Das Thomas-Mann-Syndrom oder:
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3. Beobachtungen Beobachtung 1: Wer einen oberflächlichen Eindruck vom Verhalten deutscher Teilnehmer in deutsch-französischen Begegnungsprogrammen hat, könnte finden, Mitscherlichs Aussage, der deutsche Nationalismus sei "relativ unauffällig", eher noch übertreibt. Dem ersten Anschein nach haben - jedenfalls für meine deutsche Wahrnehmungsfähigkeit - deutsche Teilnehmer überhaupt keine Verhaltensweisen, die man irgenwie als nationalistisch oder vorurteilsbeladen interpretieren könnte. Sie sind neugierig und höflich, auf die Sitten des anderen Landes orientiert, finden das Essen zumeist besser als Zuhause und bemühen sich nach Kräften, in der fremden Sprache zurecht zu kommen. Im Unterschied zu den Franzosen haben Deutsche an den französischen Verhältnissen zumeist wenig auszusetzen. Wenn in deutsch-französischen Begegnungsprogrammen kritisch oder auch mit Ressentiments beladen über die Verhältnisse in einem Land geredet wird, dann geht es gewöhnlich über die deutschen Verhältnisse. Eine selbstkritische Darstellung dieser Verhältnisse gehört für deutsche Teilnehmer, jedenfalls für solche mit höherer Schulbildung, sozusagen zum guten Ton. Die französischen Teilnehmer - jedenfalls die politisch bewussteren unter ihnen - misstrauen dieser deutschen "Vorurteilsfreiheit" gewöhnlich. Für sie gehört es nicht zum guten Ton, keine Vorurteile gegenüber Deutschland und den Deutschen zu haben. Und im übrigen verhalten sie sich so, als könnte es gar nicht stimmen, dass die Deutschen keine Vorurteile haben. Das Paradoxe an dieser Beobachtung ist: je internationalistischer, vorurteilsloser, weltoffener solche deutschen Teilnehmer sich geben, desto leichter sind sie für die anderen als "typisch" Deutsche zu identifizieren. Dies könnte damit zusammenhängen, dass vor allem diejenigen deutschen Teilnehmer, Animateure, Organisatoren etc., die sich in irgendeiner Weise für die "Begegnung" verantwortlich fühlen, leicht in eine etwas irreale Vermittlerrolle geraten. Sie verhalten sich als Teamer/innen oder Teilnehmer/innen so, als hätten sie selbst mit dem, was für die anderen "deutsch" heisst, persönlich gar nichts zu tun. So als sei ihre Aufgabe die neutrale Vermittlung von "internationaler Verständigung", was verstanden wird als die Fähigkeit, anderen mit geschichtsbewusstem Einfühlungsvermögen und pädagogischem Takt von ihren Vorurteilen herunterzuhelfen. Sie nehmen gleichsam eine pädagogische Haltung zu ihrer eigenen Nationalität ein - sehr selbstkritisch, versteht sich - und gerade so erscheinen sie den anderen als "typisch deutsch": Musterschüler, Musterarbeiter, Musterdemokraten, Vertreter musterhafter Verständigungsprogramme. Aber der Verdacht will nicht weichen, dass hier etwas überkompensiert wird: dass die "blitzartige Wandlung" (Mitscherlich) vom nationalsozialistischen Deutschland zum europäischen Musterland immer noch etwas zudeckt, was wirkliche Weltoffenheit von Deutschen verhindert.
