Arbeitstexte de travail

Wie bilden sich Eindrücke einer anderen Kultur heraus?
Im Kontext deutsch-französischer Begegnungen im
Schulaustausch

Inhaltsverzeichnis

 

 

Die faktischen Merkmale des Austauschs

Trotz zahlreicher Unterschiede weisen die Austauschbegegnungen viele Gemeinsamkeiten auf: Die Schüler sind in der Regel 12 bis 18 Jahre alt. Ein Teil der Begegnungen betrifft Schüler verschiedener Klassen, andere wiederum die Schüler einer einzigen Klasse. In der einen Schule nehmen die Jugendlichen gleich an mehreren, in der anderen nur an einem deutsch-französischen Austauschprogramm teil. Hier erfolgt die Teilnahme auf frei williger Basis, dort ist sie fester Bestandteil des Lehrplans. Meist handelt es sich um Kurzaufenthalte (etwa ein bis zwei Wochen). Die Begegnungen werden fast immer von zwei oder drei Lehrer Innen (sehr oft von Frauen), d.h. von jeweils einem (einer) oder mehreren deutschen FranzösischlehrerIn(nen) und einem (einer) oder mehreren französischen DeutschlehrererIn(nen) geleitet. Häufig entstehen Freundschaften zwischen den Austauschlei terInnen: dann betrachten diese den Austausch gewissermaßen als ihre persönliche Angelegenheit. Diejenigen unter den LehrerIn nen, die sich nicht direkt an der Maßnahme beteiligen, nehmen die Ankunft von jungen Ausländern in ihrer Schule zwar mit einiger Verwunderung wahr, und halten sich in der Regel auf Distanz. Selten nehmen sie sich die Zeit, an den für die Gäste organisierten Aktivitäten teilzunehmen; viele weigern sich sogar, Ausländer zeitweise in ihre Klasse aufzunehmen, teils kommen tarlos, teils mit der Begründung, diese würden ihre eigenen Schüler vom Unterricht ablenken. Bis auf wenige Ausnahmen scheint diese Haltung die Regel zu sein. Was die Verantwortlichen in der Verwaltung angeht, so verhalten auch sie sich eher passiv, wenngleich sie den Austausch offenbar mehr oder weniger tolerieren - vorausgesetzt, er wirkt sich nicht störend auf Schulall tag, Unterricht und Lehrpläne aus. Offene Ablehnung vonseiten der Schulleitung ist selten; einmal jedoch weigerte sich ein Direktor, dem Empfang beizuwohnen, den die Gemeinde für die jungen Gäste organisiert hatte. Natürlich erleichtert die zweideutige Haltung dieses Personenkreises nicht gerade die Durchführung der Begegnungen. So wurde in einem französischen Gymnasium den deutschen Schülern von fast allen Lehrern die Teilnahme am Unterricht versagt, während die Veranstalterinnen auch während des Aufenthalts der deutschen Gäste ihren Unterricht wie gewohnt weiterführen mußten.

 

 

Die Zielsetzungen des Austauschs

Die Arbeitstexte der neun Forscher weisen auf verschiedene Zielsetzungen des Austauschs (Eintauchen in die fremde Sprache, Kennenlernen des Schulalltags im anderen Land, Entdeckung der Region und des Milieus sowie lokaler Produkte, Kontakt mit den einheimischen Fami lien...) hin.

Sowohl auf deutscher als auch auf französischer Seite gehören die Schüler, die an den Austauschprogrammen teilnehmen, oft leistungsstarken Klassen an. Aus Gesprächen mit französischen Eltern (keiner der neun Forscher scheint einen persönlichen Kontakt mit deutschen Eltern gehabt zu haben) geht hervor, daß diese ihre Kinder bei weitem nicht immer aus Liebe zur deutschen Sprache dazu anhalten, Deutsch als erste Fremdsprache zu wählen, sondern weil sie wollen, daß ihre Schützlinge in eine "gute" Klasse kommen. Damit gehorchen sie voll und ganz der in den unteren Klassen der französischen Gymnasien praktizierten Selektionslogik. Für andere Schüler (und Eltern) wiederum ergibt sich die Wahl des Deutschen als Fremdsprache direkt aus der Existenz der Austauschprogramme.

