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Manifest
der existentiellen Animation
Max Pagès, Burkhard Müller
Vorwort:
Dieses Vorwort gehört nicht zu den Texten der Innovationsgruppe. Es wurde im DFJW verfaßt und den Mitgliedern des Kuratoriums als Einleitung zum nachfolgenden "Manifest der existentiellen Animation" übermittelt. Dieses Manifest bildet den "Bericht", der als Abschlußdokument dem Kuratorium übergeben wurde.
Das nachfolgende "Manifest der existentiellen Animation" ist ein wesentlicher Teil des Abschlußberichts der sogenannten "Innovationsgruppe"; es stammt von den beiden Leitern des Forschungsprojekts, Burkhard Müller und Max Pagès. Sie haben versucht, die Gedanken, die sich für sie und die anderen Mitglieder der Innovationsgruppe aus der unmittelbaren Teilnahme an dem Prozeß des Zusammenlebens und der gemeinsamen Reflexion ergeben haben, zu formulieren.
In der Innovationsgruppe haben sich ab 1974 während eines Zeitraums von 2,5 Jahren in regelmäßigen Abständen deutsche und französische Wissenschaftler und Praktiker des deutsch-französischen Jugendaustauschs getroffen, um Probleme der Gruppenleitung bzw. Animation zu bearbeiten. Ausgangspunkt war die Absicht, eine Bestandsaufnahme und Analyse der Animationspraxis in Frankreich und Deutschland vorzunehmen, um so dazu zu kommen, die für den Austausch am besten geeignetsten Methoden herauszufinden. Im Verlauf des Arbeitsprozesses ergab sich jedoch, daß dieser Ansatz nicht weit genug griff, weil er die Besonderheiten internationaler Begegnungssituationen nicht genügend berücksichtigte. Das Manifest enthält dementsprechend vor allem Gedanken darüber, wie "pädagogische" Situationen beschaffen sein müßten, in denen kulturelle Unterschiede zur Geltung kommen können.
Um ein mögliches Mißverständnis, das bei flüchtigem Lesen entstehen kann, gleich auszuräumen: es handelt sich bei der "existentiellen Animation", die von den beiden Autoren umrissen wird, nicht etwa um ein neues "aufgeklärtes" Konzept der Gruppenleitung, sondern um den Versuch, zu verdeutlichen, daß (gerade in der internationalen Bildungsarbeit) das Benutzen vorgefertigter Verhaltensschemata durch die Gruppenleiter einen (inter-)kulturellen Lernprozeß verhindert: anstatt Bedingungen zu schaffen, um Fremdem, Unbekanntem, Neuem gegenüber aufgeschlossen zu sein - was notwendig ist, wenn z. B. Deutsche und Franzosen neue Formen des Zusammenlebens erproben wollen - erfolgt bei der Verwendung von (im nationalen Kontext entstandenen) deutschen oder französischen Animationsmethoden meistens eine Einengung der Verhaltenspraxis aller auf einen durch die jeweilige nationale Bildungsarbeit beeinflußten Handlungsrahmen. Der Ansatz der "existentiellen Animation" berücksichtigt die Tatsache, daß es ja keine deutsch-französische Kultur, die mit dem Alltagsleben der Jugendlichen und Erwachsenen in beiden Ländern verbunden ist, gibt. Vielleicht wird es in ferner Zukunft einmal dazu kommen, daß man von einer europäischen Kulturgemeinschaft sprechen kann. Deshalb kann es also heute auch noch keine "deutsch-französische" Animationsmethoden geben, sondern lediglich Rahmenbedingungen dafür, daß die deutschen und französischen Ansätze sich ausdrücken können. Diese Rahmenbedingungen sollen so beschaffen sein, daß das nationale Erbe, d. h. die nationale Kulturtradition in den Programmen lebendig werden kann, ohne daß allerdings von einer Seite versucht wird, über das Konzept aus dem anderen Land zu dominieren (was die Regel ist).
Dementsprechend kann es keinen "Transfer" aus dieser Forschungsarbeit über Animation geben in dem Sinne, daß Gruppenleiter "Rezepte" vorfinden, die sie sich aneignen und dann anwenden können. Im "Manifest" heißt es: "Animation nach diesem Konzept ähnelt einem Forschungsprozeß. Weder die Ziele noch die Methoden noch die Beziehungen zwischen ihnen können im voraus endgültig festgelegt werden. Wie in einem Forschungsprozeß ist das Verhältnis von Zielen und Methoden dynamisch, gibt es eine ständige Neudefinierung der Ziele sowie einen permanenten Prozeß der Anpassung bzw. Neuentwicklung von Methoden. Bei diesem Suchprozeß mitzuwirken ist die Aufgabe sowohl der Animateure als auch der Teilnehmer". Aufgeschlossenheit und Offenheit sind demnach fundamentale Prinzipien dieses Konzepts der Animation.
Das Manifest ist Ausdruck einer gelebten Erfahrung, die die Konfrontation deutscher und französischer Animationspraxis zum Gegenstand hatte und ist deshalb, wie wir feststellen konnten, für die Praktiker im deutsch-französischen Jugendaustausch, d. h. den Personenkreis, der das Alltagsleben deutsch-französischer Begegnungssituationen wirklich von innen kennt, offenbar sehr viel leichter verständlich, als für diejenigen Mitarbeiter, deren Schwerpunkt der internationalen Bildungsarbeit nicht auf dem unmittelbaren Umgang mit Gruppen liegt.
Soweit wir sehen, ist das Konzept der "existentiellen Animation" ein echt deutsch-französischer, d. h. bikultureller Ansatz, weil man sich nicht auf den Vergleich mit anschließenden Retouschen der nationalen Konzepte der Gruppenarbeit beschränkt, sondern nach Rahmenbedingungen sucht, die weder deutscher noch französischer pädagogischer Tradition der Vorrang einräumen, wohl aber beiden die Möglichkeit geben, sich darzustellen, und die außerdem den notwendigen Freiraum für das in Entwicklung befindliche "Neue" auf dem Gebiet der Animation gewähren.
Einleitung zum "Manifest"
Das folgende Kapitel ist ein Rechenschaftsbericht der beiden (Ex)-Animateure der Forschungsgruppe, Burkhard Müller und Max Pagès. Sie versuchen, das Konzept programmatisch darzustellen, das ihrer Arbeit mit der Gruppe zugrunde lag, obwohl es in der vorliegenden Form erst aus dieser Arbeit heraus entstanden ist.
Es ist nicht das Konzept der "Innovationsgruppe", sondern die reflektierende Verarbeitung der Erfahrungen, die diese beiden zuerst als Animateure und dann als Mitglieder der Gruppe gemacht haben.
Ergebnis dieser Forschungsarbeit sind nicht primär neue Methoden der Animation, sondern eine grundsätzliche Infragestellung der herkömmlichen Rolle des Animateurs. Das Manifest begründet die Notwendigkeit dieser Infragestellung, ohne die Schwierigkeiten zu verschweigen, die sie erzeugt. |
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