Beobachtung 2: Meinem Eindruck nach haben die Kenntnisse (ebenso wie die Unkenntnisse) der jeweils anderen Sprache bei Deutschen und Franzosen in Begegnungsprogrammen eine unterschiedliche, je entgegengesetzte Funktion. Die Deutschen brauchen Kenntnisse oder Übersetzung der fremden Sprache, um sich in der Begegnungssituation einigermassen sicher zu fühlen, die Franzosen nicht. Deutsche werden normalerweise, wenn sie sich in einer national gemischten Gruppe unsicher fühlen, versuchen, die fremde Sprache (z.B. Französisch) zu reden, sofern sie dazu in der Lage sind und werden sich zurückziehen, wenn das gar nicht geht. Franzosen finden sich in solchen Gruppen gewöhnlich nur dann bereit, deutsch zu reden, wenn sie es sehr gut können und auch dann nur, wenn sie eindeutig darum gebeten werden, doch zu übersetzen. Sie werden sich der Übersetzung aber verweigern, sobald sie sich unsicher fühlen und dann auch auf jeden Fall versuchen, eigene Gedanken in der Muttersprache auszudrücken. Die Folge davon ist, dass eine deutsch-französische Gruppe, die länger zusammenarbeitet, fast immer dazu neigt, Französisch als Arbeitssprache zu benutzen, auch wenn sie in Teilnehmerzahl und Übersetzungsfähigkeit auf beiden Seiten gleich gut besetzt ist. Dies liegt aber nicht unbedingt daran, dass die französischen Teilnehmer/innen und ihre Themen die Diskussion mehr beherrschen als die Deutschen. Es liegt eher daran, dass Franzosen dazu neigen, gerade ihre (wirkliche oder auch angebliche) Unkenntnis der anderen Sprache dazu zu benutzen, um Themen und Probleme der anderen Seite aus der Diskussion zu eliminieren und selbst auf vertrautem Gelände zu bleiben. Deutsche neigen zum Gegenteil, d. h. dazu, gerade ihre Kenntnis der anderen Sprache dazu zu benutzen, die Diskussion in ihrem Sinn zu kontrollieren. Dass dies nicht nur im deutsch-französischen Verhältnis so ist, zeigt z.B. die Erfahrung vieler englischer Austauschschüler, denen es nicht gelingt, in Deutschland deutsch zu lernen, weil alle Familienmitglieder ihr Schulenglisch an dem armen Besucher erproben, so dass sie sich verzweifelt an die Familienoma halten müssen, die als einzige garantiert kein Englisch kann. Diese Beobachtung setzt natürlich voraus, dass die Übersetzungsfunktion nicht formal durch berufliche Dolmetscher/innen geregelt ist, sondern von der Bereitschaft und Fähigkeit der Teilnehmer/innen selbst abhängt. Wenn dies der Fall ist, so kann man durch eine einfache Beobachtung feststellen, ob gerade die deutsche oder die französische Seite das Gespräch kontrolliert: Wenn übersetzt wird, hat gewöhnlich die deutsche Seite das Heft in der Hand, wenn nicht oder nur widerwillig übersetzt wird, haben die Franzosen das Sagen. Wenn das stimmt, dann kann man daran zweifeln, ob die vor allem in der deutschen Kultur- und Jugendbürokratie für selbstverständlich gehaltene Vorstellung richtig ist, dass die Förderung von Sprachkenntnissen, besonders bei den sog. Multiplikatoren, an sich schon ein Beitrag zur internationalen Verständigung sei.
Beobachtung 3: Man kann diesen Unterschied vielleicht auch vom Sprachgebrauch her belegen. Wenn im Deutschen davon die Rede ist, dass sich jemand in fremden Sprachen verständigen kann, redet man von "Sprachbeherrschung". Im Unterschied dazu kann im Französischen (wie auch in anderen Sprachen) nicht gesagt werden, dass jemand eine fremde Sprache beherrscht (dominer), sondern, dass er sie meistert (maîtriser). Wer eine fremde Sprache meistern will, muss in ihre Kultur und ihre Denkweise eingedrungen sein. Vielleicht entspricht es diesem unterschiedlichen Sprachgebrauch, dass Deutsche so gern fremde Sprachen sprechen, wenn sie es irgend können und Franzosen so ungern. Die Aufgabe, in eine fremde Kultur einzudringen und sich ihr auszusetzen, erzeugt Widerstand. Der findet auch im Stil des französischen Fremdsprachenunterrichts Ausdruck, der eher geeignet scheint, den Gebrauch der fremden Sprache zu verhindern, als zu ermöglichen. Umgekehrt bestehen bei Deutschen solche Lernbarrieren weniger, denn sie lernen ja die fremde Sprache "beherrschen", d. h. so über sie zu verfügen, dass die kulturelle Fremdheit der anderen Nation ihnen nicht zu nahe treten kann.
