Arbeitstexte de travail

Die pädagogische Beziehung in interkulturellen Begegnungen

Inhaltsverzeichnis

 

 

Wie gestaltet sich die pädagogische Beziehung in einem Begegnungskontext, an dem Gruppen aus verschiedenen Nationalitäten teilhaben?

Unsere Analyse stützt sich auf Beobachtungen, die wir in deutsch-französischen Begegnungen gemacht haben, wobei einige von ihnen auch für Teilnehmer aus einem dritten Land zugänglich waren. Es handelt sich also um Begegnungen, die zwei oder drei nationale Gruppen umfassen: eine deutsche Gruppe, eine französische Gruppe und manchmal z. B. eine italienische oder polnische Gruppe.

Diese Art einer Begegnung ist zu unterscheiden von einer internationalen Jugendbegegnung, an der Jugendliche aus verschiedenen Ländern individuell teilnehmen. In den Begegnungen, die uns interessieren, ist die Dimension der Gruppe sehr wichtig. Der Franzose, der daran teilnimmt, ist Mitglied einer internationalen Begegnung, aber gleichzeitig Mitglied einer nationalen Gruppe, die einer oder zwei anderen nationalen Gruppen gegenübersteht. Wir treffen diese Art von Gruppen häufig beim Austausch von Schulklassen, im Rahmen von Städtepartnerschaften oder bei sportlichen Begegnungen.

Wie gestaltet sich die pädagogische Beziehung in einer solchen Art von Begegnung? Dieser Frage wollen wir im folgenden nachgehen.

Zunächst wird der Lehrer, der Teamer, der an der Begegnung einer Gruppe von Jugendlichen teilnimmt, über die er normalerweise die pädagogische Autorität besitzt, von der Tendenz her versuchen, dieselbe Art von Beziehung aufzubauen, wie er sie bisher hatte. Diese Art der Beziehung variiert je nach den Personen, ihrem institutionellen Status (Teamer, Erzieher, Lehrer), hängt aber auch von der Institution ab, in der die betreffende Person arbeitet (Jugendorganisation, Primarschule, Gymnasium, Jugendhaus usw.).

Aber es läßt sich auch eine nationale Komponente der pädagogischen Beziehung feststellen. Wenn man das Beispiel Schule nimmt, so beeinflußt u. a. der juristische Rahmen, auf den sich ein deutscher oder französischer Lehrer, bewußt oder unbewußt, bezieht, in seiner täglichen Praxis die Art der pädagogischen Beziehung, die er aufbaut.

In einer Begegnung von zwei Grundschulklassen, die am französischen Mittelmeer stattfand, konnten wir beobachten, daß die Beziehungen, die die deutschen Lehrerinnen und Lehrer zu ihren Kindern hatten, wesentlich weniger streng waren als die ihrer französischen Kolleginnen und Kollegen. So durften die deutschen Kinder beispielsweise nach dem Essen schwimmen gehen, was den französischen Kindern verboten wurde. Man befand sich in Frankreich. Der gesetzliche Rahmen für die Aufsichtspflicht der Kinder beim Baden scheint für die Franzosen viel enger als für die Deutschen...

Der Erwachsene handelt also gegenüber der nationalen Gruppe von Schülern nach einer Logik, die das auch früher schon so praktizierte nationale pädagogische Moment reproduziert.

Der gesetzliche Rahmen stellt im übrigen nicht den einzigen Bezugspunkt für die pädagogische Beziehung dar, die im nationalen Kontext aufgebaut wird. Die Beziehung Erwachsener-Kind entwickelt sich in Frankreich und Deutschland auch vor einem unterschiedlichen erziehungsphilosophischen Hintergrund, der sich in jedem Land in einer vorherrschenden Erziehungskultur äußert.

Die Lehrer oder Teamer, die eine lange Erfahrung mit binationalen Begegnungen besitzen, haben die Tendenz zu behaupten, die französischen Erwachsenen seien in ihrem Verhältnis zu den Kindern strenger als die deutschen. Dies mag zumindest auf die Länder der früheren Bundesrepublik zutreffen, wo die vorherrschende Erziehungsphilosophie, die sich auch auf die Ausbildung der Lehrer auswirkt, weniger "autoritär" erscheint als dies in der französischen Tradition der Fall ist. Aber der Austausch mit Gruppen aus der ehemaligen DDR hat uns gezeigt, daß das pädagogische Erbe der Ex-DDR der französischen Tradition näher ist als der deutschen Tradition.

Unter allen nationalen Gruppen, die wir beobachtet haben, erschienen uns die Polen die strengste Haltung in der pädagogischen Beziehung einzunehmen. Bei einer Begegnung von Lehramtsstudenten (1. Semester) konnten wir eine polnische Gruppe beobachten, in der die Erwachsenen permanent eine enorme Autorität über die Jugendlichen ausübten. Selbst die Dialoge zwischen den einzelnen Student(inn)en wurden von den pädagogischen Leitern kontrolliert. Dieser 'Autoritarismus' spielte sich gleichwohl mit einem Lächeln auf den Gesichtern der Leiter ab, was ihn für Außenstehende kaum erkennbar machte. Da die polnischen Erwachsenen glaubten, daß die deutschen und französischen Gruppenteilnehmer die polnische Sprache nicht verstanden, meinten sie, die Situation ganz streng kontrollieren zu können. Wir haben von der 'wahren Natur' der pädagogischen Beziehung dadurch erfahren, daß eine französische Studentin aus unserer Gruppe, die fließend polnisch sprach, uns anschließend über alles informierte...

Um den Einfluß der nationalen Erziehungsphilosophie auf die jeweilige Haltung der Lehrer, Erzieher, usw. zu verstehen, soll im folgenden die jeweils spezifisch pädagogische Tradition in Deutschland und Frankreich kurz beleuchtet werden.

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