Arbeitstexte de travail

EVALUATION INTERNATIONALER BEGEGNUNGEN

Jacques Demorgon, maître de conférences, Université de Reims

Inhaltsverzeichnis

 

 

INTERNATIONALE UND INTERKULTURELLE BEGEGNUNGEN:
FÜR EINE EVALUATION DESSEN, WAS TATSÄCHLICH GESCHIEHT

Übersetzung aus dem Französischen von Gernot Glaeser

Gliederung

1. Ein Irrweg: Vorgeben, die Begegnung evaluieren zu wollen, ohne zu definieren, was dabei eigentlich vorgeht. Ein wirklicher Weg für die Begegnung und ihre Evaluation: vom einfachen "Kontakt" zur Kooperation.

2. Von einer vereinfachenden ideologischen zu einer komplexen wissenschaftlichen Sicht der bei einer Begegnung ablaufenden Prozesse. Beispiel: Die Dynamik der Beziehung zwischen Öffnung und Abschottung.

3. Begegnung mit oder ohne "Anders-Sein"

4. Theoretische Grundlagen für die Evaluation von Begegnungen

5. Adaptive Funktionsmechanismen operationalisieren, um ihren Einsatz in der Begegnung zu evaluieren.

 

1. Ein Irrweg:
Vorgeben, "die Begegnung" evaluieren zu wollen, ohne zu definieren, was dabei eigentlich vorgeht. Ein wirklicher Weg für die Begegnung und ihre Evaluation: Vom einfachen "Kontakt" zur Kooperation.

Beurteilen, ohne gesehen zu haben, ohne zu kennen - dies ist die klassische Bedeutung des Vorurteils-Begriffes. Mittlerweile weiß man allerdings, daß die Tatsache des Sehens, des Kennens, des Sich-Begegnens schon vorhandene Vorurteile verstärken bzw. neue schaffen kann.

In der Sozialpsychologie liegen zahlreiche Untersuchungen zu diesen Fragen vor. Die ersten gehen auf G.W.ALLPORT zurück und stammen aus den 1950er Jahren.

Es ist nicht der Kontakt als solcher, der auf wundersame Weise das Verschwinden von Vorurteilen bewirkt. Es gibt bestimmte Formen des Kontaktes, die dies bewirken können, aber es gibt auch andere, die gar zu einer Verstärkung von Vorurteilen führen. Vor allem muß man hier die verschiedenen Ebenen unterscheiden, auf denen die Erfahrungen beim Menschen ihren Ort haben können.

Denn es ist so, daß die Vorurteile gegen eine bestimmte Person aus einer Gruppe durch regelmäßigen Umgang mit dieser Person verschwinden können, während sich zugleich komplementär dazu die Vorurteile gegen die übrigen Gruppenmitglieder verstärken können.

Ein Fortschritt der objektiven Wahrnehmung kann sich auch hinsichtlich der Gesamtheit einer kleinen Gruppe einstellen und sich doch nicht in gleichem Maße auf die Gesamtheit aller Staatsangehörigen auswirken, aus denen diese kleine Gruppe besteht.

Es ist gleichfalls wichtig, diese Ebenen von einzelnen Personen und Gruppen unter einem makrosozialen Gesichtspunkt wieder zusammenzuführen.Wir wollen damit sagen, daß sich Vorurteile nicht nur auf der Ebene der Beziehungen zwischen Personen und Gruppen ansiedeln, sondern auch Bestandteil interner Strategien einer Nation bzw. der Beziehungen zwischen Nationen und Staaten sind. In Frankreich ließ sich kürzlich beobachten, wie sich plötzlich - anstelle einer häufig, kritischen Betrachtungsweise - eine zustimmende Haltung zu den Konzeptionen und den praktischen Modalitäten der Lehrlings-ausbildung in den deutschen Betrieben entwickelte. Zu dem Moment wurden andere, in der Vergangenheit hervorgehobene Tatsachen verdeckt (der Staat als Republik, der die Neutralität der Ausbildung der (Staats)Bürger gegenüber privaten Unternehmen verbürgt). Zugleich wurden andere Tatsachen hervorgehoben, die ihrerseits in der Vergangenheit verdeckt blieben (daß diese Ausbildung zu allgemein und den tatsächlichen Bedürfnissen der Unternehmen nicht hinreichend genug angepaßt war).

Häufiger als früher wird die Idee hervorgebracht, daß in gewissen Situationen und unter bestimmten Bedingungen der Kontakt nicht ausreicht, um Vorurteile "abzubauen", sondern daß er diese sich geradezu entwickeln läßt. Das beruht nicht unbedingt auf einer besseren Erkenntnis, die aus einigen experimentellen Arbeiten gezogen werden könnte. Wenn sich eine bestimmte Öffentlichkeit eilfertig eines Teilergebnisses bedient, um dieses überzubetonen, dann steckt dahinter die Idee, daß es besser wäre, jeder bliebe bei sich zu Hause, um Vorurteile zu vermeiden. Die ideologische Benutzung eines wissenschaftlichen Teilergebnisses durch andere darf aber auch nicht dazu führen, überhaupt keine Schlüsse aus diesem Resultat zu ziehen.

