Arbeitstexte de travail

Das Thomas-Mann-Syndrom oder:
Die Wi
ederentdeckung der Vorurteile

Prof. Dr. Burkhard Müller
Universität Hiedesheim

Inhaltsverzeichnis

5. Konsequenzen für eine Pädagogik des internationalen Austausches

Nach diesen Ausflügen in die Geschichte und die politische Philosophie komme ich zurück zur Pädagogik internationaler Begegnungsprogramme. Die generelle Intention, die - jedenfalls von deutscher Seite - diesen Programmen zugrunde liegt, kann man vor dem skizzierten Hintergrund interpretieren als Versuch, einen Beitrag zu leisten, dass Thomas Mann's Bekehrung von "Herder" zu "Goethe", von der "besonderen Mission" der Deutschen zum Bekenntnis zur internationalen Zivilisation, von politikfernem Geist zur Einheit von Staat und Kultur, von allen Deutschen nachvollzogen werde, insbesondere natürlich von der Jugend. Wenn aber in dieser Kehrtwendung zugleich etwas steckt, was "zivile Gesellschaft" verhindert, weil eben die "Einheit von Staat und Kultur" nicht nur eine hohe Idee, sondern auch eine höchst fatale Realität sein kann - dann wirft dies vielleicht ein Licht auf jene den Nachbarn Deutschlands manchmal unheimliche Entwicklung, die Mitscherlich als "übergangslose énderung" beschrieben hat s.o.. Mitscherlich spielte dabei auf den vor allem von der Psychoanalyse entwickelten Gedanken an, dass sich etwas unter seinem eigenen Gegenteil verbergen kann: z.B. Hass unter Liebe, Ich-Bezogenheit unter demonstrativem Altruismus usw. Ziel solcher Wendemanöver ist es jeweils, sich die Angst vor den eigenen unerfüllbaren Wünschen und vor der nicht verkraftbaren Wirklichkeit vom Halse zu halten.

Nach der psychologischen Theorie von der "Kognition-Dissonanz" (Festinger) gibt es zwei fundamentale Techniken, sich die Erkenntnis der Widersprüche zwischen dem eigenen Weltbild und der Realität vom Leibe zu halten: Kontrast-Techniken und Assimilations-Techniken. Die erste funktioniert nach dem Motto: "Ich habe nichts gegen Türken, Afrikaner, etc., solang sie an ihrem Platz bleiben." D.h.: Die "anderen" sind anders als "wir", wir haben unsere besondere Aufgabe in der Welt und deshalb müssen "wir" dafür sorgen, dass die "Ordnung" - und das heisst die klare Unterscheidung - zwischen uns und dem Rest der Welt erhalten bleibt. Die Assimilations-Technik geht davon aus, dass die "anderen" im Grunde genauso sind wie "wir"; dass sie das auch sein wollen und können, wenn nur wir ihnen helfen, auf "unseren Stand" zu kommen. Während die Kontrast-Technik sich ein einfaches und klares Bild zimmert: "Ausländer raus", "Deutschland den Deutschen", "Wir wollen nicht die Zahl-meister der Welt sein" usw. - hat es die Assimilations-Technik schwerer. Sie muss komplizierteren Gedankengängen folgen. Ich zitiere noch ein weiteres Gedicht der "Afro-Deutschen" May Opitz, in dem dies sehr schön beschrieben wird.

Sie sind afro-deutsch?

... ah, ich verstehe. Afrikanisch und deutsch.

Ist ja 'ne interessante Mischung! Wissen Sie: manche, die denken ja immer noch, die Mulatten, die würden's nicht so weit bringen wie die Weissen. Ich glaube das nicht.

Ich meine: bei entsprechender Erziehung ... Sie haben ja echt Glück, dass Sie hier aufgewachsen sind.

Bei deutschen Eltern sogar. Schau an!

Wie? Sie war'n noch nie in der Heimat von Papa?
Ist ja traurig ... Also, wenn Sie mich fragen: So 'ne Herkunft, das prägt eben doch ganz schön. Ich z.B. bin aus Westfalen, und ich finde, da gehöre ich auch hin ...

Ach Menschenskind! Dat ganze Elend in der Welt! Sei'n Se froh, dass Se nich' im Busch geblieben sind. Da wär'n Se heute nich' so weit!

Ich meine, Sie sind ja wirklich 'n intelligentes Mädchen. Wenn Se fleissig sind mit Studieren können Se ja Ihren Leuten in Afrika helfen. Dafür sind Sie doch prädestiniert, auf Sie hör'n die doch bestimmt, während unser eins - ist ja so'n Kulturgefälle ...

Wie meinen Sie das? Hier was machen: Wat woll'n Sie denn hier schon machen?

Ok, ok, es ist nicht alles eitel Sonnenschein. Aber ich finde, jeder sollte erstmal vor seiner eigenen Tür fegen!