Beobachtung 4: Ein Teilnehmer an einem deutsch-französischen Forschungsprojekt bemerkte einmal, die vorherrschenden Vorstellungen über Jugendaustausch im DFJW liessen sich als "Diplomatie-Modell" charakterisieren. Damit meinte er, dass offen oder insgeheim die Vorstellung bestehe, es gehe darum, die auf der Ebene der hohen Politik bestehenden Beziehungen zwischen beiden Ländern, auf der unteren Ebene, insbesondere unter der Jugend, auszubreiten und zu wiederholen. Dieses Modell unterstellt, dass es auf beiden Ebenen keinerlei Probleme oder Differenzen gebe, die grundsätzlicher Natur sind. In den Beziehungen geht es demnach nur darum, die jeweiligen "Unterschiede" wahrzunehmen und etwaige Differenzen in freundschaftlicher Diplomatie miteinander zu vermitteln. Auf der Ebene der Begegnungsprogramme werden entsprechend dem politischen Freundschaftsmodell Kontakte vor allem unter Gruppen gepflegt, die einander ähnlich sind und wenig Probleme miteinander haben: Sportler besuchen Sportler, Feuerwehrleute besuchen Feuerwehrleute, Bürgermeister besuchen Bürgermeister usw. Die Konflikte bleiben verdeckt, die gegenseitigen Freundlichkeiten höflich. Beide Seiten verhalten sich eben wie Diplomaten/innen im anderen Land. In der Optik vieler Franzosen ist dieses Konzept sowohl auf der politischen Ebene als auch in seiner Anwendung in der Begegnungspädagogik ein sehr deutsches Modell. Wenn bei ihnen in politischen Diskussionen das Stichwort "Modell Deutschland" auftaucht, dann ist meist damit assoziiert: Verwandlung von Politik in effiziente Verwaltung, Nivellierung der Interessenkonflikte, Konzentration auf sog. Sachfragen und Stigmatisierung oder gar Kriminalisierung derer, die nicht an dem teilhaben wollen, was doch angeblich so offenkundig im wohlverstandenen Interesse aller liegt. Dieses technokratische Gesellschaftsmodell ist als "Modell Deutschland" in Frankreich und anderen europäischen Ländern Gegenstand heftiger Kontroversen. Es geht dabei gar nicht so sehr um die Frage, ob diese Vorstellung die deutsche Wirklichkeit trifft oder nicht. Es ist eher ein Modell, an dem sich die internen Auseindersetzungen in diesen Ländern polarisieren. Vor allem im Blick auf die nächsten Etappen der europäischen Vereinigung wird dieses Modell, je nach Standpunkt, als Schreckgespenst oder als Zukunftshoffnung gehandelt: die einen sehen darin ein Vorbild an vernünftiger Gesellschaftsgestaltung, die anderen eine Perversion und Verkrüppelung gesellschaftspolitischen Lebens. Beiden Seiten scheint es gar nicht so sehr um ein genaues Bild von den tatsächlichen deutschen Verhältnissen zu gehen, sondern eher darum, die eigenen politischen Verhältnisse und deren Tendenzen im Spiegel des Nachbarlandes zu diskutieren. Eine entsprechende Diskussion unter Deutschen über französische Verhältnisse ist - jedenfalls unter den Teilnehmer/innen deutsch-französischer Begegnungsprogramme - kaum vorstellbar. Die aus der deutschen Geschichte bekannte zwiespältige Parteilichkeit für und vor allem gegen die französische Zivilisation erscheint wie weggeblasen. Jedenfalls gibt es Vorurteile gegenüber Frankreich, die sich zu einem entsprechenden Modell in deutscher Sicht verdichten liessen, soweit ich es im deutsch-französischen, vom DFJW geförderten Jugendaustausch sehe, nicht. Gerade darin steckt vielleicht das paradoxe Problem deutscher Provinzialität. Denn so erübrigt sich ja auch, die eigenen Verhältnisse im Spiegel der anderen und von dort her kritisch zu sehen; oder auch bewusst eine eigene Tradition zu verteidigen. Man lebt, wie oft gesagt worden ist, geschichtsloser in Deutschland als anderswo, und eben dies ist die Kehrseite der scheinbaren Vorurteilsfreiheit. Sie ist eine Offenheit aus Angst davor, die Infragestellungen anderer ernst nehmen zu müssen, also Pseudooffenheit.
