Die pädagogische Beziehung in interkulturellen Begegnungen |
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VII. Die Gruppen, deren Teilnehmer keinen gemeinsamen identitätstiftenden Zugehörigkeitsbezug besitzen Im Rahmen von bi- oder trinationalen Begegnungen Jugendlicher gibt es auch Begegnungen, bei denen das Thema im wesentlichen Mittel zum Erkunden der interkulturellen Situation ist. Dies ist der Fall in den Begegnungen, die wir seit fünfzehn Jahren durchführen. Die Teilnehmer gehören nicht demselben Verein, einer bestimmten Schule oder einer anderen gemeinsamen Institution an. Sie interessieren sich individuell für ein Thema (z. B. "Die Familie in Deutschland und Frankreich", "Schule in Europa", "Gesellschaftstanz", Umwelt usw.) und melden sich deshalb an. Ihre Anmeldung erfolgt somit individuell. Zudem bekommen sie am Anfang erklärt, daß die Gruppe einige Aufgaben gemeinsam zu übernehmen hat (so z. B. die Gestaltung der Begegnung, Überlegungen zu ihrem Ablauf, Verwaltung des Budgets, manchmal sogar die Organisation der Küche und das Einkaufen). In diesem Begegnungstyp ist das Thema ein Mittel, um Gruppenarbeiten, Diskussionen zu strukturieren, aber der eigentliche Gegenstand ist das Erkunden der Beziehung, die jeder einzelne zur Gruppe unterhält, wie er sich verantwortlich zeigt, Initiativen übernimmt und sich auf das Thema selbst einläßt. An diesen Begegnungen nehmen die Jugendlichen wie die Erwachsenen ohne spezifische Voraussetzungen teil, aber mit der Komplexität ihrer vielfältigen Zugehörigkeiten. Die Gesamtgruppe muß an ihrer Konstituierung selbst arbeiten. So entdeckt man beispielsweise bei den einen oder den anderen technische Kompetenzen, und zwar auf den unterschiedlichsten Gebieten, und es stellt sich bald heraus, daß einige die gleichen Kompetenzen oder Fähigkeiten besitzen, die im Programm zunächst gar nicht vorgesehen waren. So baut ein Teil der Gruppe ein Orchester auf, ein anderer einen Chor, wieder andere regen eine sportliche Aktivität an, organisieren ein Atelier Kochen oder Tanzen, usw. Aber diese Zugehörigkeiten werden entdeckt durch ein gemeinsames Erkunden der Gruppe durch die Teilnehmer selbst. In diesem Typ von Begegnung muß der Teamer zuhören und sich implizieren; er muß seine Zugehörigkeiten, Kompetenzen, Vorlieben und Interessen einbringen. Die Beziehung zwischen dem Erwachsenen und den Jugendlichen ergibt sich aus der Interaktion, sie wird ausgehandelt. Dies ermöglicht es, Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede in Bezug auf die Gestaltung des gemeinsamen Aufenthalts, hinsichtlich der Gruppendynamik und der Ziele zu beleuchten. Die pädagogische Beziehung ist somit das Produkt einer Konstruktion, die im Verlauf ihres Entstehens persönliche Momente der einen und der anderen in vielfältigen Dimensionen ans Licht bringt. Diese Begegnungen bieten manchmal die Gelegenheit, die interkulturelle Dimension wirklich zu beleuchten. Dies ist besonders dann der Fall, wenn der Ort für diese Art von Begegnung gut geeignet ist. Wir haben mehrere Begegnungen in einem Schloß im Limousin durchgeführt, das von einem gemeinnützigen Verein verwaltet wird und über etwa vierzig Zimmer verfügt. Wenn es die Anzahl der Teilnehmer zuläßt, kann die Gruppe der Teamer den Teilnehmern selbst die Organisation soweit überlassen, daß eine völlige Eigenorganisa-tion der Teilnehmer im Bereich des Schlosses stattfindet (angefangen bei der Verteilung der Zimmer). In dieser Art von Begegnung lassen sich die Besonderheiten eines jeden erkunden, seine Beziehung zu Raum, Zeit, Sprache, Essen, Freizeit, Arbeit. Die