Arbeitstexte de travail

Das Thomas-Mann-Syndrom oder:
Die Wi
ederentdeckung der Vorurteile

Prof. Dr. Burkhard Müller
Universität Hiedesheim

Inhaltsverzeichnis

1. Zur Einstimmung

Ich beginne mit zwei kurzen Dialogen, die nichts mit internationalen Begegnungsprogrammen zu tun haben, die aber das Thema, um das es mir geht, sozusagen von der Seite her beleuchten. Der eine Dialog (oder Monolog) stammt von May Opitz, einer Deutschen mit schwarzer Hautfarbe, die sich selbst "afro-deutsch" nennt, um herkömmliche Bezeichnungen wie "Mischling", "Farbige" etc. zu ersetzen. Den anderen Dialog führt Alice im Wunderland mit einer Katze, nachdem sie in einer fremden Gegend die Orientierung verloren hatte.

Beispiel 1: Afro-deutsch

... hm, ich verstehe.

Kannst ja froh sein, dass de keine Türkin bist, wa?

Ich meine: Ist ja entsetzlich, diese Ausländerhetze, kriegste denn davon auch manchmal was ab?...

Naja, aber die Probleme habe ich auch.

Ich finde, man kann nicht alles auf die Hautfarbe schieben, und als Frau hat man's irgendwie auch nicht einfach.

Z.B. 'ne Freundin von mir: die ist ziemlich dick, was die für Probleme hat! Also dagegen wirkst Du relativ relaxed.

Ich finde überhaupt, dass die Schwarzen sich noch so 'ne natürliche Lebenseinstellung bewahrt haben. Während hier: ist doch alles ziemlich kaputt.

Ich glaube, ich wäre froh, wenn ich Du wäre. Auf die deutsche Geschichte kann man ja wirklich nicht stolz sein, und so schwarz bist Du ja auch gar nicht.
May Opitz in K. Oguntoye u.a.

 

Beispiel 2: Alice und die Katze

"Was für Leute wohnen hier in der Gegend?"

"Dort drüben", sagte die Katze und schwenkte ihre rechte Pfote, "wohnt ein Hutmacher; und hier" - und dabei winkte sie mit der anderen Pfote - "wohnt ein Schnapphase. Du kannst es dir heraussuchen, welchen du besuchen willst - verrückt sind sie beide."

"Aber ich will doch nicht unter Verrückte gehen!" widersprach Alice.

"Ach, dagegen lässt sich nichts machen", sagte die Katze; "hier sind alle verrückt. Ich bin verrückt. Du bist verrückt."

"Woher weisst du denn, dass ich verrückt bin?" fragte Alice.

"Musst du ja sein", sagte die Katze, "sonst wärst du doch gar nicht hier."

"Das ist doch kein Beweis!" dachte sich Alice; aber sie fragte weiter: "Und woher weisst du, dass du selbst verrückt bist?"

"Zunächst einmal", sagte die Katze, "ist ein Hund doch nicht verrückt. Zugegeben?"

"Meinethalben", sagte Alice.

"Nun also", fuhr die Katze fort, "siehst du: ein Hund knurrt, wenn er zornig ist, und wedelt mit dem Schwanz, wenn er sich freut. Ich dagegen knurre, wenn ich mich freue, und wedele mit dem Schwanz, wenn ich zornig bin. Folglich bin ich verrückt."

"Ich nenne das `schnurren', nicht `knurren'", sagte Alice.
L. Carroll S. 67 f.

Die beiden Texte machen im Blick auf das Thema "Vorurteile" kontrastierende Positionen deutlich. Die Gesprächspartnerin der "Afro-deutschen" glaubt offenkundig selbst, ein "fortschrittliches", von den Vorurteilen freies Bewusstsein zu haben - nicht nur in Fragen der Rasse. Dennoch wirkt sie nicht recht glaubwürdig. Sie redet auf ihre Gesprächspartnerin ein, als habe die ihr durch ihr blosses Aussehen einen Vorwurf gemacht, der zu widerlegen wäre - obwohl die gar nichts gesagt hat und das ganze ein Monolog ist. Gerade die Tatsache, dass sie lauter Beweise auftischt, wie gut sie sich in die Situation ihrer Gesprächspartnerin einfühlen kann, beweist ihre tiefe Verwirrung durch den Umstand, dass ihr eine Deutsche gegenübersitzt, die schwarz ist.

Die Katze und Gesprächspartnerin von Alice im Wunderland liefert das Kontrastmodell dazu. Sie ist überzeugt, dass alle, die etwas anderes tun und eine andere Sprache sprechen als sie selbst, damit beweisen, dass sie "verrückt" sind. Aber diese Tatsache, dass alle, sie selbst eingeschlossen, verrückt sind, hält sie offenkundig für ganz normal. Sie macht sich auch nichts daraus, dass die anderen sich selbst für normal halten, und sie für verrückt - denn auch das ist normal. Es liegt auf der Hand, dass diese Katze anderen Rassen und Nationen gegenüber - z.B. Hunden oder Hutmachern - voll von Vorurteilen steckt. Und doch ist der Eindruck unabweisbar, dass diese Katze über ein hohes Mass von Toleranz verfügt und etwas kann, was viele von uns erst lernen müssen: mit Fremden - und mit Fremdem - leben.

weiter

retour