 

Diese "liberale" Technik der Vorurteilserhaltung durch Assimilation hat gegenüber der "konservativen" Kontrast-Technik den Nachteil, weniger stabil zu sein. Drängt sich das Anderssein des "Anderen" so sehr auf, dass es unabweisbar wird - und wird gar unabweisbar, dass die anderen gar nicht so sein wollen wie "wir" - so schlagen die Assimilationseffekte leicht in Kontrasteffekte um. Beispiele dafür kann man etwa in der Diskussion um das Asylrecht finden, wo immer wieder gesagt wird, es müsse gerade deshalb verschärft werden, damit die Toleranz gegenüber den "wirklichen" Verfolgten erhalten bleibe. Auch in der Selektion von asylwürdiger und nicht asylwürdiger menschlicher Not gibt es eindeutig ethnozentrische Tendenzen. Selbstverständlich aber wird erwartet, dass die nun mal anwesenden Fremden sich schnellstens an unsere Kultur anpassen.

Internationale Begegnung, die über solche Assimilations- und Kontrastmechanismen hinausführen will, muss dazu beitragen, "den Stachel des Fremden" (Waldenfels 1990) ertragen zu lernen. Verstehen fremder Kultur ist erst möglich, so sagen es viele Ethnologen, wenn jemand bereit ist, zuzugestehen, dass er/sie erst einmal nicht versteht, dass die fremde Kultur fremd ist und dass sie Angst macht. Dies gilt, wenn auch vielleicht in geringerem Masse, auch für die innereuropäischen Differenzen. Assimilation heisst hier, dass die Erfahrung des fremden Landes und seiner Kultur letztlich auf dem Niveau touristischen Erlebens bleibt und alles abgewehrt wird, was mehr unter die Haut geht. Die Kontrasteffekte werden dann eher auf alles Nichteuropäische projiziert. Die Impulse der europäischen Einigung verstärken dann zugleich die Abschottlung gegen den Rest der Welt. In jedem Fall führt dieser Mechanismus dazu, dass die feineren Differenzen, die für den zukünftigen Aufbau Europas letztlich die produktiveren sind, ausgeklammert bleiben.

Gerade für deutsche Teilnehmer scheint die Möglichkeit zur öberwindung dieses Mechanismus, etwas damit zu tun zu haben, ob sie tatsächlich wahrnehmen können, nicht verstanden zu haben. Vielleicht ist es noch genauer, wenn man sagt: Es fällt ihnen schwer, wahrzunehmen, dass sie nicht verstanden wurden - und dies nicht verstanden haben. Erst wer die eigene Nichtverständlichkeit für andere überhaupt bemerken kann - und insoweit schon ein Stück weit gelernt hat, gleichsam mit fremden Augen zu sehen - kann auch ein Stück seines eigenen Nichtverstehens wahrnehmen. Dies aber ist nicht möglich, ohne ein Stück weit das Nichtverstehen auszuhalten, d.h. die fremde Kultur, die fremde Sprache usw. als ein Fremdes ein Stück weit in sich eindringen zu lassen und sich von der Hilflosigkeit, die das auslöst, gleichsam besetzt halten zu lassen - ohne in Panik zu geraten. Oder in Wut. Denn die normale Reaktion, wenn jemand unausweichlich mit seinem Nichtverstehen konfrontiert wird, ist eben Wut. Dann findet der beschriebene Umschlag von der Assimilation zum Kontrast statt: "Wir meinten es gut, aber die anderen sind blöde, schmutzig, letztlich selbst schuld" usw. und so fort.

Jedenfalls vertrete ich hier die These, dass die Ausbreitung und Entfaltung solcher Fähigkeiten, mit Menschen, die man nur begrenzt verstehen kann, in zivilisierten Formen zusammenzuleben, gerade für Europa eine Schlüsselfrage ist - und die eigentliche Aufgabe internationaler Begegnungspädagogik. Was auf diesem Feld geschieht, wird mit darüber entscheiden, ob es im nächsten Jahrhundert so etwas wie ein europäisches Haus mit vielen Zimmern geben wird. Alternativen dazu sind entweder die vielen Einzelnationalismen oder die alles durchdringende Zentralbürokratie, die von dem stromlinienförmigen Einheitseuropäer verwaltet wird.

Die Frage ist nur, was zu tun ist, damit dies möglich wird. Wenn an den oben dargestellten Beobachtungen etwas Richtiges ist, dann scheint mir die Wahrscheinlichkeit gross, dass alle Versuche, völkerverständigendes Gedankengut an Teilnehmer "heranzutragen", den eigenen Intentionen im Wege stehen. Dies gilt auch für eine Reihe verbreiteter impliziter Annahmen, die in vielen Begegnungsprogrammen gemacht werden.

- Die Annahme, es sei für die gegenseitige Verständigung fruchtbar, wenn vorweg ein möglichst eindeutiges Thema vereinbart ist und möglichst alle sich an dieses Thema halten. Die vorweg unterstellte Gemeinsamkeit führt leicht dazu, die wirklichen Ziele, mit denen die Teilnehmen kommen und für die sie "Begegnung" suchen, gar nicht wahrzunehmen.

- Die Annahme, dass Abweichungen vom Thema, andere Interessen und Absentismus der Teilnehmer Störungen seien, die mit möglichst geschickten pädagogischen Mitteln gering zu halten seien. Dadurch wird die Entdeckung erschwert, dass solche "Störungen" auch authentische Beiträge der Teilnehmer/innen zur gemeinsamen Aufgabe sein können.

