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Das Schulsystem
Die jungen Deutschen bekunden ebenso entschieden wie kategorisch ihre Enttäuschung über das französische Unterrichtsmodell:
"In der Schule fand ich es schrecklich!"
Sie finden den Unterricht beschwerlich und die Lehrer zu auto ritär mit ihren Ordnungsrufen und versteckten Drohgebärden:
"Die Schule wirkte sehr kalt und streng. Die Schulregeln waren sehr streng, und es herrschte eine brave Disziplin - bis wir kamen zumindest!"
"Die Schulen in Frankreich sind viel strenger als die deutschen. Im Unterricht sagen die Schüler kaum etwas, und sie haben sehr viel Respekt vor den Lehrern, beson ders der Schulleitung gegenüber."
"Außerdem ist der Unterricht anders, denn sobald der Lehrer die Klasse betritt, herrscht absolute Ruhe, anders als bei uns, wo die Schüler noch weiterreden..."
Vor allem die langen Schultage finden sie unerträglich:
"Ich finde die französische Grundschule ziemlich streng und vor allen Dingen anstrengend. Die müssen hier ein dreiviertel Stunden an einem Stück aufpassen. Bei uns ist das nur eine Stunde. Ich finde vor allen Dingen die Lehrer viel strenger als bei uns. In unserer Schulzeit haben wir viel mehr gespielt."
"Wir haben mittags frei und können dann auch noch etwas tun, was uns interessiert. Hier, die haben bis um fünf Uhr Schule und dann immer noch Hausaufgaben auf. Das ist ja schrecklich! Da kannst Du überhaupt nichts mehr machen. So etwas wie Freizeit gibt es hier gar nicht. Auch die Stunden sind blöd aufgeteilt. Dann haben sie mal die erste Stunde frei und dann die zweite, können aber nicht weg. So sind sie den ganzen Tag mit der Schule beschäftigt."
Einige Schüler wundern sich, daß die Klassenzimmer in Frankreich sauberer sind als in Deutschland. Dabei ist aber zweifel haft, ob dieser Aspekt, wenngleich deutlich hervorgehoben, auch wirklich positiv bewertet wird:
"Die LehrerInnen sind sehr viel strenger, die Klassen größer und die Unterrichtsräume viel sauberer als an unserer Schule."
"Hier, wenn Du den Gang hochläufst, kein Fenster, kein Bild, nichts. Bei uns gibt es wenigstens Fenster. Das macht hier so einen düsteren Eindruck. Da geht man doch nicht gern in die Schule!"
Nur in einem Text weist ein Schüler darauf hin, daß es in den französischen Schulen eine Bibliothek gibt, aber:
"Es gibt eine riesige Bibliothek, wo man auch sitzen kann, aber viel zu kleine Klassenzimmer. Ich kann auf eine Bibliothek verzichten, wenn ich dafür ein Klassenzimmer habe, das schön ist. Außerdem kann man auch in die Bibliothek nicht immer rein. Meistens steht man draußen in der Kälte und wartet, daß einen ein Lehrer zum Unterricht ins Klassenzimmer holt. Die Bibliothek ist dann sowieso noch zu. Ich finde diese Schule nicht gut."
Mehrere Texte enthalten Bemerkungen über das Verhalten der französischen Schüler:
"Kinder haben noch totalen Respekt vor den Lehrern - keine Beschriftungen der Wände, Tische etc. - morgendliches Versammeln und Abholen vom Schulhof."
"Dort geht doch der Schüler nicht zum Dialog hin. Da macht er den Mund doch nur auf, wenn er gefragt wird, na, und diskutieren mit dem Lehrer, kontrovers gar, darauf läßt sich keiner ein. Sie haben in der Schule nicht den Dialog gelernt, und hier sind sie genauso passiv wie dort!"