Beobachtung 5: Die vielbeschworene Vernünftigkeit der deutschen Verhältnisse - "der beste Staat, der auf deutschem Boden je existiert hat" - spiegelt sich auch im Verhalten der deutschen Teilnehmer an Begegnungsprogrammen, sofern diese wenigstens die Intention haben, über den blossen Austausch diplomatischer Höflichkeiten hinauszugehen. Wie schon angedeutet, haben die deutschen Aktivisten in solchen Programmen die Tendenz, in ihren Vorschlägen und Planungen die Interessen der anderen (oder was sie dafür halten) so zu berücksichtigen, als wollten sie sagen: über unsere Vorschläge kann es eigentlich keine Meinungsverschiedenheit geben. Sie sind dann in der Regel sehr verwirrt, wenn die Kontroversen genau über solche Dinge anfangen, die sie für die einfachsten Selbstverständlichkeiten hielten. Sie verstehen z.B. nicht, wieso man sich auf die einfache Notwendigkeit, überhaupt ein gemeinsames Programm zu haben, nicht wirklich verständigen kann. Dies bedeutet keineswegs, dass immer nur die deutschen Partner programmfixiert und darauf bedacht seien, dass alles ordentlich abläuft. Aber wenn Franzosen "programmfixiert" sind, dann sind sie es gründlich, und so, dass es garantiert Ärger darüber gibt, obwohl auch der meistens verleugnet und nur zu Hause geäussert wird. Und im Unterschied zu den Deutschen wundern sie sich meistens auch nicht darüber, so verrückt wie die Leute nun einmal sind. Sie denken wie die Katze aus Alice im Wunderland. Deutsche Programmplaner/innen neigen eher zur Kompromissbereitschaft, wenn nur etwas "Gemeinsames" zustande kommt. Aber eben deshalb erscheint es ihnen besonders schwer erträglich, wenn Kompromisse über Arbeitsvorhaben nicht zustande kommen und das Austauschprogramm in endlosen Plenumsdebatten und spontanen Einzelaktionen zu versacken scheint. Dann drängt sich auch deutschen "Verantwortlichen" der Eindruck auf, dass es der anderen Seite am guten Willen und an der Ernsthaftigkeit fehle, überhaupt zu einer Verständigung zu kommen. Aber nur selten wird das so ausgesprochen, denn es wäre mit dem eigenen Selbstbild entschlossener Verständigungsbereitschaft nur schwer zu vereinbaren. Diese Erfahrung wird durch die Arbeitspapiere eines Forschungsprojektes beleuchtet, welches das Verhältnis von ideologisch-rationalem Selbstverständnis und realem Verhalten von Teilnehmern in deutsch-französischen Programmen untersuchen wollte. Da heisst es: Nach demselben Papier machen Franzosen Deutschen gegenüber eher den Eindruck einer gewissen Laxheit, weil sie eher bereit sind, den Widerspruch von Ideologie und Verhalten zu tolerieren und ihn nur in bestimmten Situationen, selten in der Gesamtheit ihrer Erfahrung, zu vermindern suchen. Diese Beobachtungen, die ich in vielen Fällen bestätigen kann, beleuchten einen weiteren Aspekt. Schon die Gegenüberstellung der beiden Begriffe "Ideologie" und "Verhalten" klingt für deutsche Ohren befremdlich. "Ideologie" hat im Deutschen einen abwertenden Beiklang. Es gilt in Deutschland als vernünftig, "frei von ideologischen Scheuklappen zu sein". Dies gilt erst recht, seit die exemplarischen "Ideologen" im anderen Teil Deutschlands ihre Katastrophe erlebt haben. Sich als Vertreter einer "Ideologie" zu bekennen, ist hier fast schon ein Bruch des Gesellschaftsvertrages oder gar terrorismusverdächtig. Demgegenüber scheint es in Frankreich fast selbstverständlich, dass jeder "ideologische Scheuklappen" hat. Wenn es im Zusammenleben vor allem nach Auffassungen und Ideologien ginge, dann wäre hier ein funktionierender Gesellschaftsvertrag nur schwer vorstellbar. Aber es geht zumeist eben nicht danach. Es ist übrigens kein Zufall, dass mit Formulierungen wie "gewisse Starrheit - gewisse Laxheit" unvermutet altehrwürdige Stereotype auftauchen: vom allzu ernsten und humorlosen Deutschen, vom leichtlebigen Franzosen usw. Paradox an der "certaine rigueur", welche Franzosen bei den Deutschen zu entdecken glauben, ist aber eben, dass sie sich bei den meisten, den "nichtextremistischen" jungen Deutschen, wie sie in Begegnungsprogrammen auftauchen, in ihr Gegenteil zu kleiden