Arbeitstexte de travail

Wie bilden sich Eindrücke einer anderen Kultur heraus?
Im Kontext deutsch-französischer Begegnungen im
Schulaustausch

Inhaltsverzeichnis

 

 

Die Organisation des Umfeldes innerhalb und außerhalb des häuslichen Milieus

Die deutschen Schüler haben nicht nur den Eindruck, daß die Jugendlichen in Deutschland mehr Freiheit genießen. Ihr Augenmerk gilt auch gewissen Einzelheiten, aus denen sie schließen, daß Deutschland das reichere Land ist und man dort besser lebt als in Frankreich:
"Die Häuser sind alt, die Möbel sind alt, die Schränke und Spiegel und Stühle... Die Böden knarren. In Deutschland gibt es auch viel mehr Grünflächen. Die Häuser sind neu. Man hat nicht diese alten Parkettböden, sondern einen Teppich oder Fliesen."

"Ich glaube, daß Frankreich weniger Luxus hat als Deutschland und daß deswegen dort weniger Mütter arbeiten als bei uns. Bei uns braucht man zwei Autos. Dafür arbeiten dann die Mütter und sind gestreßt."

"Ich glaube, die legen hier weniger Wert auf Autos und Kleidung oder auf Möbel. Ich glaube, das Wichtigste hier ist das Essen."

Mehreren Arbeitstexten zufolge übten einige Deutsche Kritik an der Einstellung der Franzosen in Bezug auf die Umwelt (Die folgenden Aussagen wurden teils deutschen, teils französischen Texten entnommen):
"Pour beaucoup d'enfants allemands, les Français sont trop exigeants pour des détails et trop laxistes en ce qui concerne les grands thèmes. Ils ne permettraient pas à un clochard d'entrer dans un magasin ou dans un restau rant, mais ils ne préserveraient pas leur paysage. Ils n'auraient aucun sens pour l'environnement et jetteraient tout par terre. Dans les ruelles, ils laisseraient s'amonce ler les crottes de chien et des immondices de toutes sortes." (Für viele deutsche Kinder sind die Franzosen zu genau, wenn es um Kleinigkeiten, und zu nachlässig, wenn es um wichtige Dinge geht: Die würden nie einen Clochard in ein Geschäft oder Restaurant reinlassen, aber ihre Landschaft, die ließen sie verkommen. Die Franzosen seien überhaupt nicht umweltbewußt und würfen alles auf die Erde, während sich in den Gassen Hundedreck und Müll aller Art anhäuften.)

"Die legen nicht so viel Wert auf Sauberkeit und auf Umwelt."

"Die lassen ihre Autos einfach laufen."

"Die schmeißen ihren Müll überall hin. Manchmal laufe ich durch die Stadt und suche einen Mülleimer. Dann ist keiner da und ich schmeiß' den Müll auf die Erde. Zu Hause würde ich keinen Müll auf die Straße werfen, und hier mache ich das auch."

"L'une des élèves étend la carte de Lyon devant moi et me montre que dans le centre, il n'y a pas d'espace vert. Les espaces verts sont à la périphérie de la ville, mais pour elle, cela ne compte pas. D'autres élèves lui don nent raison et ajoutent que non seulement il n'y a pas d'espace vert, mais que les rues sont étroites, que les maisons sont collées les unes contre les autres, qu'il n'y a donc pas d'air et de soleil qui puisse pénétrer entre les maisons. D'où l'impression que tout est étroit, sombre et petit. Comme dans les maisons." (Eine Schülerin breitet den Stadtplan von Lyon vor mir aus und zeigt mir, daß es im Zentrum keine Grünflächen gibt. Die Grünflächen sind am Stadtrand, aber für sie zählt das nicht. Einige andere Schüler stimmen ihr bei und fügen hinzu, daß es nicht nur keine Grünflächen gibt, sondern daß außerdem die Straßen eng sind, die Häuser dicht nebeneinander stehen und daß es folglich weder Luft noch Sonne gibt - daher der Eindruck, daß alles eng, düster und klein ist, wie in den Häusern selbst.)

Einer der Forscher berichtet von ein paar Knirpsen unter den deutschen Teilnehmern, die Frankreich mit der Dritten Welt ver gleichen: Sicher seien die Zustände in Frankreich besser als in der Dritten Welt, aber in Deutschland sei alles besser als in Frankreich.

Eine eventuell positive Bewertung von Architektur oder Landschaft wird sogleich relativiert:
"Die Bremer fanden die Gegend sehr schön, aber die Städte eher langweilig."

"Ich finde es gut, daß sie hier alles in die Landschaft integrieren, zum Beispiel wenn sie neue Häuser bauen. Frankreich hat ein besonderes Flair, zum Beispiel der Baustil. Vielleicht liegt das daran, daß die Leute weniger Geld haben und vieles lockerer sehen."

Und wie stehen die Franzosen zu alldem? Sie äußern sich eher positiv über Deutschland: Die Deutschen sind in ihrer Wahr nehmung diszipliniert, nicht so hektisch und sehr gastfreundlich und umweltbewußt (Die folgenden Aussagen wurden teils deutschen, teils französischen Texten entnommen):
"Les poubelles là-bas sont pleines." (Bei denen sind Papierkörbe/Abfalleimer voll.)