Der interkulturelle Kontakt sollte nicht so betrachtet werden, als beinhalte er automatisch in sich selbst schon positive Auswirkungen (Abbau der Vorurteile) bzw. negative Konzequenzen (ihre Verstärkung). Es ist jedes Mal notwendig, mehr zu wissen über die Art der Kontakte, welche die institutionell Verantwortlichen intendieren wollten und welche Art von Kontakten die betroffenen Zielgruppen tatsächlich hergestellt haben.

Der Kontakt ist weder ein Mittel als solches noch Selbstzweck: er ist eine Grundlage, deren Sinn sich je nach dem tieferliegenden Willen der Einzelnen unterschiedlich - mit restriktiven oder konstruktiven Perspektiven - gestalten kann. Was in einer Gesellschaft von den verschiedenen offiziellen oder hoch angesehenen Bewertungs- und Meinungsbildungsinstanzen als Grundwerte oder nicht betrachtet wird, bleibt nicht ohne Einwirkung auf die Orientierungen von Wahrnehmungen und Wertschätzungen innerhalb einer anderen benachbarten und beeinflußbaren Nation.

Vor allem aber darf man nicht bei Wahrnehmungs- und Wertungsaspekten verharren, die auf nur äußerlich bleibenden Kontakten beruhen. Man muß auch solche viel aktiveren Kontakte in die Betrachtung einbeziehen, die zu Kooperationen führen. Diese ermöglichen in der Folge konkret geteilter Situationserfahrungen ein vertieftes Verständnis der anderen.

Wenn heutzutage manche Leute behaupten, der Kontakt könne auch Vorurteile entwickeln, so nicht deshalb, weil es sich um einen besonders sachgerechten Gedanken handelt - ganz im Gegenteil, es handelt sich um eine "strategische" Idee, die auf die Verläßlichkeit von "Non-Kontakt"-Lösungen schließen ließe. Der entgegengesetzte Standpunkt ist mit Sicherheit ebenso strategisch.

Es ist also nicht der Kontakt als solcher, der Vorurteile verstärken oder abbauen kann: Entscheidend ist der unbewußte bzw. strategisch begründete Wunsch, was aus dem Kontakt bzw. Nicht-Kontakt entstehen soll.

Zwischen diesen beiden Haltungen konnte man gar Positionen sich entwickeln sehen, welche darauf abzielen, zwei soziale Ensembles nebeneinander bestehen zu lassen und jedes gegen den Einfluß des anderen abzuschirmen. Aus der Ethnologie kennen wir ergreifende Beispiele. Es ließen sich sogar Handelsstrategien zwischen zwei Stämmen beobachten, die versuchten, jeglichen Kontakt auszuschließen. Ort und Zeitpunkt des Austausches wurden unterstellt, die Gefahr heftiger Gewaltausbrüche mit-sich-zubringen. Die Lösungen, die gewählt werden, um dies zu verhindern, können sehr zwanghaft sein. Beispielsweise können die Tauschhändler gezwungen werden, ihren Handel in völligem Schweigen zu vollziehen. Im Extremfall kommen sie überhaupt nicht in Kontakt. Man kennt den Fall jener Völker, von denen eines über's Meer kommt, seine Produkte am Strand ablegt und sich wieder auf hohe See zurückzieht. Später kehrt es dann wieder zurück, um die Produkte zu holen, die von den Mitgliedern des anderen Volkes zwischenzeitlich als Gegenleistung dort deponiert wurden .

Es wäre ein wenig einfach, sich vorzustellen, daß all dies seit langem in den gegenwärtigen internationalen Handelskontakten überholt sei. Gewiß man trifft sich, der Kontakt ist in der Regel einfacher, aber er stellt nicht unbedingt Verständnis her. Redet man wirklich miteinander? Wenn ja, hört man sich auch wirklich zu?

Dank verschiedener Felduntersuchungen verfügen wir über zahlreiche Beispiele, aus denen die Schwächen dieser Kommunikation deutlich werden. So ist es z. B. einer französischen Filiale eines bedeutenden deutschen Chemieunternehmens, die als Kunden einen großen französischen Automobilhersteller hatte, nicht gelungen, den Wunsch und die vorgetragene Begründung für eine Veränderung der gelieferten Farbe zu "hören". Dieses Problem, wenn es als ein rein technisches betrachtet worden wäre, hätte objektiv ziemlich leicht mit einer Vereinbarung gelöst werden können. Aber für die deutsche Firma ist das Qualitätskriterium ihrer Erzeugnisse so groß, daß ihr eine Verminderung unvorstellbar erscheint.

Die Arbeit mit Betrieben, hier die aus den national geprägten Kulturen entstandenen Vorurteile zu überwinden, ist eine ganz neue und schwierige Aufgabe, die bisher nur wenigen bewußt ist, auch wenn erste Untersuchungen sich auf diesem Gebiet entwickeln.

Den Kontakten von vorneherein einen sinnstiftenden Charakter zu geben, bedarf einer großen Arbeit, aber diese Arbeit gewinnt noch an Bedeutung, wenn es darum geht, diesen sinnstiftenden Charakter auch für die Zukunft zu bewahren. Die Frage, die sich jedes Mal wirklich stellt, heißt deshalb: Welche Prozesse laufen tatsächlich ab? Wofür? Und wie gestalten sie sich?

