Die pädagogische Beziehung in interkulturellen Begegnungen |
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V. Die verschiedenen Formen der Präsenz in den Gruppen Diese Frage des sozialen Status der Beteiligten ist ein weiterer wichtiger Bestandteil, der die Art des Austausches in einer interkulturellen Gruppe determinieren kann. Bleiben wir, um unsere Überlegung abzuschließen, bei diesem Aspekt der Situationen. In den deutsch-französischen Gruppen, die wir beobachten, seien sie für ein drittes Land geöffnet oder nicht, lassen sich zwei Arten der Konstituierung von Gruppen unterscheiden, welche die sich daran anschließende "interkulturelle" Arbeit merklich verändern. Schon 1966 hat Georges Lapassade in seinem Buch "Gruppen, Organisationen, Institutionen" , in dem er sich mit der Gruppendynamik Lewin'scher Provinienz beschäftigt, die Aufmerksamkeit des Lesers auf die Tatsache gelenkt, daß die Möglichkeit der Lewin'schen Gruppe, sich frei auszudrücken und kreativ zu entfalten, überdeterminiert war durch eine Nicht-Freiheit, d. h. durch ihre Organisation, ihre Konstitution, ihre Strukturierung durch die Institution. Die Gruppendynamik ist überdeterminiert durch die Organisationsform, die zu ihrer Einrichtung geführt hat. Unter den interkulturellen Gruppen lassen sich die Gruppen, deren Teilnehmer einen gemeinsamen institutionellen Status besitzen, von solchen Gruppen unterscheiden, die sich aus Personen zusammensetzen, die nicht durch einen vorgegebenen gemeinsamen institutionellen Status verbunden sind.
VI. Die Gruppen mit einem gemeinsamen identitätstiftenden Status Hier handelt es sich um Begegnungen, an denen Jugendliche oder Erwachsene mit dem gleichen Status teilnehmen: Schüler, Studenten, Bäcker, Ökologen, Frauen, Berufstätige aus dem Gesundheits- oder Bildungswesen, Sportler, Musiker, Führungskräfte aus den Betrieben, usw. In diesen Begegnungen ist das gemeinsame Charakteristikum aller Teilnehmer ihr Status, der das Leben der Gruppe in ganz spezieller Weise prägt. Wir konnten zwei deutsch-französische Sportbegegnungen beobachten: die eine drehte sich um den Segelflug, die andere um das Reiten. In beiden Situationen war die pädagogische Beziehung zunächst technischer Art, der Erwachsene war vorrangig ein Spezialist. Die Autorität des Erwachsenen beruhte auf seiner technischen Kompetenz auf dem Gebiet des Segelflugs oder des Reitens. In anderen Fällen ergibt sich die Autorität durch den Status des Lehrers oder Meisters oder dadurch, daß jemand Spezialist auf dem Gebiet der Wirtschaft oder des Tourismus ist. In einer solchen Situation reduziert sich eine vergleichende Beobachtung der Teilnehmer der Gruppe auf den Aspekt, wie die Deutschen oder Franzosen bestimmte Techniken handhaben oder bestimmte Praktiken ausführen, die auch im Herkunftsland der Teilnehmer bekannt sind. Die interkulturellen Dimensionen sind hier sehr eingeschränkt. Sie sind es umso mehr, als die praktizierten Übungen auf einem hohen Niveau stattfinden. So wird das experimentierende Herantasten, das die eigentliche Quelle von Begegnungen ist, vergessen, wenn eine gemeinsame Vorführung geplant ist. Hierbei gibt man den kompetentesten Personen die Macht. Man akzeptiert, angeleitet, geführt zu werden im Hinblick auf das gemeinsam zu realisierende Projekt. Bei diesem Begegnungstyp ist das Feld interkultureller Fragen reduziert auf das, was man augenscheinlich wahrnimmt (z. B. die Eßgewohnheiten der Teilnehmer oder der Zeitpunkt der Nachtruhe). Die Begegnung dient nur dazu, die statusmäßige Zugehörigkeit, die als Grundlage der Begegnung fungiert, zu verfestigen. Diese Bemerkungen treffen auch dann zu, wenn es sich bei den Teilnehmern der Gruppen beispielsweise um Gewerkschafter oder um Wissenschaftler handelt. Es läßt sich feststellen, daß die Teilnehmer ihre statusgemäße Zugehörigkeit untermauern. Der Schritt zum Internationalen bietet eine Gelegenheit, der statusgemäßen Zugehörigkeit der Teilnehmer mehr gesellschaftliches Gewicht zu verleihen. In dieser Art von Begegnungen spielt sich die pädagogische Beziehung immer im Rahmen des Status ab. Wir möchten unsere Gedanken illustrieren, indem wir einen Analysator dieser pädagogischen Dimension zeigen, der dieser bislang wenig hinterfragten und erforschten interkulturellen Begegnung eigen ist. Dieser Analysator ergab sich auf dem Reiterseminar, das wir beobachtet haben. Das Deutsch-Französische Jugendwerk hatte angekündigt, daß ein Erziehungswissenschaftler teilnehmen würde, um diese Begegnung kennenzulernen. Als der betreffende Forscher am Begegnungsort angekommen war, überraschte es ihn nicht wenig, als der Verantwortliche des Kurses ihm ein Pferd gab und ihm erklärte, daß er wegen des Fehlens eines Reitlehrers die Gruppe von sechs Reitern, die bereits im Sattel saßen, übernehmen sollte. Völlig überrascht und nicht wissend, um wen und was es ging, fand sich der Forscher als Reitlehrer wieder ... und blieb einige Minuten später im Morast stecken! Seine Kompetenz in Bezug auf Gruppenanimationen ermöglichte es ihm lediglich, sich von den Teilnehmern helfen zu lassen, aus der eingeschlagenen Spur wieder herauszukommen. Dieses Beispiel zeigt, daß ein Teamer im Rahmen einer solchen Begegnung das Thema des Kurses ganz klar über die interkulturelle Problematik stellt, die, so hätte man wegen der binationalen Dimension der Gruppe erwarten können, der eigentliche Gegenstand der Untersuchung hätte sein können. Daß es Deutsche und Franzosen gab, war nicht das Problem. Sie waren in erster Linie Sportler, die ihre Leidenschaft für Pferde teilten. ... Die pädagogische Beziehung stellte überhaupt kein Problem dar, allenfalls ging es um eine gute Beherrschung der Technik seitens des Erwachsenen und um seine Fähigkeit, seine speziellen Kompetenzen zu vermitten. Im Erziehungswesen läßt sich dieser Aspekt der Organisation zwischen Erwachsenen und Kindern ebenfalls finden, wenn es sich um eine technische oder sehr spezielle Disziplin handelt, und wenn die Schüler diese als Schwerpunkt gewählt haben. |