Die meisten Deutschen finden den Unterricht der französischen Lehrer langweilig, wenig motivierend - und nicht nur die Schüler: Eine deutsche Lehrerin übte offene Kritik am Unterrichtsstil einer französischen Kollegin (Diese Schilderung wurde einem fran zösischen Arbeitstext entnommen):
"Le second professeur allemand, qui avait assisté à quelques cours, n'a pas hésité à manifester son désac cord avec la façon de faire qu'elle rencontrait et de le dire au sein même de la classe: "Pourquoi, dans cette classe de langue (anglais), parle-t-on si peu anglais?" La professeur française se sentait mise en question devant ses élèves, avec son autorité sapée et tout ce qui s'ensuit. Après, elle est allée demander à la professeur d'allemand française, responsable de l'échange, qu'elle exige des excuses de la part de la professeur allemande. Laquelle a consenti pour éviter la "rupture diplomati que", bien qu'elle n'ait pas du tout compris cette démar che, estimant, de son côté, que tout peut se dire. D'où son jugement, plutôt sévère: l'Europe ne devrait pas se faire avec des gens qui persistaient dans un obscuran tisme pédagogique dommageable à l'édification de la jeunesse; on devrait surseoir à l'Europe tant que nous n'en serons pas tous arrivés au même point d'accomplis sement pédagogique - sous-entendu: "au même point que nous, Allemands". (Die zweite deutsche Lehrerin, die einigen Stunden beigewohnt hatte, hat nicht gezögert, in einem Englisch-Unterricht, vor den Schülern zu sagen, daß sie mit dem Stil nicht einverstanden war: "Warum", meinte sie, "wird hier eigentlich so wenig englisch gesprochen?" Die französische Lehrerin fühlte sich vor ihren Schülern mitsamt ihrer Autorität in Frage gestellt. Nach Unterrichtsschluß wandte sie sich prompt an die französische Deutschlehrerin, die für den Austausch verantwortlich war, und verlangte, die deutsche Lehrerin solle sich bei ihr entschuldigen. Diese ließ sich nicht lange bitten, um einen "diplomatischen Bruch" zu vermeiden, zeigte aber keinerlei Verständnis für die Reaktion der Englischlehrerin, da sie der Meinung war, man müsse alles offen aussprechen können. Sie formulierte ihrerseits ein strenges Urteil: Europa dürfe nicht mit Leuten geschaffen werden, die dieser Art von "Verdummungspädagogik" verhaftet blieben, die der Entwicklung der Jugend ja doch nur schaden könne. Man solle den Aufbau Europas solange aufschieben, bis alle Protagonisten den gleichen Grad pädagogischer Reife erreicht hätten - bei sich dachte sie wohl weiter: "...wie wir Deutschen".)
Die Haltung der französischen Schüler gegenüber dem deutschen Schulsystem ist etwas zweideutig. Verwundert äußerten sie sich über das "Chaos" in den deutschen Klassen: "Chacun parle comme il veut, met des baladeurs..." (Jeder redet, wie er will, setzt seinen Walkman auf...) Doch Verwunderung bedeutet in diesem Fall auch Bewunderung (Die folgenden Aussagen wurden teils deutschen, teils französischen Texten entnommen):
"Die Franzosen sind erstaunt, zum Beispiel darüber, daß es Lehrer gibt, die Schüler mit Vornamen und Hände druck begrüßen und die Kaugummi kauen - und dann die vielen Grafitti..."
"Quelques élèves faisaient remarquer que les élèves allemands chahutent beaucoup dans les cours. D'autres trouvaient, en revanche, que les élèves allemands y sont très actifs et interagissent plus souvent avec les profes seurs qu'eux." (Einige Schüler bemerkten, daß die deutschen Schüler im Unterricht sehr viel "Radau" machen. Andere dagegen meinten, daß die deutschen Schüler sehr aktiv am Unterricht teilnehmen und mehr als in Frankreich mit dem Lehrer interagieren.)
Und einer der Forscher bemerkt:
"Je pourrais dire que les jeunes Français découvrent en Allemagne l'exact contraire de ce qu'ils vivent en France. Alors qu'ils vont dans une école toujours mar quée par des rapports d'autorité et qu'ils évoluent dans un espace social assez libéral et tolérant, ils découvrent en Allemagne une école qui les incite à la discussion - y compris dans les matières où il y a peu à discuter (maths, physique...), une école qui est peu regardante sur les attitudes en classe, et un extérieur qui est structuré par l'observance assez pointilleuse des règles de vie sociale et par un code de bonne conduite qui a tôt fait de se rappeler à l'attention de celui qui l'oublie." (Man könnte sagen, daß die jungen Franzosen in Deutschland das genaue Gegenteil von dem erleben, was sie aus Frankreich gewohnt sind. Während sie trotz eines eher liberalen, toleranten sozialen Umfeldes eine Schule kennen, in der Autorität noch immer großgeschrieben wird, erleben sie in der deutschen Schule eine Atmosphäre, die zur Diskussion einlädt - einschließlich in Fächern, wo es eigentlich wenig zu diskutieren gibt (Mathematik, Physik...); eine Schule, die es mit dem Benehmen im Unterricht nicht ganz so genau nimmt, während der Bereich außerhalb der Schule durch die peinliche Beachtung der Regeln des sozialen Lebens und streng definier ter Verhaltensmuster gekennzeichnet ist.)
Doch nicht nur die Schüler erliegen dem "Zauber" des deutschen Modells (zumindest, was das Schulsystem betrifft). So heißt es in einem der Arbeitstexte:
"L'une des enseignantes a enseigné le français pendant toute une année en Allemagne. De son séjour, elle garde une image de vacances. Elle trouve que le travail est bien moins stressant en Allemagne qu'en France, que les professeurs sont bien mieux payés et que le rythme de vie en Allemagne est bien moins trépidant qu'en France. Les élèves n'ont cours que le matin; l'après-midi, l'ensei gnant peut faire une sieste, corriger les copies et faire du sport. Tandis qu'en France, il faut assurer les cours le matin et l'après-midi. "Et pourtant, s'étonne-t-elle, ils ne font pas moins bien que nous..." (Eine der französischen Lehrerinnen hat ein ganzes Jahr lang in Deutschland Französisch unterrichtet. Ihren Aufenthalt hat sie wie Ferien in Erinnerung. Sie findet, daß die Arbeit in Deutschland weniger aufreibend ist als in Frankreich, die Lehrer dort viel besser bezahlt werden und der Alltag bei weitem nicht so hektisch ist wie in Frankreich: Die Schüler haben nur morgens Schule; am Nachmittag können die Lehrer ein Mittagsschläfchen machen, Klassenarbeiten korrigieren und Sport treiben, während sie in Frankreich morgens und nachmittags unterrichten müssen. "Und trotz alledem schaffen sie nicht weniger als wir...").