 

2. Von einer vereinfachenden ideologischen zu einer komplexen wissenschaftlichen Sicht der bei einer Begegnung ablaufenden Prozesse.
Beispiel: Die Dynamik der Beziehung zwischen Öffnung und Abschottung.

Es scheint angebracht, sich nicht von der einen ideologischen Position (der Behauptung, die Begegnung verstärke die Vorurteile) in die genau entgegengesetzte Position (die Behauptung, sie baue die Vorurteile ab) zu stürzen. Der entscheidende Punkt, der sich hier ergibt, ist gerade der, daß die Begegnung - je nachdem, was dabei geschieht - ebenso gut zu dem ersteren wie zu dem letzteren Ergebnis führen kann. Daher lautet die Frage: Wie ist die Begegnung zu konzipieren, damit sie zu den von uns gewünschten Resultaten führen kann? Und das heißt, zu einem besseren Verstehen aufgrund und zugunsten einer besseren Kooperation zu gelangen.

Dies bedeutet, daß es nicht sinnvoll sein kann, die Evaluation einer Begegnung in Angriff zu nehmen, ohne zuvor festgelegt zu haben, welches die (vermuteten oder ausgesprochenen) Ziele und die sich daraus konsequenterweise ergebenden Abläufe sind.

Heißt das Ziel vor allem, Vorurteile zu unterdrücken und zu reduzieren? Und wenn, warum dann nicht einfach, indem jeder zu Hause bleibt, im Schutze seiner befestigten Grenzen? Man sollte diese Frage nicht allzu übereilt zurückweisen. Viel zu leicht läßt man sich hinreißen von der Idealisierung wünschenswerter, guter Beziehungen zwischen Einzelnen und Gruppen unabhängig von ethnischen und nationalen Zugehörigkeiten.

Es liegt auf der Hand, daß während der Begegnung jeder einzelne seine persönlichen Charakteristika zum Ausdruck bringen können muß. Daher soll die Begegnung nicht die individuellen oder kollektiven Identitäten direkt angreifen, die durch diese je persönlichen Ausdrucksweisen einander ja ebenfalls "begegnen". Sie kann auch die Empfindungen, die mit interkulturellen Schocks verknüpften Gefühle nicht ausklammern. Selbst dann nicht, wenn all diese Affektivität den Nährboden darstellt für alte oder neue Vorurteile. Welche negativen Langzeitfolgen auch immer eine Begegnung möglicherweise haben könnte oder tatsächlich hat, die letztliche Schlußfolgerung kann nicht sein, jegliche Begegnung zu verhindern.

Wenn wir dies hervorheben, so deshalb, weil auch heute noch segregationistische oder einfach isolationistische Tendenzen hier wie dort extrem stark vorhanden sind. Man verdammt diese Haltungen, ohne sich zu fragen, woher sie ihre Kraft beziehen, ohne sich bewußt zu machen, daß ihre Wurzeln in einem zutiefst natürlichen Funktionsmechanismus des Menschen liegen. Jeder Pol der Existenz - persönlich, institutionell, regional, national - muß notwendigerweise seine Öffnung und seine Abschottung mit seiner Umwelt ausbalancieren.

Wenn eine Begegnung auf die Verstärkung von Vorurteilen hinausläuft, ist dann nicht diese Verstärkung tatsächlich das Symptom eines Mangels an Möglichkeiten, sich in eine gewisse, in dem gegebenen Moment notwendige Abgeschlossenheit zurückzuziehen? Eine vereinfachende Evaluation von Begegnungen hätte das Problem in die Begriffe von Gut (Öffnung) und Schlecht (Abschottung) kleiden können: Eine erfolgreiche Begegnung wäre dann die, aus der die Menschen offener hervorgehen. Das ist klar, es ist einfach, und man begegnet dieser Vorstellung häufig: "Die Vorurteile überwinden, sich für die Kenntnis des Anderen öffnen." Wer so denkt, vergißt die Hälfte des Problems. Tatsächlich ist das, was als Abschottung angeklagt wird, ganz genauso notwendig und bildet sogar die Grundlage, auf der erst eine Öffnung bewerkstelligt werden kann. Es handelt sich hierbei um zwei entgegengesetzte Ausrichtungen, die für unsere Anpassung gleichermaßen unverzichtbar sind. Die Biologen haben dafür zahlreiche, sehr anschauliche Beispiele, wie etwa in A.BOURGUIGNONs "L'homme imprévu".

Wir sollten dieses Vorurteil aufgeben, welches die Öffnung auf- und die Abschließung abwertet, obgleich doch das eine seinen wirklichen Sinn immer nur durch das je andere erhält. Es ist vielmehr ihre Interdependenz, die zu definieren und zu evaluieren wäre.