Vielfalt der Zugehörigkeiten der Gruppenmitglieder wird nicht negiert oder vernachlässigt wie in den Begegnungen, die aufgrund einer einzigen gemeinsamen Zugehörigkeit organisiert werden. Der Reichtum der Verschiedenheit wird zum Gegenstand des Kennenlernens und des Verstehens. Der Erzieher, der Erwachsene, der Animateur hat somit eine ganz andere Aufgabe als in den spezialisierten Begegnungen. Er sollte nicht nur seine technische Kompetenz auf einem bestimmten Gebiet herausstellen, sondern er sollte auch durch seine Anwesenheit der Gruppe Sicherheit geben und ihr den institutionellen Rahmen der Begegnung erklären, so daß sie nämlich aus sich heraus und über sich selbst arbeiten kann. Die pädagogische Arbeit besteht u.a. darin, das Nicht-Gesagte, das Implizite zu erläutern und zu erhellen. Solche Begegnungen sind weniger vororganisiert. Sie lassen mehr Raum für individuelle Initiativen. In mancher Hinsicht führen sie eher zu einer gewissen Verunsicherung der jungen Teilnehmer, die daran gewöhnt sind, in der Schule, in der Familie ständig betreut zu werden. Aber gleichzeitig sind diese Begegnungen offen für Erfindungsreichtum und Kreativität. Die Teilnehmer können sich entfalten, ihre individuellen Vielseitigkeiten zum Ausdruck bringen. Die der Begegnung zugrundeliegende Interkulturalität birgt in sich die Möglichkeit, die eigenen Erwartungen, Projekte, Vorstellungen noch zu übertreffen. Man kann sagen, daß sich eine solche Begegnung gut dazu eignet, individuelle Momente zu erkunden, nicht nur auf der Ebene der pädagogischen Beziehung, sondern in allen Dimensionen des Gruppenlebens. Das Thema liefert lediglich den Rahmen der Gespräche und Diskussionen. In einer solchen Begegnung werden auch die Organisation, das affektive Leben, die Beziehung zur Welt, die Verwaltung der materiellen Grundlage, usw. zu Bereichen, die es zu untersuchen und zu verstehen gilt.
Abschließende Bemerkungen Anhand dieser Beispiele läßt sich erkennen, daß die pädagogische Beziehung nicht automatisch im internationalen Kontext Anlaß zu Fragen gibt. Damit sie im Bereich der Interkulturalität thematisiert wird, muß sich die pädagogische Beziehung in Frage stellen lassen. Bestimmte Arten von Begegnungen eignen sich für solche Untersuchungen besser als andere. Wir haben gesehen, daß die zahlenmäßige Dominanz einer nationalen Gruppe oder die Konzentration einer Gruppe auf spezialisierte Aktivitäten bzw. Arbeitsbereiche, die an einen gemeinsamen Status der Teilnehmer gebunden sind, für eine vertiefende Erkundung der interkulturellen Dimension einer Begegnung nicht günstig ist, wenn diese Dimension nicht ebenfalls von den Gestaltern, den Organisatoren und Teamern der Begegnung berücksichtigt wird. Dagegen erlauben es Organisationsformen stärker, auf die multikulturelle Dimension der Gruppe einzugehen. Dann kann nämlich die gemeinsame Konstruktion der Situation durch ein Erkunden der sozialen Momente der einen und der anderen erfolgen. Eine derartige auto-ethnographische Sensibilität zu wecken, bietet den Jugendlichen, aber auch den Erwachsenen die Chance, die lokale Besonderheit ihrer Beziehung zur Welt, zum Leben, zu ihren Werten, ihrer nationalen Identität usw. besser wahrzunehmen. Aber um dieses gemeinsame Erarbeiten der interkulturellen Dimension in den Begegnungen erfolgreich zu verbessern, erscheint es da nicht notwendig, daß sich die Erwachsenen, die für die Gestaltung, Organisation und Animation internationaler Austauschprogramme verantwortlich sind, für diese neuen Aufgaben ausbilden können?
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