scheint: in Verbindlichkeit und das heftige Bemühen - das sich zugleich selbst im Weg steht -, nur ja keine Situation aufkommen zu lassen, in der die "Partner" sich missstanden fühlen könnten. Dabei hatte ich oft den Eindruck, dass etwas Neues passiert, wenn Deutsche anfangen, zu solchen Klischees ein Stück weit zu stehen, sie jedenfalls auch auszusprechen. Wenn sie sich trauen, von den "chaotischen Franzosen", ihrer mangelnden Rationalität, "denen nichts heilig ist" usw. zu reden, dann ist zumeist etwas passiert, was ein Stück über die spezifisch neue Art des deutschen Provinzialismus hinausführt: die Unfähigkeit, sich selbst im Spiegel der anderen zu relativieren.
Beobachtung 6: Solche Überlegungen scheinen auf der administrativen Ebene des DFJW, seiner Partnerorganisationen, seines Kuratoriums, keine Rolle zu spielen. Manchmal habe ich den Eindruck, die deutsche Seite im DFJW sei in Gefahr, sich "zu Tode zu siegen". Ein Grund dafür ist sicher darin zu suchen, dass das o. g. "Diplomatiemodell" im Jugendaustausch einerseits deutschem Selbstverständnis entgegenkommt, zugleich aber auch administrativem Denken näher liegt als Konzepte, die der Erfahrung von Differenzen und dem Austragen von Konflikten einen hohen Stellenwert geben. Die Administration (ob deutsch oder französisch) hat, aus eigenem Interesse, eine gewissermassen natürliche Neigung nach dieser "deutschen" Seite. Es ist ja auch leicht einzusehen, dass Austauschprogramme, die harmonisch verlaufen, ein vorzeigbares und reichhaltiges Programm haben, positive Erfahrungsberichte produzieren und vor allem genau so ablaufen "wie geplant", auf administrativer Ebene einfacher zu legitimieren sind, als Programme, die unvorhergesehener Weise ablaufen und in denen Konfrontation und Konflikt all dies erschwert oder verhindert. Ob allerdings der institutionelle Druck auf die Programme, der daraus resultiert, wirklich die Verständigung fördert oder eher die Touristenmentalität eines unter Welterfahrung verdeckten Provinzialismus unterstützt, ist mehr als fraglich. Zur administrativen "Deutsch-Lastigkeit" in diesem Sinne kommt im deutsch-französischen Austausch die politische hinzu. Zwar sind die Entscheidungsgremien paritätisch besetzt und die grundsätzliche Unterstützung aller bisherigen französischen Regierungen steht nicht in Frage. Aber weil das "Modell Deutschland" bis tief hinein in den französischen Gesellschaftskörper Kontroversen auslöst, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass das französische Engagement im DFJW nicht frei von Parteinahme in dieser Kontroverse ist. Wer sich hier engagiert, wird eher geneigt sein, Vorbildliches als Fragwürdiges im "Modell Deutschland" zu entdecken. So wird verständlich, dass Austauschaktivitäten, die sich auf "unausgewogene" Weise mit Tabuzonen deutscher Politik beschäftigen, in der Regel auch mit französischer Unterstützung unterbunden werden. Um so mehr aber gerät das DFJW, vor allem bei vielen Franzosen, in den Verdacht, in Deutschland als Instrument staatlicher Selbstpräsentation und in Frankreich als Instrument parteilicher Interessenpolitik zu dienen, nicht aber dem besseren gegenseitigen Verständnis der Jugend, für die es angeblich da ist. Mit der Weiterentwicklung der europäischen Gemeinschaft im Blick auf das Datum von 1992 wird dieses Modell allerdings auch noch in einer anderen Weise unterstützt. Es verbindet sich damit die Phantasie, dass sich das "Modell Deutschland" zu einem Modell "Frankreich-Deutschland" ausgeweitet hat: d. h. dass die Rationalität und Effizienz der Interessenregelung und wechselseitigen Verständigung zwischen Deutschen und Franzosen Modell für alle übrigen wird, die in dieser Gemeinschaft mitreden wollen. Ihnen gegenüber können sich Deutsche und Franzosen dann als erfolgreiches Duo präsentieren, das gerade deshalb Führerschaft über die anderen beanspruchen kann, weil es im wechselseitigen Verhältnis alle Verständigungsprobleme so gut im Griff hat. Es könnte sich der Eindruck entwickeln - bei den anderen Europäern - dass auch dieser Achse eine "gewisse Starrheit" eigen ist.