Evaluieren, ohne die Komplexität der Anpassung zu bestimmen, das heißt, die Evaluation einzig aufgrund von Karrikaturen, von zurechtgebogenen und falschen Gegebenheiten zu betreiben. Wozu soll es denn gut sein, Menschen auf irgendeiner Startlinie aufzustellen, um sie dann auf einer Ziellinie zu beurteilen, etwa aufgrund der Öffnung für den Anderen, die sie zustandegebracht haben, obwohl doch diese Öffnung, wenn sie nicht einhergeht mit der Gewißheit, daß es auch Abschließung gibt, nichts weiter ist als ein äußerer Anschein. In der Begegnung kann sie zum Ausdruck gebracht werden, sie kann sogar gezielt thematisiert werden, darüber hinaus aber wird sie später, außerhalb des privilegierten Milieus der Begegnung selbst, durch die Tatsachen leicht widerlegt werden können. Man müßte sich also vielmehr um eine Evaluation von Gleichgewichtsfindungsprozessen bemühen, durch die es den Einzelnen ermöglicht wird, sich im Laufe der Begegnung zwischen zahlreichen Verschließungen und zahlreichen Öffnungen anzupassen. Und durch welche Lernprozesse ist ihnen dies möglich geworden? Dank welcher Hilfsmittel und Erleichterungen?

Dabei geht es auch nicht um eine Öffnung im allgemeinen oder eine Abschottung im allgemeinen, sondern um ihre unterschiedlichen Regulierungen in den verschiedenen Bereichen des Handelns und der Repräsentationen, die sich während der Begegnung entwickeln.

Der Einfallsreichtum bei den Problemlösungen der einen und der anderen, das Wiederauftreten von Mißerfolgen hier oder dort - dies ist die interessante und tiefgehende Evaluationstätigkeit, die es lohnt, daß wir uns mit ihr befassen.

 

3. Begegnungen mit oder ohne "Anders-Sein"

Notwendig ist also eine neue Sicht der Dinge.

Die Begegnung, freiwillig oder unfreiwillig, von guter oder schlechter Qualität (?), wird in Zukunft ein Teil des gemeinsamen Schicksals der Menschen sein, die in der gegenwärtigen Epoche der Globalisierung leben. Daher geht es gar nicht um eine Bewertung, ob die freiwillige Begegnung wünschenswert ist oder nicht, ob gewinnbringend oder nicht. Es geht im Gegenteil darum, an ihrer positiven Umformung zu arbeiten, so daß sie für die unfreiwilligen Begegnungssituationen nützlich sein kann, die sich auf irgendeine Art und Weise ständig ergeben.

Wenn Vorurteile durch irgendeine besondere Begegnung verstärkt werden, so heißt das, daß der entsprechende Typ von Begegnung einer genauen Prüfung unterzogen werden muß - und nicht, daß Begegnung im allgemeinen verhindert werden muß.

Die Vorurteile werden nicht verstärkt, weil man nach der Begegnung geurteilt hat ("Nach-Urteil"), sondern im Gegenteil: Weil man - trotz der Begegnung - weiterhin unfähig bleibt, richtig zu urteilen (Fehlurteil).

Aber warum ist das schließlich so schwierig? Warum verbleiben solche Vorurteile, die durch eine Begegnung abgebaut werden sollten? Es wird nicht genügend beachtet, daß wir schon in unserer Sozialisation von vorneherein gewollt oder ungewollt in unseren Orientierungen eine positive oder negative Denkeinstellung zu dem einen oder anderen Land, zu der einen oder anderen Nationalität, einer gesellschaftlichen Gruppe, zu bestimmten Personen vermittelt bekommen. Aber das, was sich während dieser Sozialisationsprozesse hergestellt hat, kann nicht einfach mit einem Vorurteil gleichgesetzt werden. Denn dieses wirkt auch auf der kognitiven Ebene als Muster einer bestimmten Klassifizierung oder gleichsam sowohl auf der kognitiven und affektiven Ebene als Muster der Identifikation bzw. der Gegen-Identifikation. Ein Vorurteil soll abgebaut werden, ohne dabei zu beachten, daß es "hautnah" geht und sich tief im Innern unseres Handelns, in dessen Energie spendenden und affektiven Grundlagen unserer Vorstellungswelten von uns selbst und den anderen ansiedelt. Dieses Gewebe zu entschlüsseln und es anders und neu zu gestalten, ist keine geringfügige Angelegenheit, die sich mit kurzfristigen Einflüssen anläßlich gelegentlicher Begegnungen auflösen ließe. Wenn eine Person ihr Vorurteil aufrechterhält, weiß sie ziemlich diffus, daß sie es aus zweitrangigen Gründen beibehält. Was es für sie hauptsächlich zu bewahren gilt, ist die Handlungsfähigkeit, die sie sich auch anläßlich der Herausbildung dieses Vorurteils "erworben" hat. Sie weiß nicht, ob sie fähig ist, sich anderen Inhalten anzuschließen. Jemanden sein/ihr Vorurteil "verlieren" zu lassen, geschieht aus guter Absicht, aber zugleich ist es dann auch notwendig, darauf hinzuwirken, daß man/frau nicht gleichzeitig seine/ihre Bezugs- und Identifikationsbezüge verliert, die seine/ihre Welt und seine/ihre Selbstwertschätzung ausmachen.

Ein häufig begangener Irrweg besteht darin, daß Alltagswissen gleichgesetzt wird mit einer empirischen Wissens- und Handlungskonzeption.