"Les professeurs françaises sont d'ailleurs très critiques envers l'enseignement en France. Selon elles, il y aurait non seulement trop de cours en France ; mais elles pen sent également que la pédagogie pratiquée en Allemagne est meilleure qu'en France. Elles font remarquer qu'en France, le professeur dicte son cours tout en recomman dant aux élèves un manuel contenant le même cours, avec une structure légèrement différente ; que l'élève ne regarde pas ce manuel, car, pour faire plaisir à son pro fesseur, il se tient au cours dicté, alors qu'en Allemagne, disent-elles, les élèves n'ont pas de ces épais cahiers contenant le cours du professeur. Les élèves lisent les chapitres indiqués, et pendant le cours, le professeur discute avec les élèves vérifiant ainsi la compréhension de ce qu'ils ont lu." (Die französischen Lehrer sind übri gens dem Schulwesen in ihrem Land gegenüber sehr kritisch. Ihnen zufolge gibt es in Frankreich nicht nur zu viele Wochenstunden; auch meinen sie, daß die in Deutschland angewandte Pädagogik besser als die französische sei. Sie weisen darauf hin, daß die Lehrer in Frankreich ihren Schülern den Lehrstoff diktieren und ihnen gleichzeitig ein Schulbuch empfehlen, in denen genau dasselbe steht, wenn auch etwas anders gegliedert; daß die Schüler dieses Buch nie zur Hand nehmen, da sie ihrem Lehrer gefallen wollen und sich deshalb ganz an das diktierte Pensum halten. In Deutschland dagegen läsen die Schüler die vom Lehrer angegebenen Passagen im Schulbuch, und während der Unterrichts stunde würde der so erlernte Stoff dann zusammen mit dem Lehrer besprochen und so sichergestellt, daß die Schüler auch wirklich alles verstanden haben.)
"Ce qui semblait quand même les étonner, en dépit de leurs fréquents séjours en Allemagne, c'était le peu d'heures que les élèves passent à l'école, le peu de devoirs qu'on leur demande de faire - "Et pourtant, ils réussissent le bac !" (Was sie jedoch trotz häufiger Deutschlandaufenthalte noch immer zu verwundern schien, ist, daß die Schüler dort nur so wenig Unter richtsstunden haben und nicht mehr Schulaufgaben aufbekommen - "und dennoch schaffen sie das Abitur!")
Wie aus zwei Arbeitstexten hervorgeht, teilen nur wenige fran zösische Eltern diese Begeisterung. Vor allem die Mütter zeigen sich etwas zurückhaltend: Sie mißtrauen den Erziehungsmethoden in Deutschland, wo die Eltern zu viel "durchgehen" lassen und die Kinder nicht "vernünftig" essen - ganz zu schweigen von der "unzureichenden Disziplin" in der Schule. Auch finden sie, daß die jungen Deutschen bei Tisch "wenig gesprächig" sind und immer nur "traurig dasitzen":
"Les discussions avec une parente d'élève faisaient res sortir qu'il existait un mur d'incompréhension entre sa fille et leur hôte allemande. Tandis que sa fille ne s'en préoccupait pas outre mesure disant que sa correspon dante "a toujours été comme ça", la mère se faisait des reproches: "Qu'est-ce que je peux faire ?", "mon alle mand est insuffisant", mais blâmait aussi leur hôte: "Elle ne s'intéresse à rien", "elle paraît toujours triste", "elle ne veut parler qu'à ses amies allemandes", "je ne l'ai jamais vue sourire", "dès qu'on rentre de quelque part, elle téléphone à sa mère ou sa mère lui téléphone"... (Bei einem Gespräch mit der Mutter einer Schülerin wurde deutlich, daß zwischen ihrer Tochter und der deutschen Gastschülerin eine Mauer des Nicht-Verstehens ragte. Während ihre Tochter dies nicht allzu sehr zu kümmern schien, da die Deutsche "schon immer so war", machte ihre Mutter sich Vorwürfe: "Was soll ich tun?", "mein Deutsch reicht nicht aus". Doch gleichzeitig beklagte sie sich: "Sie interessiert sich für nichts", "sie macht immer so einen traurigen Eindruck", "sie spricht nur mit ihren deutschen Freundinnen", "ich habe sie noch nie lächeln sehen", "jedesmal, wenn wir nach Hause kommen, telefoniert sie gerade mit ihrer Mutter oder diese ruft sie an"...) |
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