Beobachtung 7: Es wäre nach alldem verwunderlich, wenn die beschriebene Vorurteilsfreiheit und die sich selbst behindernde Verständigungsbereitschaft nicht auch etwas mit der deutschen Geschichte zu tun hätte. Ich beschränke mich darauf, zu beobachten, wie diese Geschichte, insbesondere die Nazizeit, in den Begegnungsprogrammen auftaucht. Genauer gesagt: Es ist zu beobachten, dass sie zunächst und zumeist keine Rolle spielt. Obwohl der im Nationalsozialismus gipfelnde Konflikt zwischen Deutschland und Frankreich bzw. dem Rest der Welt zweifellos die Wurzel für die beschriebene "deutsche" Haltung ist - und ebenso historischer Bezugspunkt aller internationalen Begegnungsprogramme - so wird auch in den Programmen selbst vor allem die Abwesenheit dieser Problematik zelebriert. Das heisst, sie wird nicht verschwiegen, sondern es wird in den Programmen selbst ständig der Beweis geführt, dass diese Geschichte "Vergangenheit" ist. Gerade weil dies zweifellos so ist, ist es interessant zu sehen, welche Bedeutung die Erinnerung an die Nazizeit bzw. die deutsch-französische Feindschaft in den Begegnunspro-grammen trotzdem hat. Nach meiner Erfahrung taucht das Thema, wenn überhaupt, dann am Ende von Begegnungen auf, die einen intensiven und auch kontroversen Austausch zulassen so als wollten die Teilnehmer sagen: wir müssen uns schon ziemlich gut kennen, um daran zu rühren. Denn das Thema taucht nach meiner Erfahrung nicht mehr auf, um die gegenüber dieser Vergangenheit eingetretene "Versöhnung" zu beschwören - das hat man nicht mehr nötig. Das Thema spielt eher eine Rolle als Symbol der wechselseitigen Fremdheit und der Grenzen des Verstehens. Ich möchte das an einem Beispiel aus einem Begegnungsprogramm illustrieren. Die Teilnehmer dieses Programms hatten sich gegenseitig Lebensgeschichten erzählt. Vor allem die deutschen Teilnehmer/innen waren bewegt, als eine französische Jüdin in diesem Zusammenhang das Schicksal ihrer Familie unter deutscher Verfolgung erzählte. In diesem Moment verteilte ein französischer Teamer an alle Gruppenmitglieder einen Zettel, auf dem ein Hakenkreuz gemalt war, mit der Bemerkung, das sei ein "Geschenk" und jeder solle damit machen, was er wolle. Mir fiel nur ein: "typische französische Taktlosigkeit" - jedenfalls entwickelte sich daraus eine massive deutsch-französische Konfrontation. Denn fast alle deutschen Teilnehmer waren wütend und empört, während die Franzosen und auch die beiden jüdischen Mitglieder der französischen Gruppe nichts davon erkennen liessen. Empört waren die Deutschen, dass ein solches Symbol offenkundig zu rein provokativem Zweck benutzt werden konnte. Dies sei "absolut unter der Gürtellinie". Es wird unterstellt, dass hier das Hakenkreuz als quasi neutrales Mittel der Animation verwendet werde. Einer sagt: "Aber das Hakenkreuz ist schlecht und nicht neutral!". Dem Franzosen wird vorgeworfen, er habe die starke Emotion, die die Erzählung ausgelöst habe, nicht aushalten können und sie deshalb mutwillig zerstört. Der französische Animateur verteidigt seine spontane Aktion. Er redet darüber, dass man immer durch Symbole geprägt