Dieser Auffassung zufolge wäre es hinreichend, dem Anderen de facto und leibhaftig zu begegnen, und sogleich wäre das Vorurteil gegen ihn damit überwunden. Dem ist ganz und gar nicht so, denn der Andere ist nicht einfach eine Gegebenheit, die wahrgenommen wird, sondern eine Realität, die durch unsere eigene kulturelle, ethnische und nationale Persönlichkeit konstruiert wird.

Daher ist die "wirkliche" Begegnung, diejenige, die allein diese Bezeichnung verdient, die Begegnung mit dem Anders-Sein. Und diese Begegnung kann sich nur aufgrund gewisser Veränderungen unserer üblichen Handlungsweisen vollziehen. Dabei ist es möglich, unter drei Veränderungsebenen zu unterscheiden.

Einerseits ist es notwendig, gewisse Momente des Nicht-Verstehens bestimmter Verhaltensweisen der anderen zu durchlaufen und diese Phasen zu akzeptieren.

Danach ist es wichtig, unserer eigenen Besonderheiten im Verhalten bewußt zu werden sowie auch der Tatsache, daß sie uns auch als einen Anderen definieren und nicht als das "universale Wesen", das wir zu sein glauben. Diese Besonderheiten, die uns eigen sind, müssen wir auch noch fähig werden, als solche wahrzunehmen, als etwas, was zu dem Moment für andere unverständlich ist. Eine wirkliche Begegnung kann nur als Begegnung einer grundsätzlich doppelt akzeptierten Alterität stattfinden.

 

4. Theoretische Grundlagen für die Evaluation von Begegnungen

Wir wollen das Problem unter vier Perspektiven beleuchten.

  • Die erste Perspektive ist die der drei Lernniveaus, wie sie der Amerikaner Gregory BATESON, der Theoretiker der systemischen Kommunikation und Begründer der kalifornischen Schule von Palo Alto, vorgestellt hat.
  • Anschließend wenden wir uns der Perspektive jener beiden antagonistischen Prozesse zu, die unsere adaptiven Funktionen ermöglichen, wie sie von dem Schweizer Psychologen Jean PIAGET definiert wurden.
  • Ferner werden wir uns in dem vorliegenden Text der Transaktionsanalyse Eric BERNEs sowie seiner vier fundamentalen Seinshaltungen bedienen.
  • Schließlich entwickeln wir in einem zweiten Text, der den vorliegenden ergänzt, die "Ziele und Methoden der Evaluation von Kommunikation in der deutsch-französischen Begegnung".

 

1) Die drei Lernniveaus BATESONs dürfen in der Evaluation einer internationalen Begegnung nicht durcheinander gebracht werden.

Auf dem ersten Niveau finden wir eine einfache Aufschlüsselung und Wiederzusammenfügung tatsächlicher Gefühle, Praktiken und Verhaltensweisen, jedoch noch nicht ihrer Referenzgrundlagen. Man fand den Anderen wenig attraktiv, beunruhigend oder richtig unsympathisch. Die mit ihm unternommenen Aktivitäten während der Begegnung lassen ihn uns nun interessant, beruhigend, sympathisch finden.

Auf dem zweiten Lernniveau geht es darum, die Referenzgrundlagen unseres Verhaltens und unserer Urteile neu zu überdenken. Wie wir schon gesehen haben, wissen wir beispielsweise nun, daß Offenheit, anstatt naiv aufgewertet zu werden, stets in komplexen, ausgewogenen Verhältnissen mit Abschottung verbunden sein muß. Daher müssen wir Verschließung bei uns selbst oder bei den Anderen nun nicht mehr ausschließlich abwertend betrachten.

Auf dem dritten Lernniveau werden die Referenzen unserer Persönlichkeitsbildung selbst wieder überdacht. Unsere Beziehung zur Welt, zum Anderen und zu uns selber wird dadurch verändert. So kann uns ein solches Lernen etwa dahin führen, künftig nicht mehr in einer auf unsere eigene Region und eigene Nation beschränkten Existenz, ohne Referenz auf die anderen und ihre Kulturen zu leben. Dabei handelt es sich nicht um ein einfaches Hinzufügen von Interesse und Kenntnis, sondern um eine permanent gewordene Referenz auf Merkmale und Handlungsweisen, die von den eigenen abweichen.

Ein zweites, einfacheres und gängigeres Beispiel: Teilnehmer an solchen Begegnungen, die im Rahmen forschungsorientierter Zyklen über eine gewisse Regelmäßigkeit in ihren Treffen und über eine gewisse Dauer verfügen, haben eine Entwicklungsstufe erreicht, die nur anscheinend einfach ist. Es ist ihnen gelungen, sich in einem weiterhin bestehenden Nichtverstehen einzurichten, auch in solchen Bereichen, in denen sie dies früher um jeden Preis zu vermeiden suchten, ohne dabei jedoch auch den Wunsch nach einer Auflösung dieser Situation zu verlieren, sobald sich die Gelegenheit dazu bietet.

In internationalen und interkulturellen Begegnungen kann dies gelegentlich in den ausbildungs- und forschungsbezogenen, experimentellen Begegnungen entstehen, weil sie sich über einen längeren Zeitraum mit regelmäßigen Treffen vollziehen.

Heute sind solche Phänomene durch die derzeitigen Bedingungen der internationalen Entwicklung häufiger als früher.

