ästhetik der rhetorischen Kultur, die Ästhetik des Spiels?

6. In jedem Begegnungsprogramm spielen die Medien des interkultu-rellen Austausches eine prägende Rolle: z. B. das Potential an Zweisprachigkeit, die Möglichkeiten nonverbalen Ausdrucks, die Gemeinsamkeit von Erlebnissen, in denen sprachliche Verständigung nicht die dominierende Rolle spielt, die Medien der Visualisierung usw. Evaluationskriterien: Welcher Reichtum (welche Armut) an Medien für interkulturelle Aktivitäten ist vorhanden? Wie werden diese Medien genutzt? Wo ist erkennbar, daß die Medien in starkem Maß die Inhalte prägen? Welche Medien der Verständigung werden von Teilnehmern erfunden bzw. entdeckt?

7. Es versteht sich von selbst, daß Evaluation in der hier vertretenen Perspektive nicht nur objektive Daten und Beobachtungen enthalten kann, sondern auch subjektive Erlebnisse, Gefühle und Wertungen enthalten muß. Die Dokumentation subjektiver Erfahrungen, individuell bedeutsamer Ereignisse gehört dazu. Es geht dabei nicht nur um die berühmte Frage: "Was hat Ihnen gefallen, nicht gefallen?" Es geht vielmehr darum, gerade ein Stück der je besonderen, individuellen Begegnung mit anderer Kultur zu dokumentieren. Evaluationskriterien: Welche persönlichen Erlebnisse werden von den Beteiligten verbalisiert? Wie entwickeln sich Stimmungen und Gefühlslagen? Welche Affekte begleiten das Geschehen?

8. Von der bloßen Dokumentation subjektiver Erfahrungen ist die Selbstevaluation der Teilnehmer/innen zu unterscheiden. Wie bei einem Theatererlebnis kann ich diese Selbstevaluation nicht auf die platte Frage reduzieren: "Was hat mir die Begegnung gebracht?" Dennoch beinhaltet jede Selbstevaluation eine Reflexion auf den Zusammenhang zwischen den Erlebnissen im Begegnungsprogramm und der eigenen Alltagserfahrung. Evaluationskriterien: Welche Verknüpfungen stellen Teilnehmer zwischen ihren Alltagserfahrungen und den Begegnungsprogrammen her? Welche geknüpften Kontakte leben weiter? Welche anderen "Nachwirkungen" lassen sich feststellen?

 

Ende

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