sei, und deswegen sei es notwendig, zu sehen, was das Symbol sichtbar mache. Eine andere französische Teamerin unterstützt ihn: es seien hier Gefühle aufgedeckt worden, die existieren; sie machen nichts besser und nichts schlimmer, aber "es gibt sie". Die Deutschen fühlen sich trotzdem durch die Aktion etikettiert, auf die Geschichte festgenagelt, "ein Stück zurückgeworfen". Der Gegensatz dieser Interpretationen wurde nicht aufgelöst. Es scheint mir, wie gesagt, kein Zufall, dass dieses Thema fast am Ende der Gruppenerfahrung aufkam, wie wenn das Faschismusthema vor allem die Funktion hätte, die Erfahrungen von gegenseitiger Fremdheit, von trotz-aller-Begegnung-nicht-überwindbarem-Nichtverstehen, sagbar zu machen. Denn jede solche Begegnungserfahrung enthält ja auch die Erfahrungen der Diskrepanz zwischen dem Wunsch, viel auszutauschen, zu teilen, Fremdes zu erfahren, und dem Erleben, dass dies nur begrenzt geht, in Anläufen und Unvollkommenheiten steckenbleibt. Der Zorn, dass dies nur so wenig möglich ist, wird, vor allem von deutschen Teilnehmern, verdrängt, um das eigene Selbstbild nicht zu gefährden. Aber irgendwie kommt er doch zum Vorschein. Im übrigen könnte man die klare Differenz der deutschen und französischen Reaktionen von dem ethnopsychoanalytischen Konzept her fassen, dass Kulturen auch unbewusste Ebenen haben, die die Wahrnehmungsweisen prägen. Versucht man, nationale Klischees, die auf dieser kollektiv unbewussten Ebene bestehen, zu formulieren, so könnte man sagen: die deutschen Reaktionen seien überdeterminiert von der kollektiven Phantasie, "gute Menschen" sein zu sollen. Die französischen Phantasien lassen sich eher im Klischee des "ästhetischen Menschen" fassen. Ich versuche, mit solchen Formeln zu fassen, dass deutsche Teilnehmer dieses Thema nur mit moralisierenden Argumenten bearbeiten konnten. Das Auftauchen des Hakenkreuzes wurde als Extremsymbol des (verdeckten) Vorwurfs wahrgenommen: ihr seid eben doch keine guten Menschen (weil euch diese Geschichte anhängt). Die französische Seite konnte diesen Vorwurf, der ihr da unterstellt wurde, kaum verstehen. Ihr Animateur wollte ja nur die damit verbun-denen Gefühle "sichtbar" machen, weshalb er von deutscher Seite ganz im Sinne dieses moralischen Schemas interpretiert wurde: im Klischee des wissbegierigen, aber ebenso amoralischen, d. h. bösen Experimentators, der auch vor Menschenversuchen nicht zurückscheut. Die Assoziation zum KZ-Wissenschaftler wurde nicht ausgesprochen, war aber deutlich vorhanden. Zumindest erscheint mir der Verdacht plausibel, dass dieser Vorwurf von Deutschen mitgehört und gerade deshalb so empört zurückgegeben wurde. Für die Franzosen war demgegenüber sehr viel selbstverständlicher, dass das Wahrnehmen unterschiedlicher Reaktionsweisen, nicht zusammenpassender Gefühle, verdrängter Tendenzen, selbst ein Wert sei. Dass erweitertes Wahrnehmen-Können als solches etwas wert sei, auch wenn es die Welt noch nicht besser oder schöner macht, konnte im Kontext dieses Symbols - jedenfalls von den Deutschen - nicht einmal als Anliegen wahrgenommen, geschweige denn akzeptiert werden. |