Unabhängig von den genannten Zielsetzungen tragen die Begeg nungen in beiden Ländern ganz deutlich die gleichen Merkmale: Die Beteiligung der ausländischen Schüler am Unterricht ist auf ein Minimum beschränkt. Ausflüge, Besuche von Museen und Parks usw. werden allgemein von der ausländischen Gruppe allein durchgeführt und füllen entweder den Vormittag (in Deutschland) oder den Vor- und den Nachmittag (in Frankreich) aus. Nur für ein oder zwei Ausflüge in der Woche ist die Teil nahme aller Schüler vorgesehen. Den Rest der Zeit verbringen die Jugendlichen mit ihren KorrespondentInnen und deren Familien. Das Leben in der Gastfamilie und der Besuch der Schule (mit ihren Schülern und Lehrern) sowie gelegentliche Begegnungen mit Fremdpersonen (auf der Straße oder bei Ausflügen) stellen das Gros der Kontakte mit dem fremden Land dar.

Beim Lesen der Arbeitstexte gewinnt man auf den ersten Blick den Eindruck, daß die Schüler - bis auf wenige Ausnahmen - zufrieden sind und dem Austausch durchaus positiv gegenüber stehen. Insofern scheinen sie den Zielsetzungen der Aus tauschprogramme und den Wünschen der Veranstalter voll und ganz zu entsprechen

"Les élèves allemands se sont très bien plus dans leurs nouvelles familles. Ils se sentaient un peu en vacances et centre d'intérêt de tous." (Den deutschen Schülern hat es in ihren neuen Familien prima gefallen. Sie fühlten sich fast schon etwas in Ferien; sie genossen es, im Mittel punkt des Interesses zu stehen.)

"Ich kann ohne Übertreibung sagen, daß dies eine der schönsten Wochen meines Lebens gewesen ist."

Einige französische Schüler freuen sich, daß ihnen der Aufenthalt auch in sprachlicher Hinsicht genützt hat:

"On s'est rendu compte qu'on arrivait tout de même à se débrouiller. On est poussé à parler, surtout dans les familles d'accueil, car souvent, ils ne parlent pas le fran çais et il fallait donc parler allemand toute la journée." (Man merkt eben, daß man irgendwie doch zurecht kommt. Man wird laufend zum Sprechen gebracht, vor allem in den Gastfamilien, denn die sprechen oft kein Französisch, und so mußten wir den ganzen Tag deutsch sprechen.)

"Souvent, on n'osait pas trop parler en allemand ; main tenant, on le fait beaucoup plus facilement." (Anfangs trauten wir uns nicht so recht, deutsch zu sprechen. Jetzt geht das viel leichter.)

"C'est fou, parce qu'en rentrant, j'avais constamment des mots allemands qui me venaient ; j'avais presque l'im pression de penser en allemand." (Es ist ganz verrückt: Als ich wieder zu Hause war, kamen mir laufend die deutschen Wörter; ich hatte fast den Eindruck, deutsch zu denken.)

Andere wiederum - in der Mehrzahl Deutsche - erinnern sich vor allem an die affektiven Bindungen, die sie mit der "neuen" Familie aufgebaut haben:

"Auf die Familie trifft nur ein Wort zu: super! Besser hätte ich es nicht treffen können."

"Ich sehe die Familie als meine Zweitfamilie an und vermisse die vier (plus Hund und Katze) tierisch."

"... liebevolle Erzählungen über französische Omas und Opas, Onkel und Tanten; sie berichteten, daß sie von den Gasteltern und Gast-Großeltern hochinteressante Geschichten aus dem 1. und 2. Weltkrieg, aus Résistance und Nachkriegszeit gehört hätten.

Manchen brachte der Aufenthalt neue Erfahrungen auch in sentimentaler Hinsicht:

"Genial", meinen einige, sei es gewesen und behaupten dabei, "nur die Beziehungen zu den deutschen Jungen bzw. zu den Mädchen zu meinen."

Natürlich ebnen die Veranstalter der Austauschprogramme den Schülern die Kontaktaufnahme mit dem anderen Land in vielerlei Hinsicht dadurch, daß sie den Ablauf nach einem verabredeten Muster planen. Ihr Einfluß kennt jedoch Grenzen, was die Begeg nung mit der Gastfamilie und auch mit der ausländischen Schule betrifft. Im Kontakt mit ihren Korrespondenten und deren Fami lien sind die Jugendlichen auf sich selbst angewiesen und müssen somit ihre Beziehung zum fremden sozialen Umfeld allein meistern. Sie bringen die in ihrer eigenen Familie und Schule gesammelten Erfahrungen ein, anhand derer sie versuchen, dem, was sie an Neuem sehen und wahrnehmen, einen Sinn, eine Bedeutung zu geben. Dabei vermischen sich die anfänglich insgesamt positiven Eindrücke vom Austausch im all gemeinen und von den Gastfamilien im besonderen mit Unverständnis oder gar mit Kritik an der Organisation des Familien lebens, am Schulsystem sowie - stellvertretend - am Verhalten der Deutschen bzw. der Franzosen als (Staats)Bürger.

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