- Die Annahme, dass sprachliche Verständigungsschwierigkeiten ein primär technisches Problem seien, das möglichst mit einer Simultan-Übersetzungsanlage aus der Welt zu schaffen sei. Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass damit mehr Erfahrungsmöglichkeiten fremder Kultur zugedeckt als eröffnet werden, weil den Einzelnen ihre individuellen Zugänge zur fremden Sprache und Kultur wegrationalisiert werden.

- Schliesslich die Annahme, dass es darum gehe, Jugendlichen ein Verständnis von internationalen Problemen und Zusammenhängen jenseits ihrer eigenen Erfahrung zu vermitteln, statt ihnen bei der Entdeckung zu helfen, dass gerade ihre Probleme zu Hause - egal ob es scheinbar private oder öffentliche Probleme sind - immer auch zugleich internationale Dimensionen haben. Genauer gesagt: dass dies die einzigen internationalen Probleme sind, in die sie selbst eingreifen können. Dies gilt z.B. für Fragen des Umweltschutzes, der geschlechtlichen Arbeitsteilung, der persönlichen Lebensstilgestaltung, der Ernährung, des kulturellen Konsums u.a.

Dabei scheint mir oft zu wenig beachtet, dass Chancen zu einer autonomen Gestaltung internationaler Jugendbegegnung durch die Teilnehmer/innen selbst häufig schon verspielt sind, wenn diese anreisen. Sie kommen zu vielen Programmen als mehr oder weniger zufällige Individuen, angeworben durch einen Informationsprozess, der "von oben nach unten" läuft: Am Anfang steht der Subventionstopf - das Budget des DFJW. Dieser Topf "rekrutiert" Jugendverbände und andere Organisationen, die sich, weil es hier Geld gibt, Programme internationaler Jugendbegegnung ausdenken und dafür ihrerseits Teams von Animateuren und Teilnehmer/innen anwerben.

Selbst wenn die Programme Spielräume für die Autonomie der Teilnehmer einplanen (z.B. in einigen Programmen Selbstverwaltung des "pädagogischen Budgets", Mitbestimmung bei den Seminarthemen etc.), reduziert sich die Autonomie unter diesen Voraussetzungen fast zwangsläufig zu einem Erprobungsfeld individueller Ich-Stärke. Die hier gemeinte Autonomie ist aber nicht so sehr solche jugendliche "Mitbestimmung", sondern vor allem eine Frage der Eröffnung von Lebenszusammenhängen mit anderen für eine erweiterte Erfahrung - Horizonterweiterung im wörtlich zu nehmenden Sinn. Das schliesst eine pädagogische Verantwortung nicht aus. Im Gegenteil: Das sollte Pädagogik ermöglichen: Eine Begegnungspädagogik, die dazu beitragen will, müsste ihre Praxis der Anwerbung für internationale Begegnung umkehren, vom Kopf auf die Füsse stellen. Ausgangspunkt müssten nicht nur organisierte Gruppen (Schulklassen, Lehrlingsgruppen usw.) sondern auch informelle Gruppen und Cliquen sein, in denen Jugendliche selbst ihren Lebenszusammenhang organisieren (soweit ihnen dafür Spielräume bleiben): Initiativgruppen, informelle Cliquen, Clubs aller Art, Wohngemeinschaften, etc. Die Aufgabe der mit internationaler Jugendarbeit befassten Organisationen müsste es sein, für diese vielfältige Jugendszene eine Infrastruktur bereitzustellen - und nicht nur selbst Begegnunspädagogik anzubieten. Ich überspitze hier natürlich. Denn es geht mir, wie gesagt, keineswegs darum, die Pädagogik internationaler Begegnungen abzuschaffen, sondern darum, eine andere Orientierung für sie vorzuschlagen. Die pädagogische Aufgabe besteht dann nicht mehr so sehr darin, fremde Kultur an die Teilnehmer/innen "heranzutragen" bzw. didaktisch zu vermitteln. Die Aufgabe besteht dann eher darin, Orte und Gelegenheiten interkultureller Erfahrung zu erschliessen und an diesen Orten gemeinsam mit den Jugendlichen zu entdecken und zu lernen, was "Begegnung" für jeden einzelnen bedeutet. Dies kann zur Konsequenz führen, dass sich die Erfahrung fremder Kultur gerade dann eher erschliesst, wenn nicht alles durchorganisiert und im einzelnen geplant ist. Vielleicht wäre es viel sinnvoller, Jugendliche mit Beratung, organisatorischen Hilfen, Geld etc. zu unterstützen, wenn diese eigene Ideen verwirklichen wollen.

Ich möchte übrigens mit diesem Modell keineswegs behaupteten, dass ein solches "Von-unten-Prinzip" etwas ganz Neues sei und in der Begegnungspädagogik keine Rolle spiele. Mir scheint aber, dass noch zu wenig Phantasie auf den Versuch verwandt wird, dieses Modell auch tatsächlich zur Normalform der Begegnung zu machen.

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