Arbeitstexte de travail

EVALUATION INTERNATIONALER BEGEGNUNGEN

Inhaltsverzeichnis

 

 

1. Einleitung

Evaluation ist im deutsch-französischen Jugendaustausch kein Fremdwort. Seit der Gründung des Jugendwerkes sind viele Statistiken, Jahresberichte, Erfolgsbilanzen erstellt worden, die belegen, daß das DFJW in den über 30 Jahren seines Bestehens erfolgreich gearbeitet hat. Der Tätigkeitsbericht zum Jubiläumsjahr 1992 z. B. enthält einen ausführlichen statistischen Teil, dem zu entnehmen ist,
- daß seit Bestehen des DFJW 4.663.097 Teilnehmer in 161.496 Programmen gefördert worden sind;
- daß die vom DFJW geförderten Programme jährlich von ca. 156.000 TeilnehmerInnen genutzt werden, aufgeschlüsselt nach Nationalität, Programmarten, Herkunftsregionen, Altersgruppen etc.;
- daß die Zahlen nach einem Einbruch in den 70er Jahren seit 1980 kontinuierlich gestiegen sind und wieder den Stand der frühen Jahre erreicht haben, obwohl die Anfang der 1970er Jahre reduzierten Regierungsbeiträge zur Finanzierung nicht wieder das alte Niveau erreichten;
- und natürlich kann man sich hier wie auch in der neuesten Statistik im Tätigkeitsbericht 1993 über die quantitative Entwicklung und die Verwendung der über das DFJW zur Verfügung gestellten Fördermittel von derzeit ca 42,5 Mio. DM informieren:
- z. B. darüber, daß mehr Franzosen als Deutsche und mehr weibliche als männliche an den Programmen teilgenommen haben und beide Prozentzahlen in letzter Zeit gewachsen sind ;
- oder über die Verteilung der Mittel auf Länder/Akademien, auf die verschiedenen Förderungssparten (Schule, Berufsbereich, Jugend, Partnerschaften etc.) und anderes mehr.

Zu solchen Zahlen hinzu kommen in diesen Tätigkeitsberichten und anderen Formen der Öffentlichkeitsarbeit natürlich qualitative Evaluationen wie Beschreibungen und Würdigungen herausragender Aktivitäten, Pressespiegel und anderes.

Aber hausinterne Arbeitsbilanzen sind nur ein Teil der schon geleisteten Evaluationsarbeit. So hat das DFJW wiederholt quantitative Untersuchungen in Auftrag gegeben bzw. unterstützt, insbesondere in den Jahren 1976, 1985 und 1993 , die seine Arbeit und den Kontext deutsch-französischer Beziehungen zum Gegenstand hatten. Diesen Untersuchungen, die hier nicht im einzelnen referiert werden sollen, kann man z. B. entnehmen:
- daß heute (1993) die jungen Deutschen und Franzosen (mit nur geringen Unterschieden zur Gesamtbevölkerung) beide Länder nicht mehr als Feinde, sondern als aufeinander angewiesene Partner aber auch Konkurrenten sehen und im ganzen eine eher gute als schlechte Meinung vom anderen Land haben;
- daß es dabei aber auch Unterschiede gibt: Z. B. haben mehr Deutsche als Franzosen diese gute Meinung. Immerhin hält eine Minderheit von 17 % der jungen Franzosen die Deutschen noch für Feinde bzw. für eine Bedrohung, während das in Deutschland umgekehrt nur für 1 % gilt; und deutlich geringer ist die Zahl der Franzosen, die Lust hätte, im anderen Land zu leben, oder die tatsächlich schon dort waren (Studien von 1976 und 1985).
- Ebenfalls unterschiedlich - und im Ganzen weniger zufriedenstellend - ist der Bekanntheitsgrad und die Akzeptanz des DFJW selbst bei jungen Franzosen und Deutschen: Nur 12 % der Franzosen und 39 % der Deutschen hatten 1985 schon mal vom DFJW gehört; weniger als 1976 - und 16 % bzw. 28 % hatten 1993 dazu eine positive Meinung.