Das gegenwärtig beeindruckendste Beispiel ist das der Deutschen aus der früheren DDR, die einer vollständigen Umwälzung der wichtigsten ihrer gewohnten Persönlichkeitsstrukturen und Bezüge gegenüberstehen.

Bislang hat man das Lernen auf diesem dritten Niveau zumeist im Hinblick auf den Bereich spiritueller Krisen und religiöser "Bekehrungen" aufgefaßt.

 

2) Nach dieser Bezugnahme auf BATESON wollen wir die Anpassung nun vom Standpunkt der PIAGET'schen Formulierung aus betrachten.

Demnach gibt es Anpassung nur durch die Funktionsweisen jener beiden inversen Prozesse, welche die Akkomodation und die Assimilation darstellen.

Durch die Akkomodation werde ich selbst durch die äußere Welt verändert, die mir ihre Struktur aufzwingt. Ich akkomodiere mich an sie. So ist meine Pupille zur Verengung oder Erweiterung gezwungen, je nach der Intensität des umgebenden Lichtes.

Durch die Assimilation verändere ich die äußere Welt entsprechend meinen eigenen Strukturen. Ich assimiliere sie an mich. So etwa Nahrungsmittel, die ich zu mir nehme und die so zu meiner eigenen Materie und meiner eigenen Energie werden.

Der Begriff "Assimilation" wird hier in seinem objektiven Sinne gebraucht, insofern er der Physiologie entlehnt und in dem gleichen Sinne von Piaget übernommen und auf die Psychologie angewandt worden ist. Es ist bekannt, daß dieser Begriff in der Soziologie - auf die Einwanderung angewandt -, die stark von Ideologien geprägt ist, eine abwertende Akzeptanz erhält. Ein Substitut ist der Begriff der "Integration". Dadurch wird die Verwirrung der Begrifflichkeit nur noch stärker. Wenn in der Tat, "Integration" die Bedeutung der "Assimilierung" des Anderen an unsere Kultur erhält, dann sollten wir so offen sein, das Wort "Assimilation" auch zu verwenden. Wenn mit "Integration" die Integration zweier Kulturen bezeichnet werden soll, dann sind die Beispiele dafür sehr selten.

Wir betrachten hier Assimilations- und Akkomodierungsprozesse von ihren Grundlagen aus, aber sie gestalten sich gleichermaßen auf höheren Ebenen der Komplexität, wie dies z.B. bei einer Begegnung mit Teilnehmern einer anderen Nationalität und einer anderen Kultur der Fall ist.

Eine Begegnung bedarf notwendigerweise eines mehr oder weniger ausgewogenen "Managements" von Akkomodation (Veränderung des Selbst unter dem Einfluß des Anderen) und der Assimilation (Veränderung des Anderen unter dem Einfluß des selbst) im Bezug auf diesen oder jenen Bereich des während der Begegnung gelebten Wahrnehmens und Handelns. Die Beobachtung und die Analyse dieses "Managements" könnte Gegenstand einer Evaluation sein, die zugleich erhellend und wahrhaft lehrreich ist.

Wir haben bereits betont, daß - entgegen dem empiristischen Vorurteil - die Tatsache der Begegnung alleine noch nicht implizieren kann, daß man die Personen, denen man begegnet, in Zukunft stets richtig wird beurteilen können.

Die während einer Begegnung gelebten Interaktionen werden erlebt als einfache Momente gelegentlicher zwischenmenschlicher Beziehungen. Das Vorhaben, den Anderen und sich selbst bis hin zu den kulturellen Wurzeln kennenzulernen, kann nur ein seltenes, frei gewähltes Projekt bleiben, bei dem eine gemeinsame Teilhabe schwierig ist. Im Gegenteil dazu, ist es eher geläufig, daß die aus der Unkenntnis des Anderen heraus entstandene Angst nicht überwunden wird. Personen handeln, aber der Andere kann zu einem Hindernis für ihr Projekt werden. Diese Personen werden dann in ihren Handlungsweisen kognitive und affektive Aspekte reaktivieren, die allerdings dem Zufall und der jeweiligen Ordnung ihres Erlebten überlassen bleiben. Dies führt je nach ihrer Anlage und ihren Verknüpfungen zu Beziehungen der Zusammenarbeit oder aber zu Divergenzen und Konflikten.

Die beiden klassischen Beziehungsmodelle (nach Bateson und Piaget), die wir ins Gedächtnis gerufen haben, berücksichtigen alle Aspekte der Aktivität von Personen in der Begegnung. Es geht hier nicht darum, einfach zu bewerten, ob sie hinsichtlich des erörterten Themas oder der vorgeschlagenen Aufgaben oder Spiele aktiv waren oder nicht, sondern ob (und wie) sie es waren im Hinblick auf die Tatsache, daß ein Anders-Seiendes in ihrer Begegnungsumwelt zum Anderen und zu Sich-Selbst gegenwärtig war. Diese vom Anders-Sein ausgehende Arbeit beinhaltet zugleich mit dem Handeln im eigentlichen Sinne auch Wünsche und Emotionen, aber gleichfalls auch ein "erkenntnisleitendes Interesse".

