Das Thomas-Mann-Syndrom oder:
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2. "Die Vergangenheit und ihre Zukunft" Unter diese Überschrift hat vor einigen Jahren in Frankreich eine Diskussion über die Zukunft des Bildungswesens stattgefunden, in der die deutsche Geistesgeschichte eine zentrale Rolle spielte. (A. Finkielkraut, La défaite de Goethe, J.B. Pontalis, La culture défaite, in: Le Temps de la réflexion 1985 VI, Le passé et son avenir, Gallimard, Paris.) Bezugspunkte waren Goethe einerseits, dessen Idee einer "Weltliteratur", die auf dem Konzept einer universalen Bildung und einer allgemeinen Kultur der Menschheit aufbaut, auch in Frankreich die Tradition des "guten" Deutschland repräsentiert. Die Gegenposition markiert Goethes Zeitgenosse Herder. Dieser hat in seiner programmatischen Schrift "Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit" das Ende des im 18. Jh. dominierenden Ideals der Einheit von Rationalität, Aufklärung und französischer Zivilisation proklamiert und die Besonderheit der Völker (insbesondere natürlich des Deutschen), und insofern den Nationalismus, zum Ideal erhoben. "Das Vorurteil ist gut, zu seiner Zeit: denn es macht glücklich. Es drängt Völker zu ihrem Mittelpunkte zusammen, macht sie fester auf ihrem Stamme, blühender in ihrer Art, brünstiger und also glückseliger in ihren Neigungen und Zwecken. Die unwissendste vorurteilendste Nation ist in solchem Betracht oft die Erste: das Zeitalter frem-der Wunschwanderungen und ausländischer Hoffnungsfahrten ist schon Krankheit, Blähung, ungesunde Fülle, Ahndung des Todes!" (J.G. Herder, Sämtliche Werke V, Seite 510, Ausgabe von 1891). Die Folgen dieses Lobes der Vorurteile und der nationalen Besonderheiten in der deutschen Geschichte des 19. und des 20 Jh.s sind bekannt. So ist es nur zu selbstverständlich, dass gerade in der Praxis internationaler Begegnung die weltbürgerliche, offene, vorurteilsfreie Seite hervorgekehrt wird. Sie ist Inbegriff dessen, was in Deutschland als "Lektion der Geschichte" gelernt worden ist. So wird auch im Prozess der deutschen Einigung von Politikern und Medien nach Kräften vermieden, irgend etwas zu sagen oder zu tun, was nach deutschem Nationalismus oder auch nur nach deutschem "Sonderweg" klingt. Kommt dieser Verdacht im Ausland auf, reagiert die deutsche Politik mit Panik und bemüht sich um "Schadensbegrenzung". Gewiss nicht ohne Grund. Nicht zufällig hat der amerikanische Präsident im Zusammenhang der deutschen Einigungsverhandlungen seine Landsleute daran erinnert, dass es in Deutschland, wie anderswo, good guys und bad guys gebe. Nur in der Geschichte hätten dort eher die bad guys gewonnen. Jetzt aber sei zu hoffen, dass es umgekehrt sein werde. Alle deutschen Politiker überschlagen sich dementsprechend, den Beweis dafür zu liefern. Die deutsche Einigung wird gerade als das dargestellt, was zugleich die Einigung Europas voranbringe. Das Vermitteln, das Betreiben internationaler Verständigungsprozesse scheint das Hauptanliegen der Deutschen nach aussen geworden zu sein. Und doch ist vielleicht - zumindest für die anderen - noch immer nicht ganz Vergangenheit, was A. Mitscherlich vor einem Vierteljahrhundert schrieb: "Der Nationalismus, den Deutschland bietet, ist relativ unauffällig, sowohl im Vergleich mit den übrigen westlichen, sicher aber mit den Ost- und Entwicklungsstaaten. Dennoch fühlen sich viele Beobachter davon bedroht und alarmiert, dass sich mit deutschem Nationalgefühl nun einmal für zunächst unabsehbare Zeiten Erinnerungen an Auschwitz und Lidice verbinden und der blitzartige Szenenwechsel zu friedlichem und emsigen Fleiss und rasch gesammeltem Wohlstand nur zeigt, wie übergangslos sich hierzulande alles ändern kann." (Die Unfähigkeit zu trauern, S. 25 f.). Ich komme zum Schluss meiner Überlegungen auf die angedeutete französische Diskussion über die beiden deutschen Tendenzen zurück und versuche, daraus Konsequenzen für die Pädagogik internationaler Begegnung zu ziehen. Zunächst möchte ich aus meinen Erfahrungen mit dem deutsch-französischen Austausch eine Reihe von Beobachtungen zusammentragen, die sich mit dem Phänomen der heute dominierenden deutschen "Vorurteilsfreiheit" beschäftigen und mit den Auswirkungen, die dies für den Alltag deutsch-französischer Begegnung und vielleicht auch darüber hinaus hat. Ich habe dabei vor allem die "guten" Deutschen im Auge und übertreibe ein wenig, um mein Argument zu verdeutlichen. |