Arbeitstexte de travail

Wie bilden sich Eindrücke einer anderen Kultur heraus?
Im Kontext deutsch-französischer Begegnungen im
Schulaustausch

Inhaltsverzeichnis

 

 

Die Organisation des Familienlebens

Die Gastfamilie mag zwar einfach sympathisch erscheinen, doch sie erregt auch Neugier und Verwunderung. Die Organisation des Familienlebens erweist sich oft als Stein des Anstoßes. Als besonderer Problempunkt kommen in fast allen Arbeitstexten die Eßgewohnheiten zur Sprache.

Von den deutschen Teilnehmern beispielsweise wurde bemerkt (Die folgenden Aussagen wurden teils deutschen, teils französischen Texten entnommen):
"Zu essen gibt es zu viel, vor allen Dingen abends. Ich esse abends sonst nur ein Butterbrot - und hier zu allem Brot..."

"Bei uns gibt es abends nur Brot. Die Franzosen sind bestimmt nicht satt geworden, weil sie gedacht haben, das ist die Vorspeise. Ich habe mich gewundert, daß meine Französin immer so wenig ißt. Aber die dachte bestimmt, das ist die Vorspeise und das Hauptgericht kommt noch. Aber dann kam nichts mehr..."

"Bei uns in Deutschland frühstücken wir manchmal sonn tags auch sehr viel. Aber hier essen die abends so viel. Das ist gar nicht gesund: Die sollten besser mehr frühstücken, anstatt ihren Kaba mit allem möglichen drin!"

"Ich glaube, die essen ewig. Aber die sind so dünn, obwohl sie auch noch einen Haufen Zucker hineintun."

"Les carottes sont mangées en salade au lieu d'être cuites." (Die essen ihre Möhren roh, in Essigsoße, statt sie zu kochen.)

"Les haricots ne sont pas assez cuits." (Auch Bohnen werden halbroh gegessen.)

"Il y a trop de pâtes; ils ont dit qu'ils feraient de la cui sine allemande, alors qu'en réalité, c'était italien et non pas allemand, avec trop de sel et trop de vinaigre." (Es gibt zu viel Nudeln. Erst haben sie gesagt, sie wollten deutsch kochen, und dann war in Wirklichkeit alles italienisch - mit viel zuviel Salz und Essig drin.)

Auch die Franzosen meldeten Kritik an - vor allem die Mädchen:
"De la charcuterie, et encore de la charcuterie, le matin, le midi et le soir." (Aufschnitt und nochmals Aufschnitt: morgens, mittags und abends!)

"On mange trop le matin. Dès que je vois toute cette charcuterie, je suis écoeurée. On mange peu à midi et encore moins le soir." (Morgens wird zu viel gegessen. Wenn ich diese ganze Wurst schon sehe, wird mir schlecht - mittags wird wenig gegessen und abends noch weniger.)

"Ils mangent toujours froid le soir, ou des pizzas." (Die essen abends immer kalt, oder Pizza.)

"Leur eau minérale est gazeuse, et je n'aime pas ça; alors, je bois du coca." (Die trinken nur Mineralwasser mit Kohlensäure, und das mag ich nicht; da trinke ich lieber Coca Cola.)

Die Lehrer, die am Austausch beteiligt sind, mißbilligen solche Äußerungen als Zeichen mangelnder Bildung und weisen darauf hin, daß so vornehmlich Schüler reden, die zum erstenmal allein im Ausland sind. Einer der Forscher schreibt:
"Die jüngeren Deutschen bzw. Franzosen nahmen die unterschiedlichen Eßgewohnheiten weitaus stärker wer tend zur Kenntnis als die Älteren. (...) Die Älteren machten sich darüber lustig, daß sie sich am Anfang mit drei Gängen überfordert hatten bzw. nicht satt geworden waren, weil in Deutschland nach dem ersten noch ein zweiter und dritter Gang erwartet wurde. (...) Die älteren SchülerInnen waren durchweg in der Lage, von ihnen als typisch französisch wahrgenommene Verhaltensweisen gelten zu lassen, ohne sie zugleich vor dem Hintergrund eigener Merkmale hierarchisieren zu wollen. Hingegen war bei den jüngeren SchülerInnen die Neigung zu negativer Abgrenzung stark ausgeprägt."

Das französische Essensritual wirkt sich mitunter auf die Organisation des Familienlebens und das Verhalten der Familienmitglieder aus. Die jungen Deutschen ziehen aus dem, was sie in Frankreich sehen, positive Vergleiche zu den Gewohnheiten ihrer eigenen Familie:
"Essen ist dort sehr wichtig gewesen und nahm mehr Zeit in Anspruch als bei uns. Die Mutter gab sich sehr viel Mühe. Die Familie unternimmt mehr gemeinsam als in Deutschland."

"Die Familiengemeinschaft war anders. Mutter und Vater haben noch zusammengelebt, und die Mutter hatte, wenn sie da war, viel Zeit für ihre Kinder. Schon daher nicht mit meiner zu vergleichen. Überredbar war sie genauso leicht wie meine Mutter und irgendwie genauso liebevoll! Es gab keine Tassen, sondern Schüsseln, aber nach solchen Kleinigkeiten wird hier, glaube ich, nicht gefragt."

"Ich finde das eigentlich schön: Die ganze Familie ist zusammen und unterhält sich gemütlich. Über alles vom Tag wird geredet."

"Bei uns wird schnell reingehauen und dann zischt jeder schnell wieder ab. Ich finde es schon schön, aber wenn ich Mutter wäre, ich würde da nicht so viel kochen. Was für eine Arbeit!"

