EVALUATION INTERNATIONALER BEGEGNUNGEN |
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3. Welche Probleme impliziert "interkulturelle Arbeit" für die Evaluation? Am schwierigsten ist es vielleicht zu akzeptieren, daß es bei der Evaluation interkultureller Arbeit keinen festen, quasi objektiven Standpunkt geben kann, von dem aus man evaluieren kann. Und dies liegt in der Natur der Sache selbst, in dem Gegenstand "interkulturelle Arbeit" bzw. "Begegnung". Der "objektive" Standort z. B. eines Wissenschaftlers oder Gutachters setzt ja immer voraus, daß es von allen akzeptierte gemeinsame Regeln und Wahrnehmungsweisen gibt, die als Maßstab des Vergleichs dienen zwischen dem, was ist, und dem, was sein sollte. Kulturen sind ihrerseits nichts anderes als hochkomplexe Gefüge gemeinsamer Regeln und Wahrnehmungsweisen, deren Wirksamkeit den Beteiligten gerade deshalb kaum bewußt wird, weil alles so selbstverständlich ist. Das "Interkulturelle" hingegen beginnt genau dort, wo ein solches Gefüge auf etwas Fremdes, nicht dazu Passendes, anderes stößt. Welche Probleme sich daraus für die Evaluation interkultureller Arbeit ergeben, kann man sich klar machen, wenn man sich z.B. die Frage stellt, was geschehen muß, um die Begegnungsprogramme auf folgende Postulate der "Richtlinien" des DFJW hin zu "evaluieren": "Verständigung erfordert die Fähigkeit, die eigenen Interessen und die des Partners zu erkennen, sie abzuwägen und sich darüber offen auseinanderzusetzen und mögliche Konflikte auszutragen. Sie verlangt die Erkenntnis der eigenen und fremden Vorurteile, Selbstkritik und das Eingehen auf die Kritik des anderen. Solidarität und Zusammenarbeit setzen die Bereitschaft zur wechselseitigen Verantwortung in der Erkenntnis der gegenseitigen Abhängigkeit voraus." Von welchem Standort aus könnte oder sollte evaluiert werden, ob und wie solche Postulate in der Praxis der Begegnungsarbeit umgesetzt werden? Es gibt keinen denkbaren neutralen Ort, von dem aus Evaluatoren - vergleichbar den Schiedsrichtern internationaler Fußballspiele - entscheiden könnten, in welchen Programmen wer sich an diese Regeln hält (oder nicht hält), also "offene Auseinandersetzung", angemessene "Selbstkritik", "Bereitschaft zu wechselseitiger Verantwortung" etc. zeigt (oder vermissen läßt). Alle denkbare Urteile über solche erwünschten Verhaltensweisen sind vielmehr selbst kulturell geprägt und gebunden. Denn alle denkbaren EvaluatorInnen sind selbst ja im Fall des DFJW Deutsche oder Franzosen (genau wie die evaluierten TeilnehmerInnen, Animateure etc.) und können nur evaluieren, indem sie selbst die Kriterien erfüllen, anhand derer sie die Begegnungsprogramme messen wollen. Sie stehen nicht über den interkulturellen Lern- und Auseinandersetzungsprozessen, sondern sind Teil davon. Das Vorhaben, interkulturelle Arbeit zu evaluieren, ist insofern ein paradoxes Vorhaben, als Evaluation nach gängigem Verständnis immer die Existenz homogener, möglichst unstrittiger Maßstäbe und Betrachtungsweisen unterstellt, während es bei interkultureller Arbeit immer in irgend einer Weise um die Frage geht: Was passiert, wenn die scheinbar selbstverständlichen Maßstäbe und Betrachtungsweisen nicht mehr funktionieren? Dies bedeutet: Natürlich kann und sollte man evaluieren, wie viel, wie ausgewogen, wie zufrieden etc. junge Franzosen und Deutsche an internationalen Begegnungen teilnehmen, solange "viel", "ausgewogen", "zufrieden" etc. unstrittige Maßstäbe sind. Natürlich kann man evaluieren, welche Lernziele in diesen Begegnungen erreicht werden, wenn man sich auf die relevanten Lernziele vorher einigt. Natürlich kann man evaluieren, ob die genannten Forderungen der "Richtlinien" nach einer angemessenen Mischung von wechselseitiger Offenheit und Streitkultur mit wechselseitiger Bereitschaft zur Verantwortung erfüllt sind, sofern man sich auf Kriterien für die richtige Mischung einigt. Nur wird man man dabei unvermeidlich die Erfahrung machen, daß alle Kriterien und Definitionen für solche Ziele kultur- und standortgebunden unterschiedlich verstanden werden: Es sei denn, daß die Kriterien so allgemein bleiben, daß niemand ihnen widersprechen kann, so daß es sich um Leerformeln handelt. Und mit dieser Erfahrung fängt der Prozeß interkultureller Arbeit allererst an. Hier wird allerdings weder behauptet, die Patentlösung für das dargestellte Grundproblem interkultureller Evaluation geben zu können, noch behauptet, all die oben erwähnten beschriebenen Evaluationsbemühungen seien nichts wert, nur weil sie die Frage nicht beantworten können, wie interkulturelles Lernen systematisch gefördert werden kann. Vielmehr ist die These der folgenden Überlegungen, daß die Frage nach den möglichen Zielen von Evaluationen interkultureller Arbeit sorgfältiger als üblich gestellt werden muß und nicht immer schon als beantwortet vorausgesetzt werden sollte. Erst dann können die Fragen danach, unter welchen Bedingungen welche Ziele der Evaluation erreichbar sind, mit mehr Aussicht auf Erfolg gestellt werden. |