Arbeitstexte de travail

Wie bilden sich Eindrücke einer anderen Kultur heraus?
Im Kontext deutsch-französischer Begegnungen im
Schulaustausch

Inhaltsverzeichnis

 

 

Einleitung

Unter den internationalen Institutionen zur Unterstützung des internationalen Jugendaustauschs ist das Deutsch-Französische Jugendwerk zweifellos eine der wichtigsten Triebkräfte. Seit seiner Gründung im Jahre 1963 in Durchführung des Vertrags zur Zusammenarbeit zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Frankreich fördert die Organisation jährlich mehr als 7000 Aus tauschprogramme und Kontakte und ermöglichte damit bereits etwa 5 Millionen Jugendlichen, sich zu treffen. Doch was kann eigentlich geschehen, wenn Jugendliche einer anderen Kultur begegnen, die nicht ihre eigene ist ? Dieser Frage soll im vor liegenden Text nachgegangen werden, der auf 16 Austausch programmen beruht, die zwischen 1990 und 1992 von neun Forschern begleitet wurden und von denen jeder mindestens einen Austausch in Deutschland oder in Frankreich besucht hat. Es soll der Versuch unternommen werden, auf diese Frage ansatzweise Antworten zu geben. Ziel ist es dabei nicht so sehr, diese Austausche auszuwerten oder gar zu bewerten, sondern zu einem besseren Verständnis der Art und Weise beizutragen, wie sich ganz subjektiv - mit allen damit einhergehenden Vorein genommenheiten, Interpretationen und eventuellen Tatsachen ver stel lungen bei den daran teilhabenden Personen - im Kontakt mit einer anderen Kultur Eindrücke und Vorstellungen herausbilden. Was die Beteiligten sehen, die Bedeutung, die sie ihren Beobachtungen beimessen oder dem, was ihnen geschieht, entspricht nicht unbedingt dem, was sich in Wirklichkeit abspielt. Die Aufmerksamkeit jedes Einzelnen wird eingefangen von Ereignissen, die den üblichen Ablauf unterbrechen, wenn aus unterschiedlichen Gründen diese Ereignisse eine besondere Bedeutung erhalten, weil sie bereits vorhandene Erwartungen bestätigen oder weil sie ganz im Gegenteil als unpassend erschei nen, weil sie emotional belastet sind und zugleich positive oder negative Einstellungen hervorbringen können. Dies bedeutet, daß jeder Einzelne angesichts der Vielfalt der Erlebnisse und der Ereignisse, von denen wir umgeben sind, eine Auswahl trifft und jene Augenblicke besonders hervorhebt, die in dem jeweiligen eigenen Wertsystem einen Sinn ergeben.

Das Interesse dieser neun Forscher (Franzosen und Deutsche) galt - wohlgemerkt ohne vorherige Absprache - insbesondere folgen den zwei Aspekten:

1) den faktischen Gegebenheiten des Austauschs: Wer geht wohin? für wie lange? seit wann? in welcher Absicht? und Wer macht was?

2) den "Unebenheiten" in diesen Begegnungen, die häufig in der Banalität des Alltags zum Ausdruck kommen.

Die Forscher, deren Beobachtungen als Ausgangslage für diesen Text gedient haben, konnten sich selbst auch nicht den schon erwähnten Phänomen der Selektion und der Partikularisierung entziehen. Ausgehend von ihren persönlichen Beobachtungen, den Diskussionen mit den Schülern, Lehrern oder Veranstaltern sowie ausgehend von ihren eigenen, ihren kenntnisleitenden Interessen (deren Berücksichtigung wegen der jeweiligen Spezi fität jedes Einzelnen in diesem Text nicht möglich war) wurde ihre Aufmerksamkeit nicht nur auf die faktischen Gegebenheiten des Austausches gelenkt, sondern auch geleitet durch das Unvor hergesehene, was ihnen während eines Austauschs als bemer kenswert auffiel, ohne Anspruch auf Exemplarität. Ihre eigene Subjektivität kommt gewissermaßen zu der Subjektivität der Schüler, Lehrer und Veranstalter hinzu, überlagert sich sozu sagen damit und fließt notwendigerweise in ihre Beobachtungen ein sowie folglich auch in diesen Arbeitstext.

Die 16 Texte haben zur Zusammenstellung einer Sammlung von faktischen Daten und Beobachtungen geführt teils in direkter Form (verbale Aussagen von Jugendlichen, Lehrern oder sonsti gen Teilnehmern), teils in indirekter Form (Kommentare von seiten der Beobachter). Diese Auszüge wurden nach mehreren Themenbereichen geordnet: "die faktischen Gegebenheiten des Austauschs", "die Zielsetzungen des Austauschs", "die Organisation des Familienlebens", "die Organisation des Umfeldes inner halb und außerhalb des häuslichen Milieus", "das Schulsystem", "das Zutagetreten asymmetrischer Beziehungen", "der psycholo gische Preis des Austauschs und der Rückzug in die eigene natio nale Gruppe" und schließlich "die Sprachkompetenz der Jugendlichen". Wenngleich mehrere dieser Themenbereiche durchweg von allen beteiligten Forschern behandelt wurden, enthält der vorliegende Text lediglich die für jedes Thema prototypischen Passagen. Soweit wie möglich, haben wir solche Themen, die nur von einigen Forschern angesprochen wurden, mit einem entsprechenden Hinweis versehen.

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