In der Praxis des internationalen und interkulturellen Austauschs ist Intelligenz ganz besonders wichtig, nur bedarf sie als Informationsquelle einer wirklich kritischen Kultur sowie das Erwachen von Phantasie. Sie kann nicht durch Wahrnehmung und Gewohnheiten, sogar noch weniger durch Gewöhnung ("Konditionierung") ersetzt werden, auch wenn dies gelegentlich viel einfacher erschiene.

 

5. Adaptive Funktionsmechanismen operationalisieren, um ihren Einsatz in der Begegnung zu evaluieren.

Eine Evaluation von Entwicklungsprozessen sollte nicht als Evaluation von angestrebten Ergebnissen aufgefaßt werden. Es werden weder Personen noch Ergebnisse evaluiert, sondern Verhaltensweisen. Diese entstehen auf der Grundlage antagonistischer Prozesse , die wir also kennen müssen, z.B. "Öffnungen - Verschließungen", "Einheit - Vielfalt", "Akkomodation - Assimilation", "Augenblick - Dauer", "Veränderung - Kontinuität" usw.

Dann könnten wir 1. die Geschichte der persönlichen Erfahrung, die vom anekdotischen zum semantischen Gedächtnis führt, und 2. die Theoretisierung, die der Wiederholung und der Komplexität von Situationen und Verhalten Rechnung trägt, verbinden. Dies gilt nicht nur für die Beziehungen zwischen den Personen während der Begegnung, sondern auch auf der soziologischen Ebene für das Verhältnis zu ihrem Umfeld.

Damit wäre die Begegnung Produzentin von Wirklichkeits- und von Werturteilen, die durch die gemeinsamen Handlungen, die Ko-Operationen der Personen entstehen, die in ihren externen und internen - und teilweise geteilten - Umwelten am Werk sind. Sie kann nicht unabhängig von bestimmten Gleichgewichten evaluiert werden, nach denen Menschen gemeinsam streben.

Die Evaluation der Begegnung muß sich auf den Reichtum und die Kohärenz dieser Funktionen stützen. Sie sind es, die es - entsprechend verbessert - anderen internationalen und interkulturellen Begegnungen erlauben können, ihre Dynamik und Fruchtbarkeit leichter zu entfalten.

Solche Evaluationen sollten also ganz klar von Gegensatzpaaren ausgehen, die die Grundlage von Differenzen im Umgang mit Schwierigkeiten darstellen. Hier noch einige weitere davon, auf die im einzelnen zurückzukommen wäre: Abschottung/Öffnung - Handeln/Wissen - Ähnlichkeit/Unterschiedlichkeit - Angst/ Sicherheit - Aufwertung/Abwertung - Stabilität/Veränderung - Kontinuität/Diskontinuität usw.

Genau in diesen Gegensatzpaaren und ihrer Handhabung wird man die affektiven und operativen Wurzeln der unvermeidlich immer wieder auftauchenden Vorurteile finden.

Die Identitätsbildung von Personen erfordert also das Management entgegengesetzter Entwicklungsrichtungen, so die Identifikation gegen den Anderen, die Identifikation mit sich selbst, die Identifikation innerhalb eines "wir". Schwächen in den beiden zuletzt genannten Identifikationen begründen ein Identitätsdefizit. Dieses wiederum wird dazu tendieren, seine Kompensation in der Verstärkung der Identifikation gegen den Anderen zu suchen. Bei einer solchen Persönlichkeit wird es nicht leicht sein, dem zu entgehen, denn andere Möglichkeiten der Absicherung gegen die Angst gibt es nicht unbedingt.

Wie man sieht, können die Identifikationsprozesse auf unterschiedliche Formen des Umgangs mit Aufwertung und Abwertung hinauslaufen.

Ein bekanntes und in diversen erzieherischen und professionellen Bereichen häufig verwendetes Beispiel ist das von Eric BERNE vorgestellte, in dem es darum geht, ob die Selbstaufwertung mit der Aufwertung des Anderen verbunden oder von dieser abgetrennt ist.

 

Vier Lösungen hat BERNE herausgestellt:

1. Aufwertung des Anderen und Abwertung des Selbst: Gefühl bzw. Komplex der Minderwertigkeit.

2. Abwertung des Anderen und Aufwertung des Selbst: Gefühl bzw. Komplex der Überlegenheit.

3. Doppelte Abwertung des Selbst und des Anderen: "Pessimismus".

4. Doppelte Aufwertung des Selbst und des Anderen: "Optimismus".

Diese Auf- und Abwertungen, die der Identitätsvergewisserung dienen, bedienen sich des Umstandes, daß Gruppen, denen man selbst angehört und mit denen man in Beziehung steht, in der Regel aufgewertet und entgegengesetzte Gruppen in der Regel abgewertet werden. Stereotype, Vorurteile und Xenophobien beinhalten stets die Gefahr, durch Identitätsdefizite bestimmt zu sein, die die Abwertung des Anderen nach sich ziehen.

Es ist wichtig zu betonen, daß diese affektiven Klassifikationen nicht möglich wären, wenn die intellektuellen, logischen Grundlagen der menschlichen Vernunft sie nicht zuließen.