Die positiven Aspekte des französischen Familienlebens gehen jedoch aus der Sicht der jungen Deutschen mit gewissen Zwängen einher, besonders für die Frauen:
"Ich möchte da keine Mutter sein, so schön das auch ist, wenn man so lange am Tisch zusammensitzt."

"Ich finde das auch schlimm für die Mutter. Die kommt vom Geschäft heim und muß noch alles machen. Die steht Stunden am Herd!"

"Da kam wohl das eine oder andere bedauernde Wort insbesondere über die "Unfreiheit" der französischen Mädchen auf, die die deutschen Mädchen natürlich an ihren Lebensgewohnheiten maßen. Aber dies war frei von Überheblichkeit."

"Ich finde die Frauen hier ganz schön unterdrückt."

Die Deutschen meinen außerdem, daß die französischen Kinder weniger Freiheit genießen als die deutschen Kinder (Die folgen den Aussagen wurden teils deutschen, teils französischen Texten entnommen):
"Les élèves français rentrent le soir, ont 30 minutes maximum pour se reposer, doivent faire leurs devoirs, manger et ensuite aller au lit. Le week-end, ils doivent partir chez une grand-mère ou un autre parent, et le mercredi après-midi est pris par des activités organisées par les parents." (Die französischen Schüler kommen erst abends aus der Schule heim. Dann haben sie höch stens 30 Minuten, um sich auszuruhen. Anschließend müssen sie ihre Schulaufgaben machen, dann wird gegessen und dann ins Bett. Am Wochenende müssen sie zu einer Großmutter oder zu sonst einem Verwandten, und auch Mittwochnachmittag haben die Eltern in der Regel schon mit irgendwelchen Aktivitäten gefüllt.)

"Der ganze Tagesablauf ist eben anders. Von morgens bis abends Programm. Man hat zu wenig Zeit für sich selbst."

"Außerdem machen die nie etwas miteinander, höchstens mal telefonieren. Ich meine die Schüler. Bei uns machen auch nach der Schule noch viele was zusammen."

Die Organisation des französischen Familienlebens betrifft nicht nur die Mitglieder der Familie, sondern in gleichem Maße ihre deutschen Gäste. Vor allem die Jüngeren unter ihnen (d.h. die zwölf- bis fünfzehnjährigen) ertragen nur schwer diese Einschränkung ihrer Freiheit. Sie erkennen zwar an, daß sich die Gasteltern viel Mühe geben, um ihnen die Speisen zu bereiten, die sie am liebsten mögen, aber sie haben den Eindruck, daß sie mehr essen sollen als sie wollen bzw. können und somit den Erwartungen der Gastfamilie nicht gerecht werden:
"Hier esse ich viel zuviel. Manchmal denke ich, ich platze, und dann heißt es, ich esse nicht genug!"

Die deutschen Jugendlichen empfinden die - in ihren Augen - übertriebene Fürsorge der Gastmütter als bedrückend und lästig. Unverständnis - vor allem bei den jüngeren Deutschen - rief die vergleichsweise strenge Disziplin hervor, der sie sich unterwerfen mußten. So durften sie beispielsweise ab 20 Uhr nicht mehr das Haus verlassen.

Zum Thema Familie und Disziplin äußern sich die französischen Schüler eher zugunsten der Deutschen:
"En Allemagne, on a le temps de discuter. Il faut dire que chez nous, on n'a pas tellement le temps d'avoir une vie de famille ; on rentre tard le soir, on mange, on les voit [les parents] au dîner, et puis après, on va tra vailler." (In den deutschen Familien nehmen sie sich immer Zeit, miteinander zu sprechen. Es stimmt schon, daß bei uns für Familienleben nicht viel Zeit übrigbleibt: Wir kommen abends spät nach Hause; dann wird zu Abend gegessen, das ist der einzige Moment am Tag, wo wir unsere Eltern sehen. Anschließend müssen wir unse re Hausaufgaben machen.)

Bemerkenswert erscheinen ihnen aber vor allem die guten Be ziehungen zwischen Eltern und Kindern: Die Kinder respektieren ihre Eltern, genießen aber gleichzeitig größere Freiheit:
"Il y a moins d'autorité, les parents laissent plus faire que chez nous." (Die Eltern sind nicht so autoritär und lassen den Kindern mehr Freiheit als bei uns.)

"En France, l'enfant, il aura toujours tort ; là-bas, le père lui dit: ça va, t'as raison." (In Frankreich haben die Kinder nie recht; bei denen dagegen sagt der Vater: Also gut, Du hast recht.)

Sie nutzen diese größere Freiheit, um nachmittags oder abends zusammen mit anderen Franzosen oder mit ihren Korrespondenten in die Stadt zu gehen, Eis und Hamburger zu essen, Fußball oder Billard zu spielen oder sich die Schaufenster anzusehen.

Der Vergleich mit dem eigenen Familienleben in Frankreich fällt meist zugunsten der deutschen Gastfamilie aus. Ganz vereinzelt gibt es auch negative Bemerkungen: Diese stützen sich zwar auf die gleichen Kriterien, jedoch mit negativer Bewertung:
"Les Allemands sont plus froids ; nous, même quand on se voit toute la journée, on voit nos parents, on va leur faire une bise. (...) Ils ne sont pas aussi affectueux que nous." (Die Deutschen sind eher kühl und zurückhaltend. Bei uns, auch wenn wir den ganzen Tag zusammen sind, gehen wir auf unsere Eltern zu und geben ihnen ein Küßchen. (...) Die gehen nicht so zärtlich miteinander um.)

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