Wer sich mit solchen Zahlen nicht begnügen will und mehr an inhaltlicher/qualitativer Auswertung der Programme selbst interessiert ist, wird sich mit einer Fülle ganz andersartiger Evaluationsbemühungen befassen müssen: In den programmatischen "Richtlinien/Directives" des DFJW heißt es in der Präambel:
"Die vorliegenden Richtlinien sind als Wegweiser für die praktische Arbeit aufzufassen; sie müssen mit den Interessen der Jugendlichen konfrontiert und auf der Grundlage einer ständigen Auswertung der Programmergebnisse der Entwicklung dieser Interessen angepaßt werden" .

Als Umsetzung dieses Postulates sind zahllose Auswertungsberichte über Begegnungsprogramme geförderter Träger sowie über Experimental- und Ausbildungsprogramme entstanden. Dies setzt die Forderung der "Richtlinien" um:
"Jedes Programm soll gemeinsam ausgewertet werden. Das ist möglich durch einen Gruppenbericht, den Bericht des Leitungsteams und durch andere Formen der Auswertung (Befragung, Test, etc.)"

Dazu kommen Berichte über teilnehmende Beobachtungen und Auswertungen forschungsorientierter Programme, die sich im Laufe der Jahre in den Regalen der einschlägigen Abteilungen angesammelt haben. Nicht zu vergessen sind die Ergebnisse von Fachtagungen und Kongressen, welche durch das DFJW bzw. mit seiner Unterstützung zustandekamen; dazu eine Reihe von Arbeitstexten und Büchern sowie viele Einzelpublikationen, die praktische Erfahrungen der Begegnungsprogramme reflektieren. Damit wird zugleich der Forderung der "Richtlinien" entsprochen: "Das Jugendwerk soll die Auswertungen der Öffentlichkeit in geeigneter Form zugänglich machen" . Man kann durchaus sagen, daß all diese Auswertungen i.w.S. einen eigenen fachlichen Diskussionsstand einer reflektierten Pädagogik interkulturellen Lernens darstellen, den es ohne das DFJW nicht gäbe. Er begründet auf sehr vielfältige Weise die bleibende Notwendigkeit einer solchen Arbeit im Rahmen des DFJW und darüber hinaus.

Schließlich ist nicht zu vergessen, daß nicht nur das DFJW selbst - das ja in der internationalen Begegnungsarbeit primär vermittelnde Aufgaben hat - sondern auch seine Partner vielerlei Anstrengungen zur Evaluationen ihrer Programme unternehmen, auch wenn diese zumeist intern bleiben. Als Ausnahme im deutschen Bereich sind hier die sogenannten Breitenbach-Studien zu nennen, mit denen Ende der 70er Jahre versucht wurde, in Zusammenarbeit zwischen Jugendverbänden, dem Ministerium für Jugend, Familie und Gesundheit und einer Forschungsgruppe zu allgemeingültigen Beschreibungen der Bedingungen bzw. Barrieren erfolgreicher internationaler Jugendarbeit vorzustoßen.

Trotz dieser vielfältigen Bemühungen um Evaluation bleibt ein Unbehagen. Die verfügbaren Materialien lassen vielfältige Antworten auf die Frage zu, was und mit welcher Priorität in diesem Feld geschehen sollte. Sie geben aber kaum objektive Kriterien an die Hand, welche Antworten die richtigen sind. Daher kommt immer wieder der Appell, die Evaluationen selbst zu evaluieren, zu klären, was sie leisten können bzw. sollen und was nicht. Der folgende Beitrag dient diesem Ziel. Allerdings geht es dabei weder um Evaluation im Sinne einer Sichtung von quantifizierenden Erfolgsbilanzen, und auch nicht um den Versuch, über die vielen pädagogischen Bilanzierungen der Begegnungsprogramme ihrerseits Bilanz zu ziehen. Es geht eher um einen Schritt, der davor liegen muß: Nämlich darum, Reflexionen und Kriterien dafür zu entwickeln, was, von wem, auf welche Weise und mit welchem Ziel überhaupt evaluiert werden kann, wenn es um ein so komplexes Ziel wie internationale Begegnung und Verständigung geht.

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