Arbeitstexte de travail

Animation interkultureller Begegnungen

Das "Manifest der existentiellen Animation"

Inhaltsverzeichnis

Manifest der existentiellen Animation
(Pour une animation existentielle)

Anmerkung zum Begriff "existentielle Animation"
Der Begriff "existentielle Animation", deutsche Version des zunächst auf französisch geprägten Begriffs "animation existentielle", klingt für deutsche Ohren befremdlich. Das Wort "existentiell" hat philosophische Beiklänge, während das Wort "Animation" zuweilen erheblich weiter unten liegende Assoziationen weckt. Wenn wir trotzdem die Begriffe "Animation/Animateur" aus dem Französischen übernommen haben, so deshalb, weil uns andere in der Gruppenpädagogik geläufig gewordenen Begriffe, noch problematischer vorkamen. Im DFJW ist der Begriff "Gruppenberatung", "Gruppenberater" üblich geworden. Wir konnten diesen Begriff nicht übernehmen, weil wir die Aufgaben des Animateurs nicht in einer Beratung sehen, und somit nur Mißverständnisse geweckt hätten. Dasselbe gilt für "Gruppenbetreuung/Betreuer", einen Begriff aus der Sozialbürokratensprache. Ebenso mißverständlich schien es uns, auf das in der Gruppendynamik üblich gewordene amerikanische Vokabular (trainer, staff, consultant, etc.) zurückzugreifen oder gar von Analytikern oder Therapeuten zu reden. Schließlich bliebe noch der in der Umgangssprache der Freizeitpädagogik üblich gewordene "Teamer" - auch kein schönes Wort, das zudem über die damit bezeichnete Tätigkeit gar nichts aussagt. "Animation" könnte man, etwas frei, mit "Belebung" übersetzen. "Existentielle Belebung" von Gruppen ist in der Tat das, was wir mit Animation meinen. Nur, von "Belebern" statt von Animateuren zu sprechen, kommt uns wiederum auch nicht so glücklich vor.

I. Das existentielle "Projekt"Das deutsche Wort "Projekt" deckt sich nicht genau mit dem französischen "Projet". Dieser Begriff ist weiter als das deutsche Wort "Projekt". Er umfaßt nicht nur die Bedeutungsgehalte "Plan, Vorhaben, Konzept", sondern auch die Bedeutungsgehalte "persönliches Anliegen, Interesse, Vorhaben".
"Projekt" im hier verwandten Sinne meint keinen fertigen Entwurf, sondern eine Sinnbestimmung individuellen und kollektiven Handelns, die erst im Laufe eines Entwicklungsprozesses freigelegt werden, bzw. sich herausschälen kann. Um auf diese Bedeutungsdifferenz aufmerksam zu machen, setzen wir das Wort "Projekt" in Anführungszeichen und verwenden stellenweise auch das französische "projet".

- Grundlage, Motor und Ziel der Animation

1. Wir glauben, daß in jeder Animationssituation jeder Teilnehmer Zur Zeit der Abfassung des Manifestes war unsere sprachliche Sensibilität noch nicht hinreichend entwickelt, um weibliche Endungen mit zu berücksichtigen. Sie sind selbstverständlich immer mit gemeint. ein seine Existenz betreffendes "Projekt" verfolgt.

2. Dieses "Projekt" ist spezifisch für jeden einzelnen und für den besonderen Augenblick, in dem er sich gerade im Rahmen seiner Geschichte befindet.

3. Es ist ein zum Teil unbewußtes "Projekt". In ihm drückt sich der Wunsch aus, an den Widersprüchen zu arbeiten, denen das Individuum in seinem persönlichen und sozialen Leben begegnet. Das "Projekt" führt zu ganz bestimmten Handlungen, die eine provisorische Synthese dieser Widersprüche in diesem besonderen Augenblick der individuellen Geschichte bewirken.

4. Das bewußte, sozusagen offenbare "Projekt", das jeder bei der Animation verfolgt, ist nur zum Teil Ausdruck des unbewußten "Projekts"Das Wort "unbewußt" sollte hier nicht in seiner herkömmlichen psychoanalytischen Bedeutung verstanden werden. Wir verwenden diesen und andere psychoanalytische Begriffe in einem erweiterten Kontext, der die Dimensionen des Handelns und der Beziehungen zu sozialen Institutionen umfaßt. Der traditionelle Begriff des Unbewußten bezieht sich allein auf unbewußte interpersonelle Bindungen; er umfaßt nicht die unbewußten Bindungen an Institutionen: die Identifikationen, Projektionen, Ängste, Konflikte, die sich auf kollektive Objekte beziehen. (vgl. Th. 53), zum Teil dient es dazu, dieses zu verschleiern.

5. Ziel der existentiellen Animation ist es, jedem zu ermöglichen, an den Widersprüchen zu arbeiten, die er bei der Animation ins Spiel bringt, und in dieser Arbeit sein "Projekt" zu entwickeln und es zu verwirklichen.

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