Ja, eine Klassifikation ist eine konventionelle und stets relative Operation. Sie besteht darin, ansonsten unterschiedliche Wesen unter dem Aspekt mindestens einer ihrer Ähnlichkeiten zu vereinigen. In der Straßenverkehrsordnung spricht man von Kraftfahrzeugen und meint damit ganz unterschiedliche Maschinen. Sie sind gleichwohl alle unter diesem Begriff vereint im Hinblick auf den geregelten Ablauf des Straßenverkehrs.

Die asymmetrische oder "einteilende" Beziehung besteht darin, ansonsten ähnliche Wesen unter dem Gesichtspunkt einer Dimension zu ordnen, in der sie sich unterscheiden. Lastwagen oder Schiffe können etwa nach ihren Ladekapazitäten eingeteilt werden.

Aber jedenfalls heißt klassifizieren in Teile zerlegen, isolieren, eine Eigenschaft herausstellen, die sinnvoll zu einer Gesamtheit etwa von Personen paßt. Die "Kategorisierung" ist praktisch eine Art von geistiger Segregation. Die "Meßreihenbildung" läßt in dem Maße, in dem sie auch Personen ordnet, die einen als überlegen, die anderen als unterlegen dastehen. Die kognitiven wie die affektiven Daten erlauben es, auf jede denkbare Art mit den Differenzen und Ähnlichkeiten zu spielen. Die Spieler aber sehen und nutzen nur einen Teil der denkbaren Kombinationen von Differenzen und Ähnlichkeiten. Und diese Repräsentationen, die ja ihre eigenen sind, werden von ihnen viel zu häufig für die ganze Wirklichkeit gehalten. Und dies, weil die intellektuelle, logische Arbeit dann zum größten Teil dem Dienst an der affektiven Identität untergeordnet ist.

Der Kampf gegen die Vorurteile ist ein vielfältiges, komplexes, schwieriges Unternehmen. Er impliziert eine Reihe gesellschaftlicher, religiöser, politischer, ökonomischer Ebenen aber auch solche individueller Art. Wie wir gesehen haben, werden Vorurteile allzu häufig als mangelnde Kenntnis behandelt oder aber als einfache affektive Widerstände betrachtet. Im Gegensatz dazu wäre es notwendig, auf den zwischen den kognitiven und affektiven Ebenen vorhandenen Interdependenzen zu bestehen sowie auf dem Wechselverhältnis zwischen Phantasie und Wertsystemen. Man macht sich nicht genügend klar, daß Vorurteile wegnehmen zugleich auch bedeutet, Kategorisierungen und Eigenschaftszuschreibungen einzubüßen, wodurch auch die mentale und affektive "Organisation" einer Person in Bedrängnis gerät.

Man neigt oft mit den besten moralischen und pädagogischen Absich-ten dazu, eine Affektivität des Liebens gegen eine Affektivität des Hassens aufzubieten. Man neigt dazu, eine als objektiv und vollständig bezeichnete Information gegen eine unvollständige und voreingenommene Information aufzubieten. Was man aber zu ersetzen sucht, spielt mehrere Rollen zugleich. Man vergißt sicherzustellen, ob der notwendige Ersatz zur Stelle ist.

Der feste Zusammenhalt von Affektivem, Kognitivem und Phantasiereichtum macht es erforderlich, in den Begegnungen bewerten zu können, auf welche Art und Weise solche Entwicklungen gefördert werden können, die den Zugang zu neuen Kategorienbildungen erlauben, wenn die gewohnten Kategorisierungen zum Problem werden.

Es ist nur zu gut bekannt, in welchem Maße sich jeder häufig mit recht platten Kategorisierungen begnügt, wie z.B. "die Guten und die Bösen", auch wenn das so nicht gesagt wird. Manchmal sind die verwendeten Kategorien sogar ziemlich banal. Es werden häufig Verallgemeinerungen kritisiert, wie sie z.B. von Hall formuliert wurden, der die Deutschen als eher monochron bezeichnet hat und die Franzosen als eher polychron. Zweifellos stellen solche Charakterisierungen nur Beschreibungen dar. Sie sind aber auf jeden Fall gegenüber den üblichen - aus schlechter Laune heraus - entstehenden Charakterisierungen überlegen.

Die Evaluation von internationalen und interkulturellen Begegnungen kann also nicht in den einfachen Begriffen eines gewonnenen oder verlorenen Kampfes gegen die Vorurteile betrieben werden. Sie kann, positiv gewendet, nur betrieben werden in den Begriffen von Entwicklungsstrategien, die von den Teilnehmern erprobt werden. Es ist genau dieses Versuchen, immer wieder aufgenommen und weiterentwickelt, das Begegnungen einen dynamischen und fruchtbaren Verlauf gibt.

Die Evaluateure sollten sich bemühen, 1. Modelle für die unterschiedlichen Versuche von Teilnehmern zu bilden, und 2. festzustellen, welche Probleme zu lösen ihnen gelingt oder nicht.

Es sind diese modellhaft nachgebildeten Versuche, die, wenn man sie den einen und den anderen wieder vorführt, allen eine Erweiterung der Problemstellungen und Lösungsmöglichkeiten mitteilen. Diese Erweiterung wäre das Faustpfand für einen Zugang zu der charakteristischen Komplexität individueller und gesellschaftlicher Bedürfnisse in diesem neuen Feld der Interkulturalität.

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