"Unabhängig davon, wie effektiv der Umweltschutz in Deutschland wirklich ist, stellten die französischen SchülerInnen einhellig ein ausgeprägteres Umwelt bewußtsein in Deutschland fest (...) Die deutschen SchülerInnen verbuchten diese Wahrnehmungen für sich als Fortschritt. Auf die Idee, die französischen SchülerInnen an diesem Fortschritt zu beteiligen, kamen sie nicht."

Viele französische Jugendliche teilen im übrigen die Ansicht, Deutschland sei reicher als Frankreich; dies sähe man auch in den Familien (Die folgenden Aussagen wurden teils deutschen, teils französischen Texten entnommen):
"Les jeunes Français étaient assez souvent impressionnés de s'être retrouvés dans des familles allemandes plus aisées que la leur et gênés de devoir recevoir leurs cor respondants dans des conditions moins confortables." (Viele junge Franzosen waren beeindruckt, in deutsche Familien zu kommen, denen es finanziell besser ging als ihrer eigenen Familie, und schämten sich, ihre Korrespondenten unter "ärmeren" Bedingungen empfangen zu müssen.)

"Eindruck haben offenkundig die Wohnverhältnisse gemacht. Die Häuser, so sagen fast alle, seien sehr schön. Ein Franzose gerät richtig ins Schwärmen, wenn er das Zimmer seines deutschen Partners beschreibt: mit elektronischen Ausstattungen, Hunderten von Videos und anderen Spielen und alles voller Plakate. Die meisten Gäste haben eigene Zimmer, nur einzelne wohnen mit ihrem Gastgeber zusammen."

"Chaque famille a deux voitures." (Jede Familie hat zwei Autos.)

...sowie auch in wirtschaftlicher Hinsicht ganz allgemein:
"L'Europe est bâtie autour de l'économie allemande, qui est très forte." (Der Aufbau Europas orientiert sich wesentlich an der deutschen Wirtschaft, und die ist sehr stark.)

"Ça va devenir une très grande puissance au niveau mondial." (Das wird mal eine riesige Großmacht in der Welt.)

Währenddessen vertreten einige französische Schüler die Auffas sung, daß die beherrschende wirtschaftliche Stellung der Deutschen durch die Wiedervereinigung geschwächt ist und daß die Deutschen ihren Reichtum nicht mit denen teilen wollen, die weniger haben, woraus sich ihr fremdenfeindliches Verhalten gegenüber den Türken und den Menschen aus der ehemaligen DDR erkläre:
"Ils disent qu'on veut prendre leur travail, ils disent qu'ils veulent une économie forte pour avoir la grande Allemagne." (Sie behaupten, man wolle ihnen die Arbeit wegnehmen. Sie sagen, sie wollen eine starke Wirtschaft für ein großes Deutschland.)

"Ils auraient préféré qu'il y ait deux Etats indépendants. Ils disent que ça va coûter beaucoup d'argent." (Sie hätten lieber gehabt, es gäbe zwei unabhängige deutsche Staaten. Sie sagen, das wird teuer werden.)

"Ils pensaient toujours à leur argent, tous les impôts qu'ils allaient payer." (Die dachten immer nur an ihr Geld, die ganzen Steuern, die sie zu zahlen hätten.)

In den Augen einiger Franzosen sind die Deutschen nicht nur weniger gestreßt, disziplinierter, reicher, umweltbewußter und vielleicht etwas fremdenfeindlich, sondern auch ein bißchen langweiliger und verklemmter:

"Les filles se plaignent de ce que les garçons allemands ne bougent pas et ne savent pas danser les danses modernes. Lors d'une boum organisée chez une élève allemande, les Français se sont regroupés en rang d'oi gnons d'un côté et les Allemands de l'autre, sans qu'ils aient pu se décider à faire autre chose que de manger. Les jeunes filles auraient aimé danser, mais comment faire danser des garçons qui ne bougent pas, surtout quand les unes veulent danser le rap et que les autres ne connaissent que le cha-cha-cha, la valse ou le tango?" (Die Mädchen beklagen sich, daß die deutschen Jungen träge sind und nichts von modernen Tänzen verstehen. Bei einer Fete, die bei einer deutschen Schülerin gege ben wurde, haben sich die Franzosen auf der einen Seite gruppiert, die Deutschen auf der anderen, und alle taten so, als gäbe es nichts anderes als Essen. Die Mädchen hätten gern getanzt, aber wie sollten sie es anstellen mit Jungen, die nur bewegungslos dasitzen? An Rap sei sowieso nicht zu denken, die würden ja nur Cha-cha-cha, Walzer oder Tango kennen...)

"Le fait de chanter dans le car était une autre pratique beaucoup exercée, par les filles surtout. S'apprendre mutuellement à chanter dans une autre langue était alors une activité qui réunissait beaucoup d'élèves des deux nationalités - même si les jeunes filles françaises trou vaient que les chansons allemandes manquaient de rythme." (Im Bus wurde viel gesungen, das gefiel vor allem den Mädchen. Viele SchülerInnen beider Natio nalitäten kamen sich näher, indem sie sich gegenseitig Lieder in ihrer Sprache beibrachten - wenn die französischen Mädchen die deutschen Lieder auch "zu unrhythmisch" fanden.)

"Pour les relations garçons-filles, ils ne sont pas très loin." (Was die Beziehungen zwischen Jungen und Mädchen angeht, haben die noch einiges nachzuholen.)

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