Arbeitstexte de travail

EVALUATION INTERNATIONALER BEGEGNUNGEN

Inhaltsverzeichnis

 

 

5. Evaluation als Suche nach sachgerechten Maßstäben

Das Kernproblem einer Evaluation interkultureller Arbeit, einer so komplexen zumal, wie sie in den vielfältigen Begegnungsprogrammen des DFJW und seiner Partner geleistet wird, kann man demnach in einer Frage zusammenfassen:

Wie ist es möglich zu evaluieren, wenn die Maßstäbe, anhand derer evaluiert werden soll, nicht vorgegeben sein können, sondern vielfältig, umstritten, komplex und offen sind und bestenfalls als Ergebnis der Evaluation nicht aber als ihre Voraussetzung geklärt werden können?

Man kann dies Problem natürlich dadurch bewältigen, daß man es leugnet. Man kann z. B. sagen: Wie ein Wirtschaftsunternehmen oder eine andere Organisation sich Ziele setzen, seine Produkte und deren gewünschte Qualität definieren kann, um diese Setzungen und Produktdefinitionen als Maßstäbe an die praktische Arbeit anzulegen, so könnte es im Bereich interkultureller Arbeit auch geschehen. Wenn es nur wahr wäre, daß das hochkomplexe soziale, kulturelle und psychologische Netzwerk, aus dem "interkulturelles Lernen" und "internationale Begegnung" entstehen, definiert und hergestellt werden kann wie ein industrielles Produkt!

Natürlich gibt es Ebenen, auf denen eine solche "technische" Betrachtungsweise sinnvoll ist. Keine Organisation, die effektiv sein will, kommt ohne sie aus. Wenn man allerdings "effektiv" in einem tieferen Sinn versteht, wenn man wirklich wissen will, was in den vom DFJW geförderten Programmen über subventionierten Jugendtourismus hinaus (und über die Vermittlung spezieller sprachlicher oder anderer Kompetenzen im Bereich von Berufsbildung, Schule, Universität, Sport, Kunst, Naturwissenschaften, etc. hinaus) geschieht - und wie es geschieht -, dann führt kein Weg an jener Frage vorbei.

Ich denke, daß Evaluation in diesem inhaltlichen Sinne praktisch möglich ist - und auch immer schon geschieht -, wenn die Praxis internationaler Begegnungen selbst als kontinuierlicher Lernprozeß aller Beteiligten verstanden wird, der sich gleichsam in einer evaluativen Haltung entwickelt. Aus dieser Sicht sollte bei allen an internationaler Begegnungsarbeit Beteiligten ein Verständnis von Evaluation vorhanden sein, das man in vier Thesen zusammenfassen kann:

1. Evaluation muß integraler und kontinuierlicher Bestandteil der Begegnungsarbeit selbst sein und darf nicht als sekundäres Anhängsel, als das, was am Schluß kommt, betrachtet werden.

2. Evaluation beschränkt sich nicht auf Statistik und auch nicht auf intellektuelle - schriftliche oder mündliche - Reflexion von Erfahrungen, sondern umfaßt ein weites Spektrum von Ausdrucksmöglichkeiten und kreativen Formen, in denen Erfahrungen, Entdeckungen, Enttäuschungen etc. gespiegelt und mitgeteilt werden können. Evaluation in diesem weitgefaßten Sinne hat vor allem zwei Ziele:

3. Zum einen ist Evaluation die Summe aller Bemühungen, in ein jeweils vorgesehenes "Begegnungsprogramm" die unvorhergesehenen, überraschenden, spontanen aber auch irritierenden und störenden Erfahrungen zu integrieren, die in interkultureller Arbeit unvermeidlich und notwendig auftauchen. Erst dort, wo solche Erfahrungen verarbeitet werden, findet im tieferen Sinne interkulturelles Lernen statt.

4. Zum andern ist Evaluation die Summe aller Versuche, die Erfahrung einer internationalen Begegnung mit den Alltagserfahrungen der TeilnehmerInnen zu verknüpfen. Jede Praxis internationaler Begegnung, die zum interkulturellen Lernen beitragen will, lebt davon, daß eine fruchtbare Spannung entsteht zwischen den eigenen Erfahrungen, Vorstellungen, Gewohnheiten etc., die Teilnehmer mitbringen und den fremden, ungewohnten, manchmal neugierig und manchmal unsicher machenden Erfahrungen, auf die sie in der Begegnung stoßen. Alles, was hilft, diese Spannung zugänglich zu machen, alles was Lust macht, sie zu erkunden, ist Evaluation.

Im folgenden werden drei der in der o. g. Forschungsgruppe entstandenen Textauszüge dokumentiert, die auf unterschiedliche Weise diskutieren, was es heißt, sich einer Evaluation mit offenen Zielen zu stellen, und weshalb eine solche in der interkulturellen Arbeit unentbehrlich ist.

- Hans Nicklas diskutiert den schon angesprochenen Gedanken, daß interkulturelle Begegnung in sich selbst schon den Charakter von Evaluationsprozessen in "Versuch und Irrtum" habe und daß die Aufgabe von Evaluation sei, dies explizit und kommunizierbar zu machen.

- Jacques Demorgon diskutiert eine ähnliche Sichtweise am Beispiel des gängigsten Zieles von internationalen Begegnungen, der Arbeit an gegenseitigen "Vorurteilen".

- Mein eigener Beitrag vergleicht die Art der Ziele, die in internationaler Begegnungsarbeit verfolgt werden können, mit den Zielen, die normalerweise mit schulischem Lernen verbunden werden.

Prof. Dr. Hans Nicklas

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