Arbeitstexte de travail

Das Thomas-Mann-Syndrom oder:
Die Wi
ederentdeckung der Vorurteile

Prof. Dr. Burkhard Müller
Universität Hiedesheim

Inhaltsverzeichnis

6. Schlussbemerkung

Ich habe in diesem Text viel das Wort "internationale Begegnung" gebraucht, meine aber auf Grund all dieser öberlegungen, dass das Wort "Begegnung" möglicherweise auch viele Missverständnisse produziert. Vielleicht sollten wir es eine Zeitlang aus dem Vokabular streichen. Der Begriff der "Horizonterweiterung" scheint mir in mancher Hinsicht viel treffender als "Begegnung" zu sein. Dies vor allem dann, wenn die Lernprozesse, die sich in sogenannten Begegnungsprogrammen entwickeln, nicht darauf hinauslaufen sollen, die kulturellen Unterschiede soweit als möglich in Richtung einer Nivellierung der Wahrnehmungs- und Funktionsweisen zu entwickeln: Also dahin, wo man normalerweise von einem "Abbau der Vorurteile" redet. Zum mindesten wäre das bestenfalls die Hälfte der Sache. Gerade für die deutschen Teilnehmer/innen scheint mir dies zu betonen wichtig, die immer meinen, vorurteilsfrei gegenüber anderen Kulturen zu sein, heisse, gleichsam den eigenen Standpunkt zu verleugnen, und meinen, wenn jemand sagt, "ich bin stolz Deutscher zu sein", dann sei das indirekt eine Beleidigung anderer Völker. Hier ist eben jenes beschriebene Assimilations- und Kontrastspiel am Werk, das letztlich in beiden Varianten auf Arroganz hinausläuft. Denn nicht nur das Beharren darauf, dass man stolz ist, Deutscher zu sein - wo es doch so viele andere schöne Dinge gibt, auf die jemand stolz sein könnte - sondern auch das Beharren darauf, einen gleichsam über den Nationen stehenden moralischen Standpunkt zu haben, kann die Möglichkeit zur Begegnung mit fremder Kultur verstellen.

Horizonterweiterung dagegen heisst, zuerst einmal die eigene Sichtweise als eigene identifizieren zu können und sie nicht mit einem als universal phantasierten Standpunkt ausserhalb der eigenen Kultur oder gleichsam über den Kulturen stehend zu identifizieren. Eben dies wäre die andere und grössere Hälfte der Aufgabe internationaler Pädagogik: Ein Beitrag für das Bewusstsein und die Praxis zu leisten, dass wir, im europäischen Massstab gesehen - und erst recht im Weltmassstab - alle nur zu einer kleinen ethnischen Minderheit gehören. Dass wir uns zu dieser Minderheit bekennen dürfen, auch "stolz darauf sein", aber gleichzeitig wissen müssen, dass diese Minderheit für andere ihre erschreckenden, auch ihre bewundernswerten, auch ihre komischen Seiten hat - und dass wir damit leben können. Wir müssen lernen, uns mit dieser Minderheit zu identifizieren, um die eigene kulturelle Identität nicht zu verleugnen. Wir müssen lernen, sie als Minderheit zu sehen, wenn wir dazu beitragen wollen, das europäische Haus zu bauen.

 

LITERATUR

E. Carroll, 1963:
Alice im Wunderland, Frankfurt

A. Finkielkraut, J.B. Pontalis, 1985:
Le passé et son avenir in Le temps de la réflexion, Bd. VI, Gallimard, Paris

Th. Mann, 1919:
Betrachtungen eines Unpolitischen (11. Auflage), Berlin

Th. Mann, 1965:
Reden und Aufsätze, Band 2, (Stockholmer Ausgabe), Frankfurt

A. Mitscherlich, 1967:
Die Unfähigkeit zu trauern, Frankfurt

K. Oguntoye u.a. (Hrsg.), 1989:
Farbe bekennen, Orlanda Frauenverlag München

Th. Schmid, 1988:
Entstaatlichung, Berlin

A. de Tocqueville, 1985: über die Demokratie in Amerika, herausgegeben von J.P. Mayer, Stuttgart

B. Waldenfels, 1990:
Der Stachel des Fremden, Frankfurt

 

Ende

retour